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Der dreieinige Gott

von Gabriele Wulz (Ulm )

Predigtdatum : 07.06.2020
Lesereihe : II
Predigttag im Kirchenjahr : Trinitatis
Textstelle : 4. Mose 6,22-27
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Wochenspruch: Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. (2. Korinther 13, 13)

Psalm: 113

Predigtreihen

Reihe I: 2. Korinther 13,11-13
Reihe II: 4. Mose 6,22-27
Reihe III: Johannes 3,1-8(9-13)
Reihe IV: Römer 11,(32)33-36
Reihe V: Jesaja 6,1-8(9-13)
Reihe VI: Epheser 1,3-14

Liedvorschläge

Eingangslied: EG 155, 1-4 Herr Jesu Christ, dich zu uns wend
Wochenlied: EG 139, 1-5 Gelobet sei der Herr oder EG 140, 1-5 Brunn alles Heils, dich ehren wir
Predigtlied: EG+ 33, 1-5 Gott dein guter oder EG 407, 1-3 Stern, auf den ich schaue
Schlusslied: EG 170, 1 Komm, Herr segne uns oder EG 175 Ausgang und Eingang

Predigttext 4. Mose 6,22-27

Der priesterliche Segen

22 Und der HERR redete mit Mose und sprach:
23 Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet:
24 Der HERR segne dich und behüte dich;
25 der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
26 der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.
27 So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.

Hinführung

Der aaronitische Segen gehört für viele Menschen zum unverzichtbaren Bestandteil eines evangelischen Gottesdienstes. Selbst wenn die Worte sehr vertraut sind, so muss eine Predigt über Num 6, 22 ff doch auch reflektieren und ausreichend kenntlich machen, dass dieser Text uns nicht gehört. Der aaronitische Segen ist der Segen, der Israel gilt. Aaron und seine (männlichen) Nachkommen sollen den Namen Gottes auf das Volk legen. So ist dieser Segen Ausdruck des Bundes zwischen Gott und Israel.

Als Miterben der Heiligen und Gottes Hausgenossen (Eph 2, 19) vertrauen wir auf Gottes Segnen, wenn wir die Worte des priesterlichen Segens hören.

Die Dreigliedrigkeit des aaronitischen Segens schlägt dabei die Brücke zum Trinitatisfest. Der ewigreiche Gott, der Brunnquell aller Gnaden (EG 219), blickt uns freundlich an und gibt uns, was wir zum Leben brauchen. So ist der Segen „die wohl dichteste Stelle der christlich-jüdischen Glaubensäußerung, weil dort dramatisiert wird, was Gnade ist: nicht erringen müssen, wovon man wirklich lebt.“

Gliederung

  1. „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.“
  2. „Verschränktes“ Reden
  3. „Und so sollt ihr sprechen …“
  4. Der Segen im Gottesdienst
  5. Segen und Sendung

Ziel

Im Nachdenken über die Worte des aaronitischen Segens Gottes Gegenwart zur Sprache bringen.

Predigt

I. Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn

„Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.“
Jakob, der Erzvater Israels, muss sich den Segen hart erkämpfen, mit List und Tücke erschleichen, ein ganzes Leben um ihn zittern und bangen, nicht zuletzt seine Gesundheit, seine Unversehrtheit einsetzen.
Als Geschlagener zieht er nach jener Nacht am Jabbok von dannen. Hinkend, aber gesegnet (1).
Der kirchliche Segen ist leichter zu haben. Es gibt ihn umsonst.

„Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.“
Das verletzte, das beschädigte, das verwundete Leben schreit nach Schutz, nach Bewahrung, nach Zuwendung, nach Berührung. Menschen suchen nach Vergewisserung. Sie suchen im Gottesdienst den Moment, in dem sie gemeint sind. Ganz persönlich.

Ich weiß, dass viele Menschen in den Gottesdienst gehen, um am Ende gesegnet zu werden. Gottes leuchtendes Angesicht soll mitgehen – hinaus in die Welt, in den Alltag, in die Woche.

Was für ein Geschenk, das der Predigttext für Trinitatis den Segen zum Thema macht.
Ich lese aus dem 4. Buch Mose. Aus dem 6. Kapitel die Verse 22 bis 27:

(Lesung des Predigttextes)

II. „Verschränktes“ Reden

Der Herr redete mit Mose und sprach:
Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: „Der Herr segne dich und behüte dich …“.

Merkwürdig verschränkt erscheint diese Rede Gottes. Mit Mose sprechend, erteilt Gott diesem einen Auftrag für Aaron und seine Söhne, die ihrerseits zu den Israeliten sprechen sollen. Es ist eine regelrechte Befehlskette, die da in Gang gesetzt wird. Sie zeigt uns:
Der Segen Gottes ist offensichtlich nicht direkt zu haben. Und vor allem: Aaron und seine Söhne handeln nicht in eigener Vollmacht.
Die Autorität der Priester Israels ist eine abgeleitete Autorität. Eine geliehene, eine angeordnete Autorität.
Und wenn die Priester segnen, dann tun sie das, weil Gott ihnen aufgetragen hat, den Segen auf sein Volk zu legen. Mit eben diesen Worten, die am Ende unserer Gottesdienste laut werden. Sie entlassen uns in die Welt, in das Leben, in den Alltag.

