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Den Menschen ausgeliefert

von Georg-Dieter Kehr (55276 Oppenheim)

Predigtdatum : 28.02.1999
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : Invokavit
Textstelle : Matthäus 12,38-42
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Wochenspruch:

Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, daß Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. (Römer 5,8)

Psalm: 10,4.11-14.17-18

Lesungen

Altes Testament:
Jesaja 5,1-7
Epistel:
Römer 5,1-5 (6-11)
Evangelium:
Markus 12,1-12

Liedvorschläge

Eingangslied:
EG 79
Wir danken dir, Herr Jesu Christ
Wochenlied:
EG 366
Wenn wir in höchsten Nöten sein
Predigtlied:
EG 102
oder EG 66
Jesus Christus, unser Heiland
Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude
Schlußlied:
EG 164
Jesus, stärke deine Kinder

Liebe Gemeinde,
für die Predigt zum heutigen Sonntag Reminiszere, das bedeutet „Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit!“ sind uns die Verse 38-42 aus dem 12. Kapitel des Evangeliums nach Matthäus vorgeschlagen:
38 Da fingen einige von den Schriftgelehrten und Pharisäern an und sprachen zu ihm: Meister, wir möchten gern ein Zeichen von dir sehen. 39 Und er antwortete und sprach zu ihnen: Ein böses und abtrünniges Geschlecht fordert ein Zeichen, aber es wird ihm kein Zeichen gegeben werden, es sei denn das Zeichen des Propheten Jona. 40 Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein.
41 Die Leute von Ninive werden auftreten beim Jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und werden es verdammen; denn sie taten Buße nach der Predigt des Jona. Und siehe, hier ist mehr als Jona. 42 Die Königin vom Süden wird auftreten beim Jüngsten Gericht mit diesem Geschlecht und wird es verdammen; denn sie kam vom Ende der Erde, um Salomos Weisheit zu hören. Und siehe, hier ist mehr als Salomo.

