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Das Wort von der Versöhnung

von Friedemann von Keler (Uhingen)

Predigtdatum : 16.06.2013
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 3. Sonntag nach Trinitatis
Textstelle : Lukas 19,1-10
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Leitbild:
Das Wort von der Versöhnung

Wochenspruch:
"Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist." (Lukas 19, 10)

Psalm: 103, 1 - 5.8 - 13 (EG 742)

Lesungen
Altes Testament: Hesekiel 18, 1 - 4.21 - 24.30 - 32

Epistel: 1. Timotheus 1, 12 - 17

Evangelium: Lukas 15, 1 - 3.11 b - 32

Liedvorschläge
Eingangslied: EG 289, 1 – 3 Nun lob, mein Seel, den Herrn
Wochenlied: EG 232, 1 – 4 oder EG 353, 1 – 4 Allein zu dir, Herr Jesu Christ oder Jesus nimmt die Sünder an
Predigtlied: EG 133 Zieh ein zu deinen Toren, sei meines Herzens Gast
Schlusslied: EG 289, 4.5 oder EG 225, 1 – 3 Die Gottesgnad alleine steht fest oder Komm, sag es allen weiter
Fürbittengebet
Liebender Gott,
wir kommen mit unseren Bitten:
Begleite die Flüchtigen.
Gib Rast den Ruhelosen.
Steig herab zu den Heruntergekommenen.
Speise die Hungernden. Bereite ihnen ein Fest.
Erfülle Väter und Mütter mit Liebe.
Lass Kinder finden, was sie brauchen.
Sende deinen Geist den Verlorenen.
Führe die Toten zum Leben.
Verbanne den Neid.
Stärke den Willen zum Frieden.
Mach auch uns bereit und fülle Herz und Hände.
In dir können wir leben.
Lass uns heimkehren zu dir.
Du machst uns frei.
Amen.
H .Mildenberger, 2011

Segen
Empfangt den Segen des Herrn:
Der Herr segne euch und behüte euch.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über euch
und sei euch gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf euch
und gebe euch Frieden.


Hinführung:
Die Zürcher Bibel bleibt sehr nahe am griechischen Text. Lukas berichtet vom beabsichtigten Durchzug Jesu durch Jericho knapp und präzise – keine Geschichte, nur die wichtigsten Grundinformationen und dann die Begegnung Jesus - Zachäus auf das Wesentliche, das Typische reduziert. Die Menge ist andauernd Zeuge und dritte Partei, fast wie in der griechischen Tragödie der Chor.

Die Oasenstadt Jericho liegt unter dem Meeresspiegel – eine Tagesreise vor Jerusalem (25 km und 1000 Höhenmeter). Dort entspringt eine Süßwasserquelle mit einer großen Wasserausschüttung (4500 l/min), die die Wüste zum Leben bringt.

Heilsgeschichtlich ist Jericho zwischen der Wüste und dem gelobten Land, also der Zugang (die Türe) zum gelobten Land (vgl. Josua 2ff).
Markus, Matthäus und Lukas berichten davon, dass Jesus nach der dritten Leidensankündigung durch Jericho nach Jerusalem zieht. Gemeinsam ist auch die Heilung eines Blinden vor (Lukas) oder nach dem Durchzug von Jericho (Markus, Matthäus). Nur Lukas berichtet davon, dass Jesus beim Oberzöllner Zachäus in Jericho Wohnung nimmt (also deutlich mehr als ein Gastmahl). Durch Vers 10 wird der innere Zusammenhang mit dem lukani-schen Sondergut von der Freude über das wiedergefundene Verlorene (Lukas 15) deutlich markiert.

Ziel
In meiner Predigt möchte ich durch Identifikation mit den beschriebenen Typen in die innere Dynamik der Beteiligten (Jesus, Zachäus und Menge) hineingeraten und so dem von Lukas beschriebenen Heilsgeschehen begegnen.

Liebe Gemeinde,

nur Lukas berichtet uns knapp und präzise davon, wie es dazu kommt, dass Jesus seinen Weg nach Jerusalem in Jericho unter-bricht: Er muss plötzlich – ganz unvorhergesehen - beim Oberzöllner Zachäus einkehren.

