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Anvertraute Gaben

von Felipe Blanco Wißmann (64354 Reinheim)

Predigtdatum : 25.08.2019
Lesereihe : I
Predigttag im Kirchenjahr : 10. Sonntag nach Trinitatis - Israelsonntag: Kirche und Israel
Textstelle : Markus 12,28-34
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Wochenspruch: Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat! (Psalm 33,12)

Psalm: 122

Predigtreihen

Reihe I: Markus 12,28-34
Reihe II: Römer 11,25-32
Reihe III: 2. Mose 19,1-6
Reihe IV: Matthäus 5,17-20
Reihe V: 5. Mose 4,5-20
Reihe VI: Sacharja 8,20-23

Liedvorschläge

Eingangslied: EG 346, 1-2 + 4–5 Such, wer da will
Wochenlied: EG 290 Nun danket Gott, erhebt und preiset
Predigtlied: EG 494, 1–2 + 4–5 In Gottes Namen fang ich an
Schlusslied: EG 425 Gib uns Frieden jeden Tag

Predigttext Markus 12, 28 - 34

Die Frage nach dem höchsten Gebot

28 Und es trat zu ihm einer der Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Als er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen?
29 Jesus antwortete: Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein,

30 und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft« (5. Mose 6, 4 - 5).
31 Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3. Mose 19, 18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese.
32 Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Ja, Meister, du hast recht geredet! Er ist einer, und ist kein anderer außer ihm;
33 und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und mit aller Kraft, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer.
34 Da Jesus sah, dass er verständig antwortete, sprach er zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen.

Hinführung

Der Predigttext steht in einem größeren Kontext der Auseinandersetzungen Jesu mit Gegner im Tempel (genauer wohl: im Tempelvorhof). Innerhalb eines Spannungsbogens von Mk 11, 27 bis 13, 1 nimmt die Predigtperikope eine Sonderstellung ein: Statt kollektiver Gegnerschaft findet sich hier eine individuelle Begegnung, in der Jesus und sein Gesprächspartner sich gegenseitig ihre Zustimmung ausdrücken (12, 32.34).

Wichtig für die Predigt ist die exegetische Entscheidung, dass mit Mk 12, 34 nicht etwa ein bleibender Abstand zwischen Jesus und dem Schriftgelehrten betont werden soll, sondern schlichtweg Übereinstimmung zwischen den beiden Gesprächspartnern festgestellt wird (vgl. dazu die Kommentarliteratur z. St.). Dass Jesus das „Schma Jisrael“ (Dtn 6, 4 f) zitiert, wirkt zwischen den beiden jüdischen Männern besonders einheitsstiftend, denn beide stehen in einer Tradition, nach der diese Bibelworte sowohl Synagogengebet als auch individuelles Morgen- und Abendgebet sind. 

Die Beschreibung des Schma Jisrael als Gebet ist zwar nicht ganz unproblematisch, da der Text ja keine Anrede Gottes in der 2. Person enthält; dennoch ist ihr vor anderen Kennzeichnungen (z. B. „jüdisches Credo“) m. E. der Vorzug zu geben: Sie trifft das Phänomen am besten, wenn man die zugehörige traditionelle jüdische Gebetspraxis beachtet.

Sind aber auch unsere offenen Fragen beantwortet, wenn zwei Menschen sich so einig sind? Dieser Frage geht die Predigt nach. Die Predigt soll den Hörerinnen und Hörern helfen, im Doppelgebot der Liebe zuerst Gottes liebenden Zuspruch an sie zu erkennen. Dieser Zuspruch beinhaltet die Verheißung, dass sie eines Tages tatsächlich Gott und den/die Nächsten ganz und vorbehaltlos lieben können. Bis dahin gilt es aber mit dem Ausstehen dieser Verheißung umzugehen.

Liebe Gemeinde,

nachmittags beim Kaffeetrinken, irgendwo in Deutschland. In einer Familie ist Streit ausgebrochen. Die Worte fliegen hin und her. Der Geräuschpegel steigt höher und höher. Irgendwann verlässt der Ehemann den Tisch. Er ist wütend. Eine Tür knallt. Dabei weiß er kaum noch, warum der Streit ausgebrochen ist. Irgendeine Kleinigkeit. War es, weil er die falsche Schlagsahne für den Obstkuchen gekauft hat? Sie meinte, sie hätte es ihm doch genau gesagt, welche Sorte er kaufen soll. Aber er wollte Recht behalten, um jeden Preis. Nach einer Weile geht er zurück zu seiner Frau. Er fasst vorsichtig ihren Arm. „Ja, du hast ja Recht“, sagt er. Diese Geste - sie ist der entscheidende Schritt, damit der Streit aufhört. „Ja, du hast Recht“. Ein schöner Satz. Es gibt Situationen, da ist es so wichtig, dass er ausgesprochen wird. Dann ist es wohltuend, wenn er fällt. Man fühlt sich angenommen, ins Recht gesetzt. Einigkeit ist endlich wieder möglich.

