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Am Tisch des Herrn

von Karsten Müller (Halle /Saale)

Predigtdatum : 14.07.2013
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 6. Sonntag nach Trinitatis
Textstelle : Lukas 9,10-17
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Wochenspruch:

So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen. Epheser 2,19

Psalm: Psalm 107,1 - 9



Lesungen

Altes Testament: 2.Mose 16, 2 - 3.11 - 18

Epistel: Apostelgeschichte 2, 41 a.42 - 47

Evangelium: Johannes 6, 1 - 15



Liedvorschläge

Eingangslied: EG 155 Herr Jesu Christ, dich zu uns wend

Wochenlied: EG 221 oder

EG 326 Das sollt ihr, Jesu Jünger, nie vergessen

Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut

Predigtlied: EG 420 Brich mit dem Hungrigen dein Brot

Schlusslied: EG 421 Verleih uns Frieden gnädiglich



Kurze Hinführung:

Drei Geschichten können im Gottesdienst erzählt werden: Die Speisung des Volkes in der Wüste mit Manna und Wachteln (2. Mose 16, 2-3.11-18), die Mahlfeier in der Urgemeinde (Apostelgeschichte 2, 41a.42-47) und (zweifach) die Geschichte von der Speisung der 5.000 (Johannes 6,1-15 und Lukas 9, 10-17).



Ich rate dazu, die Geschichten gut gelesen zu erzählen. Wer dazu begabt ist, kann eine Geschichte auch wirklich frei erzählen. Das spricht nicht nur Kinder an.



Es geht, im weitesten Sinn, in diesen Geschichten um die Gemeinde Gottes und ihre Versorgung. Es geht um die Ängste der Menschen, es könne nicht reichen. Es geht um das Verhältnis göttlicher und menschlicher Ökonomie.



Die Predigt nimmt die Speisungsgeschichte aus unserer Gemeindeperspektive in den Blick. Inwieweit entdecken wir uns in den Jüngern wieder. Hätten wir auch so gehandelt oder doch ganz anders?



Welche Rolle spielt Jesus in diesem Geschehen? Können wir etwas von ihm und seiner Handlungsweise lernen?



Wenn es sich anbietet, ist es gut, den Gottesdienst mit einer Mahlzeit (Mittagessen oder Kaffeetrinken) zu verbinden, um das, was man in den Geschichten gehört hat, auch in manchem Detail danach zu erleben.





Liebe Gemeinde,



sechsmal wird die Geschichte von der Speisung der 5000 oder der 4000 in den Evangelien erzählt. Zwei dieser Erzählungen haben wir heute gehört. Es geht hier nicht um eine Nebensache, sondern um ein zentrales Thema.



Lukas schildert das ganz normale Leben von Jesus und seinen Jüngern. Es ist ein Leben, das wir als Gemeinde bis heute kennen: Es gibt viele Aktivitäten. Manche Projekte gelingen. Von denen erzählen wir gern. Aber es braucht auch Zeiten der Ruhe. Jesus zieht sich mit den Jüngern zurück.



Aber die Leute nehmen keine Rücksicht auf die Sehnsucht von Jesus und seinen Jüngern nach Ruhe. Sie gehen ihnen nach. Jesus lässt sie zu sich.



Gastfreundschaft bewährt sich nicht in einem geplanten Besuch, etwa am zweiten Weihnachtsfeiertag. Die Menge, die wir erwarten, weil wir mit ihr rechnen, ist noch nicht eine wirkliche Herausforderung.



Die Herausforderung entsteht in dem, womit wir nicht rechnen. Was uns nicht in den Kram passt, fordert heraus. Ich wollte mich doch ausruhen, erholen, zu mir kommen – und dann stehen 5000 vor der Tür, oder vielleicht auch nur fünf.



Jesus lässt sie zu sich. Das ist die Größe, an der wir uns orientieren sollen. Dieser Standard soll unsere Norm sein. Wozu ist die Kirche da? Warum gibt es eine Gemeinde? Damit Menschen zu uns kommen können. Immer. Auch und vor allem dann, wenn wir nicht mit ihnen rechnen.



So entsteht die Ruhe, in der sich die Botschaft entfalten kann. So entsteht die Ruhe, die Jesus und die Jünger brauchen. Es ist nicht die Ruhe eines Mittagsschlafes. Es ist eine kreative Ruhe. Jesus spricht vom Reich Gottes. Er heilt. Das alles vollzieht sich, so wie es Lukas erzählt, in einer großen Konzentration.

Was würde Lukas wohl von uns erzählen? „...und sie ließen sie zu sich und sprachen zu ihnen vom Reich Gottes....“? Oder eher: Sie waren als Gemeinde immer mehr eine geschlossene Gesellschaft und sie redeten von Überlastung, neuen Strukturen. Die Erfahrung der zurückgehenden Zahlen lähmte sie. Die sinkenden Kirchensteuern – was ist das für so viele?



Der Tag neigt sich. Zeit zum Essen. Auch wenn vom Reich Gottes die Rede ist und Menschen geheilt werden an Leib und Seele, abends knurrt der Magen.



Die Jünger treten als gute Organisatoren auf: Sie haben die Lage analysiert. Die Leute sind gezählt. Die Rahmenbedingungen sind berücksichtigt. Ein Vorschlag zur Lösung des Problems liegt auf dem Tisch. So macht man das. Jetzt muss er nur noch umgesetzt werden.



Ein Nebeneffekt des Jüngervorschlages ist, dass sie die Verantwortung für die Menschen auch gleich mit loswerden. „Wir haben nichts, also sind die anderen dran.“ Ist das die Nächstenliebe, in der sich, wenn man mancher Sonntagsrede glaubt, die Gottesliebe spiegeln soll?



