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Der Einzug des Königs

von Martina Hofmann-Becker (63225 Langen)

Predigtdatum : 28.03.1999
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : Judika
Textstelle : Markus 14,3-9
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Wochenspruch:

Der Menschensohn muß erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. (Johannes 3,14b.15)

Psalm: 69,2-4.8-10.21b.30 (EG 731)

Lesungen

Altes Testament:
Jesaja 50,4-9
Epistel:
Philipper 2,5-11
Evangelium:
Johannes 12,12-19

Liedvorschläge

Eingangslied:
EG 91
Herr, stärke mich, dein Leiden
Wochenlied:
EG 87
Du großer Schmerzensmann
Predigtlied:
EG 400
oder EG 402
Ich will dich lieben, meine Stärke
Meinen Jesum laß ich nicht
Schlußlied:
EG 79
Wir danken dir, Herr Jesu Christ

Vorbemerkungen:
„Simon, der Aussätzige“: da er hier als Gastgeber fungiert, ist wohl davon auszugehen, daß er (von Jesus) geheilt ist. Sonst könnte er nicht mit Gesunden zusammensein.
„Eine Frau“, in Mt. 26,6-13 ebenfalls unbenannt: In Joh. 12 wird sie als Maria genannt. Lukas erzählt in Kp. 7,36-50 von einer Sünderin“. Seine Geschichte hat Parallelen, aber einen anderen Schwerpunkt in der Aussage (Vergebung).
„Ein Glas“: Alabastergefäß - Alabaster war eine besonders kostbare, rötlich durchscheinende Gipsart.
„Unverfälschtes und kostbares Nardenöl“: Narde ist eine pflanzliche Substanz aus Indien, das Salböl wohl eine Mischung aus wohlriechenden Substanzen.
„Dreihundert Silbergroschen“: Der Wert ist gleichzusetzen mit dem Jahreslohn eines Taglöhners. Die Frau gibt also in dem Augenblick ein Vermögen, vielleicht ein Erbe der Familie oder ihre Alterssicherung. „Den Armen geben“ Zur Passahzeit gab man in Jerusalem den „zweiten Zehnten“ als Almosen für die Armen. Es war also ein konkreter Hintergrund für den Vorschlag der Jünger.
„Sie hat meinen Leib im voraus gesalbt zu meinem Begräbnis“
a) Es ist überliefert, daß „Frauen“ berühmten Rabbinern das Haupt salbten, um sie dadurch als Lehrer zu ehren.
b) Totensalbung gilt im Judentum als „Liebeswerk“ und steht als solches höher als Almosengeben. Die Deutung der Handlung der Frau kommt für die Jünger überraschend und nimmt sie voll in Schutz. Das Almosengeben an die Armen wird dadurch nicht abgelehnt.
Zum Kontext: Voraus geht der Beschluß der Hohenpriester, Jesus zu töten. Auf den Text folgt der Verrat des Judas. Der Abschnitt ist also mehr als die „Erinnerung“ an die Salbung Jesu durch eine Frau: Er leitet den Leidensweg Jesu ein.
Daß mich diese Geschichte (als Frau) sehr bewegt, ist meiner Predigt sicher abzuspüren. Ich versuche herauszuarbeiten, daß dieser Salbung viel zu wenig theologische Bedeutung zugemessen wurde und wird. Trotzdem soll es nicht plump „feministisch“ gemeint sein. Vielmehr soll gemahnt werden, uns an der Gewichtung dieses Vorgangs daran zu halten, was Jesus darüber gesagt hat.
Der Predigttext kann am Anfang oder an der von mir vorgeschlagenen Stelle verlesen werden.