Aber manchmal ist es auch ganz anders. Wenn zum Beispiel in einer politischen Talkshow eine Vertreterin oder ein Vertreter der Kirche etwas sagt, zum Beispiel zum Thema Ge-rechtigkeit. Und sofort sagen alle anwesenden Vertreter der politischen Parteien: „Ja, Frau Bischöfin“, oder „Ja, Herr Kir-chenpräsident - da haben Sie recht. Endlich sagt’s mal einer. Ich stimme ganz mit Ihnen überein.“ „Totgelobt“, nennt man so etwas dann. Oder wenn bei einem Seminar über Ethik in den Weltreligionen alle auf dem Podium ganz schnell derselben Meinung sind. Dann werden vielleicht einige im Publikum denken: Versucht man hier etwa, sich vor den wirklich brennenden Fragen zu drücken? „Ja, du hast Recht.“ Es gibt Situationen, da fällt dieser Satz zu schnell. Da eröffnet er nicht Verständigung und Einigkeit, sondern da versperrt er weitere Fragen.

Auch im eben gehörten Text geht es um ein Gespräch zwischen verschiedenen Parteien. Jesus geht im Tempel umher, und er unterhält sich mit verschiedenen Autoritäten, die zu unterschiedlichen religiösen Schulen gehören. Es geht also um ein religiöses Gespräch. Aber eben nicht: Um ein interreligiöses Gespräch. Denn, bei allen Meinungsverschiedenheiten: Diejenigen, die hier miteinander reden und streiten, sind alle Juden. Und all ihre Argumente sind aus dem entnommen, was wir heute „Altes Testament“ nennen.

Und dabei gibt es zuerst Streit. Verschiedene Fragen werden Jesus gestellt. Spitzfindige Fragen, gestellt in bösartiger Absicht, um Jesus in Misskredit oder sogar in Gefahr zu bringen. Aber dann kommt es mit einem Mal anders. Ein jüdischer Schriftgelehrter ist begeistert von Jesu Antworten. Ihm hat besonders gefallen, wie Jesus begründet hat, dass es eine Auferstehung der Toten gibt: Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden. Gott ist treu, sogar über den Tod hin-aus. Er stellt nun eine ernstgemeinte, eine aufrichtige Frage. „Welches ist das höchste Gebot“? Anders gesagt: Was ist das Prinzip, was ist der Sinn hinter all den einzelnen Geboten? Und es kommt zwischen ihm und Jesus schnell zu Einigkeit. Du sollst Gott lieben. Und: Du sollst den Menschen lieben, deine Nächste und deinen Nächsten. Das ist es. Das zusammen ist das „höchstes Gebot“. Das ist das, was den Glauben im Kern ausmacht.

Und plötzlich ist das Gespräch im Tempel zu Ende: „Und nie-mand wagte mehr, ihn zu fragen“. Aber sind auch alle Fragen beantwortet? Oder gilt eher das bekannte Wort: „Und so sehen wir betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen“?

Was denken nun die Menschen, die um Jesus herumstehen? Stellen wir uns vor, einige moderne Menschen wären dabei gewesen.

Ich denke an einen Mann, der Menschen im Krankenhaus besucht. Im Auftrag der Kirchengemeinde. Oft ist er dort, es ist ihm wichtig, für die Menschen da zu sein. Es ist ihm wichtig, auch mit ihnen über den Glauben zu reden. Aber als er einmal einen bestimmten Namen auf seiner Liste sieht, da denkt er sich: „Den werde ich bestimmt nicht besuchen. Den Kerl kenne ich nur zu gut. Seit Jahren hat der kein gutes Wort für mich übrig. An der Tür im Krankenhaus werde ich mal schön vorübergehen.“ Und er geht in sich und überlegt weiter: „Aber ...  was ist denn dann mit meiner Nächstenliebe? Es gibt doch einfach Menschen, für die kann ich keine Liebe empfinden. Und wenn Gott selbst es mir gebietet.“

Ich denke an eine Frau, die in einer Kirchengemeinde das Thema „Menschenrechte“ stärker ins Bewusstsein heben will. Sie setzt sich für das Thema Kirchenasyl ein. Eine wichtige Aufgabe. Mit viel Herzblut geht sie heran. Von vielen Ge-meindegliedern fühlt sie sich allerdings in ihrem Einsatz nicht recht ernstgenommen. Sie denkt sich: „Gut, andere gehen öfter in den Gottesdienst als ich. Ich fühle mich dort einfach nicht wohl. Liebe ich Gott dann nicht von ganzem Herzen? Ist mein Einsatz denn weniger wert?“

