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Den Seinen gibt´s der Herr im Schlaf

von Ulrike Wegner (63128 Dietzenbach)

Predigtdatum : 27.12.1998
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 1. Sonntag nach dem Christfest
Textstelle : Matthäus 2,13-18.(19-23)
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Wochenspruch:

Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit. (Johannes 1,14)

Psalm: 71,14-18 (EG 732)

Lesungen

Altes Testament:

Jesaja 49,13-16

Epistel:

1. Johannes 1,1-4

Evangelium:

Lukas 2, (22-24) 25-38 (39-40)

Liedvorschläge

Eingangslied:

EG 542

Stern über Bethlehem

Wochenlied:

EG 25

oder EG 34

Vom Himmel kam der Engel Schar

Freuet euch, ihr Christen alle

Predigtlied:

EG 50

Du Kind, zu dieser heilgen Zeit

Schlußlied:

EG 368

In allen meinen Taten

Hinführende Gedanken

Das Matthäus-Evangelium ist nach heutigen Erkenntnissen zwischen 75 und 90 n. Chr. in der Tradition der judenchristlichen Gemeinde entstanden. Es wendet sich zuerst an Judenchristen und ist im besonderen Maße bemüht, Jesus als den Vollender von Gottes Heilsplan mit den Menschen darzustellen. Oft wird das Alte Testament zitiert, um zu beweisen, wie das Gesetz und die Propheten „erfüllt“ werden: So weist Jesu Stammbaum in das Königsgeschlecht (Davids Sohn); die jungfräuliche Geburt ist schon von Jesaja geweissagt worden. Daß sie nicht nur für das Volk Israel, sondern für die ganze Welt die große Wende und das Heil bringt, sagt die Geschichte von den (heidnischen) Sterndeutern, die, von „seinem Stern“ angezogen, aus der Ferne kommen, um dem neuen König zu huldigen.

Gleichzeitig aber beginnt mit dem Predigttext das zweite Grundmotiv: Der Weg des neuen Königs wird ein Leidensweg sein (Flucht nach Ägypten). Dabei ist der „Kindermord von Bethlehem“ wohl kein historisches Ereignis (sonst hätte der große Geschichtsschreiber Josephus Flavius, der sonst alle Grausamkeiten des Herodes genau aufzählt, davon berichtet): In Jesu wiederholt sich vielmehr der Auszug des Volkes Israel aus Ägypten unter Moses (dessen Kindheit durch den Mordbefehl des Pharaos bedroht war), neu und wird vollendet.

Liebe Gemeinde,

heute, sozusagen am 3. Feiertag nach der Heiligen Nacht, wird uns die andere Dimension von Weihnachten vor Augen geführt. Da wird deutlich: Weihnachten - das bedeutet nicht nur Lichterglanz, Familien-Idylle und Geschenke. Nein - wenn wir heute von der Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten und dem Kindermord des Herodes hören, dann müssen wir erkennen: der Lebensweg des neugeborenen Königs ist schon als Leidensweg gekennzeichnet. Der Weg Jesu wird nach Golgatha führen.

Doch hören wir zunächst auf den für den heutigen 1. Sonntag nach dem Christfest vorgeschlagenen Predigttext aus Matthäus 2:

13 Siehe, es erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum und sprach: Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und flieh nach Ägypten und bleib dort, bis ich dir's sage; denn Herodes hat vor, das Kindlein zu suchen, um es umzubringen. 14 Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich bei Nacht und entwich nach Ägypten 15 und blieb dort bis nach dem Tod des Herodes, damit erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Hosea 11,1): »Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.«

16 Als Herodes nun sah, daß er von den Weisen betrogen war, wurde er sehr zornig und schickte aus und ließ alle Kinder in Bethlehem töten und in der ganzen Gegend, die zweijährig und darunter waren, nach der Zeit, die er von den Weisen genau erkundet hatte. 17 Da wurde erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten Jeremia, der da spricht (Jeremia 31,15): 18 »In Rama hat man ein Geschrei gehört, viel Weinen und Wehklagen; Rahel beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn es war aus mit ihnen.«

