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Brot des Lebens

von Karl Hans Geil (Lampertheim)

Predigtdatum : 18.03.2007
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : Okuli
Textstelle : Johannes 6,47-51
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Wochenspruch:

Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.
(Johannes 12, 24)
Psalm:
84 (EG 734)


Lesungen

Altes Testament:
Jesaja 54, 7 – 10
Epistel:
2. Korinther 1, 3 – 7
Evangelium:
Johannes 12, 20 - 26




Liedvorschläge

Eingangslied:
EG 396
Jesu, meine Freude
Wochenlied:
EG 98
Korn, das in die Erde
Predigtlied:
EG 546
Wer leben will wie Gott
Schlusslied:
EG 157
Lass mich dein sein und bleiben



Johannes 6, 47 - 51
47 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer glaubt, der hat das ewige Leben. 48 Ich bin das Brot des Lebens. 49 Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. 50 Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, damit, wer davon isst, nicht sterbe.
51 Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. Und dieses Brot ist mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt.


Theologische Hinführung

Auf den ersten Blick scheint der Text eine Anreihung theologischer Termini und Bilder zu sein, die sehr inhaltsschwer wirken. Zumal der Eingangssatz „Wer glaubt, der hat das ewige Leben“, gleich zwei Grundsatzfragen von Christen anspricht. Was ist Glaube und was bedeutet Ewiges Leben. Die direkte Ich-bin Antwort, mit dem Anspruch Brot des Lebens zu sein, führt zu Reizthemen wie: Was ist die eigentliche Aufgabe der Kirche? Brot vom Himmel zu vermitteln oder den Hunger in der Welt zu bekämpfen. Zwei Zugänge helfen den Text zu verstehen und mit Leben zu füllen.

Erster Zugang
Eine wichtige Hilfe ist, die Umgebung des Textes zu lesen und zu erspüren, worauf diese Bibelstelle Antwort geben will. Das Kapitel 6 wird eingeleitet durch die Geschichte von der Speisung der 5000. Die Volksmenge hält Jesus für einen Wundertäter, einen Propheten, den man unbedingt zum König, zum „Teamchef“ machen will. Jesus, der Brotmanager, den die Menge jubelnd verehrt. Wer wollte es ihr verdenken, da doch die Sorge ums tägliche Sattwerden für viele den Alltag bestimmte. Gegen diese Erwartung, gegen dieses Missverstehen seiner Sendung im Namen des Ewigen spricht Jesus nun – und es ist schwer, das inhaltlich zu verdeutlichen.
Erste Klarstellung: Er ist nicht gekommen, um als Wundertäter Menschen Brot zu geben, sondern er will „Brot des Lebens“ für die Menschen sein.
Zweite Klarstellung: Brot zu geben ist ein Bildwort, eine Zeichenhandlung für die Nähe Gottes. Es gibt die Brotgeschichte genauso wie es eine Hirtengeschichte und eine Weingartengeschichte gibt. Sie alle wollen den Menschen bildhaft die Nähe Gottes vor Augen führen. Die Nähe Gottes zu spüren, ist ja nun keine alltägliche Erfahrung wie einmal satt werden, sondern eine neue, heilende, froh machende (Lätare!).
Dritte Klarstellung: Es gibt das Ich-bin Wort vom Brot des Lebens genau so wie ein solches Wort vom Weg, von der Wahrheit, vom Weinstock, vom Leben. Jesus will seinen Zuhörern und Zuhörerinnen deutlich machen: Gott will mit ihnen durch diese Bilder sprechen und damit machen sie auch etwas von Jesus deutlich. Auf der einen Seite sind diese Bilder zwar alltäglich, doch auf der anderen Seite überbieten sie den Alltag, da sie etwas von Gott vermitteln möchten.

