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Beten im Namen Jesu

von Erwin Hofmann (36341 Lauterbach)

Predigtdatum : 13.05.2007
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : Kantate
Textstelle : Matthäus 6,(5-6).7-13.(14-15)
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Wochenspruch:

Gelobt sei der Herr, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte vonmir wendet.
(Psalm 66, 20)
Psalm:
95, 1 – 7 oder 118 (EG 747)

Lesungen

Altes Testament:
2. Mose 32, 7 - 14
Epistel:
1. Timotheus 2, 1 – 6a
Evangelium:
Johannes 16, 23b – 28(29 – 32)33

Liedvorschläge

Eingangslied:
EG 161
Liebster Jesu, wir sind hier
Wochenlied:
EG 133
Zieh ein zu deinen Toren
Predigtlied:
EG 344
Vater unser im Himmelreich
Schlusslied:
EG 369, 7
Sing, bet und geh auf Gottes Wegen

Matthäus 6, (5 – 6)7 – 13(14 – 15)
[ 5 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, damit sie von den Leuten gesehen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. 6 Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten.] 7 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. 8 Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. 9 Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. 10 Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. 11 Unser tägliches Brot gib uns heute. 12 Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. 13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen. [ 14 Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. 15 Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.]

Überlegungen zu einer Predigt über das Beten zum Sonntag Rogate 2007
Das Beten war, abgesehen von den gemeinsamen, vorformulierten Gebeten im Gottesdienst, in unserer evangelischen Kirche eine höchst persönliche, private Sache, über die man nur selten sprach. Eine Ausnahme davon ist der Pietismus, in dem wesentliche Vollzüge der Glaubensgemeinschaft sich in der Form der Gebetsgemein-schaft darstellten. Sie aber barg die Gefahr in sich, dass die Warnung Jesu auf sie zutraf, wie sie Mt. 6,5-7 formuliert ist. In einer Öffentlichkeit unserer Tage scheuen sich Prominente in Talkshows nicht mehr zu erzählen, dass sie beten.
Auf der anderen Seite sieht es so aus, als habe die Welt des Handels und der Aktionen die gläubige Hinwendung zu einer göttlichen Macht völlig verloren. Es gilt also, in eine gespaltene Situation hinein zu predigen. Wo kann man anknüpfen? - Was kann man sagen? Zum ersten gilt es festzuhalten, dass der Mensch wohl von seiner Natur her in Krisensituationen sich immer an übergeordnete Mächte wendet, die trotz aller Skepsis auf einmal Wirklichkeit gewinnen. Außerdem kann man mühelos viele unserer Antworten auf das, was uns widerfahren ist, als Gebet verstehen - auch wenn man es nicht so formuliert (siehe Luthers Knecht Hans, der seinen Mist auf den Acker fährt und dies als einen Gottesdienst verstehen kann). Das bedeutet die Ermutigung der Gläubigen dazu, ihr ganzes Leben als Auseinandersetzung mit Gott zu verstehen, besonders auch dann, wenn man meint, ihm Vorwürfe machen zu müssen.
Zum zweiten haben wir den uns vorgegebenen Predigttext Mt. 6, 5-15, dessen Kernstück (das Vaterunser) dann aber nicht als ständig zu wiederholender Text zu verstehen ist, sondern als Muster für das, worum wir und wofür wir alles bitten sollen und dürfen. Das könnte und dürfte Befreiung zu einem dankbaren und vertrauensvollen Beten für den Prediger wie für den Hörer bedeuten.

