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Christen leben aus der Taufe, dem Zeichen ihrer Erwählung

von Manuela Rimbach-Sator (55276 Oppenheim)

Predigtdatum : 12.07.2015
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 6. Sonntag nach Trinitatis
Textstelle : Matthäus 28,16-20
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Wochenspruch:
"Und nun spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte die nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!" (Jesaja 43, 1)

Psalm: 139, 1 - 16. 23 - 24

Lesungen
Altes Testament: Jesaja 43, 1 - 7

Epistel: Römer 6, 3 - 8 (9 - 11)

Evangelium: Matthäus 28, 16 - 20

Liedvorschläge
Eingangslied: EG 165 Gott ist gegenwärtig
Wochenlied: EG 200 Ich bin getauft auf deinen Namen
Predigtlied: EG 210 Du hast mich, Herr, zu dir gerufen
Schlusslied: EG 419 b Siehe, ich bin bei euch alle Tage



Liebe Gemeinde,

Sie kennen gewiss das alte Kinderspiel „Stille Post“. Eine sagt der andern etwas ins Ohr. Die flüstert, was sie verstanden hat, dem nächsten ins Ohr und so weiter und so weiter. An dieses Spiel muss ich denken, wenn ich mir vorstelle, dass Jesus den Jüngern hier einen Auftrag gibt, der eine Bewegung in Gang gesetzt hat, die ja bis heute weitergeht. Die Jünger sollen alle Menschen zu Jüngern machen. Die geben das weiter an die nächste Generation und so weiter.

„Der Missionsbefehl“ steht in der Lutherbibel über diesen Abschnitt. Und er erklingt immer, wenn wir die Heilige Taufe feiern als Einsetzungswort zur Taufe.

Was wir hier vor uns haben, ist eine Abschiedsszene. Jesus verabschiedet sich von seinen Jüngern. Er tut dies an exponiertem Ort, begegnet ihnen auf einem Berg, von wo aus man den Überblick haben kann über die Landschaft und das Leben.

Es ist ein gelungener Abschied, denn er eröffnet neue Perspektiven. Wir verbinden mit dem Wort Abschied oft die Erfahrung von Leere und Traurigkeit, von Einsamkeit oder gar Lähmung. Der Auferstandene will mit diesem Abschied das Gegenteil erreichen:

Die Jünger werden in Bewegung gesetzt. Sie erhalten eine Aufgabe, ein Ziel. Die Jünger werden erfüllt mit einem neuen, wichtigen Auftrag. Erfüllung statt Leere, die Suche nach Menschen statt Einsamkeit, Aufbruch statt Lähmung, Beauftragung statt Traurigkeit - alles das enthält dieser besondere Abschied.

So wünsche ich mir unsere Abschiede: Dass wir darin Sinn und Ziel erkennen dürfen, dass wir in Bewegung kommen anstatt uns am Ende und wie ohnmächtig oder erstarrt zu fühlen.
So gewiss auch diese Gedanken, diese düsteren Erfahrun-gen zunächst auch für die Jüngerinnen und Jünger zur Trauer und zum Abschied von Jesus gehört haben.

Verstörend waren die Dinge, die sich zugetragen haben in den Tagen davor. Frauen kamen zurück vom Grab und sag-ten, sie hätten den Herrn gesehen. „Er ist auferstanden!“ Wachleute haben berichtet, dass das Grab leer sei. Gerede machte die Runde, die Jünger hätten den Leichnam ge-stohlen. Der Evangelist Matthäus schildert, wie das Gerücht gezielt in die Welt gesetzt wurde von den Wachleuten, den Hohenpriestern und Ältesten. Denen ist es, wie Matthäus schreibt, „viel Geld“ und einige Beschwichtigungen wert. Gerade indem sie eine solche Behauptung nötig haben, werden auch sie zu Zeugen der Auferstehung. Unfreiwillig. Umso glaubhafter.

Die so beschuldigten Jünger - vielleicht wissen sie noch nichts von dem Vorwurf - sie machen sich auf nach Galiläa auf „den Berg“. Auch wenn wir nicht genau wissen, welcher geographische Ort damit gemeint ist, wissen wir doch, um welchen Seelenort es sich dreht. Der Berg ist im Matthäusevangelium wie auch in der hebräischen Bibel immer wieder der Ort göttlicher Offenbarung.