Liebe Gemeinde,
wer sich auf Jesus von Nazareth und seine Botschaft einläßt, kann nie vor Überraschungen sicher sein: Wie oft handelt Jesus in den Geschichten, die uns von ihm in der Bibel überliefert sind, ungewöhnlich und für uns auch unverständlich. Das eine Mal erleben wir ihn streng und abweisend, ja geradezu hartherzig. Ich denke da an die Austreibung der Händler aus dem Tempel oder an die Zurückweisung jener kanaanitischen Frau, die ihn um Heilung für ihre kranke Tochter anfleht.
Dann wiederum wird von ihm berichtet, wie er liebevoll die Kinder segnet, Kranke heilt und tröstet. Und immer wieder Menschen, die verzweifelt sind, bestärkt und ermutigt. Geschichten voller Zärtlichkeit und Wärme. Seine eigene Person stellt er dabei fast immer hinter der Botschaft, die er verkünden will, zurück. Für sich selbst beansprucht er nicht einmal ein festes Dach über dem Kopf.
Am heutigen Palmsonntag, zu Beginn der Karwoche, ist uns eine Bibelstelle zu bedenken aufgegeben, in der wir wiederum einem ganz anderen Jesus begegnen: Nicht dem hingebungsvollen, bescheidenen, konsequent besitzlosen Wander-Rabbi. Nein, heute wird uns von einem Jesus berichtet der ein ungewöhnlich großes, verschwenderisches Geschenk ganz allein für sich und seine Person in Anspruch nimmt. Und diese Gabe keineswegs gleich an die Armen und Besitzlosen weiterverteilt.
Es ist eine wunderschöne, ergreifende Geschichte, die uns der Evangelist Markus erzählt. In ihrem Mittelpunkt steht nicht Jesus selbst, sondern eine Frau, deren Namen wir (wieder einmal!) nicht kennen. Für ganz kurze Zeit tritt sie aus der ihr zugeschriebenen Hintergrundsrolle heraus und vollbringt etwas so Wesentliches, daß Jesus selbst von ihr sagt: „Wahrlich, ich sage Euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat.“
Doch hören Sie selbst, was Markus uns berichtet:
3 Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Glas mit unverfälschtem und kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Glas und goß es auf sein Haupt. 4 Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? 5 Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. 6 Jesus aber sprach: Laßt sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan.
7 Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. 8 Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im voraus gesalbt für mein Begräbnis. 9 Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat.
„Wahrlich ich sage euch...“ Ob wir das so radikal ernstnehmen, wie Jesus es hier gemeint hat? Ob wir das richtig begriffen haben?
Ob in der zweitausendjährigen Geschichte der christlichen Kirche, die sich auf dem Boden einer patriarchalischen Kultur und Tradition ausgebildet hat, der Salbung durch diese Frau nicht viel zu wenig Bedeutung beigemessen wurde? Haben wir davon nicht viel zu kraftlos weitererzählt? Es mag wohl sein, daß manche Kirchenlehrer mit dem unerschütterlichen Glauben dieser Frau und ihrem prophetischen Handeln nicht viel anzufangen wußten.
Aber Markus, Johannes und Matthäus hätten diese Geschichte mit Sicherheit nicht (fast textgleich!) aufgeschrieben, wenn sie das Wesentliche daran nicht erfaßt hätten. Es ist also an uns, Zeugnis zu geben von der Salbung in Bethanien. Von der verschwenderischen Liebe dieser Frau, die aus der ganzen Tiefe ihres Herzens heraus handelt und das als Evangelium, als frohe Botschaft, annimmt, was für die Jünger zu diesem Zeitpunkt noch völlig unbegreiflich ist. Immer wird sie mir ein Vorbild sein, wenn mein Glaube schwach, zaghaft oder ohne Kraft und Mut ist.
Aber was war eigentlich geschehen?
Es ist Passahzeit. Jesus macht sich auf zu seinem letzten, todbringenden Weg nach Jerusalem. In Bethanien kehrt er noch einmal ein. Dort wohnt Simon, der früher leprakrank war. Ob es Jesus war, der ihn geheilt hat, können wir nur vermuten. Simon freut sich auf den Gast und läßt für Jesus und seine Jünger ein Mahl ausrichten. Ein paar Nachbarn noch. Eine reine Männergesellschaft.
Und dann platzt sie herein, diese fremde Frau! Und stört. Stört sehr! Spricht kein einziges Wort. Alles liegt in dem, was sie tut. Die Männer im Raum scheint sie gar nicht wahrzunehmen. Vor ihren staunenden Augen vollzieht sie an Jesus ein Ritual der Liebkosung, der Zärtlichkeit. Schüttet ihren ganzen Besitz, ihre ganze Liebe über ihm aus. Salbt den Todgeweihten zum Begräbnis. Nimmt vorweg, was später nicht mehr möglich ist. Weiß aus einer untrüglichen Glaubensgewißheit heraus: Golgatha ist nicht das Ende. Es ist der Anfang.
Das ist ein Skandal! Was für ein peinlicher Zwischenfall. Langsam finden die Jünger ihre Fassung wieder. Voller Empörung murren sie:
„Was für eine Verschwendung! Man hätte dieses Öl um mindestens dreihundert Silbergroschen verkaufen können und den Erlös den Armen geben.“ Immerhin ist gerade Passahfest und da ist es verlangt, den zweiten Zehnten als Almosen zu geben. Dreihundert Silberlinge - wieviel zweite Zehnte hätte man damit abdecken können!
Ja, rechnen können sie gut, die Jünger. Aber Liebe rechnet nicht.
