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Am Tisch des Herrn

von Volker Jung (36341 Lauterbach)

Predigtdatum : 26.07.1998
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 6. Sonntag nach Trinitatis
Textstelle : Apostelgeschichte 2,41a.42-47
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Wochenspruch:

So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.
(Eph. 2, 19)

Psalm: 107,1-9

Lesungen:

Altes Testament:
2. Mose 16,2-3.11-18
Epistel:
Apostelgeschichte 2,41a.42-47
Evangelium:
Johannes 6,1-15

Liedvorschläge:

Eingangslied:
EG 455
Morgenlicht leuchtet, rein wie am Anfang
Wochenlied:
EG 221
oder EG 326
Das sollt ihr, Jesu Jünger, nie vergessen
Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut
Predigtlied:
EG 243
Lob Gott getrost mit Singen
Schlußlied:
EG 347
Ach bleib mit deiner Gnade

Liebe Gemeinde,
es gibt Menschen, die hohe Erwartungen an christliche Gemeinden haben. Hören wir drei Beispiele:
Eine Frau, Mitte vierzig, sagt: „Die christliche Gemeinde soll sich unterscheiden von dem, was wir sonst erleben. Da darf es keinen Streit geben. Christen sollen sich bemühen, einander zu verstehen. Und wenn es Unstimmigkeiten gibt, müssen diese geklärt werden. Aber dauerhafter Streit darf in einer christlichen Gemeinde nicht sein.“
Ein Jugendlicher, 17 Jahre: „Von Menschen, die sich Christen nennen, erwarte ich soziales Engagement. Die Gemeinde muß irgend etwas dagegen unternehmen, daß Jugendliche keine Arbeit finden. Was genau, weiß ich auch nicht. Aber Christen dürfen nicht einfach zusehen. Eine christliche Gemeinde darf auch nicht elitär sein - in ihr müssen Arme und Reiche Platz haben.“
Ein Familienvater, Anfang 30, sagt: „Wir sind vor kurzem in diese Stadt / in dieses Dorf umgezogen und haben niemanden gekannt. Wir sind in den Gottesdienst gegangen, um Kontakt zur Gemeinde zu finden. Von einer christlichen Gemeinde erwarten wir Offenheit und menschliche Nähe. Da sollte man spüren, daß der gemeinsame Glaube Menschen verbindet.“
Diese drei Menschen haben hohe Erwartungen an eine christliche Gemeinde. Aber alles ist so gesagt, als hätte es da auch schon Enttäuschungen gegeben. Es klingt so, als hätten die drei gemerkt: was wir suchen, haben wir nicht gefunden. Die christlichen Gemeinden erfüllen nicht die hohen Erwartungen, die an sie gestellt werden.
Wer hinter die Kulissen blickt, entdeckt, daß christliche Gemeinden keineswegs ohne Streit leben. Manchmal sagt man so schön: „Es menschelt halt überall.“
Leider ist es auch manchmal so, daß in politischen und sozialen Fragen ein hoher moralischer Anspruch aufgerichtet wird, der schon durch das eigene Verhalten „im Kleinen“ nicht eingelöst werden kann.
Und schließlich werden viele Gemeinden zugeben müssen, daß sie zwar durchaus schöne Gottesdienste feiern, es aber fraglich ist, ob sie als Gemeinschaft anziehend sind. Ob der „Fremde“ wahrgenommen wird, der Gemeinschaft und menschliche Begegnung sucht?
Welche Ansprüche haben Sie an eine christliche Gemeinde? Finden Sie sich in den Äußerungen der drei Personen wieder? Sind ihre Ansprüche anders? Wir wollen heute miteinander über Ansprüche an christliche Gemeinden und über die Wirklichkeit christlicher Gemeinden nachdenken. Wir hören dazu einen Abschnitt aus der Apostelgeschichte des Lukas:
41 Die nun sein Wort annahmen, ließen sich taufen. 42 Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet. 43 Es kam aber Furcht über alle Seelen, und es geschahen auch viele Wunder und Zeichen durch die Apostel. 44 Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. 45 Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte. 46 Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen 47 und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk. Der Herr aber fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden.
Lukas stellt den Lesern und Hörern seiner Apostelgeschichte mit diesen Worten ein „Idealbild“ einer christlichen Gemeinde vor Augen:
* eine Gemeinde, die in Glaubensfragen einig ist, die festhält an der „Lehre der Apostel;
* eine Gemeinde, die nicht nur miteinander Gottesdienste feiert, sondern auch Hab und Gut miteinander teilt, in der es folglich keine Unterschiede mehr zwischen arm und reich gibt;
* und schließlich eine Gemeinde, die „beim ganzen Volk Wohlwollen findet“ und so nach außen wirkt und deshalb wächst.
