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Das Wort von der Versöhnung

von Martin Bender (55128 Mainz-Bretzenheim)

Predigtdatum : 20.06.1999
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 2. Sonntag nach Trinitatis
Textstelle : Lukas 15,1-7.(8-10)
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Wochenspruch:

Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. (Lukas 19,10)

Psalm: 103,1-5.8-13 (EG 742)

Lesungen

Altes Testament:
Hesekiel 18,1-4.21-24.30-32
Epistel:
1. Timotheus 1,12-17
Evangelium:
Lukas 15,1-7 [8-10]

Liedvorschläge

Eingangslied:
EG 289
Nun lob, mein Seel, den Herren
Wochenlied:
EG 232
oder EG 353
Allein zu dir, Herr Jesu Christ
Jesus nimmt die Sünder an
Predigtlied:
EG 315
oder EG 355
Ich will zu meinem Vater gehn
Mir ist Erbarmung widerfahren1
Schlußlied:
EG 400
Ich will dich lieben, meine Stärke

1 Es nahten sich ihm aber allerlei Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. 2 Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und ißt mit ihnen. 3 Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach:
11 Ein Mensch hatte zwei Söhne. 12 Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie. 13 Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen. 14 Als er nun all das Seine verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land, und er fing an zu darben 15 und ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten. 16 Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen; und niemand gab sie ihm. 17 Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger! 18 Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. 19 Ich bin hinfort nicht mehr wert, daß ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem deiner Tagelöhner! 20 Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater, und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küßte ihn. 21 Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, daß ich dein Sohn heiße. 22 Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße 23 und bringt das gemästete Kalb und schlachtet's; laßt uns essen und fröhlich sein!
24 Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein. 25 Aber der ältere Sohn war auf dem Feld. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen und Tanzen 26 und rief zu sich einen der Knechte, und fragte, was das wäre. 27 Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiederhat. 28 Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging sein Vater heraus und bat ihn. 29 Er antwortete aber und sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, daß ich mit meinen Freunden fröhlich gewesen wäre.
30 Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verpraßt hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet. 31 Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, das ist dein. 32 Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.