Natürlich: Man soll seine Kräfte auch nicht überschätzen. Aber ist es Realismus, wenn man nur mit den eigenen Kräften rechnet? Womit rechnen wir? Jesus sagt einen kurzen Satz auf die wortreichen Vorschläge seiner Freunde: „Gebt ihr ihnen zu essen.“



Duckt euch nicht weg. Ihr seid dran. Gebt ihr ihnen zu essen.

Dieser Satz steht etwa in der Mitte unserer Geschichte. Die Jünger sollen Geber sein. Keine Redner, Theologen, Analysten, Sachverständige in Dingen des Heiligen. Nein: Geber der guten Gaben sollen wir sein.



Wenigstens sagen die Jünger nicht: „Das geht nicht. Wir haben nicht genug.“ Ein Baumarkt warb lange mit dem Slogan: Geht nicht, gibt’s nicht. Kann das über der Tür des Gemeindehauses stehen?



Immerhin denken die Jünger nach und mit: Wir haben nicht genug, aber wir könnten Brot kaufen.



Jesus redet vom Reich aber er ist nicht reich. Zweihundert Silbergroschen braucht man, haben wir im Evangelium gehört. Heute könnte man vielleicht mit 2000 bis 3000 Euro rechnen. Wo soll man die hernehmen?



Jesus sagt einen kurzen Satz auf die wortreichen Vorschläge seiner Freunde: „Lasst sie sich setzen in Gruppen zu je fünfzig.“ Bei den kurzen Sätzen wissen die Jünger, dass die Diskussion zu Ende ist. „Liebe deinen Nächsten“, ist auch so ein kurzer Satz.



Hundert Tischgemeinschaften entstehen. Ein halbes Brot für jede Runde zu 50 Mann. Jeder Fisch muss fünfmal geteilt werden. Das kann nichts werden. Ein Irrsinn.



Jesus teilt nicht. Wozu auch. Es reicht ja doch nicht.

Jesus nimmt. Fünf Brote und zwei Fische nimmt er in seine Hände oder Arme. Was hat er vor?



Wer geben will, der muss auch nehmen können. Bei manchem Projekt heißt es: Dafür müssen wir Geld in die Hand nehmen. Wenn Jesus die Brote und Fische in die Hand nimmt, dann geht er ganz praktisch vor. Allerdings steht hinter seinem Nehmen nicht die Ökonomie der Welt sondern die des Himmels.



Jesus rechnet nicht, wie seine Jünger, vor, dass alles viel zu wenig ist. Er betet auch nicht: Vater gib mir mehr tägliches Brot, damit ich die Menschen satt kriege.



Jesus blickt zum Himmel und dankt. Danke Gott, für deine Gaben. Dank ist keine bürgerliche Sitte. Sag Danke! – das ist zu wenig. Dank ist eine Lebenshaltung. Für Menschen, die mit Gott leben ist er die Lebenshaltung.



Hier in der Wüste geht es nicht darum, dass das Leben Gottes Geschenk ist, für das wir dankbar sind oder sein sollen. Es geht auch nicht um andere große Dinge, den Frieden etwa. Es geht um fünf Brote und zwei Fische. Es geht um Gottes konkrete Gabe in einer konkreten Situation.



Jesus dankt und teilt. Er bricht das Brot. Er gibt das Brot an die Jünger weiter. Was er genommen hat, wird nun weitergegeben. Nehmen – Danken – Teilen – Geben; das ist der Arbeitsplan christlicher Ökonomie. Das Geben ist nicht eine ethische Herausforderung. Geben ist die Folge des Nehmens, Dankens und Teilens.



Wir sind nun gespannt, wie es weitergeht. Lukas sagt einen kurzen Satz zum Ereignis des Wunders: „Und sie aßen und wurden alle satt.“ Es liegt eine solche Ruhe und Konzentration über der Szene, dass sich das Wunder ganz unspektakulär vollzieht. Vielleicht hatten die Menschen in den Gruppen auch etwas mit. Nach dem Vorbild von Jesus nahmen sie es, danken, brachen es und verteilten es. Das ist ja immer wieder eine im Wortsinn wunderbare Erfahrung, dass es für alle reicht, wenn man teilt.



Nehmen und danken, Teilen und Geben hat noch eine andere wunder-bare Wirkung: Aus dem Mangel entsteht Überfluss. Zwölf Körbe mit Brocken werden aufgesammelt. Nichts kommt um. Keiner kommt um. Nicht bei Jesus.



Aus der geplanten Ruhepause für Jesus und die Jünger ist ein schöner Abend geworden. Die Menschen sitzen in Gruppen zusammen und reden. Hier und da öffnet sich vielleicht auch eine Flasche Wein. Später gehen alle nach Hause.



Was wird bei uns aus solchen Situationen? Was machen wir, wenn die Kräfte oder die Mittel nicht reichen?



Fast vergessen haben wir, dass die Jünger am Beginn Jesus von ihren großen Taten erzählen, die sie getan hatten. Wie er selbst hatten sie gepredigt und Kranke geheilt.



So ist es ja auch in mancher Gemeinde. Ein Projekt ist gelungen. Wir sind stolz darauf. Für andere Herausforderungen fehlt die Kraft. Vollmacht und Ohnmacht können dicht beieinander liegen.



Jesus hat die Leute (nicht nur die Kinder!) zu sich kommen lassen. Einfach so. Er hat seine Möglichkeiten genutzt, er hat das sich Bietende angenommen und dafür gedankt. Er hat geteilt und weiter gegeben. Einfach so.



Vielleicht ist das so einfach. So ist das. Man kann dazu auch sagen:

Amen.



Verfasser: Provinzialpfarrer Karsten Müller

Zinzendorfplatz 3, 99192 Neudietendorf


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