Manch einer wird bei diesem „Ideal“ zurückschrecken. In einem Bibelgesprächskreis, der über diesen Text redete, sagte jemand: „Ich wüßte gern mehr über die Situation: wie’s dazu kam; was das für Menschen waren; und was für eine Zeit.“ Jemand anderes sagte: „Das ist, als würde der Alltag ausgeblendet oder wegfallen. Denn da scheint gar kein Platz mehr für zwischenmenschliche Konflikte gewesen zu sein. Das klingt wie nach einer Sekte.“
Welche Gemeinde beschreibt Lukas?
Nach der Apostelgeschichte ist es die erste Gemeinde, die Urgemeinde in Jerusalem, von der Lukas hier redet. Ja, es wird so etwas wie ein idealer Urzustand beschrieben. Es mag sein, daß in Jerusalem nach Pfingsten einige versucht haben, so miteinander ihren Glauben an den auferstandenen Christus zu leben. Der Wirklichkeit der ersten Gemeinden wird dieses Ideal aber damals so wenig entsprochen haben wie heute.
In der weiteren Darstellung der Apostelgeschichte werden Konflikte und Enttäuschungen ebenso geschildert wie Rückschläge und Bedrohung der Gemeinden. Vor allem in den Briefen des Apostels Paulus wird deutlich, daß das Gemeindeleben der ersten Gemeinden keineswegs einem Idealbild entsprach. Da wurde um Fragen der Lehre und des richtigen Verhaltens gestritten. In Korinth gab es massiven Steit zwischen den armen und den reichen Gemeindegliedern. Und vermutlich spielten bei manchen Konflikten persönliche Eitelkeit und persönliche Interessen eine nicht unerhebliche Rolle.
Lukas wird die christlichen Gemeinden nicht anders erlebt haben als Paulus auch. Da waren Menschen, die von Gottes Geist angerührt waren. Da waren Menschen, die versuchten, ihren Glauben an Jesus Christus zu leben. Es waren Menschen mit Gaben und Begabungen und mit Schwächen und Fehlern!
Warum beschreibt er dann aber eine ideale Urgemeinde, eine Gemeinde, die es so vielleicht nie gegeben hat?
Diese Beschreibung ist eine Glaubensbekenntnis. Es ist das Bekenntnis, daß Gott an Pfingsten in Jerusalem begonnen hat, unter uns Gemeinde zu bauen. Das ideale Urbild ist die Beschreibung der Gemeinde, der wir entgegengehen. Es ist die Gemeinde, die erst bei Gott vollendet wird. Es ist, wenn Sie so wollen, die „Gemeinschaft der Heiligen“, zu der auch wir uns in unseren Gottesdiensten Sonntag für Sonntag bekennen. Es ist die „Gemeinschaft der Heiligen“, zu der uns Christus berufen hat, die wir aber hier und jetzt nur sehr unvollkommen sind.
Es ist wichtig, daß wir diese Unterscheidung erkennen. Die „Gemeinschaft der Heiligen“ ist etwas, was wir glauben. Sie ist nichts, was wir Tag für Tag erfahren. Vielleicht erleben wir manchmal etwas davon, aber das ist dann Geschenk und nicht das Ergebnis gemeinschaftlicher Anstrengung.
Dietrich Bonhoeffer hat dies sehr schön beschrieben. Er schreibt: „Es gibt wohl keinen Christen, dem Gott nicht einmal in seinem Leben die beseligende Erfahrung echter christlicher Gemeinschaft schenkt. Aber solche Erfahrung bleibt in dieser Welt nichts als gnädige Zugabe über das tägliche Brot hinaus. Wir haben keinen Anspruch auf solche Erfahrungen, und wir leben nicht mit andern Christen zusammen um solcher Erfahrungen willen. Daß Gott an uns allen gehandelt hat und an uns allen handeln will, das ergreifen wir im Glauben als größtes Geschenk, das macht uns froh und selig, das macht uns auch bereit, auf alle Erfahrungen zu verzichten, wenn Gott sie uns zu Zeiten nicht gewähren will. Im Glauben sind wir verbunden, nicht in der Erfahrung.“
Im Glauben sind wir verbunden, nicht in der Erfahrung!
Liebe Gemeinde! Das ist eine Einsicht, die uns freimachen kann. Sie kann uns freimachen von überzogenen Erwartungen, die zwangsläufig enttäuscht werden. Sie kann uns auch davon freimachen, über andere Christen zu richten, weil wir an ihnen sehen, wie sie christlichen Ansprüchen nicht genügen. Und diese Einsicht kann uns davor schützen, Gemeinde und Gemeinschaft nach unseren Wunschvorstellungen und Träumen machen und erzwingen zu wollen.
Lukas bekennt sich auf seine Weise - sehr bildlich und konkret - zur „Gemeinschaft der Heiligen“. Bekennen wir uns auch zu dieser „Gemeinschaft der Heiligen“? Dann lassen Sie uns vertrauen darauf, daß Gott unter uns wirkt, und lassen Sie uns beständig bemüht bleiben - um die Lehre der Apostel, um die Gemeinschaft, das Brotbrechen und das Gebet. Amen.

Verfasser: Pfarrer Volker Jung, An der Kirche 4, 36341 Lauterbach

Herausgegeben vom

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