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Apostel und Propheten

von Ulrich Bergner (61352 Bad Homburg)

Predigtdatum : 02.06.2013
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 1. Sonntag nach Trinitatis
Textstelle : Matthäus 9,35-38;10,1.(2-4).5-7
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Leitbild:
Apostel und Propheten

Wochenspruch:
"Christus spricht: Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich." (Lukas 10, 16)

Psalm: 34, 2 – 11 (EG 718)

Lesungen
Altes Testament: 5. Mose 6, 4 - 9

Epistel: 1. Johannes 4, 16 b - 21

Evangelium: Lukas 16, 19 - 31

Liedvorschläge
Eingangslied: EG 455 Morgenlicht leuchtet
Wochenlied: EG 124 Nun bitten wir den Heiligen Geist
Predigtlied: EG 241,1 – 4 Wach auf, du Geist der ersten Zeugen
Schlusslied: EG 503, 13 + 14 Geh aus, mein Herz, und suche Freud

Liebe Gemeinde,
„Es weiß gottlob ein Kind von sieben Jahren, was die Kirche ist: nämlich die heiligen Gläubigen und die Schäflein, die ihres Herrn Stimme hören“. So einfach und schlicht kann man beschreiben, was Kirche ist. Kindlich einfach klingt das – und doch bei genauem Hin-sehen recht präzise, was Martin Luther da sagt.

Auf die Stimme des Herrn wollen wir also hören. Nicht nur, um zu verstehen, was die Kirche ist, was an ihrem Anfang stand und was sie bis heute auszeichnet vor allen anderen menschlichen Zusam-menschlüssen, Vereinen und Institutionen und wohl auch von ihnen unterscheidet. Wir wollen vielmehr auf die Stimme des Herrn hören, um nun auch tatsächlich seine Kirche zu sein.

Am Anfang der Kirche steht Jesu Lehren und Predigen und Heilen. Am Anfang steht, dass er das Volk sah und es ihn jammerte. Das ist noch nicht die Kirche! Das geht ihr voraus. Das wird von Jesus er-zählt. Seine Macht, seine heilsame Macht schien damals erstmals in der Geschichte auf wie ein strahlendes Licht. Aber diese heilsame Macht behält Jesus nicht für sich. Er teilt sie mit seinen Jüngern. Und aus dem kleinen Kern der mit seiner Macht begabten Menschen, aus den Zwölf, die er beruft, wird die Kirche wachsen – begabt mit Jesu eigenartiger Macht.

Tief blicken wir zurück in die Anfänge heute Morgen. Und zugleich auf uns, die wir heute die Kirche Jesu Christi sind.

Am Anfang steht, dass es Jesus jammerte, als er das Volk sah. Was hat er gesehen, damals auf seinem Weg „in alle Städte und Dörfer ringsum“? Gewiss die äußere Lage der Menschen, die
hart arbeiten mussten, abhängig von Steuerpächtern und Großgrund-besitzern, von den römischen Besatzern, die das Land auspressten wie eine Zitrone. Das hat er wohl alles gesehen. Aber noch weit mehr.

Es war mehr, weil es ihn jammerte. Das griechische Wort, das die Lutherbibel so übersetzt, hat es in sich. Es ist nicht ganz leicht, es im Deutschen angemessen wiederzugeben. Es beschreibt eine Gemüts-bewegung, die einen Menschen bis ins Innerste erschüttert. Das, was Jesus sah, ging ihm nicht nur nahe, sondern traf ihn mitten ins Herz, so dass es jetzt ganz unmittelbar sein eigenes Elend war. Er sah mehr als das äußere Elend, als die soziale Armut. Er sah das Volk „ver-schmachtet und zerstreut wie Schafe“. Man kann auch lesen: geplagt und niedergeschlagen. Er sah, was nicht nur in Krisenzeiten, sondern auch in Zeiten satten Wohlstands da ist, was zutiefst zu unserem Menschsein gehört. Er sah, dass die Menschen durch und durch, damals nicht anders als heute, hilfebedürftig sind. Er sah jene Ur-Not des Menschseins, die wir selber nur zu gern übertünchen und übertö-nen, wenn sie nicht unüberhörbar laut wird. Diese Ur-Not ist die geistliche Heimatlosigkeit, die hinter den Fassaden lässigen Selbst-bewusstseins wohnt. Sie ist die Angst ums eigene Leben, die sich hinter der Maske der Überlegenheit verbirgt. Wenn wir um uns und immer wieder um uns kreisen, hält uns diese Ur-Not gefangen. Jesus sah die so oft versteckte, von uns selbst geschickt verborgene, tief-wurzelnde Sehnsucht nach Trost, wenn wir uns selbst zu verlieren drohen. Er sah die Menschen, die Gott brauchen, um befreit aufat-men zu können.

Nur, wer mit den Augen der Liebe sieht, kann das sehen, bekommt dafür Augen und sieht die geistliche Not im glatten Gehäuse des Wohlstands. Es geht nicht darum, hinter allem und jedem ein Problem zu sehen, nicht um Psychologie. Es geht um die irrende Heimat-losigkeit unseres Herzens, die nach Geborgenheit sucht, und um unseren Mangel an Vertrauen auf die Nähe Gottes.

Und indem Jesus das sieht, spricht er zu seinen Jüngern: „Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter“.

Doch Jesus befiehlt jetzt nicht zum Ernteeinsatz, um die Menschen in den Bereich göttlichen Erbarmens einzubringen. Nicht der gute Manager ist gefragt, der effizient alle Kräfte bündelt. Am Anfang der Kirche, am Anfang ihrer Arbeit, ihrer Sendung, ja, ihrer Mission, steht eine Bitte: „Bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter sende in seine Ernte“. So steht nicht eine Strategie zur Gewinnung von Mitar-beitern am Anfang der Kirche, sondern das Gebet, Gott möge Men-schen bereit machen, andere in sein Erbarmen hineinzustellen, ja in seine Nähe zu holen.

