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Böses mit Gutem überwinden

von Ulrike Spengler ( Jena)

Predigtdatum : 19.06.2016
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 3. Sonntag nach Trinitatis
Textstelle : Römer 14,10-13
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Wochenspruch:
"Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen." (Galater 6, 2)
Psalm: 42, 2 - 12

Lesungen
Altes Testament: 1. Mose 50, 15 - 21
Epistel: Römer 14, 10 - 13
Evangelium: Lukas 6, 36 - 42


Liedvorschläge
Eingangslied: EG 133, 7.8.11 Zieh ein zu deinen Toren
Wochenlied: EG 625 Wir strecken uns nach dir
Predigtlied: EG 419 Hilf, Herr meine Lebens
Schlusslied: EG 428 Komm in unsre stolze Welt



Predigttext: Römer 14, 10 – 13
„Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du, was ver-achtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richter-stuhl Gottes gestellt werden. Denn so steht geschrieben (Jesaja 45,23): „So wahr ich lebe, spricht der Herr, mir sol-len sich die Knie beugen, und alle Zungen sollen bekennen.“ So wird nun jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben. Darum lasst uns nicht mehreiner den andern richten; sondern richtet vielmehr darauf euren Sinn, dass niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis bereite.“

Predigt

Liebe Gemeinde,

Mittagspause in der Abteilung. Kolleginnen und bereiten ihre Mahlzeiten vor: der eine packt die Tupperdose mit der safti-gen Rindsroulade aus, die vom Wochenende noch übrig ge-blieben ist. Die andere hat sich schnell einen Döner vom Stand neben der Praxis geholt. Eine Dritte bereitet sich einen Salat mit Körnern zu, fast food ist für sie schon lange ein no go. Ein vierter erwärmt sich das vegane Gemüsecurry. Er hat einen Schlussstrich gezogen unter jeglichem Verzehr tierischer Produkte. Nicht nur auf den Genuss von Fleisch verzichtet er. Auch auf alles, was sonst vom Tier kommt, Milch und Eier, Käse und Butter, hat er von seinem Ernährungsplan gestrichen.

Beim Duft der erwärmten Roulade steigt in ihm ein übles Gefühl aus der Magengegend auf. Er denkt, wie kann man nur so etwas noch essen. Wie kann man nur die grauenhaf-ten Bilder von Massentierhaltungen und brutalen Schlach-tungen, die allseits medial ausgestrahlt werden, so ignorie-ren.

Aus der anderen Richtung kommt ihm ein ebenso argwöhni-scher Blick entgegen. Obst, Gemüse, Körner … Du meine Güte. Weiß er nicht, wie einseitig und für den Körper unzu-reichend eine solche Ernährung ist? Bei der Vorstellung von Tofu, veganen Würstchen u. ä. kräuseln sich beim ihm die Geschmacksnerven.

So urteilt einer über die andere, macht sich die eine ein Bild über den anderen, über dessen vermeintliche Verschroben-heit oder Verantwortungslosigkeit. Einer landet in der Schublade des anderen.

Wir haben unsere Wertesysteme. Unsere inneren Werte, die unsere Einstellungen und Überzeugungen, ein Leben lang geprägt haben.

Wir urteilen über Verhaltensweisen anderer, über das, was man aus unserer Sicht tut und was man nicht tut. Zugege-ben, die Frage der Ernährung ist da nur ein vergleichsweise harmloses Thema.

Menschen, die sich für Flüchtlinge einsetzen, werden als Gutmenschen klassifiziert, Menschen, die ihre Angst vor den Herausforderungen der wachsenden Zahl von Flüchtlingen benennen, landen schnell in der rechtspopulistischen Ecke. Die Urteile dazu sind in unseren Kirchengemeinden genauso kontrovers wie im gesellschaftlichen Leben auch.

Frömmigkeitsstile in unseren Gemeinden: Lobpreislieder und persönliches Bekenntnis auf der einen Seite, Schatz der alten traditionelle Gesangbuchlieder auf der anderen Seite.
Ist die Bibel wörtlich auszulegen oder ist sie interpretations-bedürftig?

