Menü

Apostel und Propheten

von Christiane Braungart (Zentrum Verkündigung der EKHN)

Predigtdatum : 06.06.2010
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : Trinitatis
Textstelle : 1. Johannesbrief 4,16b-21
Wenn Sie diese Predigt als Word-Dokument erhalten möchten, tragen Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse ein und klicken Sie auf "Abschicken"
Ihre E-Mail

Wochenspruch:



„Christus spricht: Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich.“ (Lukas 10,16)



Psalm: 34, 2 – 11 (EG 718)



Lesungen



Altes Testament:

5. Mose 6, 4 – 9

Epistel:

1. Johannes 4, 16 b – 21

Evangelium:

Lukas 16, 19 – 31



Liebe Gemeinde,



Große Worte sind das, die uns in unserem heutigen Predigttext begegnen. Das ist zuerst einmal der Satz mit dem er beginnt: Gott ist die Liebe. Ein berühmter Theologe hat diesen Satz als den steilsten Satz im ganzen Neuen Testament bezeichnet, als den Satz, der alles zusammenfasst, worum es in den Evangelien und in den Briefen geht. Dann ist uns vielleicht noch ein anderer Satz in Erinnerung geblieben: Lasst uns lieben, denn Gott hat uns zuerst geliebt. Ein ganz beliebter Trauspruch ist das. Und dann das Wort von der Liebe, in der keine Furcht ist. Ja, dieser Text, er reicht heran an das Hohelied der Liebe aus dem 1. Korintherbrief, in seinen Aussagen, in seiner Sprache.



Doch, wenn ich ehrlich bin, mir sind diese Worte fast ein wenig zu hoch, sie erscheinen mir als zu groß, so massiv wie sie mir entgegenkommen. 14 Mal begegnet uns in diesem kurzen Abschnitt das Wort Liebe. Fast schon eine Inflation. Und unwillkürlich denke ich an alles andere als an liebevolle Umstände in meinem Leben und in dieser Welt. Da sind offene Fragen angesichts des Leides in der Welt, da sind Erfahrungen in meinem Leben, die noch heute schmerzen.

Gott ist die Liebe. Wie bekomme ich diesen Satz aus unserem Predigttext mit anderen Erfahrungen zusammen, die dem widersprechen. Inwiefern ist er dann wahr und kann so vollmundig behauptet werden, wie hier in unserem Predigttext, der ja zum Nachsprechen, zum Nachdenken einladen soll.



Stimmt das denn, dass Gott die Liebe ist? Kann ich an diesem Satz festhalten, auch wenn es andere, dem widersprechende Erfahrungen und Gedanken gibt, das frage ich mich.



Dazu eine Geschichte:



Friedrich II. von Hohenstaufen wollte die Ursprache der Menschen finden. Er glaubte, sie entdecken zu können, wenn beobachtet werde, in welcher Sprache Kinder zu reden anfangen, mit denen vorher niemand spricht. Hören wir darauf, was eine Chronik aus dem 13. Jahrhundert von diesem Experiment berichtet: „Und deshalb befahl er den Ammen und Pflegerinnen, sie sollten den Kindern Milch geben dass sie an den Brüsten säugen möchten, sie baden und waschen, aber in keiner Weise mit ihnen schön tun und zu ihnen sprechen. Er wollte nämlich erforschen, ob sie die hebräische Sprache sprächen, als die älteste, oder Griechisch, oder Latein oder Arabisch oder aber die Sprache ihrer Eltern, die sie geboren hatten. Aber er mühte sich vergeblich, weil die Knaben und die anderen Kinder alle starben. Denn sie vermochten nicht zu leben ohne das Händepatschen und das fröhliche Gesichterschneiden und die Koseworte ihrer Ammen.“ (Chronik aus dem Mittelalter, Parma 1268)



Friedrich II. von Hohenstaufen wollte die Ursprache der Menschen entdecken. Aber sein Experiment musste scheitern; denn die Ursprache ist nicht Hebräisch, nicht Griechisch, nicht Latein, nicht Arabisch, sondern sie ist damals wie heute die Sprache, ohne die kein Mensch leben kann, die Sprache der Liebe.