Liebe Gemeinde !
Es ist eine der bekanntesten Geschichten des Neuen Testaments, die wir soeben gehört haben. Und sie ist auch eines der beliebtesten Motive für Maler aller Zeiten. Wir sehen sie als reales Ereignis an, so vertraut und lebendig wird sie uns erzählt. Es ist ein Gleichnis, das Jesus bringt, um daran einiges deutlich zu machen.
Worum geht es?
Versetzen wir doch einfach das ganze Geschehen in unsere Zeit! Da ist ein Unternehmer, der eine Landwirtschaft führt - oder ein Handwerks- oder Handelsunternehmen. Er hat zwei Söhne, die im Betrieb mitarbeiten, die sich aber nicht sonderlich vertragen - wie das ja unter Brüdern mitunter auch vorkommen soll.
Nun ist das Geschäft nicht so groß und umsatzstark, daß es auf Dauer zwei Junior-Chefs mit ihren Familien ernähren könnte. Also muß für den einen Sohn eine andere Existenz gefunden werden. Im Judentum war das so geregelt, daß der Älteste den väterlichen Betrieb übernahm, und für den oder die Jüngeren mußte der Grundstock für eine eigenständige Existenz bereitgestellt werden. Heute geht das relativ einfach: der Jüngere bekommt anstelle der Handwerks-Ausbildung und der Betriebs-Übernahme ein Studium finanziert und vielleicht eine Anwalts- oder Arztpraxis eingerichtet und ist damit abgefunden. In Israel war das so geregelt, daß der Jüngere, sobald er wollte, ausziehen konnte und dabei aus dem vorhandenen Betriebsvermögen einen Teil mitbekam, um sich damit eine eigene Existenz aufzubauen.
Diesen Teil fordert der junge Mann - völlig zu Recht und mit vollem Anspruch. Der Vater gibt es ihm und läßt ihn ziehen - vermutlich nicht ohne den üblichen Segen.
Versetzen wir diese Situation in unsere heutige Zeit: Der Jüngere bekommt ein Studium finanziert, und anstatt zu lernen, bummelt er und verpraßt das Geld, das für Lernmittel bestimmt ist. An einen Studien-Abschluß, ein Examen ist nicht zu denken. Und eines Tages hat der Vater genug von dem Spiel und dreht den Geldhahn zu. Was tut des Herr Sohn? - Er taucht ab, begibt sich in zwielichtige Gesellschaft und lebt irgendwie von der Hand in den Mund. Wie bei seiner reumütigen Heimkehr der ältere Bruder reagiert, können wir uns denken, der doch geackert und gespart und den Betrieb zu neuer Blüte ausgebaut hat.
Nun kommt noch etwas hinzu: Stellen wir uns vor, der Sohn, dieser Taugenichts wäre in die Drogen-Szene abgerutscht. In unserer Geschichte ist noch viel Schlimmeres passiert: Der junge Mann muß irgendwo in der Fremde leben und arbeiten - als Schweinehirt. Daran sehen wir, daß er unter Andersgläubigen gelandet war, denn für Juden ist das Schwein unrein, und kein Jude betreibt Schweinezucht und Schweinemast.
Er lebt also nicht nur in fremder, in “ungläubiger” Umgebung, sondern er muß sich von der Nahrung des unreinen Tieres miternähren. Es ist die größte Demütigung, die man sich in der Welt der damaligen Zuhörer überhaupt vorstellen konnte. Er ist total am Boden. Er hat den absoluten Tiefpunkt erreicht.
Er läßt sein Leben noch einmal Revue passieren, und dabei kommt ihm das Bild seines Vaters wieder in Erinnerung.. Kann er sich jetzt überhaupt noch dort sehen lassen? Muß er nicht zunächst einmal sehen, wieder einigermaßen auf die Beine zu kommen?
“Jeder ist seines Glückes Schmied” sagt der Volksmund, - “ und seines eigenen Unglücks auch” wird da mitunter noch angefügt. Das weiß der junge Mann. Er ist sich seiner Schuld vollauf bewußt.
Aber in seiner absolut hoffnungslosen Situation weiß er auch, daß er sich nicht am eigenen Schopf aus dem Sumpf herausziehen kann. Da ist nur noch einer, der helfen kann: sein Vater. Der hat nicht nur die wirtschaftlichen Möglichkeiten, sondern auch die Güte zu helfen. Daran erinnert er sich noch. Er will auch nicht in sein ursprüngliches Erbteil wieder eingesetzt werden, denn das ist weg, vertan. Er will nur wenigstens einen ausreichenden Arbeitsplatz haben, an dem er sich seinen Lebensunterhalt selbst erarbeiten kann.
Er wagt die totale Umkehr. Luther hat hierfür das Wort “Buße” verwendet. Aber dieses Wort sagt uns in unserer heutigen Sprache nicht genug. Was sich hier abspielt, ist die Umkehr des Denkens und Handelns, das Umkehren auf dem aussichtslosen Weg, die Abwendung vom Irrweg und das Hinsteuern auf den richtigen Weg, der zum Ziel führt.
