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Aus Gnade zu neuem Leben Pharisäer und Zöllner

von Frederike Reif (Neustadt)

Predigtdatum : 27.08.2017
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 10. Sonntag nach Trinitatis - Israelsonntag: Kirche und Israel
Textstelle : Matthäus 21,28-32
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Predigttext Matthäus 21, 28 - 32
Gleichnis von den ungleichen Söhnen
„Was meint ihr aber? Es hatte ein Mann zwei Söhne und ging zu dem ersten und sprach: Mein Sohn, geh hin und arbeite heute im Weinberg.
Er antwortete aber und sprach: Ich will nicht. Danach aber reute es ihn, und er ging hin.
Und der Vater ging zum andern Sohn und sagte dasselbe. Der aber antwortete und sprach: Ja, Herr!, und ging nicht hin.
Wer von den beiden hat des Vaters Willen getan?
Sie sprachen: Der erste. Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Die Zöllner und Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr.
Denn Johannes kam zu euch und wies euch den Weg der Gerechtigkeit, und ihr glaubtet ihm nicht; aber die Zöllner und Huren glaubten ihm. Und obwohl ihr's saht, reute es euch nicht, sodass ihr ihm danach geglaubt hättet.“

Liebe Gemeinde,

ein Vater und seine Kinder. Söhne hier, es könnten auch Töchter sein – das hätte nur nicht in die damalige Zeit ge-passt. Ganz alltägliche Szenen: Der eine geht im Auftrag des Vaters in den Weinberg, der andere nicht. Spiegelbildlich sind sie: Der eine lehnt zunächst ab, der andere sagt zunächst zu. Und wer hat nun den Willen des Vaters getan?, fragt Jesus, nachdem er die kurze Geschichte erzählt hat. Ganz klar für seine Zuhörer: Der erste – der, der zunächst „Nein“ antwortet, dann aber doch hingeht, um im Weinberg zu arbeiten.

Ganz klar, für uns auch: Der Sohn, der in den Weinberg geht, erfüllt des Vaters Willen. Obwohl er sich erst gegen den Vater stellt. „Nein, ich will nicht.“ Wer Kinder hat, kennt das wohl auch auf die eine oder andere Art. Was mag in dem Sohn vorgegangen sein? War es seine Art, erst einmal abzulehnen oder geschah es aus einer Laune heraus? Hatte er gute Gründe dafür oder brach ein Groll auf den Vater aus ihm heraus?
Die Geschichte ist ein Beispiel, das Jesus aus dem Leben greift. Die Reaktion dieses Sohnes, der den Willen des Va-ters erfüllt – ganz kurz in den Worten des Evangeliums: Er antwortete aber und sprach: Nein, ich will nicht. Danach reute es ihn, und er ging hin.

Es bleibt unserer Fantasie überlassen, wie wir uns die han-delnden Personen vorstellen. Vielleicht hat es sich aus der Sicht dieses ersten Sohnes so abgespielt:
„Geh und arbeite heute im Weinberg.“ Hat Vater keine Ahnung, was ich alles zu tun habe? Wie stellt er sich das vor? Kann er nicht selbst gehen? Ich kann doch nicht für alles verantwortlich sein. Überhaupt bin ich so müde, habe ganz andere Sorgen im Kopf. Warum hängt alles an mir? Es sind doch noch andere da. [nachdenkliche Pause] Ach ja. [Pause]
Andererseits: ich weiß ja, wie es ist. Alle haben noch anderes zu tun. Je mehr dabei sind, desto schneller ist die Arbeit getan. [Pause]

Wie Vater mich angesehen hat. Er war enttäuscht. Gesagt hat er nichts, nur mich angesehen. Mit diesem Blick: Ich verstehe, mein Sohn, sagt dieser Blick. Ja, er weiß, was ich noch so alles habe, was mir Sorgen macht und mir die Kraft nimmt. Aber eigentlich verlangt er ja gar nicht so viel. Ich muss ja nicht alles allein machen, erwartet er ja gar nicht. Ja, er ist enttäuscht. Ich habe ihn enttäuscht. Er hat schon so viel für mich getan. Und die Arbeit im Weinberg – ich mache sie doch gern. Warum habe ich eigentlich gleich nein gesagt? Ich weiß doch, wie wichtig es ist. Jeden Tag ein bisschen, dann wird es nicht zu viel. Ich werde einfach doch gehen. Ich bin doch auch ein Teil des Ganzen.
Können wir uns auf diese Art hineinversetzen? Wie hätten wir geantwortet?
[Parkplatz für Ergänzungen]