Die Liebe steht am Anfang des Lebens. Wir leben nur, weil wir geliebt wurden. Im Glücksfall sind wir das Produkt der Liebe zwischen einem Mann und einer Frau. Aber unser Leben beruht nicht auf einem einmaligen Akt, sondern auf der fortwährenden Liebe, die uns unsere Eltern gegeben haben, Tag für Tag, Nacht für Nacht, wenn es nötig war. Ohne diese Liebe wären wir verkümmert, jämmerlich zugrundegegangen, wie die Kinder in dem Experiment des Friedrich II von Hohenstaufen. Die Liebe steht am Anfang unseres Lebens und begleitet sie bis auf den heutigen Tag. Zuerst war da die Liebe der Eltern zu uns, die wurde später ergänzt durch die Liebe von Freunden, durch die Liebe des Partners, der Partnerin, dann, wenn wir Glück hatten, durch die Liebe, die uns unsere Kinder wiederum entgegenbringen. Wir leben von der Liebe, die uns entgegengebracht wird, das ist so, ohne sie müssten wir verkümmern und tun es manchmal auch. Anders als die Kinder in dem Experiment sterben wir Erwachsenen nicht daran, jedenfalls nicht in körperlicher Hinsicht. Manchmal können wir uns sogar selbst belügen und uns täuschen, können so tun, als kämen wir ohne die Liebe eines anderen Menschen aus. Doch das ist nicht so. Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei, so heißt es auf den ersten Seiten der Bibel. Und das gilt. Wir erleben die Wahrheit dieses Satzes als beglückend, wenn wir einen Menschen an unserer Seite haben und manchmal auch schmerzhaft, wenn er uns fehlt.



Die Liebe steht am Anfang unseres Lebens und bildet ihre Grundlage. Und so ist es auch mit Gottes Liebe zu uns. Martin Luther hat dazu in seinen Erläuterungen zur Schöpfung gesagt: „Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt aller Kreatur, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält...mit allem, was not tut, was nötig ist für Leib und Leben...“



Ohne Gottes Liebe gäbe es keine Menschen, gäbe es alle uns nicht. Was zwang ihn dazu, Menschen zu erschaffen? Nichts, als allein der Wunsch ein Gegenüber zu haben, dem er sich in Liebe zeigen wollte und konnte.



Am Anfang unseres Lebens steht die Liebe, steht die Liebe Gottes und sie begleitet uns während unseres ganzen Lebens. Wer oder was zwingt Gott dazu, uns immer wieder unsere Schuld zu vergeben, neu mit uns anzufangen, auch wenn es nicht danach aussieht, dass wir es verdient hätten. Nach menschlichen Maßstäben wäre hier schon das Ende aller Bemühungen erreicht. Doch nicht so bei Gott. Er vergibt uns unsere Schuld, Tag für Tag, und macht immer wieder neu mit uns seinen Anfang.



Ja, die Liebe Gottes zu uns ist die Quelle von der wir trinken, die unseren Durst nach Leben, nach wahrem Leben löschen will, die uns erfrischt, die uns rein wäscht von unserer Schuld. Die Liebe Gottes steht am Anfang des Lebens, das gilt auch wenn es Erfahrungen in unserem Leben gibt, die dem auch widersprechen, die uns an der Liebe Gottes zweifeln lassen. Ohne seine Liebe gäbe es uns nicht, uns nicht mit diesem Leben in seinen Höhepunkten und in seinen Abgründen. Wir alle leben von der Liebe Gottes, die die Quelle unseres Lebens ist und bleibt.



Und dieses Wasser will durch uns hindurchfließen zu unserem Nächsten hin. Unsere Aufgabe ist es, das erfrischende belebende Wasser zu den Menschen zu bringen, die nicht angeschlossen sind an diese Quelle, die sich ihrer nicht bewusst sind, die sich selbst abseits gestellt haben. Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt. Lasst uns weitergeben, was wir selbst empfangen haben. Und da gelten keine Grenzen, auch nicht die, die der Johannesbrief etwas später selber zieht, denn in Vers 20 heißt es: „Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst doch seinen Bruder, der ist ein Lügner...“ Der Verfasser des Briefes hat die Brüder, also die Gleichgesinnten im Sinn, ihnen gilt seiner Meinung nach die Liebe. Doch nur denjenigen in Liebe zu begegnen, die sowieso schon meine allernächsten sind, das verkehrt den Sinn der Botschaft Jesu, engt sie in unzulässiger Weise ein. Hier gilt es mit Jesus Christus gegen den Wortlaut des Predigttextes Protest einzulegen und seinen Horizont wieder auf das hin zu öffnen, worauf er sich letztlich bezieht, auf das, was Jesus sagte und lebte. Jesus verkündete und lebte die Liebe, aber sie machte nicht Halt beim Nächsten, sondern ging sogar noch einen Schritt weiter, den Schritt hin zur Feindesliebe als die höchste Form der Liebe, zu der er uns ausdrücklich einlädt. In seinen Antithesen zu den 10 Geboten hat er dies ausdrücklich gesagt: Zu den Alten ist gesagt: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen.



Liebet eure Feinde - In der Geschichte des Christentums ist es immer wieder schnell zur Abschwächung dieser Botschaft gekommen. Aus der radikalen Forderung der Feindesliebe wurde der allgemeine Appell zur Nächstenliebe, und dann hier im Johannesbrief die Mahnung zur Bruderliebe, zur Liebe zu den Allernächsten.



