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Apostel und Propheten

von Angela Rinn (55124 Mainz)

Predigtdatum : 07.06.2015
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : Trinitatis
Textstelle : Lukas 16,19-31
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Wochenspruch:
"Christus spricht: Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich." (Lukas 10, 16)

Psalm: 34, 2 – 11 (EG 718)

Lesungen
Altes Testament: 5. Mose 6, 4 - 9

Epistel: 1. Johannes 4, 16 b - 21

Evangelium: Lukas 16, 19 - 31

Liedvorschläge
Eingangslied: EG 452 Er weckt mich alle Morgen
Wochenlied: EG 124 Nun bitten wir den Heiligen Geist
Predigtlied: EG 428 oder EG 632 oder EG 420 Komm in unsre stolze Welt oder Wenn das Brot, das wir teilen oder Brich mit den Hungrigen dein Brot
Schlusslied: EG 416 O Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens


Lk 16, 19 - 31
Vom reichen Mann und armen Lazarus

Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden.
Es war aber ein Armer mit Namen Lazarus, der lag vor seiner Tür voll von Geschwüren und begehrte, sich zu sät-tigen mit dem, was von des Reichen Tisch fiel; dazu kamen auch die Hunde und leckten seine Geschwüre.
Es begab sich aber, dass der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben.
Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß.
Und er rief: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tau-che und mir die Zunge kühle; denn ich leide Pein in diesen Flammen.
Abraham aber sprach: Gedenke, Sohn, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Bö-ses empfangen; nun wird er hier getröstet, und du wirst gepeinigt.
Und überdies besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, dass niemand, der von hier zu euch hinüber will, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber.
Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, dass du ihn sendest in meines Vaters Haus;
denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual.
Abraham sprach: Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören. Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, son-dern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun. Er sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.

HERR segne unser Reden und Hören. Amen.

Liebe Gemeinde,

um unsere Namen geht es - und ums Sehen. Genauer: Ums Hinsehen oder Wegsehen. Beides verknüpft sich, beides hängt zusammen: Unsere Namen - und ob wir sehen kön-nen. Hinsehen können.

Fangen wir mit den Namen an. Wichtig sind sie, fast mit magischer Bedeutung in der Bibel. Sorgfältig, mit Bedeu-tung werden sie ausgewählt. Die großen Menschen der Bibel bekommen an entscheidenden Wendepunkten ihres Lebens neue Namen! Aus Abram wird Abraham, aus Jakob Israel, aus Simon Petrus, aus Saulus Paulus. In jeder Taufe, nach unserem Glauben der radikalsten Wende im Leben eines Menschen, bekommt der Täufling einen neuen Namen, näm-lich den des dreieinigen Gottes, auf dessen Name getauft wird, Zeichen dafür, dass der getaufte Mensch in einem neuen Machtbereich ist. Im Machtbereich - und damit Schutzbereich unseres Gottes. Ich taufe dich auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich - ja, die meisten kennen das Märchen! Als die Königstochter jedoch weiß, dass das Männlein Rumpelstilzchen heißt, hat es seine Macht verloren. Unsere Namen! „Freut euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.“ sagt Jesus zu seinen Jüngern.

In der Geschichte, die Jesus erzählt, haben zwei Personen einen Namen, die anderen nicht. Das ist - wie wir jetzt mit geschärftem Blick erkennen - ganz bemerkenswert. Das Lu-kasevangelium überliefert uns diese Geschichte, und daher ist es wichtig, unsere Sinne zu schärfen. Denn der Evan-gelist Lukas erzählt hintergründig, dazu mit feiner Ironie, und wer nur oberflächlich über die Geschichte hinweghört oder -liest, der verpasst die Pointen. Z. B. die, dass nicht jeder in dieser Geschichte einen Namen hat. Wer hat einen Namen? Der Reiche, der vor den Leuten seiner Zeit einen großen Namen hatte, der bekannt war und berühmt? Hätte es zu seiner Zeit die bunten Blätter gegeben, er wäre be-stimmt regelmäßig abgebildet, wer konnte sich schon außer Königen einen Purpurmantel leisten und Wäsche, die sprich-wörtlich für puren Luxus stand? Der Reiche. Mag sein, da-mals kannten alle seinen Namen. Der Evangelist Lukas kennt ihn nicht. Er heißt: Der Reiche. Er hat keinen Namen mehr. Genauso wenig wie seine Familie. Das sind die Brü-der. Mehr nicht.