Ein Ereignis mit großen Folgen:
• ein großes Vermögen wird zur Hälfte mit den Armen geteilt,
• Leute, die zu unangemessenen Zahlungen gezwungen wurden, erhalten ihr Geld vierfach zurück,
• einer, der mit der römischen Besatzung Geschäfte macht (also ein Kollaborateur) wird Kind Abrahams genannt – das heißt zu Gottes Volk gezählt.
Eine Wegunterbrechung mit erfreulichen Folgen: verantwortlicher Umgang mit Besitz und wiederhergestellte Heilsgemeinschaft.
Doch langsam - wir sollten uns vom Anfang her in dieses Geschehen hineinbegeben, damit es auch für uns Bedeutung bekommen kann.

Und er kam nach Jericho hinein und wollte hindurch ziehen.

Jericho ist eine Oasenstadt mit einer ergiebigen Quelle. Wer vom Norden das Jordantal hinunter nach Jerusalem zieht, der kommt durch Jericho – ein Durchgangsort. Das ganze Volk Israel ist vor langer Zeit durch Jericho hinein ins gelobte Land gezogen – damals haben die Späher im Haus der Dirne Rahab einen sicheren Schlaf-platz gefunden. Lukas hat ein gutes Gespür für Orte der Heilsge-schichte und für die besonderen Gestalten, die in diese Heilsge-schichten hineingezogen werden.

Jetzt wird Jesus durch Jericho ziehen. Gerade hat er in einem Vorort von Jericho einen Blinden geheilt und kurz zuvor – wohl noch in der Wüste - die Jünger zum dritten Mal auf seinen Weg nach Jerusalem ans Kreuz vorbereitet.

Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war Oberzöllner und war reich.

Oberzöllner im von den Römern besetzten Gebiet. Das bedeutet, immer wieder Geld riskieren, denn die römischen Besatzer verstei-gern das Recht, den Zoll an den Toren oder Brücken einzutreiben, natürlich immer an den, der das Meiste bietet. Und dann gilt es klug zu wirtschaften, vor allem den Überblick zu bewahren: Tagelöhner anstellen, die den Zoll eintreiben; darauf achten, dass unter dem Strich Abend für Abend auch schwarze Zahlen stehen. Da braucht es eine gute Buchhaltung. Dem Zachäus gehört ein anspruchsvolles Großunternehmen. Fremde Sprachen muss er beherrschen – natürlich Latein. Von den Römern ist er abhängig – abhängig auch von denen, die für ihn arbeiten, und angewiesen auf seine Erfahrung: Er muss wissen, wann ungefähr wie viele Leute da durch ziehen – je nach Jahreszeit ist der Pilgerstrom verschieden groß und auch der Warenverkehr ist jeweils ein anderer. Doch Jericho ist Durchgangsstadt, so wurde Zachäus reich!

Verständnis oder gar Mitleid mit einem erfolgreichen jüdischen Zollunternehmer hat in Jericho sicher niemand – die Steuern und Zölle sind Willkür und Unrecht, zuerst machen sie ja die Besatzer reich, und dass sich dann auch noch Einheimische am Einzug berei-chern, das ist Kollaboration – die gibt es zwar immer in Zeiten der Besatzung, doch das macht sie nicht besser. Sozial bringt der Erfolg dem Zachäus vor allem Neid, Verachtung (rituell gelten die Zöllner als unrein!) und Einsamkeit – das ist der Preis!

Und er suchte Jesus zu sehen, wer er sei, und er vermochte es nicht wegen der Volksmenge, weil er von Gestalt klein war.

Jetzt bekommen wir von Lukas einen zweiten Blick auf Zachäus. Den reichen, erfolgreichen Zollunternehmer – den kennt die Volks-menge – aber kennt sie auch den kleinen Mann, der jetzt gerne in der ersten Reihe stehen wollte, weil auch er religiös bewegt ist und sehen will, wer Jesus ist?

