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Kontemplativer Gottesdienst am Sonntagnachmittag

Es gibt Menschen, die sprechen in Anbetracht eines Alltags im Turbotakt von „Zuvielisation“: Das Smartphone zeigt fünf neue Nachrichten, im Kopf schwirren unerfüllte Pflichten, im Herzen rührt die Sehnsucht nach einem Leben, das nicht als getrieben wahrgenommen wird. Wo ist die Off-Taste? Seit November 2017 gibt es in Frankfurt viermal im Jahr das Angebot "Gottesdienst aus der Stille - das Leben feiern", das sonntagnachmittags ab 17.00 Uhr zu einer Feier einlädt, die von Musik und Stille geprägt ist.

„Die Stühle werden in dem Gottesdienst zu einem Halbkreis gerückt, Yogamatten und Meditationshocker stehen zur Verfügung“, berichtet Pfarrerin Elisabeth Knecht. Bislang seien die Leute zögerlich, wenn es darum gehe, von den gewohnten Sitzgelegenheiten im Kirchenraum abzusehen, doch auf die ungewohnte Atmosphäre, das Abweichen vom Schwerpunkt „Wort“, ließen sie sich gerne ein, erzählt die Frankfurter Krankenhausseelsorgerin.

Pfarrerin Dorothea Hillingshäuser, Referentin für Geistliches Leben im Zentrum Verkündigung der EKHN, die auch zum Viererkreis gehört, der diese Reihe initiiert hat, mag den Begriff „Gottesdienstbesucher“ nicht besonders, die Pfarrerin spricht lieber von „Gottesdienstfeiernden“. So soll es auch an diesen Nachmittagen empfunden werden. Das Bilden einer Gemeinschaft auf Zeit sei die Absicht. Es gebe eine größere Schweigephase von zehn bis fünfzehn Minuten, weitere Momente des Innehaltens kämen hinzu, sagt die Theologin.

Aus der Stille heraus das Leben feiern

Am Anfang stehe eine Einführung, erläutert Pfarrerin Elisabeth Knecht, sozusagen „eine Einladung, sich in das Gespräch mit Gott zu begeben“. Wiederholende Gesänge, einige bekannt aus der Gemeinschaft von Taizé, Instrumentales – mal auf der Bratsche, mal auf der Flöte, oft an der Gitarre, nie an der Orgel – spielen eine wichtige Rolle. Zentrale Gottesdienstelemente wie das Vaterunser und der Segen fehlen nicht. An Stelle der Predigt regt ein Impuls dazu an, sich in der Stille Gott zu öffnen.

Zeichenhaftes hat seinen Platz: Steine können eingangs abgelegt werden, im Sinne von „Ballast abwerfen“, Symbole wie Blumen stehen für Freude oder auch Dankbarkeit. Die in manchen Meditationsrunden beliebte „gestaltete Mitte“ findet hier keine Verwendung. „Mit dem Altar haben wir schon eine Mitte“, sagt Pfarrerin Elisabeth Knecht.

Die beiden anderen Mitwirkenden, Christina Wingert-Weber, Lehrerin für Rhythmus-Atem-Bewegung und Pfarrer Sven-Joachim Haack haben sich gleichfalls in den zurückliegenden Jahren intensiv mit der Bedeutung von spirituellem Erleben im Glauben befasst. Pfarrer Sven-Joachim Haack arbeitet in Friedrichsdorf als Klinikseelsorger, auf der Website www.kontemplationundmystik.de hat er ausführlich dargestellt, welche Kraft in dieser Form des Loslassens und Einlassens liegt.

Pfarrerin Dorothea Hillingshäuser erzählt von der Hamburger Kirche der Stille, „ein evangelisches Projekt, das ich vorbildlich finde“. Die Popularität von Aufenthalten in Klöstern mit dem Ziel, raus aus dem tempogetriebenen Karussell des Alltags zu kommen, zeige doch, dass die Sehnsucht nach Kontemplation und Mystik als Elemente des Glaubens groß ist.

Gottesdienst aus der Stille, MarkuskircheGottesdienst aus der Stille, MarkuskircheGottesdienst aus der Stille, Markuskirche
© Zentrum Verkündigung, Anja Schröder-Hagenbruch