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Das Reich Gottes ist mitten unter euch!

von Gisela Ottstadt (55116 Mainz)

Predigtdatum : 09.11.1997
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres
Textstelle : Lukas 17,20-24.(25-30)
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Schriftlesung: Hiob 14,1-6 oder Römer 14,7-9

Wochenspruch: Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils! (2.Kor 6,2)

Wochenlied: EG 152 oder 518

Weitere Liedvorschläge: EG 16; 399; 148; 153; 622; 450; 149; 560

20 Als er aber von den Pharisäern gefragt wurde: Wann kommt das Reich Gottes?, antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht so, daß man's beobachten kann; 21 man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es! Oder: Da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.

22 Er sprach aber zu den Jüngern: Es wird die Zeit kommen, in der ihr begehren werdet, zu sehen einen der Tage des Menschensohns, und werdet ihn nicht sehen. 23 Und sie werden zu euch sagen: Siehe, da! Oder: Siehe, hier! Geht nicht hin und lauft ihnen nicht nach! 24 Denn wie der Blitz aufblitzt und leuchtet von einem Ende des Himmels bis zum andern, so wird der Menschensohn an seinem Tage sein.

(25 Zuvor aber muß er viel leiden und verworfen werden von diesem Geschlecht. 26 Und wie es geschah zu den Zeiten Noahs, so wird's auch geschehen in den Tagen des Menschensohns: 27 Sie aßen, sie tranken, sie heirateten, sie ließen sich heiraten bis zu dem Tag, an dem Noah in die Arche ging und die Sintflut kam und brachte sie alle um.

28 Ebenso, wie es geschah zu den Zeiten Lots: Sie aßen, sie tranken, sie kauften, sie verkauften, sie pflanzten, sie bauten; 29 an dem Tage aber, als Lot aus Sodom ging, da regnete es Feuer und Schwefel vom Himmel und brachte sie alle um. 30 Auf diese Weise wird's auch gehen an dem Tage, wenn der Menschensohn wird offenbar werden.)

Liebe Gemeinde!

Das Reich Gottes ist mitten unter euch! - Die allerbeste Nachricht!

Aber auf die Frage: „Wann kommt das Reich Gottes?“ ist das doch keine Antwort! Für Menschen, die sich danach sehnen, daß in ihrer Welt, in der Ungerechtigkeit, Krieg und Armut schier ins Unermeßliche wachsen, endlich Frieden einkehrt, muß das doch geradezu wie Hohn klingen!

Diese Frage haben damals fromme Juden an Jesus gerichtet. Ich könnte mir vorstellen, daß sie kurz zuvor ein Gebet gesprochen haben, das die Juden bis heute beten: Das Achtzehngebet. Darin heißt es zum Beispiel: „Gott, der die Hochmütigen erniedrigt und die Niedrigen erhöht, der die Gefangenen befreit und die Unterdrückten losläßt, der den Schwachen aufhilft und seinem Volk antwortet zu der Zeit, da sie zu ihm um Hilfe rufen. (...) Laß uns ruhn, Herr, unser Gott, zum Frieden und laß uns aufstehn unser König zum Leben, breite über uns das Zelt deines Friedens (...) Du bist ein Held, der die Hochmütigen erniedrigt, der stark ist und die Gewaltherrscher richtet, der ewiglich lebt und die Toten auferweckt (...) Vergib uns Vater, denn wir haben uns gegen dich verfehlt, tilge und entferne unsere Vergehen vor deinen Augen, denn groß ist deine Barmherzigkeit (...) Heile uns Herr, unser Gott, von dem Schmerz unseres Herzens, entferne von uns Trübsal und Stöhnen, bringe Heilung herbei für unsere Verwundungen. (...) Sei König über uns, du allein.“

Darauf hofften die Menschen, die von Jesus wissen wollten: „Wann - endlich wird das alles, worum wir täglich beten, eintreffen?“ Daß er ihnen sagte: „Das Reich Gottes kommt nicht so, daß man’s beobachten kann“, das können sie noch annehmen, obwohl einige wohl hoffen, die Frommen könnten durch Beobachtung des Gesetzes das Kommen des Endes beschleunigen und andere sich einbilden, man könne durch Zahlenangaben in der Schrift oder duch die Beobachtung der Sterne das Datum vorausberechnen. Und dann sagt Jesus auch noch: Man wird auch nicht sagen können: Siehe, hier ist es! oder: da ist es!