Eine seltsame Verschränkung und eine nur zu verständliche Scheu! Wie könnte es auch anders sein mit Gottes Wort in Menschen Mund?

Und dennoch soll Gottes Segen auf das Volk gelegt werden. Wie ein schützender Mantel aus Worten. Als wirksamer Schutz vor allem Bösen.

III. „Und so sollt ihr sprechen…“

Es geht eine besondere Kraft von diesen wenigen Worten aus (2). Und vielleicht ist das ja auch der Grund, dass uns diese Verse so berühren und so vertraut geworden sind.
So vertraut sind, dass Sie sie wahrscheinlich mitsprechen können.
Und mehr noch: Dass Sie innerlich der aufsteigenden Reihe der drei Verse folgen können – immer weiter bis zu dem erlösenden dreifachen Amen am Schluss.
Sie wären wohl ziemlich enttäuscht, wenn der Segen am Ende des Gottesdienstes fehlte.

Der erste Vers: „Der Herr segne dich und behüte dich“. Im Hebräischen sind das nur drei Worte. Martin Luther deutete diesen Vers auf Gott den Schöpfer und auf die Güter, mit denen er uns reich beschenkt. Zum Segen gehören ja auch die materiellen Dinge des Lebens. Kinder und ebenso die Fruchtbarkeit des Landes und der Herden. Glück und Gelingen bei der Arbeit. Freude am Leben und Gemeinschaft mit anderen Menschen. Beziehungsreichtum, der uns erfüllt und beglückt. Aber auch Schutz und Bewahrung auf den Straßen und Wegen, die vor uns liegen.

Der zweite Vers bringt das Leuchten, den Glanz in unsere Welt und in unser Leben. „Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.“ Martin Luther deutete diesen Segenswunsch auf Christus und auf die Vergebung der Sünden. Er schreibt in seiner Erklärung zu diesem Vers: „Gott der Herr, er zeige sich dir freundlich und tröstlich, sehe dich nicht sauer an noch zornig, erschrecke dein Herz nicht, sondern lache dich fröhlich und väterlich an, dass du fröhlich und getrost in ihm werdest und eine freudige, herzliche Zuversicht zu ihm habest.“ (3)

Und schließlich der dritte Vers. Er tröstet uns und verheißt den endlichen Sieg: „Der Herr hebe sein Angesicht über dir und gebe dir Frieden.“ Wem Gottes Angesicht sich zuwendet, der empfängt Vergebung für seine Schuld und darin Frieden (4).

IV. Der Segen im Gottesdienst

Drei Verse - dreifacher Segen. Schutz und Bewahrung. Vollkommenes Glück und vollkommenes Leben. Dreifache Zuwendung Gottes zu den Kindern Israels. Mehr kann man einem Menschen nicht wünschen.

Umso verwunderlicher, dass erst Martin Luther diese Anweisung an Aaron und seine Nachkommen in den Gottesdienst aufgenommen hat. Später, in „aufgeklärten“ Zeiten verschwand der aaronitische Segen wieder aus dem Gottesdienst. Man empfand ihn zu „jüdisch“. Erst im 19./20. Jahrhundert wurde er in unseren Gottesdiensten fest verankert, und ist für uns heute nicht mehr wegdenkbar.

Im jüdischen Gottesdienst stehen die Worte, die Aaron und seine Nachkommen zu sprechen aufgetragen sind, nicht am Ende des Gottesdienstes, sondern im Zentrum.

Alle Nachkommen Aarons, alle die aus priesterlichem Hause stammen, versammeln sich vor dem Toraschrein. Da stehen dann 13-jährige Knaben neben alten Männern. Oft ist es eine ganze Gruppe, die sich da auf den Weg macht.

Zuerst waschen sich alle die Hände. Die Leviten haben Kannen mit Wasser herbeigebracht, damit die Hände rituell gewaschen werden können. Die Schuhe werden ausgezogen. So wie Mose seine Schuhe am Dornbusch ausgezogen hat, weil der Ort, auf dem er stand, heilig war. Heilig deshalb, weil sich Gott ihm dort zeigte und seinen Namen nannte.

Und nun stehen die Priester vor dem Toraschrein und vor der Gemeinde. Sie bedecken ihren Kopf und ihre erhobenen Hände mit dem Gebetsschal. Die Finger sind gespreizt, so wie das auf Grabsteinen von Priestern manchmal zu sehen ist. So machen sie deutlich, dass sie den Segen nicht in Händen halten und er nicht aus ihren Händen kommt. Durch die gespreizten Finger hindurch scheint die Gegenwart Gottes.

Die Priester segnen nicht selbst. Sie geben den Segen weiter, indem sie die Worte sagen. Denn so heißt es ja: „Ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.“

Auf den genauen Wortlaut kommt es an. Der Vorbeter spricht jedes Wort einzeln vor. Laut. Die Gemeinde der versammelten Priester spricht es nach. Wort für Wort. Nach jedem Vers antwortet die Gemeinde mit „Amen“, das heißt „so ist es“, „so sei es“.