Nun kommt er in das Blickfeld des Vaters zurück. Und dieser zögert nicht, ihm entgegenzulaufen und ihn in die Arme zu schließen. “Mein Sohn, der tot war, ist wieder lebendig geworden; er, der verloren war, ist wiedergefunden.”
Mit welchem Recht reden wir eigentlich immer vom “verlorenen Sohn”? Er müßte doch richtigerweise der “wiedergefundene Sohn” heißen. - Welcher war denn der verlorene? War das nicht der neidische ältere Bruder, der sich aus der liebevollen Familie ausgeklinkt hat?
Es ist unbestreitbar, daß der jüngere Bruder sein ganzes Elend selbst verschuldet hat. Und wenn wir heute in solchen Fällen darauf hinweisen, dann ist das formal auch völlig richtig. Nur helfen im menschlichen Zusammenleben formale Schuldzuweisungen und andere Abwägungen nicht weiter. Was nötig ist, das ist die Hilfe, wieder so weit auf die Beine zu kommen, daß sich der betreffende Mensch dann selbst und aus eigener Kraft weiterhelfen kann. Das wird in unserem Sozial- und Rechts-System auch weitgehend so gehandhabt.
Nun mag mancher von uns denken, darum gehe es in unserer Geschichte ja garnicht, sondern um die Vaterliebe Gottes, der uns vergibt und uns die Chance zum Neuanfang bietet. Das ist durchaus richtig. Denn Jesus hat diese Geschichte ja ausdrücklich zu denen gesagt, die sich mit ihrer Gesetzestreue für bessere Menschen hielten. Er wollte ihnen sagen, daß sie keinen Anlaß haben zu irgendeinem Dünkel gegenüber den anderen Menschen - so wie der ältere Bruder, der sich in jeder Beziehung für den “großen Bruder” hielt.
Da mag er - vielleicht ! - nicht so ganz Unrecht haben. Denn die Erfahrung zeigt, daß manche auch nach reumütiger Rückkehr auf den “Pfad der Tugend” irgendwann wieder rückfällig werden können. Nur: Der Fehler des Großen Bruders liegt darin, daß er - bei aller verständlichen Skepsis - dem “Kleinen” die Chance neidet, mißgönnt, nicht gönnt.
Wenn wir uns so von dieser Geschichte ansprechen lassen und einmal unser eigenes Leben durchforsten, dann werden wir auch einiges entdecken, das uns an den einen oder den anderen der beiden Brüder erinnert - oder auch an beide. Haben wir selbst in unserem Leben nicht auch schon - zumindest - eine Kleinigkeit vermasselt? Oder haben wir nicht auch schon auf andere mißfällig herabgesehen?
Was aber auch wichtig zu bedenken ist, das ist noch etwas ganz anderes: Gott hilft uns durch sein Erbarmen nicht nur zur Gnade vor seinen Augen, zur Vergebung des begangenen Unrechts. Er hilft uns auch ganz konkret zum notwendigen Neuanfang in unserem alltäglichen Leben. Das vollzieht sich nicht nur so abstrakt, daß ER immer bei uns ist und uns liebhat, sondern in ganz konkreten Begegnungen. Denn viele Menschen, die uns auf unserem Lebensweg begegnen, sind Boten Gottes, wenn sie uns in seinem Sinne, nach seinem Plan helfen.
Wenn einem ins Abseits der menschlichen Gesellschaft geratenen Menschen geholfen wird, auch wenn dies auf ganz amtlich-bürokratischem Wege geschieht, dann wird damit Gottes Wille erfüllt - auch bei jenen, die rückfällig geworden sind.
“Gott will, daß allen Menschen geholfen werde.” - Dies gilt nicht nur für unser Seelenheil, sondern ebenso, nicht mehr und nicht weniger, für unser diesseitiges Leben.
Welcher der beiden Brüder war also der “verlorene Sohn”? - Bei genauerem Hinsehen müssen wir erkennen und anerkennen, daß es letztlich der ältere war, der glaubte, etwas Besseres zu sein. Er hielt sich für zu schade für ein liebevolles, menschliches Verhalten, und damit war er für eine funktionierende Gesellschaftsordnung verloren.
Doch auch für ihn gilt die Liebe des Vaters, der auch ihn bei Einsicht in das begangene Unrecht oder die Verstrickung in laufendes Unrecht mit offenen Armen aufnimmt, ihm eine Chance zum Neuanfang bietet.
Diese Chance haben wir sowohl für unsere innere Einstellung als auch für unsere Konsequenzen im Alltag. Sie zu nutzen, dazu will uns unser heutiger Textabschnitt ermutigen. Amen.

Verfasser: Prädikant Martin Bender, Südring 98, 55128 Mainz

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