Einen Namen dagegen hat Lazarus, zu Deutsch: Gott hilft. Außer Gott hilft ihm ja nun wirklich niemand. Gelähmt liegt er vor der Tür des Reichen. Hunde, für die damalige Welt unreine Tiere, lecken seine Geschwüre. Das ist Ekel pur. Da möchte doch keiner hinsehen. In Kambodscha habe ich einmal einen leprakranken Menschen gesehen, mit fau-lenden Gliedmaßen. So ähnlich stelle ich ihn mir vor, den Lazarus. Ich habe in Kambodscha spontan weggesehen, zum einen, weil man ja nicht starrt, wenn man so etwas Schreckliches sieht, und dann: Wer möchte da schon hin-sehen ...

Damals zu Jesu Zeiten war es für Reiche schick, sich nach dem Essen die Hände mit Brot abzuwischen und diese Brot-Servietten unter den Tisch zu werfen. Diese Abfälle, man kehrt sie aus dem Haus, hätte Lazarus gerne gegessen. Die Hunde werden sie ihm streitig gemacht haben. Wer gelähmt ist, hat keine Chance. Und so stirbt Lazarus und Engel tra-gen ihn in Abrahams Schoß. Wir haben uns diesen Platz als paradiesisches Gastmahl vorzustellen, und Lazarus hat bei diesem Gastmahl den Ehrenplatz bekommen. Ja mehr als das, er wird von seinem Gastgeber sogar getröstet, liebevoll behandelt.

Auf Erden feiert der Reiche derweil seine Gelage weiter. Dann stirbt auch er. Doch er kommt in den Hades, eine Art Vorhölle, von der aus man das Paradies sehr gut sehen kann. Doch nicht irgendein Armer liegt hier in Sichtweise des Reichen, sondern der Reiche sieht den Menschen Laza-rus, der vor seiner Tür starb. Oder - aber das werden wir noch sehen - er sieht und sieht ihn doch nicht.

Ausgleichende Gerechtigkeit, könnte man denken, der eine hatte sein Gastmahl zu Lebzeiten, der andere eben im Paradies, aber wer so denkt würde Lukas, wieder, nicht ver-stehen. Denn was sieht der Reiche, wenn er sehen könnte, doch er sieht nicht, wie sich gleich zeigen wird? Könnte er sehen, dann erkennte er die gravierenden Unterschiede. Bei seinem Gastmahl ging es um die Verschwendung des Luxus, der sich direkt neben bitterer Armut ereignet. Den Kon-firmandinnen und Konfirmanden habe ich von einem Bericht in der BUNTE erzählt, es gibt Leute an der Côte d´Azur, die kaufen eine Flasche Champagner für fast 1000 Euro, um sie anschließend zu schütteln und auf ihre Partygäste auszu-kippen. Nichts gegen Champagner, aber wem bei einem solchen Bericht nicht die Augen aufgehen, dem ist nicht zu helfen. Das Gastmahl des Abraham dagegen ist ein liebe-volles, tröstliches Gastmahl, bei dem Lazarus ausruhen und seine Seele Heilung finden kann. Das Gastmahl des Abra-ham im Paradies, das ist wie ein Spiegel, in dem der Reiche viel erkennen könnte, wenn er hinsähe. Doch er sieht wie-der nur sich selbst, und das ist die namenlose Hölle. Des-halb bleibt er ohne Namen, namenlos, weil ein Name etwas ist, das von einem anderen geschenkt, mit dem man von einem anderen gerufen, in den man hineingeboren, hinein-getauft wird. Doch der Reiche sieht nur sich und seine ei-gene Brut, sein eigenes Leid. Während Lazarus auf Erden nach Brot hungerte, dürstet den Reichen jetzt nach einem Schluck Wasser. Ihn dürstet nach Leben, und er weiß nicht, wie er es finden soll. Und er ist dumm, auch das ein Zug dieser wunderbaren Ironie des Lukas. Dummheit paart sich leicht mit Anmaßung, und der Reiche ist so dumm und so anmaßend zu meinen, Lazarus könne ihn bedienen, ihn an-fassen, gerade ihn, der sich zeit seines Lebens ekelge-schüttelt vom Leib des Lazarus abgewandt hatte. Ja er meint sogar, er könne Lazarus herausreißen aus seinem Trost, ihm eine Auferstehung zumuten, doch nicht weil er an die Armen denkt (die die Brüder nicht sehen, so wenig wie er sie gesehen hat), sondern um der Brüder willen.

Die Brüder haben, was nötig ist. Die Propheten. So wehrt Abraham die Anmaßung des Reichen ab. Deutlich genug sind diese Mahnungen für die, die hinhören wollen. Und hinsehen. Wer nur sich selbst sieht, verliert seinen Namen vor Gott. Der Reiche bleibt namenlos, so wie seine Brüder. Weil er blind ist für das Elend vor seinen Augen, wird Gott blind für ihn.

