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Beten im Namen Jesu

von Karlheinz Mewes (Groß Graz)

Predigtdatum : 29.05.2011
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : Kantate
Textstelle : Lukas 11,5-13
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Wochenspruch: „Gelobt sei der Herr, der mein Gebet nicht verwirft, noch seine Güte von mir wendet.“(Psalm 66, 20)
Psalm: 95, 1 – 7

Lesungen
Altes Testament: 2. Mose 32, 7 – 14
Epistel: 1. Timotheus 2, 1 – 6 a
Evangelium: Johannes 16, 23 b – 28 (29 – 32) 33


Liedvorschläge
Eingangslied: EG 450 Morgenglanz der Ewigkeit
Wochenlied: EG 133, 1 - 3 Zieh ein zu deinen Toren
Predigtlied: EG 351, 1 - 3 Ist Gott für mich, so trete
Schlusslied: EG 372, 1 - 4 Was Gott tut, das ist wohlgetan


Liebe Gemeinde,

auf einer Karte der Grafik Werkstatt Bielefeld sind sie abgebildet: Die Hellblonde und die Dunkelblonde mit der gleichen Frisur. Sie sitzen eng aneinander geschmiegt, einen Arm um die Schulter der Anderen gelegt und die Köpfe zärtlich aneinander gelehnt. Obwohl man sie nur von hinten sieht, spürt man die innige Zuneigung. Links oben auf der Karte steht geschrieben: „Was wäre das Leben ohne eine beste Freundin?“

So etwas gibt es nicht nur als Foto-Kunst-Karte. Das gab es tatsächlich: Die Hellblonde und die tief Dunkelblonde. Sie hatten nicht die gleiche Frisur. Auch sonst waren sie gar nicht gleich, aber doch enge Freundinnen. Eine Geschichte, die das Leben schrieb.

Die Hellblonde, die Jüngere, die Kindergärtnerin war alleinerziehend, mit einer Tochter. Weil ihr Partner keine Verantwortung übernahm und auf ihre Kosten lebte, hatte sie sich von ihm getrennt. Die Dunkelblonde, die Ältere, die Lehrerin war glücklich verheiratet. Sie hatte einen lieben, tüchtigen Ehemann. Ihre Tochter war wohl geraten. Aber der jüngere Sohn war durch eine komplizierte Geburt stark körperlich und geistig behindert. Eine jahrelange innige Freundschaft hatte die beiden Frauen verbunden. Aber durch einen unverschuldeten tragischen Verkehrsunfall war der Dunkelblonden die beste Freundin genommen worden.

Im Kindergarten war die Freundschaft entstanden. Wenn die Dunkelblonde die Tochter nicht zur rechten Zeit abholen konnte, nahm die Hellblonde sie mit zu sich nach Hause und betreute sie. Wenn beide Eltern dienstlich verhindert waren, wurde die Hellblonde die Ersatzmutti für die Tochter im Haushalt der Dunkelblonden. Unkomplizierte Absprachen lösten die Probleme. Daraus entwickelte sich die Freundschaft mit gemeinsamen Unternehmungen und Feiern. Als der behinderte Sohn auf die Welt kam, stand die Hellblonde der Dunkelblonden und ihrer Familie zur Seite. Ihre unkomplizierte Art und zupackende Hilfe, ihr Mitgefühl und ihr Fachwissen halfen der Dunkelblonden und ihrer Familie, diese schwere Aufgabe anzunehmen. Gemeinsam haben sie Möglichkeiten der körperlichen und geistigen Förderung des Behinderten gesucht und gefunden. Viele Male war die Hellblonde die gute Tante oder die Ersatzmutti für den behinderten Jungen. Sie hat ihn betreut, wenn die Familie es nicht konnte. Für Stunden oder Tage hat sie sich seiner angenommen. Das hielt sie durch, auch als sie selbst Mutter wurde und mit ihren Partnerschaftsprobleme belastet war.

Die Freundinnen teilten Freud und Leid. Es gab nichts, was sie nicht miteinander besprachen. Sie konnten sich alles sagen. Sie halfen sich gegenseitig in allen Lebenslagen.