Sagen wir JA zu homosexuellen Partnerschaften und ihren Lebensentwürfen oder sind sie uns eine Anfechtung. Je nachdem, wie unsere Positionen sind, urteilen wir … abwer-tend, abfällig, überheblich oder wohlwollend. Das passiert meist ziemlich schnell.

Wir urteilen aus unseren Überzeugungen und unseren ganz persönlichen Meinungen und Ansichten heraus. Und …. nicht selten sind es noch tiefere Beweggründe, die zum Urteilen verleiten, zum geringschätzigen Urteil: Urteile ich abfällig über einen anderen Menschen, mache ich den anderen klein. So werde ich auf diese Weise ein Stück größer, werte mein Selbstbewusstsein auf.

Rede ich abwertend von einem anderen Menschen, werte ich mich damit ein Stück auf, gehe in die Rolle der Überlegenen. Dann bin ich die Stärkere/der Stärkere, Bessere, Klügere, Frommere. Damit stellen wir unsere Schwächen ein wenig nach hinten. In einer Gemeinschaft muss das zu Konflikten führen zu Verletzungen, zu Konsequenzen, die schmerzlich sind.

Wer das Fleisch nicht essen will, kann ja sehen, wie er mit den Kartoffeln klar kommt. Wer schwul oder lesbisch ist, sollte das für sich behalten und nicht auch noch offen nach außen tragen und wer sich für Flüchtlinge engagiert, dem muss schon mal sagen, dass er mit seiner Naivität den eu-ropäischen Gedanken aushöhlt. Im besten Falle lästert so einer über den anderen, aber immer werden Menschen ab-gewertet, an den Rand gedrängt oder ausgegrenzt. Gemein-schaft leidet darunter.

In der Bibel lesen wir eine Passage, die einen Weg weisen will, um solchen Entwicklungen zu begegnen, ein Abschnitt aus einem Brief, den Paulus an die Römer schreibt. So fragt er seine Adressaten an und so fragt er uns:

Was richtest du deinen Bruder? Oder du, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden. Denn es steht geschrieben: „So wahr ich lebe, spricht der Herr, mir sollen sich alle Knie beugen, und alle Zungen sollen Gott bekennen.“

So wird nun jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben. Darum lasst uns nicht mehr einer den andern richten; sondern richtet vielmehr darauf euren Sinn, dass niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis bereite. (Röm, 14, 10 - 13)
Im Übrigen - der Anlass, warum Paulus den Text über das Richten verfasst hat, war ein Konflikt zur Frage des Flei-schessens in der Gemeinde. Die Einen, für die mit ihrer jü-dischen Herkunft die Weisungen aus der Thora Gültigkeit hatte, aßen kein Schweinefleisch und nahmen nur koschere Nahrung zu sich. Das bedeutete auch, dass Fleisch ge-schächtet sein musste und dafür strenge Vorschriften für das Schlachten der Tiere eingehalten werden mussten. Für andere mit griechischem Hintergrund spielte das überhaupt keine Rolle mehr. Für sie war jede Art der Ernährung er-laubt.

Vielleicht wäre dieser Konflikt völlig vergessen worden, wenn er sich nicht im Römerbrief des Paulus niedergeschlagen hätte und so etwas wie ein Urbild für Konflikte und Streitigkeiten in Gemeinde und Kirche geworden wäre.

Das Muster ist wiederkehrend: Die einen, die in den Augen der anderen zu wenig Regeln beachten und die anderen, die es mit der Freiheit übertreiben. Wie können wir solch ein Muster durchbrechen?

Als erstes wird uns ein Perspektivwechsel empfohlen. Weg vom urteilenden Blick auf den andern, hin auf das eigene Leben für das wir einst Rechenschaft ablegen. Einst werden wir danach gefragt werden, wie wir unser eigenes Leben gestaltet haben, wie wir mit uns selbst und anderen umge-gangen sind - vor dem Richterstuhl Gottes.