Hätten wir vielleicht eher wie der zweite Sohn geantwortet: Ja! Und dann? Was hat diesen Sohn wohl bewogen, seine Zusage einfach fallen zu lassen? Wieder sind es nur dürre Worte, die uns überliefert sind: Und der Vater ging zum andern Sohn und sagte dasselbe. Der aber antwortete und sprach: Ja, Herr!, und ging nicht hin.

Hat er es vergessen? Hatte er von vornherein vor, es nicht zu tun und wagte nur nicht, dem Vater das zu sagen? War ihm etwas dazwischen gekommen? Auch hier können wir unserer Fantasie freien Lauf lassen. Es könnte so gewesen sein (oder auch ganz anders):
„Geh und arbeite heute im Weinberg.“ Kein bitte, kein danke. Weiß Vater eigentlich, was ich alles für ihn zu tun habe? Na ja, was soll's. Der Tag ist noch lang. Jetzt mache ich erst einmal hier weiter, braver Sohn kann ich nachher auch noch sein. [Pause]

Wenn ich so darüber nachdenke, hier liegt auch noch eine Menge Arbeit. Vater weiß ja, wie wichtig alles ist. Und er hat doch bestimmt viele Leute heute im Weinberg. Da macht es nichts, wenn ich noch ein wenig später hingehe. Es sind ja viele da, auf mich kommt es gar nicht so an. [Pause]

Manchmal denke ich, mir wächst alles über den Kopf. Soll ich gar keine Zeit mehr für mich haben? Wie schnell die Zeit vergeht. Jetzt war ich immer noch nicht im Weinberg. Bestimmt ist ohnehin schon alles getan. Ich habe meinen Bruder gesehen, wie er sich aufgemacht hat. Der Nichts-nutz, eine große Hilfe wird er eh nicht sein. Na ja, sind ja genug andere da. Die machen das schon. Eigentlich werde ich gar nicht gebraucht. [Pause]

Wenn ich so darüber nachdenke – bestimmt hat mich Vater nur gefragt, weil er immer alle fragt. Was ist schon dabei, wenn ich es heute mal sein lasse. Morgen ist auch noch ein Tag.

Finden wir uns am Ende darin wieder? Haben wir auch schon Zusagen nicht eingehalten? Ist das nicht einfach menschlich?
[Parkplatz für Ergänzungen]

Für die Geschichte, wie sie Jesus hier erzählt, interessiert das alles nicht. Da hat einfach der eine Sohn den väterlichen Willen erfüllt und der andere nicht.

Es geht Jesus auch gar nicht um die Söhne, sondern um seine Zuhörer – das waren Hohepriester und Älteste des Volkes. So wie Matthäus sein Evangelium erzählt, war Jesus gerade im Tempel und begegnete dort diesen Männern. Sie kannten ihn als einen Menschen, der anders von Gott redete als sie es taten. Sie kamen zu ihm und verlangten Rechtfertigung von ihm. „Aus welcher Vollmacht handelst du?“ Jesus verweigerte ihnen darauf eine Antwort, doch er erzählte dieses Gleichnis von den ungleichen Söhnen.
Indirekt vergleicht er seine Zuhörer mit dem zweiten Sohn. Jesus sagt: Die Zöllner und Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr.

Der erste Sohn ist eigentlich einer, der seinen Vater ent-täuscht. Er will nicht hören, worum der ihn bittet, lehnt rundheraus ab. In der Gesellschaft zur Zeit Jesu ist ein Vater der Patriarch, dem alle zu gehorchen haben. Ein Sohn, der auf diese Art dem Vater den Gehorsam verweigert (Nein, ich will nicht.) wird verachtet – egal, ob er dann noch dem Willen des Vaters folgt oder nicht. Die Zuhörer Jesu hier, Hohepriester und Älteste, sind rechtschaffene Männer, die dem überkommenen Gesetz treu sind. Wir können annehmen, dass sie wenig Verständnis für einen solchen Sohn haben. Dennoch müssen sie zugeben: Er hat den Willen des Vaters getan.