Liebe Gemeinde!
Wir kommen in den Gottesdienst, um auf Gottes Wort zu hören und auch, um miteinander zu beten. Das Beten ist wahrscheinlich für viele von uns das Wichtigste am Gottesdienst. Hier sagen wir Gott Dinge, an die wir nicht immer denken und deren Wichtigkeit uns erst im Hören auf sein Wort bewusst wird. Sitzen wir damit in der Kirche in einer Versammlung frommer Spinner?
Das werden die Zeitgenossen denken, die sagen, dass sie keinen Gott brauchen und die deshalb auch nicht beten - zu wem denn, so meinen sie.
Aber kommt denn ein Mensch in seinem Leben aus, ohne je zu beten? Wir erleben doch alle irgendwann Dinge, die uns die eigene Ohnmacht vor dem Schicksal erfahren lassen. Dann bäumen wir uns dagegen auf. Ist das nicht Beten? Wir hadern mit Gott, und das Gegenteil: es ist uns etwas über Hoffen und Vermuten gut gelungen, unser Herz ist froh und frei geworden. Oder wir sind, knapp aber heil, entronnen aus einer Gefahr, einem Unglück. Dann atmen wir tief durch. Ist das nicht auch ein Dankgebet? Wenn man weiß, an wen man sich mit seinen Sorgen wenden kann, wem man Dank sagen kann und das ist für uns unser Gott, dann gewinnen wir Vertrauen in das Leben, fröhliche Gewissheit für unser Handeln.
Wir sehen: eigentlich ist das Beten keinem Menschen fremd, aber besser ist es, wenn man weiß, an wen man sich wenden kann in Verzweiflung oder in Dankbarkeit.
Unser Predigttext, das Vaterunser, steht bei Matthäus in dem lehrhaft aufgebauten Zusammenhang der Bergpredigt. Da wird zunächst einmal gewarnt davor, dass man diese Wendung an Gott missbraucht, um von Anderen für die Frömmigkeit geachtet zu werden, zu der das Beten gehört. Das ging wohl dem Jungdiakon auf, den ich vor langen Jahren bei einer Allianzgebetswoche nach vielen und langen Gebeten der anderen Teilnehmer sprechen hörte: „Herr, vergib uns unsere Gebete, denn sie sind Lüge und Selbstdarstellung.“
Das war für die anderen dann entmutigend und empörend und so also auch nicht gut. Aber es zeigte, dass, was Jesus seinen jüdischen Zeitgenossen zum Teil vorwarf, auch bleibende Gefährdung christlichen Betens in der Öffentlichkeit ist. Wer für sich, „im Kämmerlein“, oder zusammen mit einem Menschen betet, mit dem er sehr vertraut ist, der braucht diesen Missbrauch bei sich nicht zu fürchten.
Wir evangelischen Christen sind leicht geneigt, den Satz Jesu „Ihr sollt nicht plappern wie die Heiden“ auf katholische Christen zu beziehen, in deren Kirche das häufige Wiederholen von Gebeten, gerade auch des Vaterunsers, eine verbreitete Frömmigkeitsübung ist. Vielleicht denken wir auch an die ritualisierten Gebete der Moslems oder an die Gebetsmühlen der Buddhisten. Aber das kennen wir doch auch, dass wir „Gott zu ermüden“ versuchen durch das ständige Wiederholen unserer Anliegen. Auch zu uns sagt Jesus kurz und klar: „Gott weiß, was wir brauchen“.
Ja, wie ist denn zu beten? Dazu hat Jesus im Vaterunser eine Anleitung gegeben. Nicht das sinnentleerte Wiederholen eines Textes macht uns das Vaterunser lieb, sondern dass unsere Gedanken hingelenkt werden auf Sachverhalte und Betrach-tungsweisen dieser Welt, die im alltäglichen Gehetztsein leicht untergehen. Ein katholischer Christ sagte mir einmal nach einer unserer ökumenischen Veranstaltungen, ihm gefalle die „evangelische Art“, das Vaterunser langsam zu sprechen, da sei doch „etwas dahinter“. Gebe Gott, dass es so ist!