Die Suche nach Begegnung mit dem Göttlichen, nach Sinn und Er-füllung, gibt es die beim Reichen – gibt es sie wirklich? Oder ist sie nur eine naive, vielleicht auch typisch christliche Vorstellung?
Nun: Lukas stellt uns den Zachäus einfach als einen solchen Typ vor: Reich ist er, und er will Jesus sehen, und er ist klein – damit hat er ein großes Problem! Ein Problem das er heute lösen wird – das ist dann der erste Höhepunkt im Text.

Doch ich möchte noch geschwind bei der Spannung von den zwei Seiten: „reich und erfolgreich“ und „klein und hilflos“ bleiben.
Die Grundannahme, dass jeder Mensch verschiedene Seiten hat - und er die auch haben darf und muss, weil ihn das zum Menschen macht – diese Grundannahme ist sehr wichtig. Lukas sagt mit seiner Be-schreibung des Zachäus: Ja, er ist reich und erfolgreich. Doch er ist noch mehr: er ist auch klein und ohne Macht dieser Menge gegenü-ber, die ihm die Sicht nimmt.
Und wir sind alle so: in manchem mächtig – und immer wieder auch ohnmächtig – so ist das. Eine Festlegung auf nur ein Merkmal wird keinem Menschen gerecht – es braucht immer mindestens noch einen zweiten Blick, denn wenn es das Eine und das Andere gibt – dann entsteht auch der äußere und innere Raum für nochmal etwas ganz Anderes!

Zachäus findet eine Lösung für sein Problem– er macht etwas, was ein erwachsener Mann höchstens in der Erntezeit tut:

Da lief er voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um ihn zu sehen; denn er sollte auf jenem Weg hindurch ziehen.
Und als Jesus an den Ort kam, blickte er zu ihm auf und sprach: Zachäus, steig eilends herab! Denn heute muss ich in deinem Hause bleiben.

Zachäus ist auf den Baum gestiegen, um Jesus zu sehen – er will wissen, wer dieser Jesus ist. Und dann kommt Jesus dahin und dreht das einfach um: Er blickt zu Zachäus hinauf – und er erkennt ihn (in machen älteren griechischen Schriftquellen ist dies extra eingefügt) -denn weil er ihn sieht und erkennt, darum kann er ihn mit seinem Namen ansprechen. Und Jesus quartiert sich bei ihm ein: „Heute muss ich in deinem Haus bleiben“.

Jetzt hat Jesus seinen Weg durch Jericho unterbrochen, und Zachäus erlebt wer Jesus ist: Er ist der, der ihn sieht, der ihn kennt und beim Namen ruft und bei ihm bleiben will – Zachäus ist dem „ICH BIN DA“, dem heiligen Israels, seinem Heiland begegnet. Und das bestä-tigt er durch seine Reaktion:

Und er stieg eilends herab und nahm ihn mit Freuden auf.

Sicher hat da jetzt ein Freudenfest stattgefunden im Haus des Ober-zöllners Zachäus. Denn nach dem Bericht des Lukas hat ja eine Got-tesbegegnung stattgefunden:

Da war die Suche des Zachäus, der sich seinen Problemen - dem kleinen Wuchs und der sozialen Isolation - gestellt hat und dann das Besondere gewagt hat, immerhin ist er auf den Baum gestiegen,
und dann wurde er von Jesus gefunden, und der wiederum ist mit Freuden aufgenommen worden – Gott hat bei einem aus Jericho Wohnung genommen, da könnten sich die Nachbarn doch mitfreuen. Doch die Menge reagiert anders:

Und als sie es sahen, murrten sie alle und sagten: Bei einem sündigen Mann ist er eingekehrt, um Herberge zu nehmen.

Jesus wohnt beim Falschen. Er hat sich beim Kollaborateur der Be-satzung eingeladen und dadurch die Gesetze des Heiligen missachtet. Die Menge kennt nur die eine Seite des Oberzöllners – den gottes-fürchtigen Juden, der sich nach der Begegnung mit dem Heiligen sehnt und die Gesetze achtet, den sieht niemand in dem reichen Mann. Es ist gnadenlos, wenn man einen Menschen auf nur einen Aspekt festlegt – Begegnung mit Gott kann und darf dann gar nicht stattfinden.