Die Abschiedserfahrung ist ein Ort der Gottesbegegnung. Matthäus erzählt: Auf einem Berg wird Jesus in Versuchung geführt, auf einem Berg hält er seine große Rede, die Bergpredigt. Die Jünger werden Zeugen der Verklärung Jesu, sie erleben Heilungen und die Speisung der Vier-tausend auf einem Berg. Alles das bringen sie an Erlebtem mit, wenn sie jetzt wiederum Jesus begegnen auf einem Berg.

„Als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder, einige aber zweifelten“. schreibt Matthäus. Die Jünger begegnen dem Auferstandenen, und erst einmal ist nicht alles eindeutig. Während die einen huldigen, ehrfürchtig oder ergriffen vor ihm in die Knie gehen, scheint es andern den Boden der Sicherheit unter den Füßen wegzuziehen. „Zweifel“ diag-nostiziert Matthäus. Ein hartes Wort, das einige der Jünger zu Glaubensschwächlingen zu stempeln scheint. Ich möchte den Evangelisten beschwichtigen: Matthäus, urteile nicht so hart! Waren sie nicht einfach überfordert mit dem, was sie da erleben?

Der großen Erschütterung und Verunsicherung der Jünger entspricht auf der anderen Seite das umfassende vierfache „Alles“, das nun erklingt. Wie in alle vier Himmelsrichtungen gesprochen, in alle Dimensionen von Raum und Zeit:

alle Gewalt - alle Völker - alles Befohlene halten - alle Tage.
Der Allgewaltige setzt der Verunsicherung und der Trauer der Jünger ein Ende.
Wie sie es aufnehmen, wie sie reagieren, was jetzt in den Jüngern vorgeht, ob Zweifel oder Furcht sich zu Wort melden, erfahren wir vom Evangelisten nicht mehr. Es geht jetzt im eigentlichen Sinne nicht mehr um sie. Nur der Auferstandene hat ab jetzt das Wort.
Wenn Jesus Christus „alle Macht“ hat, dann ist alles andere entmachtet.

Alle, die sich anmaßen wollen, Macht über uns zu haben: der Tod und die weltlichen Herrscher und das Schicksal, Na-turgewalt und menschliche Natur - nichts hält euch mehr gefangen, hören wir von Jesus.

Für die Jünger ist es ein neuer Anfang. Sie geben Gott die Ehre, und der Tod wird nicht länger als allmächtig gelten gelassen.

„Mir ist gegeben alle Gewalt, darum geht ihr hin in die Welt.“

Im Taufen der Völker markieren sie künftig, wer der Herr ist über das Leben: Nicht der Tod, nicht die Fürstentümer und Gewalten, Hunger oder Hass, kein Befehlshaber hat das Sagen außer dem, der sie jetzt beauftragt. Der dreifaltige Gott, der sich hundertfach einmischt in unser Leben, einprägt, einbringt.

Auf das Taufen der Völker folgt das Lehren. Nicht umgekehrt. Gottes Machtanspruch ist nicht an ein Lernpensum geknüpft. Nicht auswendig Gelerntes, keine menschliche Anstrengung, keine Leistung, nicht brave An-passung oder gar Gesundheit, religiöse Fitness in irgend-einer Form sind die Bedingung für die Taufe, sondern die Taufe ist Gottes souveränes Entgegenkommen, Gottes Gnadenakt. Weshalb wir das bei der Taufe von kleinen Kindern so viel leichter deutlich machen als wenn wir Konfirmanden oder Erwachsene taufen, wo ja immer die Belehrung vorausgegangen ist.

Aber das, was es hier zu lehren gilt, ist nicht etwas, was man aufsagen kann sondern etwas, was es mit dem Leben zu durchdringen und zu erfassen gilt.

Geht hinaus, sagt Jesus, tauft sie und lehrt sie, erfüllt sie mit dem, was ihr bei mir (in der Bergpredigt und im Mit-einander) erfahren habt. Erfüllt die Völker mit den neuen Ideen vom Reich Gottes, dass die Welt anders aussehen wird, wenn Gottes Wille geschieht. Lehrt die Menschen, was es heißt, Liebe zu verschenken und Barmherzigkeit: Dass dann ungeahnte Kräfte aufbrechen, die Lahme gehen macht und Blinde sehen und Geschlagene heil und Hungernde satt und Taube hören und die Gekrümmte aufrichten.