Die Dunkelblonde erinnert sich an die Hellblonde: „Was wäre mein bisheriges Leben gewesen ohne diese beste Freundin? Nicht nur ihre Wohnung und ihre Hände waren offen, auch ihr Ohr, ihr Herz und ihre Seele. Stand ich spät vor ihrer Tür, sie ließ mich ein. Mitten in der Nacht konnte ich sie anrufen, sie hörte zu. Bei ihr konnte ich mein Herz ausschütten und Trost finden. Wenn es Probleme gab, haben wir gemeinsam Wege gesucht und gefunden. Dabei haben mir ihre burschikose Freundlichkeit, ihre Spontaneität und ihre Kompetenz sehr geholfen. Sie hat mir viel gegeben an Zeit und Rat, an Verständnis und Zuneigung. Sie hat uns geholfen, in schwierigen Situationen das Leben zu meistern. Sie war eine echte Lebenshilfe.“

Liebe Schwestern und Brüder, unter Freundinnen und Freunden versteht sich vieles von selbst. Darin gleichen sich die Beispielsgeschichte Jesu und die von mir vorgetragene Lebensgeschichte. Jesus erzählt seine Beispielsgeschichte mit einer Frage.

Die Antwort steht von vornherein fest. Wenn die Freundin / der Freund bittet, bekommt sie / er die Hilfe, die sie / er braucht. Die gebetene Freundin der Lebensgeschichte kommt gar nicht erst auf den Gedanken, den Freundschaftsdienst zu verweigern. Weder die Sorge um das schlafende Kind noch die eigene Bequemlichkeit hindern sie. Eine Freundin / einen Freund lässt man nicht im Stich. Daran lässt sich echte Freundschaft ermessen. Die Freundin / den Freund kann ich mit meinen Sorgen und Nöten behelligen. Sie / er hilft mir weiter, und sei es um Mitternacht.
Jesus erzählt seinen Jüngerinnen und Jüngern in seiner Beispielsgeschichte von einer solchen Situation. Er möchte mit der Geschichte von den beiden Freunden auf Gott hinweisen. Er möchte deutlich machen, wie Gott an den Menschen handelt, so wie eine beste Freundin / ein bester Freund.

Bei Gott gilt: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Gott um etwas zu bitten, ist genau so selbstverständlich, wie die beste Freundin, den besten Freund oder Mutter und Vater um etwas zu bitten.

Gott lässt mit sich reden. Gott ist ansprechbar. Es gibt nichts, was ich ihm nicht sagen könnte. Es gibt bei Gott keine Kleinigkeiten, um die ich ihn nicht bitten dürfte. Gott geht es um den ganzen Menschen und um das ganze Leben. Gott will meine beste Freundin /mein bester Freund sein.

In einem Gespräch bleibe ich nicht allein. Im Gespräch kann ich meine Sorgen, Ängste und Nöte, aber auch meine Hoffnung, Wünsche und Sehnsucht aussprechen. Im Gespräch mit Gott, im Gebet kann ich eine gute Erfahrung machen. Gott wird mir gegenwärtig, indem ich mich öffne, indem ich aus mir herauskomme. Ich bleibe nicht auf meinen Sorgen und Nöten, meinen Ängsten und Bedenken sitzen. Das Gespräch mit Gott hilft mir, mit ihnen anders umzugehen. Ja, es kann mich von ihnen frei machen.

Das Gebet, das Gespräch mit Gott verändert mich. Es ist ein Unterschied, ob ich stumm bleibe oder ob ich Gott bitte, mir oder einem Anderen zu helfen. Wie keiner aus einem Gespräch unberührt herausgeht, so geht keiner ungerührt aus einem Gebet heraus.

Was ich artikulieren kann, habe ich erkannt. Was ich erkannt habe, das kann ich bekennen. Was ich bekannt habe, davon kann ich frei werden. Erkennen und Bekennen sind Schritte zur Befreiung.

Was mir nahe geht, geht mir unter die Haut, geht mir zu Herzen. So erfahre ich Gottes Nähe, erfahre ich seine Gegenwart hautnah. Das verändert mich. Im Gebet bin ich Gott nah und Gott kommt mir nah.
Hilft es, Gott um etwas zu bitten, in der Hoffnung, dass er die Bitte erfüllt? Hilft es beispielsweise, vor einer Prüfung oder einer Entscheidung zu Gott zu beten? Gebet kann das Lernen oder das Denken nicht ersetzen. Es ist wichtig, sich auf eine schwere Prüfung oder eine schwierige Entscheidung intensiv vorzubereiten. Genau so richtig ist es, Gott zu bitten, dass alles einen guten Verlauf nehmen möge.

Mag der Eine fragen: „Was soll das bringen?“ Mag der Andere sagen: „Das ist doch nur Selbstberuhigung.“ Mag der Dritte sagen: „Mit solchen eigennützigen Bedürfnissen darf man Gott nicht belästigen.“ So wie der Freund den Freund in der Nacht wegen einer Kleinigkeit, wie drei Brotfladen, aus dem Schlaf reißt, so kann ich mich mit persönlichen Angelegenheiten an Gott wenden. Das von Jesus erzählte Beispiel lässt keinen Zweifel daran, dass Gott die Bitten erhört.