Ein großes Wort. Wie können wir uns das vorstellen?
Eine Freundin, die dem Glauben gar nicht so sehr nahe steht, übersetzt es für sich ganz einfach: Irgendwann, spätestens am Ende meines Lebens, da wird mein Leben noch einmal in Bildern vorbei ziehen. Ich werde mich dazu verhalten müssen. Es werden die unguten Gefühle von Misslungenem aber die guten Gefühle von Gelungenem noch einmal Revue passieren. Und dann so können wir aus unserem Glauben weiter übersetzen, erscheint im Angesicht Gottes noch einmal alles in einem anderen Licht.
Alte Menschen lehren uns, was am Ende eines Lebens zählt. Oder anders herum: Von sterbenden Menschen lernen wir, was bedrängt, beschwert, was vielleicht auch hindert, los-zulassen. Weniger ist es das, was wir geleistet haben, unse-re Erfolge oder Misserfolge. Meist sind es Beziehungen, die nicht in Ordnung gekommen sind: der Sohn, mit dem es vor Jahren einen Bruch gab und seit dem Schweigen im Walde ist, die Ehe, die im Unfrieden geendet ist und kein Wort der Versöhnung mehr gefunden werden konnte, eine alte Freundschaft, die mit einem anmaßenden Urteil ihr Ende fand.

Am Ende sind es die Beziehungen, nach denen wir gefragt werden, die Beziehung zu mir selbst und zu den anderen, die uns umgeben, zu den Menschen, die zu uns gehören und wir zu ihnen. Nicht die großen Leistungen stehen im Vordergrund.

Manchmal haben wir eine Ahnung, dass wir immer wieder Zeiten brauchen, an denen wir innehalten und uns besinnen, was jetzt gerade wichtig ist.
Am Ende eines Jahres nehmen wir Rückschau und nehmen Ausblick, was anders werden soll. Haben wir unsere Bezie-hungen mit im Blick?
Am Ende einer Woche – wer hatte noch auf ein Zeichen von mir gewartet? Wen habe ich vor den Kopf gestoßen?
Am Ende eines Tages - Wen habe nicht weiter beachtet, weil er mich sonst nur nervt?

Hier schließt sich die zweite Aussage des Predigttextes an: Darum richtet nun nicht mehr, sondern richtet aus … ein schönes Wortspiel und wiederum ein Perspektivwechsel nun wieder zum anderen hin. Gestalte dein Leben so, dass du keinen Anstoß erregst. Überlege mit dem, was du sagst oder tust, ob du einen anderen Menschen damit brüskierst, verletzt, kränkst, klein machst. Ob du über ihn urteilst, oder ihn gar verurteilst.

Nicht zu richten würden also heißen, immer öfter darauf zu verzichten, ein endgültiges Urteil zu fällen. Das würde be-deuten, dass wir unser eigenes Wertesystem nicht zum Maß aller Dingen machen. Es würde bedeuten, dass wir die Welt nicht nur in richtig oder falsch, gut oder böse im Sinne un-seres eigenen Wertesystems einordnen, auch wenn dadurch die Welt etwas unklarer und unsicherer und offener bleibt. Wir bräuchten uns nicht mehr größer zu machen als wir sind und andere damit kleiner.

Darum tut es gut auf uns selbst zu achten und das letzte Urteil dem zu überlassen, dem es zusteht.
Amen.


Eingangsgebet
Gnädiger Gott, du hast dich unser erbarmt, deinen Sohn Mensch werden lassen und uns durch ihn Vergebung und Gnade geschenkt. Hilf du auch uns zur Barmherzigkeit, dass wir freundlich und vertrauensvoll mit anderen Menschen umgehen. Das bitten wir dich durch Christus, deinen Sohn, dem Anstifter zum Leben, der uns deine Liebe verbürgt heu-te, alle und Tage und in Ewigkeit.


Verfasserin: Pfarrerin Ulrike Spengler,
Am Planetarium 10, 07743 Jena

Herausgegeben vom

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