Doch Zachäus kämpft!

Zachäus aber trat hin und sagte zum Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte meines Besitzes gebe ich (nunmehr) den Armen, und wenn ich von jemandem etwas erpresst habe, gebe ich es vierfach zurück.

Jesus hat sich für den Zachäus als sein Gott und Heiland erwiesen, der ihn kennt und bei ihm wohnen will, darum verspricht Zachäus nun dem Kyrios, dem Herrn, wie er in Zukunft mit seinem Reichtum verantwortlich umgehen will. Reichtum soll nach dem Willen Gottes in der hebräischen Bibel vor allem zum Wohl der Armen eingesetzt werden. Dafür will Zachäus nun die Hälfte seines Besitzes einsetzten – und wenn er jemanden erpresst hat, dann gibt er vierfach zurück.
Da zeigt sich Zachäus als des Gesetzes kundig: Wer ein Schaf raubt und so verwendet, dass er es nicht mehr zurückgeben kann, der soll vier Schafe zurückgeben. So wird das begangene Unrecht ausgegli-chen - so steht das zumindest im 2. Buch Mose. Dem Zachäus geht es um vollständige Wiedergutmachung nach dem Gesetz – dazu ist er bereit, das verspricht er vor Gott.

Und Jesus, der Kyrios, nimmt das an:
Da sprach Jesus zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, wie denn auch er ein Sohn Abrahams ist.

Auch das ist wichtig, liebe Gemeinde, eine Begegnung mit Gott ver-ändert. Die Freude des Zachäus bleibt nicht nur innerlich, als Reicher kennt er seine Verantwortung vor Gott und den Menschen, und er stellt sich ihr – ob die Menge das verstanden hat? Jesus zumindest erkennt seine Kindschaft im Haus Abrahams voll an.

Liebe Gemeinde, Jesus ist erst noch auf dem Weg nach Jerusalem. Kreuz und Auferstehung sind Ereignisse der Zukunft – doch für den Zachäus hat sich an diesem Tag alles ereignet. Sein Heil ist bereits vollständig:

Er hat gesucht, er hat sein Handicap überwunden, er wurde gefun-den, erkannt, bei seinem Namen gerufen, und Gott ist bei ihm einge-kehrt – es fehlen noch Begriffe wie Gottes Sohn oder Christus – doch es ist mehr als klar: in Jesus ist der heilige Israels bei Zachäus zu Gast. Und das hat Folgen: Zachäus übernimmt Verantwortung für sein Leben und seinen Reichtum.

In der Taufe versuchen wir solche Gottesbegegnungen für uns, für unsere Kinder nachzufeiern – und jeder Gottesdienst soll ein Raum werden, wo das geschieht: ich suche, frage – und werde gefunden, angesprochen – Gott nimmt in mir Wohnung.
Machen können wir das nicht – aber den heiligen Geist bitten:

Du, Gott heiliger Geist, hilf, dass dies hier unter uns geschieht!
Dass wir uns gegenseitig nicht nur auf reich oder arm, schuldig oder gerecht, mächtig oder ohnmächtig festlegen – sondern Unterschiede sehen und so lebendige und suchende Menschen werden, die sich nicht verstecken, sondern zeigen mit ihren offenen Fragen – so dass Begegnung stattfindet und wir gesehen und erkannt werden, beim Namen gerufen. Du, Gott heiliger Geist, kannst bewirken, dass auch wir erleben: Gott will in uns wohnen, er zieht bei uns ein!

Das ist eine Freude! Und es klärt, welche Verantwortung wir über-nehmen können.
Gott hat bei Zachäus Wohnung genommen – so lass auch uns dem Heiligen begegnen – darum bitten wir Dich Gott, heiliger Geist. Amen


Verfasser: Pfarrer Friedemann von Keler
Rhönstraße 50, 73066 Uhingen

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