Alle Blicke sind nun auf Jesus gerichtet. Bestimmt würde er gleich rufen: „Schafft mir diese Verrückte vom Leibe!“ Anders können es sich die Jünger nicht vorstellen. Bestimmt würde er gleich für Ruhe und Ordnung sorgen.
Das tut Jesus auch. Er gebietet ihnen Einhalt und ermahnt sie in großem Ernst. Freilich mit Worten, die sie ein zweites Mal erstarren lassen: „Laßt sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat.“
Zu keinem anderen der sogenannten großen Gestalten des Neuen Testamentes, weder zu Petrus, noch zu Johannes noch zu Paulus, wird so etwas gesagt. Wohl aber zu dieser unbekannten, wortlos handelnden Frau.
Trotzdem liegt ihnen, liebe Gemeinde, jetzt wahrscheinlich eine Frage auf der Zunge: Das Argument der Jünger, das Öl zugunsten der Armen zu verkaufen, war doch eigentlich vollkommen berechtigt? Dreihundert Silberlinge, das entspricht etwa dem Jahresverdienst eines Taglöhners. Warum nimmt Jesus diese Kostbarkeit für sich in Anspruch? Er, der sich immer für die sozial Schwachen eingesetzt hat, er, der gepredigt hat: Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. Dieses Öl war wahrscheinlich der einzige Besitz dieser Frau, vielleicht ihre Alterssicherung. Sie hat alles gegeben, sie hat sich selbst dahingegeben. Und Jesus nimmt dieses Geschenk an! Warum?
Das Entscheidende an ihrer Tat ist: Sie erkennt als Allererste in Jesus den Erlöser, den Retter der Welt. Sie salbt den, der bald als Verbrecher hingerichtet werden wird, zum Messias. Zum Christus, das heißt übersetzt: Der Gesalbte. Ihre wortlose Handlung ist im Grunde ein beredtes Bekenntnis: Du bist der, auf den wir gewartet haben. Wenn auch alle gegen dich sprechen, und das Urteil bei der Hohepriesterschaft schon gefällt ist. Du bist der Messias!
Die Salbung entspricht im Alten Testament einem Zeremoniell zur Machtübernahme, einer Krönung vergleichbar. Samuel hat Saul zum König gesalbt. Und es ist der Erweis der letzten Ehre nach der Bestattung.
Im Grunde nimmt diese Frau ein Stück Ostern vorweg. Sie salbt den, der durch Kreuz und Tod erst hindurchgehen muß, zum auferstandenen Sohn Gottes. Sie sieht hinter das, was unmittelbar bevorsteht, sieht die Ostersonne hinter den Hügeln von Golgatha leuchten.
„Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.“ Jesus nimmt die Gabe dieser Frau an, weil sie ihm in dieser Stunde unendlich wohltut. Er spürt deutlich, wie es um ihn herum schon brodelt. Die Hohepriester suchen nach einer List, um ihn zu töten. Das Volk wendet sich von ihm ab.
Jesus ist kein Held, er ist ein Mensch aus Fleisch und Blut.Und ihm ist so bang. Ist er nicht in diesem Moment selbst einer seiner geringsten Brüder, dem die Liebe dieser Frau und ihr klares und unerschrockenes Bekenntnis unendlich wohltun? Sie, die niemals eine religiöse Unterweisung hatte, sie macht ihm Mut, bestärkt ihn, gibt ihm Kraft für den Weg, den er jetzt gehen muß und der sicher wie ein Berg vor ihm liegt. Ist das nicht eine Flasche kostbaren Öls wert? Ist das wirklich „Verschwendung“?
Denn diese Salbung kann nur einmal geschehen. Und sie widerfährt ihm jetzt, wo er Hilfe und Stärkung bitter nötig hat. Jesus nimmt das Geschenk an. Er spielt nicht den Starken. Er nimmt an, was er in dieser Stunde brauchen kann und zeigt ja darin wiederum seine große Liebe zu ihr. Gerade das macht ihn für mich zum echten, glaubwürdigen Menschen. Jesus lehrt uns nicht nur das Geben. Sondern auch das Annehmen von Geschenken.
Jesus spricht sich nicht gegen das Almosengeben aus. Deutlich erklärt er den Jünger: „ Arme habt ihr allezeit bei Euch und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun.“ Aber die Gaben der Liebe sind noch größer, sie stehen über dem, was der Vernunft entspricht und wir einander im christlichen Miteinander schuldig sind.
Und die Jünger?
Sie haben täglich Umgang mit Jesu, sind von ihm unterwiesen - und sind doch vollkommen blind. Nicht von ihnen wird er gesalbt, sondern von einer Unbekannten.
Die Jünger erwarten noch immer den irdischen Siegeszug Jesu als König der Juden. Und für sich selbst doch mindestens auch einen Platz an der Sonne. Und im entscheidenden Moment, als er durch die größten Tiefen der Angst und Einsamkeit gehen muß, da schlafen sie. Nämlich bei der Gefangennahme in Gethsemane. Einer verrät ihn gar, und ein anderer, der behauptet: Ich verlaß dich nie! - geht traurig von dannen, als der Hahn kräht. Es ist Petrus (= Fels!), der später so stark sein wird.
Die Jünger sind so schwach, so ohne Mut und feige - so wie wir eben auch in den meisten Fällen feige sind. Und diese einfache Frau erhöht sich über sich selbst, geht mit ganz sicherem Bekenntnis auf Jesus zu und achtet weder links noch rechts. Begreifen wir, daß sie ein Stück des Evangeliums selbst geworden ist?
„Wahrlich ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat.“
Unsere Liebe zu Jesus auf ungewöhnlichen Wegen zeigen, dafür sogar Brücken hinter uns brechen, wie sie - können wir das auch?
Ein kostbares Geschenk, das ein Mensch uns geben will, dankbar und freudig annehmen, einfach weil es uns wohltut - können wir das auch?
Amen.

Verfasserin: Prädikantin Martina Hofmann-Becker, Feldbergstr. 27, 63225 Langen

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