Nein, die Liebe, wenn sie echt ist, kennt keine Grenzen, lässt sich nicht einsperren und festnageln. Liebe wenn sie echt ist, ist eine Himmelsmacht, die nicht nach dem Wohin und Woher, am allerwenigsten nach dem Wozu fragt. Liebe verschenkt sich, so wie sich Gottes Liebe an uns verschenkt, immer wieder, jeden Tag neu. Er übt an uns die Feindesliebe, denn wir sind immer auch wieder seine Feinde, wollen ihm nicht seinen Platz zukommen lassen, der ihm gebührt, machen ihn klein, achten nicht seine Gebote. Wir sind seine Feinde und doch begegnet er uns in Liebe und will uns mit seiner Liebe überwinden zum Guten hin.

Doch müssen wir nicht vor dieser Liebe erschrecken und fürchten hinter ihrer Macht, auch hinter ihrem Anspruch zurückzubleiben?

Furcht ist nicht in der Liebe, so steht es wiederum groß und massiv in unserem Text. Ja, in unserem Kopf wissen wir, dass Liebe und Furcht nicht zusammenpassen. Doch wer hätte nicht auch in einer durch Liebe geprägten Beziehung durchaus Furcht und Angst erlebt. Jedes Kind, jeder Heranwachsende kennt das wohl. Man weiß, dass einen die Eltern lieben, und doch gibt es Situationen, in denen es fraglich scheint. Vielleicht hat man etwas angestellt und man fürchtet, damit ihre Liebe verloren zu haben. Oder man erlebt die Eltern grundlos als laut und heftig und bekommt das mit den Aussagen: Wir haben dich doch gern, nicht zusammen. So funktioniert menschliche Liebe. Sie ist nie ohne Furcht. Doch in der Liebe zwischen Gott und Mensch soll sie keinen Platz haben. Gottes Liebe zu uns ist reine Liebe, Liebe wie sie im Hohen Lied der Liebe beschrieben ist. In sie dürfen wir unser Leben fallen lassen, von ihr dürfen wir uns umschlungen fühlen, in ihr dürfen wir ruhen. Und wenn wir manchmal an Gott irre werden, ihn nicht verstehen, so lädt uns der Text ein, in der Liebe zu bleiben. Denn wenn wir in ihr bleiben, so bleiben wir in der Beziehung zu Gott, in Kontakt mit ihm.



Ein steiler Text, ein anspruchsvoller Text, der uns heute aufgegeben war. Ein Text, den es gilt in unserem ganzen Leben nachzubuchsta-bieren, nicht nur an einem Sonntagmorgen hier im Gottesdienst. Und dieses Nachbuchstabieren des Textes wird uns einmal gut gelingen, da wird er uns aus der Seele sprechen, wird der dem Worte verleihen, für das, was wir fühlen. Ein andermal wird er unseren Gefühlen und Erfahrungen auch widersprechen, da werden diese hohen und hehren Worte von der Liebe sperrig und anstößig sein, sodass wir Anstoß an Gott nehmen.



Das wird so sein, weil unser menschliches Leben immer von der unmittelbaren Erfahrung der Anwesenheit der Liebe oder ihrer Abwesenheit lebt. Aber in allem diesen beiden will uns dieser Text immer wieder darauf hinweisen uns bewusst zu machen, wovon wir letztlich als Mensch leben: Es ist und bleibt die Liebe Gotte zu uns Menschen, wie sie in Jesus Christus menschliche Gestalt angenommen hat. In ihm spricht Gott zu uns sein Wort der Liebe, das uns Leben schenken will. AMEN



Verfasser: Dr. Christiane Braungart, Kolberger Weg 23, 61348 Bad Homburg

Herausgegeben vom

Logo Zentrum Verkündigung

Referat Ehrenamtliche Verkündigung
Markgrafenstraße 14, 60487 Frankfurt/Main,
Telefon: 069.71379-140
Telefax: 069.71379-131
E-Mail: predigtvorschlaege@zentrum-verkuendigung.de

in Kooperation mit dem

Logo Gemeindedienst der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland
Gemeindedienst der
Evangelischen Kirche
in Mitteldeutschland

Pfarrer Dr. Matthias Rost
Zinzendorfplatz 3 (Alte Apotheke), 99192 Neudietendorf
Telefon: 036202.7717-97

Logo MÖD – Missionarisch Ökumenischer Dienst
Pfarrer Thomas Borchers
Missionarisch-Ökumenischer Dienst
Westbahnstraße 4
76829 Landau
Telefon: 06341.928912
E-Mail: info@moed-pfalz.de