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Peter Brook: Der leere Raum - HOHLE WORTE

Peter Brook - Buchrezension "Der leere Raum"

Vielen Dank an Tanja Konter, die mir diesen Beitrag geschickt hat! Gerne mehr!

 

Der leere Raum – hohle Worte

Peter Brook beschreibt in seinem Buch „Der leere Raum“ vier Typen des Theaters:

  1. Das tödliche Theater
  2. Das heilige Theater
  3. Das derbe Theater
  4. Das unmittelbare Theater. 

In allen vier Richtungen spielt der leere Raum eine wichtige Rolle. „Ich kann jeden leeren Raum nehmen und ihn eine nackte Bühne nennen. Ein Mann geht durch den Raum, während ihm ein anderer zusieht; das ist alles was zur Theaterhandlung notwendig ist.“

Brook beschreibt zunächst das tödlich Theater und deklariert es als schlechtes Theater, Theater, dass die Zuschauer langweilt. Theater, das zwar gute Stücke hat, aber nicht mehr mit Leben gefüllt wird, sondern eben tot ist. Der Text, auch eines guten Stückes, beispielweise Shakespeare, war für eine bestimmte Zeit geschrieben, für ein bestimmtes Publikum. Heute wirken die Worte teilweise leer und die großen Gesten hohl. Die Bedeutung stimmt nicht für unsere Zeit und egal mit welcher Inbrunst die Schauspieler den Text sprechen, wirkt es oft aufgesetzt.

Oft heißt es, laut Brook, man solle spielen was geschrieben steht. Aber was steht denn geschrieben? Was meint der alte Text? Was steht zwischen den Zeilen? Wie soll der Schauspieler es vortragen, mit welchem Ton, welchem Subtext? Wo ist die Relevanz, wo liegt die Emotion verborgen, wo die politische Brisantheit? Welche Stimmlagen, dachte sich der Schriftsteller, welche Gesten, welche Rhythmen?

Nur das Wort, ohne die jeweilige Interpretation ist wie ein leerer Raum, der gefüllt werden muss. Nur das Wort ist hohl und kann tausend verschiedene Bedeutungen haben. Spannenderweise ist es bei biblischen Texten genauso. Sie wurden zu einer bestimmten Zeit, mit bestimmten Intentionen und in bestimmten weltanschaulichen Zusammenhängen geschrieben. Viele der biblischen Texte erscheinen uns heute sperrig, unverständlich oder nicht relevant. Einfach tote Worte. Biblischer Text und auch Theaterstücke haben keinen absoluten Sinn, sie bedürfen der Interpretation, durch Schauspieler, durch Pfarrer, durch den Leser. Wir selbst müssen den Text in uns zum Klingen bringen. Mit eigenen Erfahrungen verbinden, Emotionen nachspüren… Andauernd wird Geschichte neu geschrieben und tägliche Wahrheiten wandeln sich, wie könnten da die Texte immer dieselben bleiben, sie sprechen ja in einen neuen Alltag hinein. Es muss zu einer gegenseitigen Durchdringung kommen, damit der Text wieder lebendig wird, ob auf der Bühne oder auf der Kanzel.

Brook spricht im Zusammenhang mit dem Theater von hohlen Gesten und sinnlosen Phrasen. Im homiletischen Zusammenhang kann ebenfalls von hohlen Worten und heiligem Rauschen gesprochen werden, wenn die alten Worte einfach so wiedergegeben werden, nur damit sie ihren alten Glanz behalten. Wenn keine Kritik geübt wird, da man ja die „Heiligkeit“ des Textes rüber bringen will.

Aber die Bibel ist in dem Sinne kein heiliger Text, dass wir ihn nicht verändern dürfen. Er ist von Menschen geschrieben unter dem Eindruck der Gotteserfahrung. Von Menschen, die damals passende Worte fanden, aber wir heute leben in einer neuen Welt, brauchen neue Worte bzw. müssen die alten erst wieder füllen. Wenn einer „Auferstehung“ sagt, weiß ich noch nicht was er selbst damit meint. Wie fülle ich sperrige Begriffe wie „Sünde“ oder auch „Tod“? Jeder meint damit etwas anderes und nur zu oft reden wir einfach aneinander vorbei oder bemühen uns gar nicht mehr zu sagen, was wir wirklich damit verbinden und meinen. Verwende ich die Begriffe also einfach so, sind sie tote Sprache, hohle Begriffe. Sie sind sozusagen leere Räume, in denen ich erst etwas inszenieren muss. Denn ein leerer Raum ist eine Bühne, sie ist bespielbar.

Und nur wenn wir die Herausforderung annehmen, die Bühne betreten und spielen, wie es uns bewegt, wird der Raum mit Leben gefüllt und das Theater oder die Predigt sind nicht länger nur tote Phrasen, sondern können etwas bewegen.

Kein Wunder, wenn Kirchen oder Theater leer bleiben. Kein Wunder, wenn wir nichts mehr zu sagen haben, als nur den Text. Den kann jeder selbst nachlesen. Aber den Text neu zu spüren, zu merken, es geht mich etwas an, es bewegt, das ist es was Brook mit lebendigem Theater meint, das ist es was auch biblische Texte ausmacht, da sie in unseren Alltag hinein neu verständlich werden.

Dazu muss ich mich vom Text aber immer wieder neu herausfordern lassen, auch wenn ich schon fünfmal Romeo und Julia gespielt habe oder schon viermal über die Bergpredigt gepredigt habe. Heute ist ein neuer Tag und der Text muss auf diese neue Realität bezogen sein. Vielleicht entdecke ich für mich noch etwas Neues, etwas woran ich mich auf einmal reibe, was früher nicht so war. Zu meinen, ich kenne den Text durch und durch, stehe darüber und verstehe ja mein Handwerk, wird dem Text wiederum nicht gerecht und wird meine Interpretation wieder erstarren lassen.

Brook spricht vom tödlichen Theater, nicht vom toten. Damit hält er uns allen einen Weg offen, eine Möglichkeit zur Veränderung:

„Wenn wir tödlich sagen, meinen wir niemals tot: wir meinen etwas betrüblich Aktives, das aber gerade deswegen zur Änderung fähig ist. Der erste Schritt zur Änderung ist die Erkenntnis der unschönen Tatsache, dass der größte Teil des sogenannten Theaters auf der ganzen Welt die Travestie eines Wortes ist, das einmal sinnvoll war. […] Es ist immer eine neue Saison zugange, und wir sind zu beschäftigt die einzig entscheidende Frage zu stelle, die der ganzen Struktur das Maß anlegt: Warum überhaupt Theater? Wozu? Ist es Anachronismus, ein veraltetes Unikum, das am Leben bleibt wie ein altes Monument oder eine bizarre Sitte? Warum klatschen wir Beifall, und wofür? Hat die Bühne einen wahren Platz in unserem Leben? Welche Funktion kann sie haben? Wozu kann sie dienen? Was kann sie erforschen? Was sind ihre spezifischen Eigenschaften?“