An der Kluft zwischen Arm und Reich hat sich trotz der mahnenden Worte der Propheten, trotz der Geschichte vom Lazarus und dem namenlosen Mann wenig geändert. Waren am Ende die Mahnungen zu moralisch? Gegenüber morali-schen Zeigefingern war reiche Ignoranz schon immer ziem-lich immun. Aber - ist die Geschichte vom Lazarus dem Na-menlosen überhaupt moralisch? Oder ist sie ironisch-raffi-niert?

Nein, ein Moralist ist Lukas nicht. Doch einer, der sich em-pört über die gottlose schreiende Ungerechtigkeit in dieser Welt. Und einer, der es uns nicht erlaubt, uns mit Brot-resten aus der Verantwortung zu stehlen. Nichts gegen die Tafeln, die es inzwischen überall gibt, aber damit allein ist es nicht getan. Damit ist nicht die Ungerechtigkeit gegen-über Kindern, die von Hartz 4 leben müssen, aus der Welt geschafft. Beim Stichwort Ungerechtigkeit denke ich aber auch an die alte Dame, ihre gepflegte Sprache verriet mir noch ihre gute Erziehung, die begeistert davon erzählt, dass sie dank der Pfandflaschen, die sie aus Mülleimern klaubt, manchmal 9 Euro in der Woche für ihre Rente dazuverdie-nen kann. Hinsehen. Wirklich hinsehen. Diese Menschen haben einen Namen. Vor Gott - aber auch für ihre Mit-menschen?

Einmal ist die Sache vorbei, hier auf dieser Erde. Beide ster-ben, Lazarus und der Reiche. Je öfter ich diese Geschichte lese, umso mehr ahne ich, dass es Lukas nicht darum ging, dem Reichen im Jenseits eins auszuwischen. Ich denke, das Jenseits können wir gut Gott überlassen, der im Übrigen gar nicht namentlich in dieser Geschichte genannt wird.

Beide sterben. Doch wie ich mein Leben lebe, vor meiner Beerdigung, ob dumm und egozentrisch und anmaßend oder hinsehend, wahrnehmend, ernstnehmend, das hängt tatsächlich sehr von mir ab. Denn: Nehmen wir es dem Er-zähler ab, dass der Reiche alle Tage herrlich und in Freuden lebte? Schwingt nicht schon hier eine satte Portion Süffisanz mit? Kann ein Mensch tatsächlich freudig und fröhlich leben, wenn neben ihm das Elend liegt? Oder ist diese Freude des namenlosen Reichen bei genauerem Hinsehen schal und hohl und dumm? So dumm wie es ist, eine Flasche kost-baren Champagners über Köpfe auszuschütten statt sie zu genießen. Wer nur so feiern kann, ist zu bedauern.

Ich ahne, dass ein hinsehendes Leben zwar unbequemer und anstrengender, aber gleichzeitig erfüllt sein kann, und zugleich oft genug voller Genuss. Ein Leben, liebevoll gelebt, ein Leben, das satt macht, auch weil ich weiß, wie wenig selbstverständlich es ist, dass und wenn ich genießen kann.

Es ist sicher ein radikaler Schritt in eine andere Richtung, doch wie der aussehen kann, davon hat mir in dieser Woche ein junger Mann erzählt. „Ich habe erfahren, dass ich zu viel habe, mich viel zu sehr ablenke“ berichtet er mir. „deshalb habe ich mich von allem verabschieden müssen, von allem Besitz. Ich bin dann mit meinem Fahrrad durch Europa gefahren. Ich hatte nicht einmal mein Zelt dabei. Es war erst einmal anstrengend, nur mich zu haben. Aber nur so konnte ich mich kennenlernen. Spüren, wer ich wirklich bin. Heute möchte ich gerne von meinen Erfahrungen weitergeben.“ Er lächelte mich an. „Man kann doch nicht alles für sich behalten. Ich muss doch etwas weitergeben von dem, was mir geschenkt worden ist.“ Ja, und das klang überhaupt nicht moralisch, sondern ganz selbstverständlich. Und ich dachte: Dieser junge Kerl, der ist ganz schön nahe dran am Himmelreich. Mitten im Leben.

Ein Leben, gelebt in Gottes Namen, der unsere Namen, so er will, einschreiben möge in seine Hand und in den Him-mel. Darüber kann man sich dann wirklich freuen!

Amen.


Verfasserin: Pfarrerin Dr. Angela Rinn
Eleonorenstr. 31, 55124 Mainz



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