[19 Als aber Herodes gestorben war, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum in Ägypten 20 und sprach: Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und zieh hin in das Land Israel; sie sind gestorben, die dem Kindlein nach dem Leben getrachtet haben. 21 Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich und kam in das Land Israel. 22 Als er aber hörte, daß Archelaus in Judäa König war anstatt seines Vaters Herodes, fürchtete er sich, dorthin zu gehen. Und im Traum empfing er Befehl von Gott und zog ins galiläische Land 23 und kam und wohnte in einer Stadt mit Namen Nazareth, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch die Propheten: Er soll Nazoräer heißen.]

1. „Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch“ (Friedrich Hölderlin)

Vielleicht sind Ihnen beim Hören auf den Text die gleichen Gedanken gekommen wie mir beim ersten Lesen: Mir ist das Sprichwort eingefallen: „Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf.“ Josef, der am Anfang des Kapitels als frommer Mann beschrieben wird, bekommt im Schlaf immer zur richtigen Zeit die richtigen Hinweise. Im Traum erhält er genaue Anweisungen, wie er sich verhalten muß, um sein erstes Kind, von dem er weiß, daß es in besonderer Beziehung zu Gott steht, zu schützen.

Offenbar hat Josef eine besondere Eigenschaft, die ihn in den entscheidenden Momenten auszeichnet: er ist fähig, aufmerksam auf Gottes Wort und auf die Boten, die ihm das Wort Gottes vermitteln, zu hören. Er erkennt im Traum die Botschaft Gottes und gehorcht ihr - ohne wenn und aber. Kein unsicheres Fragen: Soll ich wirklich? Jetzt sofort? Ist das auch alles wahr? Nein, er weiß, wenn Gott zu ihm spricht, dann kann er dieser Botschaft trauen.

Josef hat Erfahrung mit Träumen. Matthäus berichtet uns schon am Anfang seines Evangeliums davon. Als Maria vor der Ehe schwanger war und Josef überlegte, sie deshalb zu verlassen, da erschien ihm auch ein Engel im Traum und überzeugte ihn, Maria als seine Frau zu sich zu nehmen. Mehr noch: der Engel kündigte an, daß Maria einen Sohn gebären werde, der sein Volk retten würde.

Und Josef hat nach der Geburt erfahren, daß sein Gehorsam gegenüber Gott richtig war: selbst Fremde kommen, um dem Kind als dem König und Heilsbringer zu huldigen.

Josef weiß, daß Gottes neue Befehle - die Flucht nach Ägypten, die Rückkehr nach Israel und die Niederlassung in der Stadt Nazareth in Galiläa - dem Leben seines Sohnes Jesus dienen und damit dem Leben und dem Heil aller Menschen. Darum kann Josef sie befolgen.

Überhaupt: Josef rückt in der Vorgeschichte dieses Evangeliums in den Vordergrund. Er ist hier nicht nur eine bloße Nebenfigur an der Krippe, wie er in der uns so vertrauten Weihnachtsgeschichte im Lukas-Evangelium dargestellt ist. Mal ehrlich: Möchten wir nicht auch manchmal ein bißchen sein wie Josef, mit der Fähigkeit zu träumen und danach zu handeln? Verantwortungsvoll, aber nicht allein verantwortlich? Befehlsempfänger von Gott selbst, der es nur gut mit uns meint?

Das Heil und den Heiland nicht erzeugen müssen, nicht zu erschaffen brauchen, aber beides wenigstens eine Zeitlang retten und bewahren können ... wenn auch nur durch Flucht vor den gegenwärtigen Verhältnissen. Die Heilige Familie wird so zu einer Flüchtlingsfamilie, die - wir würden heute sagen - wegen politischer Verfolgung die eigene Heimat verlassen muß.

Übrigens würden sie bei den geschilderten Umständen heute in Deutschland nicht als Flüchtlinge anerkannt werden. Verfolgt wurden offenbar nur Kinder in Bethlehem, sie hätten ja dort wegziehen können, ohne gleich das Land verlassen zu müssen ... Und ob man als unmündiges Baby schon politisch verfolgt werden kann, ist ebenfalls äußerst zweifelhaft.