Liebe Gemeinde, was haben Sie denn empfunden, gedacht, überlegt, als ich Ihnen den Text, der für den heutigen Sonntag als Predigttext vorgeschlagen ist, verlesen habe?
Ging da etwa gleich die Schublade auf: Also wieder einmal die „Pharisäer und Schriftgelehrten“! Um die Schubladen dann gleich wieder zuzuschieben!
Doch Jesus hat ihnen, den Pharisäern und Schriftgelehrten, erwartungsgemäß gezeigt, wo es lang geht und ihnen seine Titulierung „böses und abtrünniges Geschlecht!“ um die Ohren geschlagen.
Das gibt uns allerdings - wie so oft in der Kirchengeschichte geschehen - kein Recht, eine antijudaistische Haltung zu begründen. Unbegreiflich und antichristlich ist jede Art von sogenanntem Antisemitismus, der für unvorstellbare Exzesse - bis in unsere Tage - an jüdischen Menschen und dem Volk Israel verantwortlich ist. Wir sollten auch in diesem Zusammenhang daran denken: Wer mit einem Finger anklagend auf andere zeigt, trifft sich selbst mit drei Fingern!
Oder hängen Ihre Gedanken an dem Stichwort Jona? Wie war das doch mit dieser Geschichte jenes widerspenstigen Gottesboten?
Vor Gott auf der Flucht, wurde er ins Meer geworfen, von einem großen Fisch verschluckt, bis Gott sein Gebet erhörte und ihn der Fisch wieder ans Land spuckte. Zornerfüllt saß er dann vor den Toren der Stadt Ninive und mußte mit zusehen, wie Gott bei den Bewohnern „Gnade vor Recht!“ ergehen ließ. Eine spannende Geschichte, die seit zweieinhalb Jahrtausenden das auserwählte Gottesvolk daran erinnert, daß seine Sonderstellung in der Völkerwelt eine Verpflichtung ist, daß sein Gott der Herr aller Völker ist und bleibt, daß die Gottlosen von der Gottesliebe überwältigt zum Glauben kommen können, während falsche Glaubenssicherheit, also die Einbildung, die Frömmigkeit gepachtet zu haben, nach dem Motto „Gott weiß alles, aber wir wissen es noch besser!“, vom Glauben wegführt.
Es ist ja geradezu eine Tragik, daß ausgerechnet die Pharisäer und Schriftgelehrten, die mit großer Hingabe und persönlichem Opfer und Einsatz ihres ganzen Lebens nach den Geboten Gottes zu leben versuchten und die dafür zur Zeit Jesu hohes Ansehen genossen, in ihrer Feindschaft zu Jesus steckenblieben und keinen Zugang zu ihm fanden.
Im 12. Kapitel des Evangeliums nach Matthäus, in dem unser Text steht, wird uns ja dann auch beschrieben, wie sie sich aufregten, als die Jesusjünger am Sabbat Ähren ausrieben und die Körner aßen, als Jesus einen kranken Menschen am Sabbat heilte, während sie den Sabbat - und da hatten sie die Heilige Schrift auf ihrer Seite - so hoch hielten, wie wir den Sonntag oft vernachlässigen, und da haben wir die Schrift gegen uns.
Aber: Was die Pharisäer und Schriftgelehrten nicht kapierten, daß nämlich Jesus auch der Herr über den Sabbat ist und daß seine guten Taten in Gottes Namen immer zur rechten Zeit geschehen, das ging über das Begreifen und den Glauben von Pharisäern und Schriftgelehrten.
Mir ist durchaus verständlich, daß Jesus mit den Pharisäern und Schriftgelehrten aneinandergeriet, denn diese Menschen haben Position bezogen und nicht ihr Mäntelchen nach jedem Wind gehängt. Sie haben ihre Meinung vertreten und nicht heute dies und morgen das und gestern und übermorgen wieder ganz etwas anderes. Ihre Standfestigkeit ist ihnen nicht vorzuwerfen, aber ihre Einbildung, ihre Selbstgerechtigkeit, ihre Verbohrtheit. Das alles machte sie verschlossen, machte sie blind und unfähig, sich Gott in Jesus Christus zu öffnen.
Darum wollten sie es genau wissen, Beweise und Zeichen forderten sie von Jesus. Sie wollten genau wissen, woran sie waren, mit wem sie es zu tun hatten, und dabei hatten sie sich schon längst festgelegt. Sie gingen davon aus, daß sie im Besitz der religiösen Wahrheit waren, und machten sich Jesus zum Gegner. Jesus wich dieser Auseinandersetzung nicht aus, sondern stellte sich ihr immer wieder neu, denn er wußte sich von Gott zur Rettung aller Menschen gesandt.
Die ersten Christen, die sich mit Jesu Worten beschäftigten, lebten in der Zeit nach seinem Tod und nach seiner Auferstehung. Für sie standen das Zeichen des Kreuzes und das Wissen von der Begegnung vieler mit dem Auferstandenen in ihrem Leben und in ihrer Welt; das prägte ihren Glauben und das entsprechende Handeln. So hofften sie auf die baldige Wiederkunft ihres Herrn, auf den neuen Himmel und die neue Erde. Darum deuteten sie den Hinweis auf Jona und die drei Tage zwischen Tod und Leben im Blick auf Jesus, der drei Tage nach der Kreuzigung von den Toten auferstanden war und der damit dem Tod seine Endgültigkeit, seine Macht genommen hatte.
Die Gotteszeichen vom Kreuz und von der Auferstehung rufen zur Buße, zur Umkehr, wie das Zeichen des Jona. Doch während die Bewohner der Stadt Ninive umkehrten und die heidnische Königin von Saba den israelitischen König Salomo besuchte, lehnten die Pharisäer und Schriftgelehrten die Einladung Jesu ab.
Bei allen Freundlichkeiten zwischen Juden und Christen in unserer Zeit und nach einer unvorstellbaren Feindschaft über 2000 Jahre hinweg, bleibt der Familienstreit zwischen Juden und Christen an der Person und dem Auftrag, an der Göttlichkeit und Menschlichkeit, am Tod und der Auferstehung Jesu hängen.
Doch mehr als Kreuz und Auferstehung hat Gott bis heute nicht zu bieten, und er braucht auch keine anderen Zeichen! Das Gotteszeichen des Kreuzes Jesu ist die Vergebung aller Schuld. Das Gotteszeichen der Auferstehung Jesu von den Toten ist das Leben vor und nach dem Grab; diese Zeichen sind von niemand und nichts zu übertreffen.
So fragt uns unser heutiger Predigttext, ob wir uns mit diesen Gotteszeichen für unser Leben und unser Sterben und über das Grab hinaus zeigen lassen, wo es lang geht. Diese Gotteszeichen wollen uns zur Umkehr, zum Neuanfang im Glauben, Hoffen und Lieben rufen.
Aber ist es nicht so, daß auch wir - und da sind wir uns doch wohl einig mit den Pharisäern und Schriftgelehrten der Zeit Jesu - „Zeichen und Beweise!“, mit denen Gott zu unseren Gunsten eingreift, immer wieder fordern? Bei schwerer Krankheit, in schwierigen Beziehungsproblemen, in unlösbaren Erziehungsschwierigkeiten, in Lebenskrisen aller Art? Bei allem, was uns täglich an schrecklichen Nachrichten aus aller Welt zugemutet wird?
Machen wir nicht oft, zu oft dabei die Erfahrung, daß wir es mit unseren Gottesbildern, mit unserem Glauben schwerer haben als diejenigen, denen alles egal ist?
Geht es uns nicht oft wie jenem Menschen, der, von Zweifel über die Allmacht Gottes geplagt, als er ein hungerndes und frierendes, verlassenes Kind sieht, aufschreit und Gott anklagend fragt:
„Wie kannst Du, Gott, das nur zulassen?“, und „Warum tust Du, Gott, nichts dagegen?“, und der die Stimme Gottes hörte: „Ich habe doch etwas getan, ich habe dich und deinesgleichen geschaffen, damit ihr das ändert.“
Ich denke schon, daß wir die Erinnerung durch unseren Predigttext notwendig haben: Gott erwartet von uns Gehorsam, und wir können ihm genauso wenig entkommen wie der Jona.
Wir brauchen die Erinnerung daran, daß wir mit Gott über alles reden können, daß Gott auch unseren schwierigsten Problemen gewachsen ist und daß er uns aus dem Gericht in die Freiheit, aus dem Tod ins Leben führt.
So wichtig es ist, von der Weisheit des historischen und legendären Königs Salomo zu lernen; der Glaube an Jesus, den Christus, bietet uns unvergleichlich mehr, nämlich die Rettung in Zeit und Ewigkeit.
Ich wünsche es jedenfalls Ihnen und mir, daß wir uns nicht unter denen finden, die Jesus als böses und abtrünniges Geschlecht bezeichnet, weil sie unbelehrbar, verbohrt und eingebildet sind.
Ich wünsche es Ihnen und mir, daß wir uns von Gott zur Buße und zur Umkehr rufen lassen, in unserem Leben und in unserer Welt, den Zeichen Gottes folgend, die niemand und nichts übertreffen kann: Diese sind und bleiben das Kreuz von Golgatha, das uns die Erlösung zusagt, und die Auferstehung des Gekreuzigten, die uns das Leben vor und nach dem Grab verspricht.
Gott sei Dank dafür. Amen.

Verfasser: Pfarrer Georg-Dieter Kehr, Merianstraße 6, 55276 Oppenheim

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