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Das vornehmste Gebot

von Johannes-Michael Worbs (39114 Magdeburg)

Predigtdatum : 11.10.2009
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 18. Sonntag nach Trinitatis
Textstelle : Markus 12,28-34
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Wochenspruch:

Dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe. (1. Johannes 4,21)

Psalm: 1 (EG 702)

Lesungen

Altes Testament:
2. Mose 20,1-17
Epistel:
Römer 14,17-19
Evangelium:
Markus 12,28-34

Liedvorschläge

Eingangslied:
EG 454
Auf und macht die Herzen weit
Wochenlied:
EG 397
oder EG 494
Herzlich lieb hab ich dich, o Herr
In Gottes Namen fang ich an
Predigtlied:
EG 412
So jemand spricht: „Ich liebe Gott“
Schlusslied:
EG 251,6
Liebe, hast du es geboten

Markus 12,28-34
Und es trat zu ihm einer von den Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Und als er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen? Jesus aber antwortete ihm: Das höchste Gebot ist das: „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften“ (5 Mose 6,4.5). Das andre ist dies: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (3 Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese. Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Meister, du hast wahrhaftig recht geredet! Er ist nur einer, und ist kein anderer außer ihm;
und ihn lieben von ganzem Herzen, vom ganzen Gemüt und von allen Kräften, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer. Als Jesus aber sah, dass er verständig antwortete, sprach er zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen.

Liebe Gemeinde!

