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Das Lied der Erlösten

von Karsten Müller (39104 Magdeburg)

Predigtdatum : 10.05.2009
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : Kantate
Textstelle : Matthäus 11,25-30
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Wochenspruch:

Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder (Psalm 98, 1)

Psalm: 98 (EG 739)

Lesungen

Altes Testament:
Jesaja 12, 1 – 6
Epistel:
Kolosser 3, 12 – 17
Evangelium:
Matthäus 11, 25 – 30

Liedvorschläge

Eingangslied:
EG 286 oder EG 302
Singt, singt dem Herren neue Lieder (dafür entfällt die Psalmlesung) oder: Du meine Seele, singe
Wochenlied:
EG 243
Lob Gott getrost mit Singen
Predigtlied:
EG 391 oder EG 289
Jesu, geh voran oder: Nun lob, mein Seel, den Herren
Schlusslied:
EG 163
Unsern Ausgang segne Gott


25 Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart. 26 Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. 27 Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.
28 Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. 29 Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. 30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

Liebe Gemeinde,
das Singen als Ausdruck des Glaubens kommt in unserem Text nur am Anfang vor. Man kann auch sagen: Es kommt nur am Rand vor. „Ich preise dich, Vater ...“ - dahinter können wir vermuten, dass Jesus wie wir Gott auch singend angeredet hat. Auf jeden Fall wohl mit Lobpsalmen, deren Texte wir noch heute in der Bibel haben, wenngleich uns die Melodien unbekannt sind.
Aber davon abgesehen: Auf den ersten Blick sperrt sich der Text gegen unsere Stimmung am Sonntag Kantate. Wir singen Lieder, die schon Jahrhunderte alt sind und manchmal auch ein bisschen schwer zu verstehen – aber in unserem Text werden die Weisen und die Klugen heruntergeredet, man kann auch sagen: schlecht gemacht.
Auf der anderen Seite redet Jesus von seinem Verhältnis zum Vater in so schwierigen Wendungen, dass man Mühe hat, seine Worte zu verstehen. Und schließlich: Muss in unsere weithin frohe Frühlingsstimmung hinein auch noch von den Mühseligen und Beladenen und vom Joch die Rede sein? Hat das nicht Zeit bis später, wenigstens morgen?
Nein, es hat offenbar nicht Zeit bis morgen, denn heute haben wir Zeit, um uns von Gott ansprechen zu lassen, wir haben Zeit zu hören, zu beten und zu singen. Wir wissen auch, dass der Glaube, so froh machend und Zuversicht gebend er sich in unserem Leben auswirkt, nicht nur eine Gute-Laune-Stimmung für den Sonntag ist.
In unserem Predigttext ist äußerlich nur am Rande vom Singen die Rede. Aber wenn man sich den Text in Ruhe ansieht, anhört, dann gewinnt man den Eindruck, dass der Text selbst ein Lied ist. Drei Abschnitte, Strophen hat dieses Lied:
Zunächst: Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart. Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen.
Wir fragen uns: Was bleibt da den Weisen und Klugen verborgen?
Lesen wir den Abschnitt vor unserem Text, dann stellt sich heraus, dass da gar nichts Lobens- und Preisenswertes zu hören ist. Jesus zieht Bilanz: In den Städten in denen er am meisten gewirkt hat, hat sich am wenigsten bewegt, haben die Menschen nicht zu Gott gefunden, haben sie nicht Buße getan, sind sie auf ihren Wegen geblieben, haben keinen Neuanfang gewagt.
Vielleicht sind die Menschen in den Städten Chorazin, Betsaida und Kapernaum auch ganz zufrieden damit, dass dieser merkwürdige Jesus nicht noch mehr Unruhe gemacht hat als er schon gemacht hat mit seiner merkwürdigen Botschaft. „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen.“ Wo kommen wir denn da hin?
Wo kommen wir denn da hin? Vielleicht hat der einfache Mensch von der Straße, der Jesus hat essen sehen mit Zöllnern, das einfach auch gemacht: Seinen Nachbarn, mit dem er schon seit zehn Jahren nicht mehr gesprochen hat, hat er eingeladen und hat so ein neues Verhältnis zu ihm gewonnen.
So gut Planungen, Reflexionen, Diskussionen und Strategien auch sein mögen. Manchmal übersieht man in den Debatten das Naheliegende, erkennt nicht die verändernde Kraft, verspielt die Chance, die sich bietet, wenn man etwa nur erst einmal eine Hand ausstreckt, Menschen in den Arm nimmt oder dem nur zuhört, der einem auf die Nerven geht.
Es ist ja nicht so, dass Jesus nur von einer kurzsichtigen Ethik der Tat getrieben war. Aber man kann (und muss!) z.B. über die Bergpredigt lange nachdenken und debattieren, aber was für Schlussfolgerungen sind dann zu ziehen? Da sind die Klugen und Weisen hin und wieder durch alle Zeiten hindurch schnell mit dem Argument zur Hand, dass also die Umkehr doch nicht so radikal zu verstehen sei, da gäbe es doch noch dies oder das, schließlich hätten sich ja auch die Zeiten geändert, man muss doch auch an die Familie denken oder an die Single-Gesellschaft ... Und ich merke: Das sind oft auch meine Argumente und Gedanken, und wenn ich mit dem Finger auf die anderen zeige, dann zeigen ja drei Finger meiner Hand auf mich zurück.
Aber Jesus bleibt dabei nicht stehen. Er moralisiert nicht mit uns, er klagt uns nicht an. Jesus schafft mit der zweiten Strophe seines Liedes Klarheit: Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.
Über das Verhältnis von Vater und Sohn im menschlichen Leben ließe sich viel sagen. Hier ist Vater und Sohn eins, weshalb wir Christen ja auch nur an einen Gott glauben und nicht an drei Götter.