Glücklicherweise war man damals in Ägypten gastfreundlicher.

Ägypten - das war der Ort, den die Israeliten in ihrer Vergangenheit unter Moses fluchtartig verlassen haben. In unserem Predigttext wird die Rückkehr in die Vergangenheit des Volkes Israel geschildert als eine Notwendigkeit, um mit neuer Kraft wieder aufbrechen zu können. Psychotherapeuten würden vielleicht sagen, die Rückerinnerung an die Kindheit ist manchmal nötig, um diese verstehend aufarbeiten und neu in die Zukunft gehen zu können.

Doch zurück zum Text. Jetzt fallen mir noch andere Personen ein, die in Israel ein wenig zur Rettung des Jesuskindes beigetragen haben. Erinnern Sie sich an die „Weisen aus dem Morgenland“ (wie Luther übersetzt)? Richtig übersetzt, müßte man sagen „Sterndeuter“, also Astrologen. Doch sie bekommen anfangs ihre Anweisungen nicht im Traum. Sie folgen einem Stern. Als Fremde, als Heiden, die den Gott Israels noch nicht erfahren haben, richten sie sich noch nach sichtbaren Zeichen am Himmel - ohne zu wissen, daß der Eine Gott als deren Schöpfer auch ihre Bahnen lenkt.

Die Astrologen folgen dem Stern, erkundigen sich bei Herodes, der die Hohenpriester und Schriftgelehrten zu Rate zieht, nach dem genauen Geburtsort und werden auf den richtigen Weg gewiesen. Das Zeichen des Sterns hatte sie nicht getäuscht.

Doch als sie das Kind in Bethlehem gefunden haben, da geschieht eine Veränderung mit ihnen. Jetzt ist nicht mehr der Stern wichtig. Sie haben das Kind selbst gesehen und huldigen ihm wie einem König und Gottessohn. Da passiert etwas Merkwürdiges: Plötzlich bekommen auch die Sterndeuter eine ganz andere Beziehung zu Gott. Gott kommt ihnen näher - und erscheint auch ihnen im Traum - wie zuvor dem frommen Josef. Und Gott befiehlt ihnen, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren.

II. Angst macht brutal

Herodes trachtet aus Angst um seine Machtposition dem Neugeborenen nach dem Leben. Ein neuer König der Juden - der könnte ihm seine Stellung kosten! Die Angst macht ihn brutal. Die Grausamkeit des Herodes ist sprichwörtlich gewesen: Drei seiner Söhne ließ er hinrichten, und zu seinem eigenen Begräbnis hätte aus jeder Familie einer getötet werden sollen, damit man auch wirklich trauere.

Auch wenn der Kindermord von Bethlehem keine historische Tatsache war (... siehe Hinführung), so geschieht er noch heute überall auf dieser Welt. Am 23.10.1998 hieß es in einer deutschen Tageszeitung: „Zwei Millionen Kinder sind seit 1987 in Kriegen getötet worden. Sechs Millionen wurden schwer verletzt, oft mit bleibenden Folgen. Etwa 800 000 Kinder werden derzeit in Streitkräften oder von Rebellen für militärische Einsätze mißbraucht.“

Wie konnte, wie kann Gott das nur zulassen? Diese Frage ist wohl nicht zu beantworten. Die Bosheit und die Angst, aus der sie erwächst, ist eine Tatsache dieser Welt, vor der sich auch Gott nicht verschließen kann.

Wenn wir den heutigen Predigttext noch einmal an uns vorüberziehen lassen - die Flucht aus Angst vor Verfolgung, der Kindermord des Herodes, die Rückkehr und die weitere Angst vor Verfolgung - dann müssen wir erkennen: Mit der Geburt des Kindes hat die eigentliche Gefahr erst begonnen. Oder - um es mit den Worten von Ernst Bloch auszudrücken:

III. „Wo das Rettende wächst, wächst auch die Gefahr.“

Wir Menschen sehen nicht so gern die Gefahr. Seien wir ehrlich: Wäre uns nicht ein Jesus lieber, der als Held das ganze Unglück dieser Welt gebannt und den Frieden unter allen Völkern ausgerufen hätte? Hätten wir nicht lieber einen Jesus, dem die Mächtigen dieser Welt nichts anhaben können.