Was würden Sie für das wichtigste Gebot halten? Wenn es dazu eine Meinungsumfrage gäbe, würde es sicher sehr unterschiedliche Antworten geben. Das mag daran liegen, dass wir in einer Zeit leben, wo viele unsicher sind, welche Gesetze und Normen oberste Priorität haben. Zugleich finden wir uns in einer Gesellschaft wieder, die alles versucht rechtlich und gesetzlich zu regeln. Das komplizierte Zusammenspiel des öffentlichen und privaten Lebens verlangt dies. Es soll möglichst alles seine Ordnung haben und dann stöhnen wir über komplizierte Antragsformulare oder schwierige Rechtswege. Nichts scheint manchmal schlimmer zu sein als eine Gesetzeslücke. Vielleicht kommt uns dann ein Lied von Reinhard Mey in den Sinn, wo es im Refrain heißt: „Einen Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars zur Bestätigung der Nichtigkeit des Durchschriftexemplars......“
Fragen wir nach den Ursachen solcher bürokratischen Ungetüme, dann stoßen wir auf einen erstaunlich Zusammenhang: Auf der einen Seite nehmen wir uns die Freiheit, unser ethisches und religiöses Lebenskonzept ganz individuell zusammen zu stellen. Die Norm ist dann oft das, was mir nützt. Die Kehrseite dieser Haltung fordert dann offenbar eine Fülle von Verordnungen und Gesetzen, damit das menschliche Zusammenleben in unserer Gesellschaft überhaupt funktioniert. Daraus kann für manchen schnell der berüchtigte Paragraphendschungel werden, in dem die Orientierung verloren geht und man meint, der Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars sei der wichtigste Grundsatz im Leben.
Albert Schweitzer hat einmal festgestellt: “Worüber ich mich immer wieder wundere, ist dies: Es gibt auf der Welt über dreißig Millionen Gesetze, um die zehn Gebote durchzuführen.“
Es tut uns gut, wieder den Kopf für das Wichtige und Wesentliche freizubekommen. Dazu müssen wir uns der Frage aussetzen: Woran binde ich mein Leben? Nur an das, was mir nützt? Oder ängstlich an den Antrag eines Antragsformulars?
Ein Mann, der sich mit religiösen und rechtlichen Dingen bestens auskennt, kommt zu Jesus mit der Frage: Welches ist das höchste Gebot von allen? Er hat zuvor die vielen Scheindiskussionen verfolgt, die von den religiösen Gruppen Jesus aufgedrängt wurden. Er will auf den Punkt kommen und vor allem den Kopf freibekommen für das Wesentliche, denn das Leben seiner Zeit ist bestimmt durch Hunderte von Ausführungsbestimmungen zu den Zehn Geboten. Und manche davon sind so kompliziert, wie der „Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars.“
Bestechend mit welcher Souveränität Jesus auf zwei Aussagen der Bibel verweist. Es sind zwei Sätze, an denen letztlich alles hängt: „Du sollst den Herrn deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften. – Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“
Das sind Worte, die uns das Wesentliche aufzeigen. Wir können damit unseren Kopf freibekommen, unser Herz und unseren Verstand festmachen im Zentrum des Lebens. Diese Weisungen sind allen anderen vorgeordnet, wie eine Präambel einem Grundgesetz. An diesen beiden Sätzen hängt nicht zuletzt unser Christsein und das Leben unserer Kirche. Es ist der Maßstab zur Beurteilung unseres Lebens und Handelns. Diese beiden Gebote sind wie die Schalen einer Waage. Das Gleichgewicht unseres Lebens hängt davon ab, wie diese beiden Schalen gefüllt sind. Die eine so, wie es Martin Luther in seiner Erklärung zum ersten Gebot sagt: „Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen.“ Aus eigener Willensanstrengung ist das nicht möglich. Wir können nur in eine Gottesbeziehung treten, weil Gott in einer Beziehung zu uns sein will. In die andere Schale gehört meine Mitmenschlichkeit. Sie wurzelt in dem Erkennen, das der Andere wie ich selbst bin mit allem, was ein menschliches Leben ausmacht. Indem Jesus das Gebot der Gottesliebe und Nächstenliebe zusammendenkt, stellt er auch einen unauflöslichen Zusammenhang fest. Wer Gott liebt, muss auch seinen Mitmenschen lieben. So kann Nächstenliebe zu einem Spiegelbild der Gottesliebe werden. Gottvergessenheit führt somit auch in die Gefahr, die Mitmenschlichkeit aus den Augen zu verlieren. Keine Gesetze und Verordnungen können mich zur Nächstenliebe zwingen. Letztlich bin ich aber auf ein Grundvertrauen angewiesen. Ich muss täglich darauf vertrauen, dass andere Menschen mir gegenüber ehrlich und gewissenhaft sind. Das fängt oft im Alltäglichen an. Ich muss darauf vertrauen, dass mir der Kfz – Meister mein Auto verkehrssicher zurückgibt, dass mich der Busfahrer sicher ans Ziel bringt, dass mein Freund oder meine Freundin ehrlich ist. Dieses zwischenmenschliche Vertrauen ist zugleich auch das Spiegelbild eines Grundvertrauens zu Gott: Er trägt und erhält mich, täglich neu. Er sagt ja zu meinem Dasein.
Nächstenliebe und das heißt ja letztlich auch Vertrauen in den Nächsten, bedeutet sich in die Situation des anderen zu versetzen. Martin Buber hat dies in einer Geschichte festgehalten:
„Wie man die Menschen lieben soll, habe ich von einem Bauern gelernt. Der saß mit einem anderen Bauern in der Schenke und trank. Lange schwieg er wie die anderen alle; als aber sein Herz von Wein bewegt war, sprach er seinen Nachbarn an: „Sag du, liebst du mich oder liebst du mich nicht?“ Jener antwortete: „Ich liebe dich sehr.“ Er aber sprach wieder: „Du sagst, ich liebe dich, und weißt doch nicht, was mir fehlt. Liebtest du mich in Wahrheit, du würdest es wissen.“ Der andere vermochte kein Wort zu erwidern, und auch der Bauer, der gefragt hatte, schwieg wieder wie vorher. Ich aber verstand: Das ist die Liebe zu den Menschen, ihr Bedürfnis zu spüren und ihr Leid zu tragen.“
Für dieses Wesentliche möchte uns Gott Herz und Verstand aufschließen. Amen.


Verfasser: Pfarrer Michael Worbs, Breite Str. 7, 39114 Magdeburg /Pechau

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