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Apostel und Propheten

von Ernst Michael Dörrfuß (Bad Urach)

Predigtdatum : 03.06.2018
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 1. Sonntag nach Trinitatis
Textstelle : Jeremia 23,16-29
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Wochenspruch: "Christus spricht: Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich." (Lukas 10, 16)

Psalm: 34, 2 – 11 (EG 718)    

Lesungen     

Reihe I: Lukas 16, 19 - 31
Reihe II: 1. Johannes 4, 16 b - 21
Reihe III: Johannes 5, 39 - 47
Reihe IV: Jeremia 23, 16 - 29
Reihe V: Matthäus 9, 35 - 38; 10, 1 (2 - 4) 5 - 7
Reihe VI: 5. Mose 6, 4 - 9   

Liedvorschläge        

Eingangslied: EG 445, 1 - 5 Gott des Himmels und der Erde

Wochenlied: EG 124, 1 - 4 Nun bitten wir den heiligen Geist

Predigtlied: EG+ 127, 1 - 4 Schenk uns Weisheit

Schlusslied: EG 590, 1 - 5 Herr, wir bitten: Komm und segne uns

Predigttext Jeremia 23, 16 – 29

Über die falschen Propheten

16 So spricht der HERR Zebaoth: Hört nicht auf die Worte der Propheten, die euch weissagen! Sie betrügen euch, sie verkünden euch Gesichte aus ihrem Herzen und nicht aus dem Mund des HERRN.

17 Sie sagen denen, die des HERRN Wort verachten: Es wird euch wohlgehen –, und allen, die im Starrsinn ihres Herzens wandeln, sagen sie: Es wird kein Unheil über euch kommen.

18 Aber wer hat im Rat des HERRN gestanden, dass er sein Wort gesehen und gehört hätte? Wer hat sein Wort vernommen und gehört?

19 Siehe, es wird ein Wetter des HERRN kommen voll Grimm und ein schreckliches Ungewitter auf den Kopf der Gottlosen niedergehen.

20 Und des HERRN Zorn wird nicht ablassen, bis er tue und ausrichte, was er im Sinn hat; zur letzten Zeit werdet ihr es klar erkennen.

21 Ich sandte die Propheten nicht, und doch laufen sie; ich redete nicht zu ihnen, und doch weissagen sie.

22 Denn wenn sie in meinem Rat gestanden hätten, so hätten sie meine Worte meinem Volk gepredigt, um es von seinem bösen Wandel und von seinem bösen Tun zu bekehren.

23 Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der HERR, und nicht auch ein Gott, der ferne ist?

24 Meinst du, dass sich jemand so heimlich verbergen könne, dass ich ihn nicht sehe?, spricht der HERR. Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt?, spricht der HERR.

25 Ich höre es wohl, was die Propheten reden, die Lüge weissagen in meinem Namen und sprechen: Mir hat geträumt, mir hat geträumt.

26 Wann wollen doch die Propheten aufhören, die Lüge weissagen und ihres Herzens Trug weissagen

27 und wollen, dass mein Volk meinen Namen vergesse über ihren Träumen, die einer dem andern erzählt, so wie ihre Väter meinen Namen vergaßen über dem Baal?

28 Ein Prophet, der Träume hat, der erzähle Träume; wer aber mein Wort hat, der predige mein Wort recht. Wie reimen sich Stroh und Weizen zusammen?, spricht der HERR.

29 Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der HERR, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?

Hinführung

Der Predigttext ist Teil eines größeren Abschnittes, der sich nach der vorangegangenen Auseinandersetzung mit den weltlichen Herrschern den religiös Verantwortlichen zuwendet. Das macht nicht zuletzt die schon im hebräischen Text zu findende Überschrift – „Über die Propheten“ (Jeremia 23, 9) – deutlich.

Propheten sind dem Verständnis der Bibel zufolge „keine Wahrsager, sondern „Wahrheitssager“ (Martin Stöhr). Es sind Leute, die sich von Gott gerufen und berufen wissen. Mit einem klaren Blick für die Wirklichkeiten ihrer Zeit sagen sie Gottes Wort in ihre jeweilige Situation und rufen zur Umkehr (vgl. Jeremia 23, 22).