Für manche Menschen schwer zu begreifen ist aber, dass dieser eine Gott kein über den Wolken schwebendes Wesen ist, weit weg, nicht fassbar und darum auch oft nicht von Bedeutung für das Leben. Nein: Dieser Gott ist Mensch, er ist Kind in der Krippe und Mann am Kreuz. Er begegnet mir und dir im geringsten Bruder und in der geringsten Schwester. Kurzum: Im Gesicht des Nächsten schaut mich (auch) Gott an.
So einfach ist das und doch so schwer zu verstehen. Wenn sich Gott zu uns herablässt, in unserem Leben, in unserer Welt zu finden ist, warum laufen dann nicht bestimmte Dinge anders ab? Die uralte Frage schimmert wieder hervor: Warum lässt Gott das zu? Warum ist die Welt wie sie ist, wo doch Gott allmächtig ist?
Warum hängt der Mensch Jesus von Nazareth am Kreuz und warum kann Gott nicht von diesem Kreuz hinabsteigen? Fragen über Fragen – und unsere Antworten fallen oft dürftig aus.
Nein, Gott hatte nicht die Kraft, vom Kreuz zu steigen (oder nahm er sie sich nicht?). Wohl aber die Macht, aus dem Galgen der Römer einen Lebensbaum werden zu lassen.
Alles ist mir übergeben von meinem Vater, sagt Jesus – also betrifft das alles, was wir im Begriffspaar „Himmel und Erde“ zusammenfassen. In Jesus begegnet uns der allmächtige Gott, der Himmel und Erde gemacht hat. Wir glauben, oft von dieser Macht Gottes wenig zu spüren. Vielleicht geht uns von dieser Kraft etwas auf, wenn wir das Wort umzusetzen versuchen, das sich auf mancher Weihnachtskarte findet: „Mach es wie Gott, werde Mensch.“
Ehe wie jetzt vielleicht denken: Auch das noch – was soll ich denn nicht noch alles machen? – wollen wir auf die dritte Strophe im Lied von Jesus hören:
Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.
Christ sein ist in erster Linie keine Leistung, sondern ein Geschenk. Wir übersehen das manchmal, und vielleicht fällt es uns auch darum hin und wieder so schwer, dankbar für unsern Glauben zu sein. Sicher verändert auch der Gedanke, dass es sich bei einer Gemeinde um eine Versammlung von Beschenkten handelt, den Charakter unserer Kirche nicht unerheblich und nicht zu ihrem Schaden.
Es ist aber auch nicht so, dass Christenmenschen einfach nur unbeschwert sind. Sei Christ, und du bist alle Probleme, Beschwernisse deines Lebens los! – wir wissen, dass das nicht stimmt. Jeder und jede von uns trägt Lasten, hat Sorgen, wird beschwert durch das, was wir Schicksalsschläge nennen. Wir wissen auch, dass da das Bekenntnis: „Ich glaube ...“ kein Allheilmittel ist.
Aber – und auch das gehört zu den Erfahrungen des Christseins – ich bin mit dem, was mich bewegt, umtreibt, beschwert und auch erfreut, nicht allein. Ich bin aufgehoben in der Gemeinschaft mit anderen Christinnen und Christen, und ich bin eingeladen von Christus. Das besondere an seiner Einladung ist, dass ich kommen kann, wie ich bin. Ich muss mich nicht verstellen, meine Sorgen zu Hause lassen, wie es ja auf mancher Einladung zu einem Geburtstag etwa gefordert wird.
Nein, zu Christus kann ich kommen wie ich bin. Das verschafft Ruhe, Ausgleich, die Möglichkeit zum Auftanken. „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein“ – das ist nicht nur für den Osterspaziergang zu sagen, sondern das ist die Beschreibung des Zustandes des Menschen vor Gott.
Ist das Christentum also doch eine (modern ausgedrückt) Wellness-Veranstaltung? Wenn vom Erquicken die Rede ist und von der Ruhe für die Seele, dann ist damit beschrieben, dass es Christen auch gut gehen darf. Wir überhören auch schnell, dass in dem Gebot: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ die Selbstliebe als Ausgangspunkt für die Nächstenliebe benannt wird.
So ist es auch in unserem Text: es ist von Erquickung und Ruhe die Rede aber eben auch von Joch und Last, diese aber versehen mit den Attributen „sanft“ und „leicht“. Einer, der ein hartes Joch zu tragen hatte und dessen Last schwer war, Dietrich Bonhoeffer, hat es so ausgedrückt: „Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen“ (D. Bonhoeffer: Nach zehn Jahren). Gott legt uns nicht mehr auf, als wir tragen können, weil er ja selbst weiß, wie es um uns bestellt ist.
Die Ruhe, die Jesus verheißt und anbietet, ist keine Friedhofsruhe, die Erquickung, die er schenkt, ist kein schneller Schluck in der Hektik des Alltages. Heute, am Sonntag, können wir erfahren, was das ist: eine Ruhe, die uns zu Gott und damit zu uns finden lässt, und eine Stärkung, die uns tragen lässt im und durch den Alltag, was wir zu tragen haben. Dafür kann man sagen: „Lobe den Herrn, meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ Amen.

Verfasser: Provinzialpfarrer Karsten Müller, Leibnizstraße 4, 39104 Magdeburg

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