Oder ich denke an einen Mann, der in einer Krise steckt. Er schämt sich dafür, dass er in den letzten Jahren so viel gear-beitet hat, dass er kaum noch Zeit für seine Familie hatte. Und jetzt war er auch nicht da für seinen Vater, als der ihn gebraucht hätte. Als sein Vater todkrank im Krankenhaus lag. „Du sollst deinen Nächsten lieben - wie dich selbst!?“ Er fragt sich: „Wie soll das gehen, wenn ich mir selbst gar nicht mehr liebenswert vorkomme? Wenn ich selbst kaum noch in den Spiegel schauen kann?“

Liebe Gemeinde,

wie können sich Jesus und der Schriftgelehrte also so schnell darüber einig sein, was das „höchste Gebot“ ist? Was hat es auf sich mit dieser Einigkeit zwischen den beiden, was ist das Besondere an ihr? Diese Antwort, die die beiden finden, ist die auch so tragfähig, dass sie angesichts weiterer brennender Fragen Bestand hat?

Jesus antwortet auf diese Frage nach dem höchsten Gebot, nach dem, was den Glauben im Kern ausmacht, auf eine be-sondere Art und Weise. Auf eine Weise, die seinem Ge-sprächspartner selbstverständlich und einleuchtend erscheint. Hier ist etwas, was wir heute auch lernen können vom Gespräch der beiden Juden: Jesus antwortet nämlich nicht einfach mit einem Gebot. Er antwortet mit einem Gebet. „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften“.

Ein wichtiges Gebet der Jüdinnen und Juden ist das. Nicht nur im Synagogengottesdienst wird es gesprochen, sondern auch von jedem und jeder einzelnen im Alltag, jeden Abend vor dem Zu-Bettgehen und an jedem Morgen nach dem Aufstehen. Ein Gebet, dass sowohl Jesus als auch sein Gesprächspartner schon oft im Gottesdienst und im Alltag für sich persönlich gesprochen haben werden. Morgens und abends, voller Konzentration: „Der Herr, unser Gott“. Der Gott, der sich uns zuwendet. Ein Gebet, das dem Schriftgelehrten schon oft geholfen hat, wieder Mut zu fassen.

Das höchste Gebot ist ein Gebet. Und deshalb ist es eben nicht einfach eine moralische Anweisung. Ein „Du sollst“, das uns aufgedrückt wird. Sondern ein Gebet an den Gott, von dem Juden und Christen sagen: Er ist unser Gott. Der Gott, zu dem wir sprechen, ist der Gott, von dem wir immer schon angesprochen sind. Gott, der uns zuerst liebt, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit allen seinen Kräften. Gott, der uns treu ist, über all unsere Kräfte, sogar über unser Leben hinaus. Der Gott, von dem Jesus zur Freude des Schriftgelehrten zuvor gesagt hatte: Er ist ein Gott der Lebenden und nicht der Toten.

Diese Zuwendung Gottes zu den Menschen, das ist letztlich der Kern unseres Glaubens. Und diese Zuwendung gilt eben nicht nur mir, sondern allen Menschen. Sie alle sind wie ich Geschöpfe Gottes und seine geliebten Kinder. Wenn mir das zugesagt wird, dann kann ich auch wieder anfangen, mei-nem Spiegelbild in die Augen zu schauen, selbst wenn ich mich für meine Taten schäme. Wenn mir das zugesagt wird, dann kann ich auch im Engagement für die Menschenrechte, im Einsatz für die Nächsten einen Gottesdienst erkennen. Wo es um meinen Nächsten geht, da geht es auch um Gott.

Liebe Gemeinde,

Jesus und der Schriftgelehrte haben eine Antwort auf die Frage nach dem höchsten Gebot gefunden. Und diese Antwort enthält einen großen Schatz. Die Zusage Gottes, die uns verändern kann. Und dennoch hören unsere Fragen nicht ganz auf. Es bleibt ja dabei: Manchmal erscheinen uns andere als wenig liebenswert. Manchmal möchten wir an der Tür des Nächsten vorbeigehen. Manchmal können wir uns selbst kaum in die Augen schauen. Und die unbegrenzte Liebe zu Gott, von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt, mit allen unseren Kräften, die finden wir doch in uns auch höchstens in wenigen Momenten. Aber wir haben die Verheißung, dass wir irgendwann so voll und ganz lieben können. Bis dahin haben wir unsere Gebete. „Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen beständigen Geist.“ Es steht noch etwas aus für uns. Wir werden erst noch erfahren, was es heißt, ganz und gar lieben zu können. Ganz und gar, wie Gott uns liebt. Bis dahin gilt auch für uns, was Jesus seinem Gesprächspartner zusagt: „Du bist nicht fern vom Reiche Gottes“. Und das ist schon sehr viel.

Amen

Verfasser: Pfarrer Dr. Felipe Blanco Wißmann, Kirchstraße 65, 64354 Reinheim


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