Na gut, eigentlich wünschen sich diese Menschen ein herrliches Königreich mit dem Tempel in Jerusalem als Zentrum - aber sie ahnen auch, daß das kleinlich und menschlich gedacht ist und daß das Reich Gottes natürlich die ganze Schöpfung umfassen muß. Aber nun wird ihnen gesagt: Die Königsherrschaft Gottes ist mitten unter euch! Was soll das heißen? Sie ist schon längst da und wir sehen es nicht? Natürlich hat auch jetzt Gott wie zu allen Zeiten und in Ewigkeit alle Macht über die Welt. Aber die Herrschaft überläßt er zur Zeit noch der Not, der Ungerechtigkeit, den heidnischen Römern. Ich denke, die Pharisäer werden wütend gewesen sein über diese Antwort.

Anschließend redet Jesus mit seinen Jüngern über dieses Thema: Daß er sagt: „Wie ein Blitz aufblitzt und leuchtet von einem Ende des Himmels bis zum anderen, so wird der Menschensohn an seinem Tage sein.“ - das war noch begreiflich: Wenn Gott seinen Friedensherrscher einsetzt, wenn die Ewigkeit über diese Welt hereinbricht, so werden das selbst die Ungläubigen merken; an allen Orten der Erde zugleich werden die Menschen erkennen, wer die Welt geschaffen hat und sie zur Vollendung bringen wird.

Aber zuvor sagt Jesus den Jüngern: „Es wird die Zeit kommen, in der ihr begehren werdet zu sehen einen der Tage des Menschensohnes, und ihr werdet ihn nicht sehen und sie werden zu euch sagen: siehe, da! oder siehe, hier! Geht nicht hin und lauft ihnen nicht nach.“

Ob die Jünger das wohl damals verstanden haben? Sie haben sicher auch damit gerechnet, daß Jesus bald in Jerusalem König werden wird. Jesus hatte doch selbst einmal gesagt: Wenn ich die Dämonen mit dem Finger Gottes austreibe, dann ist das Reich Gottes ja zu euch gekommen.

Aber nach der Kreuzigung? Nach Ostern? Nach der Himmelfahrt? Und als sie verfolgt und getötet wurden, als manche den Glauben verloren, als nach und nach alle starben, die Jesus oder seine Jünger noch gekannt hatten?

Da wußten sie, was das heißt: “Ihr werdet euch sehnen, einen der Tage des Menschensohns zu sehen.“ Da haben sie auch gefragt: Wann kommt das Reich Gottes? Manche haben wohl in den Katastrophen ihrer Zeit die Vorzeichen gesehen. Prophetinnen und Propheten einer Sekte glaubten zu wissen, daß bald in Kleinasien das himmlische Jerusalem auf die Erde herabschweben werde.

Manche haben auch Zuflucht genommen zu einem Irrglauben und haben es so verstanden: In allen oder auch nur in manchen Menschen, gibt es einen göttlichen Kern, den sie selbst aber erst noch erkennen und freilegen müssen. Und einige von ihnen haben auch versucht, zu berechnen, wann es so weit sein würde: Wenn für Gott tausend Jahre wie ein Tag sind, ist es vielleicht das Jahr 1000? Wird man vielleicht einen Kometen am Himmel sehen? Und auch sie haben gebetet, wie alle Christen bis heute beten und wie auch wir es nachher wieder tun werden: Dein Reich komme, dein Wille geschehe, nicht nur im Himmel, sondern auch auf der Erde.

