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Anvertraute Gaben

von Charlotte Sander

Predigtdatum : 05.08.2012
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 8. Sonntag nach Trinitatis
Textstelle : Jeremia 1,4-10
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Wochenspruch:

"Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern."(Lukas 12, 48)

Psalm: Psalm 40, 9 - 12

Lesungen

Altes Testament: Jeremia 1, 4 - 10

Epistel: Philipper 3, 7 - 14

Evangelium: Matthäus 25, 14 - 30

Liedvorschläge

Eingangslied: EG 295 Wohl denen, die da wandeln

Wochenlied: EG 497, 1.2. 9.14 Ich weiß, mein Gott, dass all mein Tun

Predigtlied: EG 358 Es kennt der Herr die Seinen

Schlusslied: EG 443, 6.7 Gott will ich lassen raten

Hinführung:

Der Predigttext beschreibt eine „klassische“ Prophetenberufung:

V4-5 Unmittelbar ergeht das Wort Gottes an Jeremia. Im Gegensatz zu anderen Prophetenberufungen ist keine Vision damit verbunden. Jeremia ist schon vor seiner Erschaffung als Prophet ausersehen, das ist einzigartig in der hebräischen Bibel.

V6-8 Einwand und Zurückweisung des Einwands, Ermutigung. In vielen Berufungsgeschichten versucht der Berufene sich der Berufung zu entziehen: Mose (Exodus 3,11; 4,1; 4,10; 4,13); Gideon (Richter 6,15), Saul (1. Samuel 9,21), Samuel (1.Samuel 16,2) und natürlich ganz deutlich Jona. Gott weist die Abwehr zurück und sichert dem Berufenen seinen Beistand zu.

V9-10 Zeichenhandlung und Beauftragung. Gott legt Jeremia seine Worte in den Mund. Von nun an redet Jeremia in Gottes Auftrag.

Liebe Gemeinde,

manchen fällt es leicht, vorne hinzu stehen und zu reden. Das fängt schon im Kindergartenalter an. Die einen geben kecklich Auskunft, andere Kinder schauen verlegen zu Boden und kneten die Hände. So setzt sich das fort, Klassensprecher in der Schule, Wortführer in der Jugendgruppe. Dabei haben die, die immer das Wort haben gar nicht immer etwas zu sagen. So manche Worthülse ist da schon geäußert worden, so manche Belanglosigkeit als große Neuigkeit aufgeblasen worden. Auch im Betrieb oder in der Politik ist das nicht unbedingt anders. Hat der, der immer etwas zu reden weiß wirklich etwas zu sagen? Der Predigttext des heutigen Sonntag beschreibt die Situation in der einer etwas zu sagen hat, aber nicht reden will. Jeremia, der Prophet will nicht reden. Er will nicht vorne dran stehen und reden müssen, aber er hat etwas zu sagen. Hören Sie den Anfang des Jere-miabuches Jeremia 1,4 - 10 nach der Übersetzung Martin Luthers:

Jeremia 1, 4 - 10

4 Und des HERRN Wort geschah zu mir:

5 Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.

6 Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.

7 Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete.

8 Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR.

9 Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.

10 Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, daß du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.

Ein Prophet wird hier berufen, ein „Sprachrohr“ Gottes. Was ist das eigentlich eine Berufung? Meine Berufung? Wozu fühlen wir uns berufen? Viele Menschen setzen Interessen und Hobbies in eins mit dem berufen Sein. Sie fühlen sich dann z.B. zu ihrer Arbeit berufen. Oder meinen gar, sie seien „zu Höherem“ berufen. Berufung als beruflicher Aufstieg? Bei Jeremia ist das nicht so, eher im Gegenteil. Der Gerufene will nicht berufen sein. Jeremia weißt Gottes Anrede zurück. Er ahnt wohl schon, dass solch eine Erwählung durch Gott zwar eine Auszeichnung ist, aber kein Glücksversprechen.

Berufung, Auszeichnung, Erwählung das heißt Verantwortung tragen, das heißt wahre Worte sprechen, unangenehme Wahrheiten verkünden müssen und oftmals gegen den Strom zu schwimmen. Die allgemeine Meinung, der Main-stream, der Trend, das alles ist für den Berufenen nicht mehr wichtig. Er wird in Zukunft nicht mehr sagen was alle hören wollen, sondern das was er sagen muss.

Das ist nicht leicht. Wie schwer fällt es uns schon kleine unangenehme Wahrheiten auszusprechen. Die Angst vor Liebesentzug, Sympathieverlust ist riesengroß. Und um wie viel schwerer ist es dann für die, die sich mit dem Wort gegen viele stemmen? Ob Martin Luther, Dietrich Bonhoeffer oder wie sie auch immer heißen, ihr prophetisches Wort, ihre mahnende Stimme trifft auf Widerstand. Will nicht gehört werden. Wird angezweifelt und angefeindet. Die das Sagen haben versuchen alles, sie zum Schweigen zu bringen. Mund-tot muss der Prophet gemacht werden mit allen Mitteln.