„Unser Vater in dem Himmel“ - so reden wir Christen im Beten unser Gegenüber an. Das heißt, wir vertrauen ihm, wie ein Kind seinem Vater vertraut, von dem es weiß, er wird mich nicht in meinen Nöten allein lassen. Auch wenn ich seine Gegenwart nicht sofort spüre, wird er mir doch die Kraft geben, Schwieriges durchzustehen und den endgültigen Sinn meines Schicksals einmal zu erfahren.
Wir sehen diesen guten Vater nicht, das drücken wir aus mit der aus der Antike stammenden Redeweise „in dem Himmel“, aber auch nicht alle Menschen, die es gut mit uns meinen, die etwas für uns tun, sehen wir - und wissen uns doch von ihnen unterstützt.
„Dein Name werde geheiligt“ - das ist nicht leicht zu begreifen in einer Welt, die Gottes Namen häufiger in gedankenlosen Redensarten - ach du lieber Gott! - und in Witzen gebraucht als in ernsthaften Gedankengängen. Meinen wir es wirklich ernst, müssen wir, um das zu verdeutlichen, sagen „der liebe Gott“, denn man fürchtet, seine schlichte Bezeichnung wirke lächerlich. Unbefangen sollten wir von Gott sprechen, so, dass die uns hören, wissen, wir rechnen im Ernst mit ihm.
„Dein Reich komme“ - dass damit keine politische Herrschaft gemeint ist, das hat sich nachgerade herumgesprochen. Aber die Sehnsucht lebt in unseren Herzen, dass wir in einer Umgebung und unter Umständen leben können, die den guten und hilfreichen Lebensordnungen Gottes entsprechen. Wir wollen uns nicht ständig vor dem fürchten müssen, was Menschen mit Menschen anstellen.
Nicht nur in unserer Geschichte und in der Gegenwart der „Dritten Welt“ ist die Erde und ihre Menschheit voll von bösen Beispielen dafür. Könnte es sein, dass die armen Völker der südlichen Hälfte des Erdballs, wenn sie nach Norden drängen und fliehen, nicht so sehr den Wohlstand suchen, sondern das Reich Gottes, in dem jedem Menschen sein Recht wird?
„Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel“ - irgendwo, hier ausgedrückt mit dem „im Himmel“ muss es einen Lebensraum geben, in dem nicht der Wille der Menschen zur Macht den Ausschlag gibt, sondern der, der will, „dass allen Menschen geholfen werde“. Dieser Raum aber fällt nicht „vom Himmel“, er muss geschaffen und verwirklicht werden durch uns Menschen. Das Gebet des Herrn zeigt an der Stelle, dass wir Christen nicht bloß da stehen mit offenen, empfangsbereiten Händen, sondern mit tätigen Fäusten, die bereit sind, in der Welt Dinge zu verändern, die dem Willen Gottes nicht entsprechen.
„Unser täglich Brot gib uns heute“ - Luther hat im Kleinen Katechismus unübertrefflich deutlich gemacht, was das heißt „täglich Brot“ - nur ist seine Sprache an der Stelle sehr stark geprägt von den sozialen und wirtschaftlichen Gegebenheiten seiner Zeit. Wir sollten uns doch von ihm sagen lassen, dass „täglich Brot“ alles umfasst, was wir zum Leben brauchen. Nicht nur um Nahrung und Trinken, sondern auch um Menschen, die wir brauchen wie geordnete Verhältnisse, dürfen und sollen wir beten. Bei dieser Bitte soll ich mich ganz konkret fragen, was habe ich zur Stunde in meinem Leben nötig? Nichts ist vor Gott zu gering!
„Und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigem“ - das ist im ersten Teil leicht und dem Einsichtigen nötig zu beten, im zweiten Teil aber ist es ungeheuer schwer. Vergeben ist nicht leicht, es geschehe denn oberflächlich, und ist nicht wirklich ernst gemeint. Luther hat einmal gemeint, man könne sich mit dieser Bitte in den Himmel beten. Aber der Text gibt nicht zwingend vor, dass die Erfüllung des ersten Teiles nur möglich sei als Folge, Konsequenz dessen, dass man selbst dem vergibt, der an uns schuldig geworden ist. So möchte ich es verstehen, dass wir Menschen, alle irgendwo