Diese Bitte brauchen wir bis zum heutigen Tag und werden sie nötig haben, solange es Kirche gibt. Diese Bitte macht uns zur Kirche Jesu Christi, jenseits aller organisatorischen Finesse: Herr, gib Menschen, dein Evangelium weiterzusagen. Wo diese Bitte verstummt und wir Kirche wie ein gutgeführtes Unternehmen managen wollen, da ver-liert die Kirche auch jene Macht, die ihr Jesus Christus verliehen hat. Wir gewinnen sie nur durchs Gebet.

Denn das ist es ja, was mit der Berufung der Jünger einhergeht: Jesus gibt ihnen Macht über die unreinen Geister, die Macht, sich den zerstörerischen Geistern des Bösen mit der Macht der Liebe Gottes entgegenzustellen. Und diese Macht der Liebe Gottes ist wohl die eigenartigste Macht, die die Welt je gesehen hat. Sie wehrt allen Versuchen, Menschen zu demütigen,
sie im Namen von Weltanschauungen und auch von Religionen zu instrumentalisieren, ihnen die Freiheit zu rauben und sie klein und unmündig zu halten. Diese Macht teilt Jesus mit seinen Jüngern; er teilt sie mit uns, mit seiner Kirche. Es ist eine heilsame Macht, der jeder Zwang fremd ist. Wahrhaftig heilsam ist sie, weil sie uns in die Nähe Gottes bringt und uns aus der Gottverlassenheit heimholt in Gottes Erbarmen.

Nun, das müssen besondere Menschen sein, mit denen Jesus diese Macht teilen will – denken wir.

Aber wer waren denn diese Zwölf, die dermaßen ausgezeichnet wur-den? Was hat sie denn, diesen bunten Haufen wirklich zu so beson-deren Leuten gemacht? Da ist der Zöllner Matthäus, Kollaborateur mit den römischen Besatzern. Und da ist ein Simon. Er hat sozusagen auf der anderen Seite der Barrikade gestanden, gehörte zu den Zeloten, die mit Gewalt gegen die römischen Besatzer vorgingen. Und Petrus, der Jesus verleugnete, und Judas, der ihn verriet. Und von den anderen wissen wir schlicht nichts weiter, schon gar nichts, was sie ausgezeichnet hätte.

Jesus gibt ihnen die Macht; er traut ihnen etwas zu! Aber was für Typen! Würden sie heute durch die Personalabteilungen ausgesucht? Würden sie einen Eignungstest bestehen? Hätten sie überhaupt eine Chance mit diesem Lebenslauf?

Dass Jesus ihnen sein Werk anvertraut, zeugt davon, wie es Luther kurz gefasst hat, dass Gott „durch Würdige und Unwürdige wirkt“. Gott geht ungewohnte Wege. Wer weiß schon, wie viele Bekannte und Unbekannte auf ihre Weise andere in Gottes Nähe geholt haben, indem sie sie ihnen zugesagt und vorgelebt haben: Du kannst, du darfst Vertrauen haben zu Gott – das Himmelreich ist nahe herbeige-kommen. Gottes Liebe umgibt dich doch längst!

[Es gibt einen Satz in unserem Evangelium über den die Ausleger heftig streiten: Hat Jesus das wirklich gesagt:“ Geht nicht den Weg zu den Heiden…“? Oder hat hier der Evangelist Matthäus seine Hand im Spiel gehabt? Für uns dürfte jenseits einer Antwort entscheidend sein: Menschen für die Liebe Gottes zu gewinnen, ihnen die frohe Botschaft seiner heilsamen Nähe weiterzugeben. Das beginnt immer vor der eigenen Haustür – wenn nicht schon im eigenen Haus. Wir können uns das ruhig einmal fragen: Wann haben wir das letzte Mal eine Nachbarin, einen Nachbarn zum Gottesdienst eingeladen und gesagt, gönn dir doch mal einen Gottesdienst!]

„Es weiß gottlob ein Kind von sieben Jahren, was die Kirche ist: nämlich die heiligen Gläubigen und die wir seine Stimme hören“. Hören wir seine Stimme, die uns ruft und sendet in seine Ernte? Am Anfang der Kirche stand eben diese Sendung. Es reicht nicht, den eigenen Seelenfrieden zu finden, - was schon viel ist. Gott ist da ganz unbescheiden. Er will mehr. Er will uns dabei haben, wenn er mit der Macht seiner Liebe Menschen erobern will. Und darum teilt er die Macht seiner heilsamen Liebe mit uns, dass wir sehen lernen mit Jesu Augen, sehen, wo Menschen Trost brauchen, wo sie sich verlaufen haben, verstrickt in heillose Geschichten, aus denen sie allein nicht mehr herausfinden. Und dass wir das dann auch weitersagen: Du hast einen Gott, der schaut dich an, dem bist du nicht gleichgültig. Sein Herz hängt an dir. Er hält dich fest.

Sonst könnte es, - Gott behüte -, passieren, dass ein siebenjähriges Kind nicht mehr weiß, was die Kirche ist. Wir sind alle berufen, den Kindern, den Älteren und den Alten den guten Hirten Jesus Christus lieb zu machen, dass sie Vertrauen gewinnen, Vertrauen zu unserem himmlischen Vater, der uns allen doch schon viel näher ist, als wir uns selber je nahe sein können.

Amen


Der Absatz […] kann je nach dem Urteil der/des Predigenden auch ausgelassen werden.
Verfasser: Pfarrer Ulrich Bergner
Kirchgasse 3 a, Bad Homburg





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