Zweiter Zugang
Gerade die Broterfahrung, das Sattwerden ist ja ein Thema, das sehr stark mit Gefühlen besetzt ist. Hier bemüht Jesus den historischen Vergleich, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. Auch das Manna in der Wüste hat satt gemacht, war sogar lebensrettend. Es war Geschenk von Gott. Doch es war Brot auf Zeit. Die Erfahrung wurde jeden Tag neu gemacht. Der Freude, dem Jubel, folgte damals wieder Ernüchterung und Zweifel. Gott hatte Israel am Leben erhalten und es erkennt: Israel darf leben aus Gottes Barmherzigkeit.
Jesus will für die Menschen ewiges, zeitloses Brot sein. Nahrungsgeschenk Gottes, das geistlichen Hunger stillt und den Hunger nach heilem, erfülltem Leben für immer stillt. Die Grundlage dafür ist sein Sterben und Auferstehen. Das bringt das letzte Bild zum Ausdruck. In diesem Sinne ist das Brot sein Fleisch, sein Leben, das er am Kreuz hingibt.

Die große Aufgabe einer Predigt über diesen Text besteht darin, diese theologischen Antworten begreifbar, verstehbar zu machen und ins Leben zu übersetzen.




Predigt

Liebe Gemeinde,
sehr gehaltvolle Sätze sagt Jesus hier. Wir spüren beim Lesen und Hören, dass es Jesus sehr wichtig ist, was er hier sagt. Er kämpft darum verstanden zu werden. Er will deutlich machen, was er wirklich will. Ein Blick in die Umgebung des Textes zeigt sehr schnell, gegen welche Missverständnisse sich Jesus hier abgrenzt.
Fast im gesamten 6. Kapitel des Johannesevangeliums geht es um Brot und ums Sattwerden. Darüber wird gestritten, dazu werden Geschichten erzählt und es geschieht ein Wunder. Diese Wundergeschichte nennen wir heute die Speisung der 5000. Erzählt wird, dass sehr viele Menschen sich um Jesus gelagert hatten und ihm zuhörten. Dabei begannen die Mägen zu knurren und Jesus forderte seine Freunde auf, den Menschen etwas zu essen zu geben. Diese sahen sich nicht in der Lage dazu und so machte Jesus sie auf wundersamer Weise satt. Diese Erfahrung wirkte so nachhaltig bei den um Jesus versammelten Menschen, dass sie versuchten, ihn zu ihrem König zu machen. Sie waren so wild entschlossen, dass sie auf Jesus eindrangen – so erzählt es die Bibel. Jesus blieb als einziger Ausweg nur die Flucht.

Hunger zu haben, ja Hunger aushalten zu müssen, war damals wohl keine so seltene Erfahrung. Es gab recht viele Menschen, die sich morgens nicht ganz sicher sein konnten, ob es an diesem Tag für alle reichen würde, um wirklich satt zu werden. Die Sorge ums tägliche Brot war für viele gewohnter Alltag. Und dann erleben sie, dass eine so große Menge sich den Bauch voll schlagen kann und es bleibt noch viel übrig. Welch eine Hoffnung, welch eine Aussicht, diesen Mann zum König zu haben. Der Jubel kennt keine Grenzen. Die Arme greifen nach Jesus, um ihn auf den Thron zu heben. Mit ihm könnte die Erfahrung, satt zu werden, genug zum Essen zu haben, wiederholt werden. Dieser Wundertäter könnte dafür sorgen, dass es Alltag wird, satt zu werden. Einen solchen Brotgeber lässt man nicht gehen, den hält man fest. Das spürt Jesus und er macht sich aus dem Staube.

Jetzt hat er die Bescherung. Die Menschen sehen in ihm einen Wundertäter, der Brot zaubern kann. Das hat er nicht gewollt. Das Sattwerden sollte doch nur Zeichen sein. Die Menschen sollten spüren, dass Gott sie liebt, für sie sorgt, ihnen hilft, ihnen zur Seite steht. Auf so vielfältige Art hatte er ihnen zu sagen und zu zeigen versucht: Gott liebt euch, er steht an eurer Seite, ist euch nahe. Diese Liebe und Nähe Gottes hatte er ihnen nicht nur zugesprochen. Er hatte sie ihnen gezeigt in Taten, vor Augen geführt in Heilungen und – Jesus wollte sie diese Nähe Gottes erleben lassen. Deshalb dieses Broterlebnis. Sie sollten nicht nur hören, dass Gott ihnen hilft, sie sollten es erleben bis ins Sattwerden.