Das Reich Gottes ist mitten unter Euch!

Das bekommen wir heute zu hören an diesem drittletzten Sonntag des Kirchenjahres, und in diesem drittletzten Jahr dieses Jahrtausends. Die meisten von uns haben sich daran gewöhnt, daß immer irgendwo auf der Welt jemand von Weltuntergang redet. Es erschreckt uns zwar, wenn Sekten deshalb zum Selbstmord aufrufen, wir schütteln den Kopf, wenn mal wieder jemand die Weissagungen des Nostradamus ausgegraben hat, wenn sich Menschen darauf einrichten, daß zur Jahrtausendwende die Welt untergeht; aber nach fast zwei Jahrtausenden haben wir uns an das Warten gewöhnt - schließlich kennen wir nur diesen Zustand. Wir sind sozusagen im Wartezimmer geboren. Mit dem nahem Weltende zu rechnen, das überlassen wir den Zeugen Jehovas.

Wir haben gelernt, uns auf diesen ersten Satz zu beschränken und ihn so zu verstehen: Wenn wir uns von Gott beherrschen lassen, so ist in uns Reich Gottes, wenn wir uns von Gott regieren lassen, handeln wir, als wären wir schon in der neuen Welt, denn wir haben jetzt schon das Bürgerrecht für sie. Aber das darf nicht heißen, daß wir etwa nur so tun, „als ob“, daß wir uns vormachen, es stünde in dieser Welt schon alles zum Besten.

Dein Reich komme!, beten wir. Denn wie die Juden wissen auch wir, daß Gott zwar die Macht hat, sie aber zur Zeit auf dieser Welt gar nicht, oder kaum, oder nur im verborgenen auch ausübt. Auf den Tag des Menschensohnes warten Juden und Christen - auch wenn wir dabei auf die Wiederkehr von Jesus Christus warten.

Aber was heißt hier eigentlich ‘warten’? Wir haben uns in diesem Wartezimmer alle - oder doch fast alle - mehr oder weniger komfortabel eingerichtet. Aber was bleibt uns denn auch anderes übrig? Natürlich dürfen wir Freude haben an diesem Leben und sollen Gott danken, wenn es uns hier gut geht. Schließlich hat Jesus auch gefeiert.

Wir sehnen uns nach einer besseren Welt, aber wir können immer nur auf etwas hoffen, das wir uns vorstellen können. Wir arbeiten an dem, was wir glauben, aus eigener Kraft und mit etwas Hilfe von oben erreichen zu können, Familie, Beruf, Freizeitgestaltung. Wir wünschen uns, daß es gerechter zugehen möge in unserer Welt und vielleicht haben wir selbst den Mut und die Kraft, darauf hinzuarbeiten. Wir wissen, daß wir damit Gottes Willen tun, aber weil die Weltgeschichte voll ist von großen Ideen, deren Ausführung kläglich oder schrecklich gescheitert ist, bilden wir uns nicht ein, daß wir selbst damit die neue, vollkommene Welt aufbauen könnten.

Aber trotzdem ist das schon etwas vom Reich Gottes: Daß wir in die Kirche gehen, in der Gemeinde mitarbeiten und unseren Mitmenschen helfen.

Und auch das ist schon etwas vom Reich Gottes: wenn wir nicht uns selbst auf die Schulter klopfen, wenn wir nicht ein günstiges Schicksal dafür verantwortlich machen, wenn es uns gut geht, sondern daß wir uns bei Gott bedanken, wenn wir glücklich sein können in Liebe, Familie und Freundeskreis, wenn wir Arbeit, ein Auskommen haben, wenn wir Erfüllung finden in unserem Beruf. Und da ist auch schon etwas vom Reich Gottes in unseren Herzen, wenn wir nicht verzweifeln an Leid und Scheitern, sondern auf Gottes Allmacht und Liebe vertrauen, obwohl wir gerade garnichts davon erfahren. Mehr vom Reich Gottes ist jetzt nicht unter uns. Deshalb beten wir auch:

Dein Reich komme!