Von diesem Wunsch erzählen die vielen Legenden. Auch über die Flucht nach Ägypten existiert eine. Sie rangt sich um einen kleinen Ort in Ägypten, in dem die Heilige Familie Zuflucht gefunden haben soll.

Der kleine stille Ort heißt El-Mtaria und liegt ca. 10 km nördlich von Kairo, nahe hinter der damaligen Grenze am rechten Nil-Ufer. Man brauchte den breiten Strom also nicht zu überqueren. Hier sollen Joseph, Maria und Jesus sichere Zuflucht bei jüdischen Gärtner gefunden haben, die einen Garten pflegten, den Königin Kleopatra einst anlegen ließ. Nach der Legende hat das Jesuskind den Leuten dadurch gedankt, daß es eine Süßwasserquelle hervorsprudeln ließ. Diese bewässert auch heute noch den Garten, während die anderen Quellen der Umgebung nur leicht salziges Wasser hervorbringen.

Eine schöne Geschichte, aber eben nur eine Legende.

An Weihnachten feiern wir, daß Jesus Mensch wurde und den Unbilden des Alltags ausgesetzt war. Nach Kurt Marti ist „nicht Ägypten ... der Fluchtpunkt der Flucht. Das Kind wird gerettet für härtere Tage. Fluchtpunkt der Flucht ist das Kreuz.“

Jesus hat uns am Kreuz nicht nur erlöst, er hat uns auch in seine Nachfolge berufen. Denn das Heil ist nicht billig zu haben. Zwar sind wir aus Gnade erlöst. Aber eben auch befreit - befreit zur Nachfolge. Die Gefahr der Nachfolge ist auch heute noch vorhanden, auch wenn wir wegen unseres Glaubens nicht offen verfolgt werden. Gefahr lauert aber dort, wo wir auf Grund unseres Bekenntnisses angesichts der Macht der wirtschaftlich Mächtigen ausgelacht werden. Dort, wo wir den „Frommen“ wegen unserer Toleranz Andersgläubigen gegenüber nicht ernst genommen werden. Dort, wo wir Zivilcourage beweisen und uns vor die Schwachen stellen. Dort, wo wir den Worten mehr zutrauen als den Waffen...

Jesu Nachfolge bedeutet immer auch die Mühen des Alltag auf sich nehmen, im Vertrauen auf Gottes Weisung.

Der mühevolle und gefährliche Alltag ist eine Wahrheit, die wir oft nicht wahrhaben wollen. Wir Menschen neigen dazu, nach einem Mächtigen und einem Führer zu rufen, der Ruhe und Frieden bringt, anstatt uns mit den uns zugedachten Fähigkeiten der wachsenden Verantwortung zu stellen.

Deshalb erfinden wir uns lieber unsere Helden und sprechen ihnen Wundertaten zu. Denn Wundertaten wird nie jemand auch von uns verlangen können. Und vielleicht sprechen wir auch deshalb so ungern von Jesus als einem Menschen, der elend am Kreuz gestorben ist. Vielleicht erzählen wir nur deshalb lieber von Jesus als von einem Gott, um nicht wirklich seine Nachfolge antreten zu müssen... Doch Jesus ist als Mensch geboren und hat als Gottessohn gelebt. Daran erkennen wir ihn.

Wir müssen daher nicht traurig sein, daß auf den Feiertag nun wieder der Alltag folgt. Denn der Alltag, den uns Jesus vorgelebt hat, endete mit dem Sonntag seiner Auferstehung. Das ist auch unser Trost. Amen.

Verfasserin: Prädikantin Ulrike Wegner, Werner-Hilpert-Str. 16, 63128 Dietzenbach


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