In der Gemeinde schaut niemand nach vorn. Man bedeckt die Augen. Schaut zum Boden. Im Wissen darum, dass Gott selbst in diesen Worten gegenwärtig ist und sein Volk segnet. In den menschlichen Worten ist Gott präsent. In den menschlichen Worten ist seine Stimme vernehmbar.

Nach dem Segen drehen sich die Priester um. Sie nehmen den Gebetsmantel vom Kopf, ziehen die Schuhe wieder an und gehen auf ihren Platz zurück. Der Ort, der für einen Moment zum heiligen Ort geworden ist, zum Ort der Gottesbegegnung wie am Dornbusch, ist wieder das, was er immer war. Ein Ort in einer Synagoge. Irgendwo auf der Welt.

V. Segen und Sendung

„So sollt ihr sagen.“ Nichts hinzufügen. Nichts weglassen. Nicht euren Geschmack und eure Gefühle zum Maßstab nehmen.
„So sollt ihr sagen.“ So – und nicht anders – sollt ihr sagen, damit ICH segne. Liebe Gemeinde, der ewigreiche Gott will uns gnädig anschauen und uns das geben, was wir zum Leben für Leib und Seele brauchen.

Magdalene Frettlöh, eine Theologin, die sich sehr intensiv mit dem Segen beschäftigt hat, erzählt von einer Frau. Die sagt: „Manchmal komme ich nur zum Gottesdienst, um am Ende mit dem Segen nach Hause gehen zu können. Wie ein warmer Mantel umhüllen und beschützen mich die Worte vom leuchtenden Angesicht Gottes außerhalb der Kirchenmauern. Und in der letzten Zeit kommt es schon einmal vor, dass ich meinen Enkelkindern einen Segenswunsch mit auf den Schulweg gebe oder über dem frischen Brot ein Segensgebet spreche, bevor ich es anschneide …“ (5).

Der Segen Gottes, liebe Gemeinde, begleitet uns hinaus ins Leben. In den Alltag. In die Situationen, in denen wir gefordert sind, ruhig und nüchtern das Notwendige zu tun.
Als Gesegnete werden wir zum Segen und suchen den Frieden.

Der Segen Gottes ist ein Geschenk, das wirkt und das uns verändert. Das hat auch Jakob erfahren, dem hinkend am Morgen nach nächtlichem Kampf die Sonne aufging. Da erkannte er im Angesicht seines Bruders das Angesicht Gottes.
Amen

Eingangsgebet

Dreieiniger Gott,
Vater, Sohn und Heiliger Geist,
wir loben dich und preisen deinen Namen.
Du gibst uns dein Wort
und zeigst uns, was du mit und von uns willst.
Du beschenkst uns mit deiner Liebe
und gehst dafür den schwersten Weg.
Du umhüllst uns mit deiner Gegenwart,
die uns innerlich neu werden lässt.

Hilf uns nun, dein Wort recht zu hören,
deine Liebe zu spüren.
Öffne uns Herzen und Sinne für deine Liebe.
Amen

Nach: Stephan Goldschmidt, Denn du bist unser Gott, S. 202

Fürbittengebet

Alles Leben kommt aus Deiner Hand, Herr,
die raschen Tage und die stillen,
das Lachen und das Weinen,
unsere Zweifel und unsere Zuversicht,
es ist alles vor deinen Augen,
und es lebt von dem Atem deiner Güte.

Herr, es ist alle Zeit
wie ein anvertrautes Land.
Wieviel versäumen wir daran,
und wieviel kann werden und wachsen
auf einem Land,
über das die Sonne deines Erbarmens geht.

Löse uns aus dem Schatten der Schuld,
bewahre uns vor dem Leichtsinn der Gedankenlosen
und vor dem Unsinn vieler Sorgen.
Schenke uns die Zuversicht
und das fröhliche, getroste Herz derer,
die dir vertrauen.
Amen

Theophil Askani, in: In memoriam Theophil Askani:
Denn Du hältst mich bei meiner rechten Hand. Predigten, 1982, S. 48

Verfasserin: Prälatin Gabriele Wulz, Adlerbastei 1, 89073 Ulm

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Anmerkungen:

(1) 1. Mose 32, 23 - 31
(2) Vgl. zum Folgenden P. von der Osten-Sacken, Katechismus und Siddur, Berlin, 1994 (2. Auflage), S. 279 f
(3) zit. n. Dr. Martin Luthers Werke, In einer das Bedürfnis der Zeit berücksichtigenden Auswahl, Bd. 2, Hamburg 1826, 340
(4) R. Gradwohl, Bibelauslegungen aus jüdischen Quellen, Stuttgart, 1988, S. 93
(5) Zitiert nach J. Ebach, Das Alte Testament als Klangraum des evangelischen Gottesdienstes, Gütersloh, 2016, S. 335


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