So hatte sich Jesus das vorgestellt. So wie es Hirtengeschichten gibt, Weinstockgeschichten erzählt werden, so sollte es auch eine Brotgeschichte geben. Und alle haben den gleichen Inhalt, sie erzählen in Worten und Bildern von der Nähe Gottes. Doch die Erfahrung satt zu werden, scheint eine tiefer gehende zu sein. Gibt es auch nach Heilungen Jubel und Dankbarkeit, hier rasten die Menschen fast aus. Für Jesus bleibt nur die Flucht und das Erschrecken vor dem, was er ausgelöst hat. Es geht ihm wie dem Zauberlehrling und er steht vor der Aufgabe, die Geister zu stoppen, die er rief. So sammelt er im Gebet seine Kräfte, wartet, bis die Lage sich etwas beruhigt hat. Nun tritt Jesus wieder vor die Menschen. Er versucht ihnen deutlich zu machen, was er wirklich will. Unser Predigtwort ist der Kern seiner Richtigstellung.
Jesus beginnt mit einer Grundaussage, deren Gewicht durch das einleitende „Wahrlich, wahrlich ich sage euch“ hervorgehoben wird. Wer glaubt, der hat das ewige Leben. Jesus stellt damit grundsätzlich fest, dass der Glaube das einzig Entscheidende ist, um Gnade bei Gott zu finden. Das Heil, das ewige Leben zu erlangen, wie Jesus das Ziel des Glaubens beschreibt, das hängt nicht von glückhaften, glücklosen oder tragischen Lebensumständen ab. Das entscheidet sich ganz allein am Glauben zu Gott. Dem entspricht die Feststellung Jesu, wenn er nach einer Heilung sagt: Dein Glaube hat Dir geholfen.

Dann hebt er das Brot auf eine bildhafte Ebene, weg vom Sattwerden und beschreibt seine Bedeutung mit den Worten: Ich bin das Brot des Lebens. Die Nähe Gottes, die Jesus verkörpert; sein Urvertrauen zu Gott; sein Handeln und Reden; das alles ist bildhaft die Nahrung, die den Glauben an Gott wachsen lässt. Um jedes Missverständnis zu vermeiden, macht er es an einer Geschichte aus der Tradition klar.

Jesus erinnert an die Wüstenzeit. Auf dem Weg von Ägypten nach Kanaan waren die Vorfahren vom Verhungern bedroht. Da hatte Gott es Manna regnen lassen. Manna, manchmal Himmelsbrot genannt, ist ein Harz. In Wüstenregionen tritt es über Nacht aus Büschen aus. Menschen können es essen und es ist nahrhaft. Tag für Tag hatten die Israeliten diese Harzklumpen gesammelt und gegessen. Noch gezeichnet von der Angst, verhungern zu müssen, haben die Menschen das so empfunden als würde Gott es ihnen persönlich jeden Morgen vor das Zelt legen. Jesus erinnert an diese Erfahrung. Damals ging es ums Sattwerden, ums körperliche Überleben. Wenn Jesus vom Brot spricht, dann meint er aber mehr als den Bauch voll zu bekommen. Das Brot, das Jesus für die Menschen sein will, soll helfen die Beziehung zu Gott intensiver zu gestalten, den Glauben zu stärken und das ewige Leben zu erlangen. In diesem Sinne ist er Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer sich davon ernährt, wird in Ewigkeit leben. Am Ende geht Jesus vom Bild des Brotes wieder zu seiner Person zurück, wenn er sagt: Dieses Brot ist mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt.

Damit geht er zu seiner eigenen Zukunft über. Die Menschen haben so ihre eigenen Vorstellungen, was dieser Rabbi noch alles bewegen könnte und sollte. Doch Jesus hat sein Kreuz vor Augen. Er weiß, dass dieser Tod am Kreuz die Menschen vor ähnliche Probleme stellen wird, wie sie jetzt erlebt werden. Doch das ist sein Weg und er wird ihn gehen.