Aber ist uns bewußt, daß wir damit auch das Ende dieser Welt erbitten?

Weltuntergang... Vom Unbewohnbarwerden unseres Planeten ist oft die Rede: Aber das wäre nicht das Ende des Universums. Außerdem rechnen wir da doch eher mit dem Blitz einer Atomexplosion, als mit der Lichterscheinung des Menschensohns, wir erwarten eher einen radioaktiven Fallout als den Schwefelregen über Sodom, wir führen auch die schlimmste Überschwemmung eher auf eine hausgemachte Klimakatastrophe zurück als auf eine Sintflut. Vielleicht können wir es so verstehen, daß die Menschheit sich selbst richtet, wenn sie sich selbst zugrunde richtet, daß auch das in der Tat ein Gericht Gottes wäre.

Aber es könnte doch wohl nicht das endgültige Kommen Gottes, der Anbruch der Ewigkeit sein. Wir sehnen uns nach einer besseren Welt, aber wir können immer nur auf etwas hoffen, das wir uns vorstellen können. Wenn heute abend die Herrschaft Gottes leibhaftig in unser Leben platzt, dann haben wir den Winterurlaub umsonst geplant, die Weihnachtsgeschenke umsonst gekauft - dann ist alles, was wir kennen, vorbei. Aber wenn wir beten: Dein Reich komme, dann müßten wir uns das ernstlich wünschen können - auch wenn wir gerade nicht in Selbstmordstimmung sind, sondern wenn wir allen Grund haben uns auf morgen zu freuen.

Als gute Christen und als nachdenkliche Menschen haben wir uns wohl auch schon mal mit dem Gedanken beschäftigt, wann wir sterben werden, mit welchem Alter, plötzlich oder nach langer Krankheit. Wir haben uns vielleicht gefragt, was wir bis dahin erreicht haben werden, was wir unserer Familie hinterlassen - oder manche von uns haben einen geliebten Menschen verloren. Wir haben uns gar nicht vorstellen können, daß dieser Mensch zuerst gehen wird. Und nun fangen auch wir an - wie so viele Menschen vor uns - uns auszumalen, wie es sein könnte im ewigen Leben - oder, was dasselbe ist, in der neuen Welt:

Wie die neue Welt werden soll, darüber sagt Jesus hier garnichts. Und wenn er an anderen Stellen etwas darüber sagt, wie es im Reich Gottes zugehen wird, dann vergleicht er es mit bekannten Situationen aus dem Alltag. Das geht auch nicht anders: Wenn Sie versuchen, jemandem, der blind geboren wurde und der nie eine Farbe gesehen hat, zu erklären, was Rot ist, können Sie nur sagen: Es sieht heiß aus, gefährlich aber auch sehr lebendig und kraftvoll.

Wir sehnen uns nach dem, was wir uns vorstellen können, wir haben vielleicht gelesen und gehört, was sich andere vor uns ausgemalt haben. Vielleicht können wir uns und unsere Träume wiederfinden in diesen Bildern - vielleicht auch nicht. In unserem Predigttext wird nicht gesagt, wie die neue Welt sein wird, denn: wenn schließlich Gott seine Herrschaft über seine ganze Schöpfung selbst in die Hand nimmt, wird nur noch eines zählen: Loslassen, was wir in der Hand haben, loslassen, was wir uns aufgebaut haben, loslassen, wovon wir träumen; loslassen und sich fest verlassen auf Gottes Liebe und Weisheit, sich einzulassen, auf das, was er für uns geplant hat und zu vertrauen, daß es nur besser sein kann als alles, was wir uns je ausmalen können. Amen.

Gisela Ottstadt

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