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Chruch is open for prayer

von Regina Eske-Keller (Prädikantin)

Predigtdatum : 13.05.2012
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : Kantate
Textstelle : Kolosser 4,2-4.(5-6)
ggf. Homepage, auf der die Predigt verzeichnet ist : http://predigten-vs.de
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Liebe Gemeinde,
Der Bibelabschnitt, über den wir heute nachdenken sollen, steht im Brief an die Gemeinde von Kolossä, einer Stadt in Kleinasien. Die apostolischen Schreiber brennen darauf noch viele Menschen für Jesus Christus zu gewinnen. Doch wir hören, dass sie in Ephesus im Gefängnis festgehalten werden. In ihrem Brief bitten sie die Christen in Kolossä um Unterstützung bei der Verkündigung des Evangeliums. Wir hören Worte aus dem Kolosserbrief, Kapitel 4, die Verse 2-6:
Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung! Betet zugleich auch für uns, dass Gott uns eine Tür für das Wort auftue und wir das Geheimnis Christi sagen können, um dessentwillen ich auch in Fesseln bin, damit ich es offenbar mache, wie ich es sagen muss. Verhaltet euch weise gegenüber denen, die draußen sind, und kauft die Zeit aus. Eure Rede sei allezeit freundlich und mit Salz gewürzt, dass ihr wisst, wie ihr einem jeden antworten sollt.
„Church is open for prayer“, „Die Kirche ist geöffnet zum Beten“, dieses Schild hängt an einer kleinen alten Kirche in der modernen, lauten Innenstadt von San Francisco. Man muss schon näher treten um zu erkennen, dass diese Tür nicht verschlossen ist. Wenn man die kühle, große Metallklinke herunterdrückt und kräftig zieht, öffnet sich tatsächlich die Tür und man geht hinaus – ja, hinaus aus dem Lärm, dem geschäftigen Treiben, und es ist still, du bist ganz allein, kein Mensch ist zu sehen, weil das blendende Licht vor der Tür dich unfähig gemacht hat hier im dunklen Raum Einzelheiten zu erkennen. Auch die Hitze der Stadt ist verschluckt. Du setzt dich in eine Bank. Wie groß der Raum ist. Und tatsächlich spürst du plötzlich etwas von der Nähe Gottes und fängst an mit ihm zu reden. Da sitzen noch zwei Menschen, sie beten auch. Die offene Kirchentür, ein Zeichen dafür, dass Gott immer für uns da ist – auch dann, wenn wir wieder hinein gehen in die Straßen, die Geschäfte, die Busse und Bahnen.
Kirchen können sicher nicht immer und nicht überall geöffnet sein. Die Tür zu Gott aber steht uns offen. Jesus ist täglich durch diese Tür gegangen. Am frühen Morgen ging er hinaus vor die Stadt um zu beten. Die Begegnung mit dem himmlischen Vater im Gebet ist für ihn eine lebenswichtige Voraussetzung um gestärkt und gefasst in den Tag hinein gehen zu können. Seine Jünger haben das bemerkt. Eines Tages kommen sie zu ihm mit der Bitte: „Herr, lehre uns Beten.“ Und Jesus lehrt sie das Gebet, das gleichsam ein Modell auch für unser persönliches Beten ist: „Vater unser im Himmel …“
So hat Jesus uns den Zugang zum Vater eröffnet. Die Tür ist offen. Was liegt näher, als immer wieder und regelmäßig durch diese Tür zu gehen? Und doch müssen die Schreiber unseres Bibelabschnitts die Christen in Kolossä (und ähnlich in anderen Briefen) mahnen: „Seid beharrlich im Gebet.“ Der heutige Sonntag Rogate aktualisiert diese Mahnung jedes Jahr neu: Rogate, das heißt: Bittet! – Warum bitten? Weiß Gott nicht auch ohne unser Gebet, was uns fehlt? Oder denken wir vielleicht: Beten kann ich immer noch, wenn es mir schlecht geht? Oder haben wir Zweifel daran, dass Gott auf unser Gebet hin etwas ändern kann? Gegen solche Einwände steht das überzeugende Beispiel Jesu, für den die tägliche Verbindung zu seinem himmlischen Vater im Gebet selbstverständlich und lebensnotwendig ist wie das tägliche Brot. Ist es am Ende unsere Trägheit, wenn wir meinen, darauf verzichten zu können? Denn Beten und Wachen gehört zusammen: „Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung“. So beginnt unser Bibelabschnitt. Viele kennen die Erfahrung, dass die Zeit gleich nach dem Aufstehen die beste Zeit zum Beten ist. Andere, die in der Nacht nicht schlafen können, nützen solche Wachzeiten zum Beten. In manchen Gemeinden und Einkehrhäusern oder Klöstern gibt es die Sitte, sich in der Kirche zu einer Gebetsnacht zu treffen oder einander stundenweise im Gebet abzulösen, so dass das Gebet die ganze Nacht weitergeht.