Aber viele von uns zweifeln an Gott und am Sinn des Betens. Man kann solche Sätze hören: „Ich habe so oft und so eindringlich gebetet, dass mein Mann gesund werden möge; nun ist er doch gestorben.“ Oder: „Ich bete so sehr darum, dass ich endlich sterben kann, aber ich liege hier und muss mich quälen.“ Da bitten Menschen um einen Fisch und scheinen eine Schlange zu bekommen. Sie bitten um ein Ei und erhalten scheinbar einen Skorpion. Stimmt es doch nicht: Bittet, so wird euch gegeben? Auf Dietrich Bonhoeffer geht folgender Satz zurück: Gott erfüllt nicht alle unsere Bitten, aber er erfüllt all seine Verheißungen.

Für all unsere Zweifel an Gott, für all unsere Verzweiflung gibt es einen Ort: Das Gebet, das Gespräch, die Klage, den Streut mit Gott. Wir dürfen Gott alles sagen. Bei allen unerfüllten Bitten gilt es, die Worte Jesu auszuhalten. Gott gibt uns keine Schlange und keinen Skorpion, wenn wir um einen Fisch und ein Ei gebeten haben.
Auch wenn wir es nicht oder nicht gleich zu erkennen vermögen: Gott erfüllt alle seine Verheißungen.

Jesus lädt uns ein, mit der Nähe Gottes unsere Erfahrungen zu machen. Er lädt uns zum Vertrauen ein, dass Gott unsere Bitten ernst nimmt, dass Gott wie eine beste Freundin, wie ein bester Freund auf seine Weise mit unseren Bitten umgeht.

Es bereitet mir große Schwierigkeiten, wenn ein Gebet nicht in Erfüllung geht. Nicht das, was ich erwartet habe, geschieht. Es passiert etwas ganz anderes. Manchmal erkenne ich viel später, welches Gottes Antwort auf mein Gebet war.

Ein Gebet kann helfen, schmerzliche Gedanken auszuhalten. Es kann auch helfen, mich von einem Wunsch zu lösen. Es kann mich erkennen lassen, dass mein Leben begrenzt und endlich ist. Es kann mich umorientieren. Vielleicht gibt mir Gott in Gebet zu erkennen, dass ich mit meinem Schmerz nicht allein bin, dass ER für mich da ist.

Liebe Schwestern und Brüder, die eingangs begonnene Geschichte, die das Leben schrieb, möchte ich weiter erzählen. Sie kann verdeutlichen, wie Gott erhört und hilft.

Die schwere Behinderung des Sohnes konnte niemand ungeschehen machen. Die Hellblonde stand der Dunkelblonden zur Seite. Immer wenn sie gebraucht wurde, war die beste Freundin da mit Zeit und Rat, mit Trost und Hilfe. Sie hat zugehört, Sorgen abgenommen, Lasten mitgetragen. Die Familie der Dunkelblonden hat mit ihrer Hilfe und durch Nutzung aller Fördermöglichkeiten die schwierige Aufgabe gemeistert. Der behinderte Sohn ist groß geworden. Er kann jetzt normal gehen. Er besucht eine Fördereinrichtung und beherrscht die Grundvollzüge des Lebens. Seine Eltern werden einmal ohne Sorge um den behinderten Sohn von dieser Welt scheiden können. Gott hört und hilft wie eine beste Freundin, wie ein bester Freund.
Es macht Sinn, wenn ich für mich und für andere bete. Und es tut gut, wenn ich weiß, jemand betet für mich. Das macht Schmerzen erträglich, das heilt die wunde Seele, das gibt Kraft zum Leben.
Deshalb hat es seinen guten Grund, dass wir im Gottesdienst öffentlich Fürbitte für einander und für andere halten.

Wir hoffen und vertrauen darauf:
Wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; wer anklopft, dem wird aufgetan.
Jesus lädt uns ein, Gott zu bitten, so selbstverständlich wie die Freundin, den Freund, die Mutter, den Vater.
Leben in Gottes Nähe; Jesus lädt uns dazu ein. Du kannst es nur selbst wagen; du darfst es wagen.
Lasst uns für einander beten, dass wir es wagen, Gottes Nähe zu suchen und uns IHM anzuvertrauen.
Lasst uns darauf vertrauen, was die Bibel uns bezeugt.
Wie eine beste Freundin, wie ein bester Freund ist Gott für uns da – jetzt und in Ewigkeit. Amen.

Verfasser: Prädikant Karlheinz Mewes,Deutscher Dorfstraße 36, 39615 Groß Garz

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