schuldig, auch alle der Vergebung bedürfen. Das Vaterunser will uns anhalten zu einem guten Umgang miteinander. So vergebe ich, um meinem Widersacher sein Leben zu ermöglichen, und so will Gott dann auch mit mir umgehen, mir ein Leben ermöglichen, das nicht von Schuldgefühlen belastet ist. „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel“ - eigentlich ist mir diese ältere Übersetzung lieber als dies, dass wir heute sprechen: „von dem Bösen“. Dabei wird doch das irreführende Verständnis nahe gelegt, es handle sich um die Erlösung vom Teufel (wie immer man sich den vorstellen mag). Der Zusammenhang mit der Versuchung zeigt doch deutlich, dass es sich um das Böse handeln muss, das durch unser Nachgeben zum Tun des Unrechtes geschehen wird. Die Welt ist voll solcher Versuchungen. Wir haben bei Wahlen, anderen politischen Entscheidungen, bei der Frage, ob wir den zu erreichenden Gewinn über das Wohl unserer Mitarbeiter stellen, oder ob wir „unsere Kreise“ frei halten wollen von fremden Elementen“ (so herzlos spricht man von Menschen!), immer die Möglichkeit, dass wir der Verlockung oder auch der Mehrheitsmeinung nachgeben und damit für andere Menschen das Böse anrichten. Hier rüttelt das Gebet an unserem Gewissen.
Den Lobpreis am Ende: „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen“ hat dem Text der Bergpredigt Jesu ein späterer Christ hinzugefügt. Damit wird nur noch einmal bekräftigt, was in der ersten und zweiten Bitte schon zum Ausdruck kam. Es ist der Trost, der uns sagt, dass ein menschliches Leben in Rücksicht und Brüderlichkeit möglich ist, wenn wir Christen nicht nur dafür beten, sondern auch etwas dafür tun. „Ora et labora - Bete und arbeite“. Gott hat die Macht und hält uns die Möglichkeit dazu offen.
(Matthäus hat dem Text des Mustergebetes Jesu in den Versen 14 und 15 eine Erläuterung zugefügt, die in dieser Predigt mit Absicht unerörtert bleibt, um den m. E. ursprünglicheren Text nicht dogmatisch zu fesseln, der davon spricht, wie Jesus durch das Beten und mit dem Beten uns Menschen Leben verspricht.)
Wer so mit Jesus beten kann, der wird in der Welt und mit der Welt leben als ein Christ, der hilft, dieses Dasein ein wenig dem Reich Gottes nahe zu bringen. Das ist die Antwort Jesu auf die Präge der Jünger: „Wie sollen wir beten?“ So ist das Vater-unser im Lukasevangelium eingeführt. Eine wunderbare Parallele bietet dazu dieser indianische Text:
UNSERE URGROSSELTERN sprachen niemals über das Beten, aber jeder Tag ihres Lebens war ein Gebet. Sie wussten, dass alles auf der Welt ein Geschenk des Schöpfers war, auch jeder Schluck Wasser, den sie tranken, und die Luft, die sie at-meten. Diese Geschenke waren von solchem Wert, dass niemand sie zurückerstatten konnte. Deshalb war jeder Schritt, den sie gingen, wie ein Dankgebet. Wenn sie aßen, lobten sie den Schöpfer damit. Auch wenn die Zeiten hart waren, sagten sie Dank für alles Lebendige rings um sie. Für sie war alles mit Leben erfüllt, Menschen, Tiere, Bäume, das Gras und sogar die Steine. Allem hatte der Schöpfer das Leben gegeben. Auch heute bete ich nicht nur mit Worten, sondern mit jedem Atemzug. Wenn mein Herz schlägt, sagt es Dank - wie eine Trommel, die geschlagen wird, um die Schöpfung zu preisen. ( Joseph Bruchac )
Er legt den Hauptwert auf das Danken für die schöne Welt Gottes, die er uns geschenkt hat. Amen.

Der Text von Bruchac ist aus: G. Bydlinski / K. Recheis, Die Erde ist eine Trommel, Herder Spektrum 4245 ² 1993 S. 13




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