Kein Wunder, dass Jeremia sich sträubt, sich windet, auf keinen Fall ein Herausgerufener Gottes sein will. Aber bevor er seinen Einwand formulieren kann, hat er schon von Gott gehört: „Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.“ (Jeremia 1,5) Gott hatte ihn schon lange im Blick. Jeremias Berufung ist ihm nicht erst in die Wiege gelegt, sondern stand schon vor seiner Zeugung fest. Gott bekennt sich zu Jeremia. Doch Jeremia sträubt sich trotz dieses Bekenntnisses. Man kann direkt die Last spüren, die seine Schultern niederdrückt. Gottes Wort verkünden, denen, die es nicht hören wollen. Ein einsamer Mahner werden, ein Rufer in der Wüste, ein Gefährdeter der öffentlichen Ordnung. Und die Einsamkeit ist zu spüren, die Jeremia umgeben wird, das Abrücken der anderen von ihm, das Ausgesondert sein von den „Normalen“. Erwählt sein heißt auch, den angestammten Platz in der Gesellschaft, im sozialen Gefüge zu verlieren. Der Prophet ist keiner unter Vielen. Jeremias Angst ist groß.

Da geht Gott nochmals einen Schritt auf ihn zu. Er kennt die Angst des Jeremia. Er kennt die Last der Verantwortung, die dieser tragen soll. Und er kennt die Gegner des Propheten. So sagt er nicht nur:“ Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR“ (Jeremia 1,8), sondern Gott geht weit über das hinaus. Er, der Gewaltige, dessen Anblick allein schon tödlich ist, er berührt sanft den Mund Jeremias. „Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.“(Jeremia 1,9) Die Stimme des Propheten ist nicht mehr seine eigene. Was er sagen wird, ist be-stimmt von Gott.

Gottes Wort hat seine eigene Kraft. Da muss der Prophet weder beredt sein, noch reif an Jahren. Gottes Wort wirkt. Von Anfang an. Es schafft sich Raum und Bahn. In dem es ausgesprochen wird, wirkt es, mahnt es, weist zurecht. So ist das Prophetenwort auch immer Zeit-Ansage. Stellt die Verbindung her zwischen dem überzeitlichen Willen Gottes und der Vorfindlichkeit des menschlichen Tuns. „Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.“(Jeremia 1, 10) Gottes Wort gilt nicht allein Israel, sondern den Völkern und Königreichen, folglich aller Welt. Sein Wort an Jeremia beauftragt nicht nur, sondern stärkt und ermutigt. Gottes Wort hängt nicht von den Fähigkeiten des Propheten ab. Wo es gesprochen wird, da schafft es sich Bahn.

Jeremia hat den Auftrag Gottes auf sich genommen. Vierzig Jahre lang war er das Sprachrohr Gottes. Mahnend hat er die Stimme erhoben gegen die Mächtigen im Land, allen Anfeindungen zum Trotz. Jeremia, einer der großen Propheten. Da erhebt sich doch die Frage was soll dieser Text uns sagen, den Christen des 21. Jahrhunderts im reichen Deutschland?

Sich mit Jeremia zu vergleichen wäre anmaßend, und doch ist jede und jeder von uns ein Berufener. Gottes Wort spricht auch zu uns, stärkt, mahnt, weist uns den Weg. Und will weitergesagt werden in diese Welt hinein. Diese Verantwortung ist uns gegeben. Hinzuschauen auch bei den scheinbar kleinen Dingen des Alltags. Dagegen zu reden wo die Entwicklung falsch verläuft. Halt zu rufen, wenn Menschenrechte verletzt werden, zu widerstehen, wo Mitgeschöpfe ausgebeutet werden. Und nicht allein beim Einspruch stehen zu bleiben, sondern auch den Zuspruch zu verwirklichen. Dass Gott die Liebe ist, dass ein liebendes Wort das Sein ins Dasein rief, das will sich verwirklichen durch jeden Menschen. Wo wir liebevoll und herzlich, aufmerksam, gerecht und tolerant miteinander umgehen und füreinander einstehen, da wird Gottes Wort sichtbar im Alltag. Da wird an Gottes Reich gebaut und gepflanzt. Das wird nicht immer leicht sein. Wer sich einmischt muss Kritik ertragen, wer sich aus seiner Glaubensüberzeugung einmischt, ist schnell dem Spott ausgesetzt. Aber keiner steht allein. Jedem gilt der Zuspruch Gottes: „Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR.“ Amen.

JEREMIA SEIN

Jeremia sein heißt: Unbarmherzig

Und früh gefordert zu werden. Heißt:

Auszuharren. Heißt: Dazubleiben. Heißt:

Sich nicht einzuschmeicheln, weder

Beim Volk noch beim König. Heißt:

Ja zu sagen zum Joch

Eigner und fremder Geschichte. Heißt:

Gottes Vernunft als politisch

Vernünftig anzuerkennen und zu verteidigen.

Heißt: Wider eigenes Wünschen

Recht behalten zu müssen, seinen Staat

Sich sinnlos auflehnen und

In Dummheit versinken zu sehen. Heißt:

Ohnmächtig werden und noch im Alter

Unfreiwillig auf eine

Unerwünschte Seite geraten. Heißt:

Unerkannt, anonym sterben.

Jürgen Rennert http://www.rennert.de/public/seite-29.htm

Verfasserin: Pfarrerin Charlotte Sander

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