Im Predigttext wird die Schwierigkeit einer sachgemäßen Unterscheidung zwischen „wahren“ und „falschen“ Propheten aufgegriffen. Auch wenn V 17 zufolge „falsche Propheten“ dadurch charakterisiert werden können, dass sie den Zuhörenden nach dem Mund reden und ihnen sagen, was sie hören möchten, bleibt die Unterscheidung zwischen wahrer und falscher Prophetie alles andere als einfach. Immer neu ist zu fragen, ob einer die Wahrheit redet, ob er wirklich Gottes Wort „hat“ – und dieses weitersagt (V 28).

Dabei stellt sich der Gott der Bibel Jeremia zufolge selbst als ein Gott vor, der nicht nur „nahe“, sondern auch „ferne“ ist (V 22) – und spitzt zu, dass gerade Gottes Ferne Grund zur Zuversicht sein kann.

Gliederung

  1. Gottes Wort weitersagen
  2. Umkehren in die offenen Arme Gottes
  3. Mit Gottes Wort als Richtschnur leben

Ziel

Die Predigt nimmt die Hörenden mit hinein in den sich im Predigttext widerspiegelnden Streit um die rechte Auslegung des Wortes Gottes. Sie lädt ein zur Umkehr in die offenen Arme Gottes, der seinen Menschen auch als „Gott der Ferne“ nahe ist. Sie ermutigt dazu, hinzuhören, was Gottes Wort uns heute zu sagen hat – und miteinander im Gespräch über die rechte Auslegung der Bibel zu bleiben.

Predigt

Als Bibelwort für den heutigen Sonntag hören wir auf Verse aus dem Buch des Propheten Jeremia. Zu finden ist der Abschnitt dort im 23. Kapitel:

(Lesen des Predigttextes Jeremia 23, 16 – 29)

I. Gottes Wort weitersagen

Von Propheten ist hier die Rede, liebe Gemeinde. Von Menschen also, die einen klaren Blick für die Wirklichkeit haben. Das sind keine Wahrsager, sondern Wahrheitssager. Sie sagen Gottes Wort in die jeweilige Situation hinein. Sie wissen sich beauftragt, Gottes Wort weiterzusagen. Gottes Wort will ausgelegt werden und muss ausgelegt werden.

Von Propheten ist in unserem Bibelwort die Rede. Sie beanspruchen, im Namen Gottes zu reden.

Aber tun sie das wirklich? Sagen sie, was Gottes Wille ist – oder geben sie ihre eigenen Gedanken weiter? Reden sie im eigenen Interesse oder Anderen nach dem Mund?

Schwer ist es für die Zuhörenden herauszufinden, wer wirklich Gottes Wort weitersagt und wer Gottes Wort so auslegt, wie es seinem Willen entspricht.

Schwer ist es herauszufinden, ob die, die sich im Namen Gottes zu Wort melden, vielleicht nur das Geschäft der Angst betreiben.

Schon für die ersten Zuhörerinnen und Zuhörer Jeremias war es schwer herauszufinden, wer wirklich Gottes Wort weitersagt.

Schwer ist das bis heute. Weil Gottes Wort, das uns in der Bibel überliefert ist, Auslegung braucht. Es will übersetzt werden und es muss übersetzt werden in unsere Gegenwart hinein.

Schwer ist das, weil Menschen auch in unserer Gegenwart zu verschiedenen Deutungen des Wortes Gottes kommen. Ganz unterschiedliche Positionen begründen sie mit der Bibel. Bis in unsere Tage hinein reicht der Streit um die Wahrheit und die richtige Auslegung.

II. Umkehren in die offenen Arme Gottes

Zur Umkehr laden Propheten ein. Sie beanspruchen mit Recht, im Namen Gottes das Wort zu ergreifen. So ermutigen sie, in die offenen Arme Gottes umzukehren. Und genauso: Wer immer die gute Nachricht von Jesus Christus weitersagt – und dabei nicht sich selbst predigt (1), der lädt ein zur Umkehr.