Die Apostel machen den Christen in Kolossä keine Vorschriften, wann und wie oft am Tag sie beten sollen, und welche Gebete sie sprechen sollen. Sie zeigen ihnen die offene Tür zu Gott und überlassen es ihnen, welche Zeiten und Formen sie finden um die Verbindung mit Gott zu halten. „Church is open for prayer!“ Paulus und Timotheus erinnern die Christen aber daran, dass zum Beten das Danken gehört: „Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung“. Dank vor allem dafür, dass Jesus uns den Zugang zum Vater eröffnet hat! Wir müssen nicht an verschlossenen Türen rütteln. Jesus hat uns in unserer Taufe so fest in die Verbindung mit dem himmlischen Vater hinein genommen, dass auch wir bei Gott zu Hause sind. Ihm, dem Sohn, verdanken wir die offene Tür zum Vater. Daran erinnert die in vielen Gebeten verwendete Formel „durch Jesus Christus, deinen lieben Sohn“. Den Dank dafür müssen wir einfach immer wieder aussprechen.
Auch im zweiten Teil unseres Bibelabschnittes geht es um eine offene Tür: „Betet zugleich auch für uns, dass Gott uns eine Tür für das Wort auftue.“ Die Tür zu Gott, so haben wir gehört, ist offen! Aber – viele Menschen sind dieser Botschaft gegenüber verschlossen, vielleicht auch Menschen, die uns ganz nahe stehen. Das schmerzt. Wir haben wohl versucht, sie zu überzeugen, sind ihnen mit besonderer Liebe begegnet. Haben lange Gespräche mit ihnen geführt. Wir haben sie in den Gottesdienst mitgenommen. Wir haben ihnen Bücher geschenkt, die zum Glauben einladen. Alles vergeblich. Sie sind und bleiben verschlossen. Wir können die Tür nicht öffnen. Und das ist ja vielleicht auch gut so, dass nicht jede Tür sich leicht öffnet. Hätte die Tür der Kirche in San Francisco damals weit offen gestanden, der Zauber des Raumes wäre dahin gewesen. Wäre die Tür zu Gott immer gleich offen, kein Schlüsselerlebnis nötig, drinnen und draußen wäre gleichgültig. Wird nicht immer erzählt, es sei ein ungleich wertvolleres Erlebnis einen Berg aus eigener Kraft zu ersteigen, als mit der Seilbahn hinauf zu fahren? - Aber damit sich die Tür des Glaubens eines Tages – wie auch immer – öffnet, da hilft wirklich nur Beten. Deshalb bittet der Verfasser des Briefes die Christen in Kolossä: „Betet für uns, dass Gott uns eine Tür für das Wort auftue und wir das Geheimnis Christi sagen können, um dessentwillen ich auch in Fesseln bin, damit ich es offenbar mache, wie ich es sagen muss.“
Heißt das, die Kolosser sollten darum beten, dass er aus dem Gefängnis frei kommt? Das steht da aber nicht! Wichtig ist ihm die offene Tür für das Wort, dass es den Glauben weckt bei denen, die es hören. Wer der Bote sein darf, das bleibt offen. Und da liegt auch ein Schlüssel zu der verschlossenen Tür: Oft ist es ein ganz fremder, der den Freund zum Glauben an Jesus Christus führt, der die Tür aufstößt, an der wir doch so oft gerüttelt haben. Aber wäre sie aufgegangen, wenn wir das nicht so oft vergeblich getan hätten? Wir sollen uns eines solchen Erfolges nicht rühmen. Der Ruhm für die Öffnung einer Seele für Christus gebührt allein Gott. Wir sollen Gott nicht vorschreiben, wie er helfen soll. Wir müssen ihm Spielraum lassen, auch wenn wir für Kranke beten. Wir wünschen ihnen, dass sie gesund werden. Aber wir glauben, dass Gott ihnen nahe ist und hilft, auch wenn unsere Hoffnung nicht in Erfüllung geht.