Jesus schließt seine Beauftragung mit einer großen Verheißung.

Sie steht am Ende seiner Rede und damit am Ende des Matthäusevangeliums. „Matthäi am letzten“, wie man zu Luthers Zeiten sagte, als die Bibel noch nicht in Kapitel aufgeteilt war und man Bibelstellen noch nicht nach Zahlen zitieren konnte. Sprichwörtlich ist diese Bibelstelle gewor-den, auch wenn die Stellenangabe berühmter zu sein scheint als das, was darin erzählt wird.
Für Matthäus war dieser Satz aus dem Mund des Aufer-standenen so wesentlich, dass er ihm sichtbar Bedeutung verlieh, indem er ihn ganz ans Ende seines Evangeliums stellte.

Die Leser des Matthäusevangeliums haben im Ohr, wie der Engel im ersten Kapitel Jesaja zitiert: „Siehe eine Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben, das heißt übersetzt: Gott mit uns.“

Da ist es schon erklungen, das Gott-mit-uns, wie eine Klammer umfasst es das ganze Evangelium des Matthäus. „Und siehe,“ sagt Jesus jetzt und beginnt sein Versprechen mit der Prophetenformel, die seine Worte als göttliche Verheißung kennzeichnen.
„Und siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.“

Alle Tage Jesus bei uns wissen, ̶ an manchen Tagen müs-sen wir uns das vermutlich besonders deutlich machen. Ich denke wieder an die Trauernden, von denen zu Beginn schon die Rede war. Menschen die mir erzählen, dass sie gerade das besonders intensiv empfinden: „Ich bin allein. Da ist niemand, der mir zuhört, mit dem ich mich beraten kann, mit dem ich zusammen lachen kann oder Erinne-rungen teile, der mich berührt, der nach mir fragt, der mir glaubt.“

Ich bin bei dir, hören wir von Jesus. Es ist das Gegenpro-gramm gegen alle Trauererfahrung und alle Ohnmacht. Zu mir darfst du kommen mit deinem noch nicht geschafften Abschied, auch mit deinen Plänen, deiner Verunsicherung, deinem Abgelehnt werden, deiner Überforderung. Ich bin bei dir, wenn dir zum Heulen ist oder zum Lachen, zum Hinausgehen oder danach, dich zu verkriechen. Ich bin bei dir, selbst dann, wenn du selbst nicht bei dir bist, nicht einig mit dir selbst, verstrickt in Zweifel oder Schuld.
Ich bin bei dir, auch an den Tagen, an denen du nicht bei mir sein kannst, verworren oder gefangen in Dingen, die dir wichtiger geworden sind. Im Nebel der Gleichgültigkeit oder der Gefühllosigkeit. Ich bin bei dir bis an der Welt Ende. Da, wo deine Welt endet und bei deinem letzten Atemzug und darüber hinaus.

Ich denke an die Erfahrung, die der Beter des Psalms 139 beschreibt, der sich von Gott ganz und gar umfangen weiß und singt:

Ps 139, 8 Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.
9 Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer,
10 so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.
11 Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein -,
12 so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.
13 Denn du hast meine Nieren bereitet und hast mich ge-bildet im Mutterleibe.
14 Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.
15 Es war dir mein Gebein nicht verborgen, / als ich im Verborgenen gemacht wurde, als ich gebildet wurde unten in der Erde.
16 Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.

„Alle Tage“ weiß der Beter des Psalms 139 sich von Gott umgeben.

Und wir hören es bei jeder Taufe, bei der wir dabei sein können, was wir bei unserer eigenen Taufe vielleicht noch nicht verstehen konnten.
So funktioniert dieses alte Kinderspiel: „Stille Post“. Dass wir’s einander weitersagen, was der Auferstandene losge-schickt hat.

Lassen Sie uns mir den Worten des alten Kinderspiels reagieren und ihm zurufen:
„Angekommen!“

Amen



Verfasserin: Pfarrerin Manuela Rimbach-Sator
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