Es geht um die Umkehr in die offenen Arme des Gottes. Dem Propheten Jeremia zufolge ist er ein Gott, der seinen Menschen nah kommt. Er kommt ihnen nahe in ihrem Fragen und ihrem Hunger nach Orientierung. Er ist seinen Menschen nah in ihrer Ratlosigkeit und ihren Sorgen.

Wobei sich dieser Gott auch als ein Gott zeigen kann, „der ferne ist“, oder, wie sich auch übersetzen lässt: der ein „Gott der Ferne“ ist (2).

So ferne kann der nahe Gott auch sein, dass es schmerzt und wehtut. So fern, dass eine mit den Worten der Psalmen klagt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ (3) – oder einer mit den Worten Jesu ruft: „Herr, sei nicht fern, eile mir zu helfen!“ (4)

Der Prophet Jeremia kennt diese Ferne Gottes. Er hat sie selbst am eigenen Leib und in seinem eigenen Leben schmerzlich erfahren.

Heute Morgen aber stellt er uns vor Augen, was das außerdem noch bedeutet und erinnert daran:

Der „Gott der Ferne“ entzieht sich allen Versuchen, ihn zu vereinnahmen. Er lässt sich nicht in Anspruch zu nehmen für menschlich - allzu menschliches Planen und Trachten.

Der „Gott der Ferne“ widersetzt sich allen menschlichen Bestrebungen, ihn zu zähmen oder zu verharmlosen. Er lässt sich nicht zu einem Gott machen, der einfach Wünsche erfüllt und Sehnsüchte stillt. Er schlägt sich nicht auf die Seite derer, die vorgeben, besonders fromm zu sein.

Und doch ist und doch bleibt, so lässt es Jeremia uns wissen, der ferne Gott der lebendige und barmherzige Gott. Er bleibt mein Gott, auch wenn ich seine Nähe gerade nicht zu spüren vermag.

Der ferne Gott und Gott der Ferne ist der ewige und liebende Gott. Er erfüllt den Himmel und die Erde. Er hält die ganze Welt in seiner Hand. Er schenkt Leben.

Er stellt Leben in seinen weiten Raum. Unser Leben ist von ihm umfangen – und unser Sterben auch. Unser Lachen ist bei ihm aufgehoben und unser Weinen auch. Unser Suchen und unser Finden sind bei ihm aufgehoben.

Als naher und als ferner Gott kennt unser Gott unseren Hunger nach Orientierung und unseren Durst nach Klarheit. Er kennt unsere Sehnsucht nach Sinn und nach Geborgenheit. Er kennt die Sorge, dass wir uns selbst überlassen bleiben. Er sieht auch, wie wir gefangen in unsere Wunschbilder dem nachfolgen, was wir uns selbst ausdenken.

So ist es also gerade der ferne Gott und Gott der Ferne, der seinen Geschöpfen nahekommt. Er führt und leitet sie auch dann, wenn sie „Flügel der Morgenröte nähmen und am äußersten Meer blieben“ (5). Im Leben und im Sterben hält er sie in seiner Hand. So trotzt er all den scheinbaren Wahrheiten und angeblichen Wirklichkeiten.

III. Mit Gottes Wort als Richtschnur leben

Zur Umkehr in die offenen Arme dieses Gottes lädt er ein, ermutigt, ja drängt, wer immer mit Recht für sich in Anspruch nehmen kann, im Namen Gottes das Wort zu ergreifen. Er ermutigt, umzukehren und aufzubrechen. Er drängt, auszubrechen aus der Gefangenschaft der eigenen Ängste, die den Hals eng werden lassen.

Er drängt auch, sich abzuwenden von den eigenen Wunschbildern. Unsere Wunschbilder kreisen immer nur um sich selbst, sie gaukeln uns schnelle Lösungen vor. Sie beschwichtigen, wo es nichts zu beschwichtigen gibt.

So sollen wir umkehren und uns hinwenden zu Gottes Wort. Es ist „wie Feuer und wie ein Hammer, der Felsen zerschmettert“. Gottes Wort kommt weder harmlos daher, noch will es uns gleichgültig lassen. Es wird das tun und ausrichten, was Gott gefällt. Ihm wird gelingen, wozu Gott es sendet (6).