Dietrich Bonhoeffer sagt: „Nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen erfüllt Gott, das heißt: Er bleibt der Herr der Erde, er erhält seine Kirche, er schenkt uns immer neuen Glauben, legt uns nicht mehr auf, als wir tragen können, macht uns seiner Nähe und Hilfe froh, erhört unsere Gebete und führt uns auf dem besten und geradesten Weg zu sich.“ Der Schreiber des Kolosserbriefes wendet sich mit seiner Bitte um Fürbitte an die ganze Gemeinde. Sicher freut er sich, wenn einzelne Gemeindeglieder auch in ihrem persönlichen Gebet für ihn und das ihm aufgetragene Werk beten. Aber auch die Gemeinde als ganze soll in ihren Gottesdiensten dafür beten, dass die Botschaft offene Türen findet. Darum hat bis heute die Bitte um die Ausbreitung der frohen Botschaft ihren Platz im gottesdienstlichen Fürbittgebet und in besonderen Gebetswochen, wo wir für Mission und für die Christen in der Welt beten.
Um offene Türen geht es schließlich auch im letzten Teil unseres heutigen Bibelabschnittes: „Verhaltet euch weise gegenüber denen, die draußen sind, und kauft die Zeit aus. Eure Rede sei freundlich und mit Salz gewürzt, dass ihr wisst, wie ihr einem jeden antworten sollt.“ Wir beten um offene Türen für Gottes Wort bei Menschen, die dafür noch verschlossen sind – aber sind wir selbst auch offen für sie? Interessieren sie uns mit dem, was sie erlebt haben, was ihnen wertvoll ist, was sie denken, was sie hoffen, was sie fürchten? Haben wir offene Augen, offene Ohren? Decken wir andere Menschen mit gut gemeinten Ratschlägen zu, oder lassen wir sie erzählen, sagen selber besser nichts, bis wir gefragt werden? Das wäre weise! Nur so kann Vertrauen wachsen. Dann können wir im rechten Moment vielleicht auch etwas Hilfreiches sagen. Die Mahnung „Kauft die Zeit aus“ bedeutet nicht, in möglichst kurzer Zeit möglichst viel sagen, sondern sensibel dafür sein, was jetzt dran ist. „Freundlich und mit Salz gewürzt“ soll unsere Rede sein, das eine nicht ohne das andere. Eine gesalzene Strafpredigt ohne jedes Verständnis wird kaum etwas bewirken, ebenso wenig wie ein mildes Lächeln ohne den Mut, auch eine unangenehme Wahrheit auszusprechen.
Da werden hohe Ansprüche an jeden einzelnen Christen gestellt, hohe Anforderungen an uns als Gemeinde und als Kirche! Sind wir damit überfordert? Ja, das sind wir! Eben deshalb brauchen wir das tägliche Gebet, die Bitte um aufmerksames Hören und um behutsames Reden zur rechten Zeit. So dringend wie im Gleichnis Jesu der Mann seinen Freund um Brot bittet, so dringend ist auch die Bitte um Weisheit, um Liebe, um Geduld – die Bitte um den Heiligen Geist! – Church is open for prayer – gehen wir Tag für Tag hinaus in die Stille mit Gott. Rogate – Bittet!