Zöllner und Huren – mit dieser Formulierung werden Männer und Frauen zusammengefasst, die in der damaligen jü-dischen Gesellschaft ebenfalls verachtet wurden. Jesus ver-knüpft damit quasi alle Menschen, die zu seiner Zeit ver-achtet wurden mit dem Beispiel des ersten Sohnes. Wer erst einmal die Verachtung der Gesellschaft auf sich gezogen hatte, hatte kaum eine Chance, das zu ändern. Jesus aber sprach anders als die hochgestellten Gelehrten des jü-dischen Volkes: Er forderte Umkehr, verurteilte aber nie-manden wegen seiner oder ihrer Vergangenheit. Zu ihm kamen viele Zöllner und Huren und andere Verachtete, die sich durch die gute Nachricht von göttlicher Vergebung befreit fühlten und Jesus gerne folgten. Gerade das warf man Jesus.

Jesus bringt es klar auf den Punkt: Die Zöllner und Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr. Er erklärt weiter: Denn Johannes kam zu euch und wies euch den Weg der Gerechtigkeit, und ihr glaubtet ihm nicht; aber die Zöllner und Huren glaubten ihm. Und obwohl ihr's saht, reute es euch nicht, sodass ihr ihm danach geglaubt hättet.

Es wird deutlich: Der Vater in der Geschichte ist Gott. Durch seine Propheten spricht Gott zum jüdischen Volk. Viele Menschen folgen rechtschaffen dem Gebot Gottes – dem Buchstaben. Sie sagen „Ja, Herr!“. Aber haben sie die wirk-liche Botschaft verstanden? Handeln sie nach der göttlichen Liebe, die vor allem auch Vergebung schenkt? Oder kleben sie am Buchstaben des Gesetzes und haben seinen Sinn aus den Augen verloren? Nämlich an Gottes Himmelreich zu arbeiten, in dem Verachtung fehl am Platze ist, wo nicht die einen auf Kosten der anderen leben, sondern Frieden und Gerechtigkeit herrschen. Wer andere verachtet und verur-teilt, handelt Gottes Gebot der Liebe zuwider, egal, wie er oder sie im Alltag den religiösen Regeln folgt. Das macht Jesus mit seinem Gleichnis und seinen folgenden Worten deutlich.

Und was sagt Jesus uns? Die Worte Jesu wurden weiterge-geben, damit auch nachfolgende Generationen sich ihre Ge-danken machen können, die gute Nachricht hören und sich selbst fragen: Wo stehe ich?
[Parkplatz für Ergänzungen]

Der Vater in Gleichnis schickt die Söhne, im Weinberg zu arbeiten. Jesus verwendet die Arbeit im Weinberg wiederholt als Bild für das Handeln derer, die ihm folgen wollen: Arbeitet im Weinberg Gottes – handelt so, wie es dem Evangelium entspricht.

Vielleicht sagt sich der Vater im Gleichnis folgendes:
Es ist gut, dass ich meine Kinder habe. Ein guter Weinberg ist es, der da zu bestellen ist. Da lohnt sich die Arbeit. Wel-che Freude macht es, die Früchte nachher zu genießen. Ja, welche Freude kann schon die Arbeit tun – wenn viele an-packen, Hand in Hand arbeiten, da ist es gut zu schaffen. Ich schicke alle hin – da können alle jeweils das tun, was ihnen am meisten liegt, dann ist für alles gesorgt und niemand muss sich verausgaben. Und wenn dann alles gut läuft, ist die Arbeit schnell und gut getan.
Auch uns fordert Gott zur Arbeit im Weinberg auf. Gott ver-lässt sich darauf, dass wir selbst darauf kommen, was unsere Gaben dabei sind, und dass wir diese Gaben nutzen. Vielleicht ist es uns dabei schon gegangen wie dem ersten Sohn: Nein, ich will nicht; vielleicht auch: Nein, ich kann nicht. Oder vielleicht hat es überhaupt lange gedauert, bis wir gehört haben, dass Gott uns ruft. Doch Gott ist geduldig. Gott lädt uns immer wieder neu ein. Gott vergibt. Und Gott verspricht das Himmelreich – da, wo wir mit daran bauen. So wie wir können, Stück für Stück.
Amen.


Verfasserin: Pfarrerin Friederike Reif
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