Gottes Wort will zur Richtschnur werden für unser Tun und unser Lassen.

Wie sagt es Abraham im Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus so treffend: „Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören“ (7).

Immer und immer wieder, liebe Gemeinde, sollen wir also genau hinhören, was die Bibel uns zu sagen hat. Wir sollen aufhorchen auf das, was sie in unser Suchen nach Orientierung hinein zu sagen hat. Wir sollen dem lauschen, was sie in unsere Ratlosigkeit hineinsagt. Wir sollen das heraushören inmitten der vielen Ratschläge, die um uns herum laut werden. Und wir sollen auf das hören, was sie hineinsagt in all die Wunschbilder, in denen wir gefangen sind.

Es geht für uns darum, gemeinsam um die angemessene Deutung der Bibel für die Fragen der Gegenwart zu ringen. Wir ringen darum im Gespräch vor Gott und mit Gott. Wir tun es im Gespräch mit seinem Wort. Wir hören dabei auf sein Wort. Und wir hören dabei aufeinander.

In der Bibel steht an erster Stelle Gottes Liebe. Sie gibt nichts und niemanden verloren.

Und wir hören immer wieder seine Barmherzigkeit. Sie bewahrt Leben. Wir hören seine Güte. Er schenkt uns, was wir zum Leben brauchen.

Wir hören seine Gerechtigkeit. Sie bringt mich zurecht und spricht mich los von dem, was mich gefangen nimmt.

Indem wir darauf hören, werden wir auch dies für uns ernstnehmen: Wir sind getragen. Wir sind gehalten und wir sind in diese Welt gesandt als Zeuginnen und Zeugen Gottes.

Sein Friede, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

Amen

Eingangsgebet

Lieber Gott,

so viele Worte wirken auf uns ein.

Immer wieder müssen wir entscheiden,

was gut ist und was schlecht ist.

Wir bitten dich,

lass uns bei den vielen Worten dein Wort nicht überhören:

Dein Wort, das Leben bewahren und die Liebe stärken will.

Dein Wort, das uns in Jesus Christus ganz menschlich

begegnet.

Amen

Gottesdienstbuch für Württemberg, S. 19

Fürbittengebet

Du, barmherziger Gott und Vater, hast uns dein Wort

gegeben. Richtschnur für unser Leben, Prüfstein für unser Tun und Lassen. Dafür danken wir dir.

Und wir bitten dich: Hilf uns, dass es immer neu gelingt,

unter den vielen Stimmen, die um uns laut sind, deine Stimme zu hören, über all dem, was unser Herz uns

vorhält an Angst und Sorge, dein Wort zu; über allem,

was wir uns selbst ausdenken, deine Verheißung.

Schenke allen, die dein Wort berührt, deinen Geist der Kraft, allen, die dein Wort auslegen, deinen Geist der

Liebe und der Besonnenheit, allen, die dein Wort bewegt, dass sie etwas weitersagen und weitergeben können von deiner Barmherzigkeit und Gnade.

Sei du allen nahe, die im Großen und im Kleinen

Verantwortung tragen. Schenke ihnen Weisheit und Mut

und Klarheit. Hilf du ihnen einzutreten für Wahrheit und

Gerechtigkeit, leite ihre Schritte auf den Weg des Friedens.

Sei du bei denen, die in Leid und Not sind, sei bei allen,

die Hilfe und Barmherzigkeit brauchen. Lass sie spüren, dass du ihnen nahe bist und nahekommst. Setze aller Not und aller Verzagtheit ein Ende. Öffne unsere Herzen,

dass wir ihnen in tatkräftiger Liebe begegnen.

Amen

E.M.D.

 

unter Verwendung von Formulierungen aus Gottesdienstbuch für Württemberg, S. 174

Verfasser: Kirchenrat Dr. Ernst Michael Dörrfuß, Bismarckstraße 12, 72574 Bad Urach

_________________

Anmerkungen:        

(1) 2. Korinther 4, 5

(2) Züricher Bibelübersetzung

(3) Psalm 22, 2

(4) Psalm 22, 20

(5) Psalm 139, 9

(6) Jesaia 55, 11

(7) Lukas 16, 29


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