Liebe Gemeinde, bei Hirtengeschichten und bei Weinbergerzählungen fällt es mir nicht schwer, von der bildhaften Ebene auf die des wirklichen Lebens zu kommen. Doch beim Thema Brot und Sattwerden fällt mir das schwer. Da steht so ein altes Reizthema im Hintergrund, dessen Auswirkung auch uns beim Nachdenken über diese Worte erreicht. Es gab schon oft sehr harte Diskussionen über das, was eigentliche Aufgabe der Kirche Jesu Christi ist. Soll sie sich darauf konzentrieren, den Menschen „Brot vom Himmel“ anzubieten. Also Antworten auf die Sinnfrage, Vergebung der Sünden, religiöse Erfahrungen? Oder soll sie in einer Welt, wo so viele Millionen Menschen hungern, zuallererst Brot für die Welt organisieren, um möglichst viele Menschen satt zu machen?

Mit dieser Frage im Hinterkopf liest sich das ganze 6. Kapitel des Johannesevangeliums mit großer Ernsthaftigkeit. Wer über das Brot des Lebens nachdenkt, was ja letztlich das Sterben und die Auferstehung Jesu meint und dabei hungernde Menschen vor Augen hat, der spürt das Dilemma. Da ist Mitleid und der Wille zu helfen, aber auch das Wissen, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt, es letztlich sogar Wichtigeres für ihn gibt. Irgendwie finde ich es auch tröstlich, dass Jesus dieses Dilemma selbst erlebte. Er hatte Mitleid mit den Menschen, als er ihren Hunger spürte. Er konnte sie einfach nicht mit Worten allein gehen lassen. Auch wenn er seine Worte als lebenswichtig empfindet. So machte er mit wenigen Lebensmitteln viele satt. Doch in die Rolle des Brotgebers will er sich nicht zwängen lassen. Damit würde er seinen Auftrag verraten. Denn Brot für das Leben zu sein ist etwas anderes als Brot zu organisieren. Diesen Unterschied versucht Jesus klarzustellen. Was unterscheidet den Brotgeber Jesus nun anderen Brotgebern?

Brot steht als Bild für die Grundbedürfnisse des Lebens. Wer Brot kontrolliert, der hat Macht über Leben und Tod der Abhängigen. (Mir fällt der Film „Septemberweizen“ ein und das weltweite Geschäft mit Getreide und mit Hunger.) Jesus spielt nun nicht die Nahrung für Glaube und Gottvertrauen, also Himmelsbrot, gegen das Brot, das satt macht, aus. Er wehrt sich gegen die Versuchung der Macht, in der alle Brotgeber stehen. Deshalb weist er weg von sich und hin auf Gott. In Vers 32 sagt er: „Nicht Mose hat euch Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das rechte Brot vom Himmel. Denn Gottes Brot ist das, das vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben.“ Deshalb hat er sich der Königswahl entzogen. Er will nicht Macht ausüben, die Menschen letztlich abhängig macht und unterdrückt. Er will nicht Geber sein, sondern Brot. Er will nicht über Menschen Macht haben, sondern sich für sie verschenken. Er hat sich für die Seite der Opfer entschieden. Einer, der sogar bereit ist, sich selbst zu geben Brot zu sein und nicht Geber, das ist Machtverzicht. Es ist Einladung selbst Brot zu werden und der Machtrolle des Brotgebers zu widerstehen. In solchem Machtverzicht bleibt Jesus ehrlich und seinem Weg treu. Das schafft Raum für die Macht der Liebe Gottes und bewahrt den Zugang zum Himmelsbrot.
In den Augen mancher Menschen damals und auch heute mag das enttäuschend sein oder gar widersprüchlich. Doch vom Brot des Himmels zu leben, seine Besonderheit zu betonen – das ist vielleicht der (einzige) Weg, der Versuchung der Macht zu widerstehen. Das hilft, für Brot zu sorgen, ohne Ansprüche zu erheben. Menschen zu unterstützen, ohne sie in Abhängigkeiten zu führen, zu geben und dabei frei zu bleiben von Erwartungen oder Hintergedanken. Das hilft, das täglich Brot das sein zu lassen, was es ist - Geschenk Gottes, das es dankbar anzunehmen und gerecht zu teilen gilt. Um das zu schaffen, brauchen wir das Brot des Lebens. Es lässt Gott den Geber sein und verbindet uns Menschen zu Geschwistern, die gemeinsam empfangen. Amen!

Dekan Karl Hans Geil Römerstr. 94 68623 Lampertheim

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