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Der erhöhte Christus

von Matthias Rost (Neudietendorf)

Predigtdatum : 25.05.2017
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : Christi Himmelfahrt
Textstelle : 1. Könige 8,22-24.26-28
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Wochenspruch:
"Christus spricht: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen." (Johannes 12, 32)

Psalm: 47, 2 -10 (EG 726)


Lesungen
Reihe I: Lukas 24 (44 - 49) 50 - 53

Reihe II: Apostelgeschichte 1, 3 - 4 (5 - 7) 8 - 11

Reihe III: 1. Könige 8, 22 – 24.26 – 28

Reihe IV: Offenbarung 1, 4 - 8

Reihe V: Johannes 17, 20 - 26

Reihe VI Epheser 1, 20 b - 23


Liedvorschläge
Eingangslied: EG 269 Christus ist König, jubelt laut
Wochenlied: EG 123, 1 – 4 + 9 Jesus Christus herrscht als König
Predigtlied: EG 277 oder EG 282, 1 – 4 Herr, deine Güte reicht Wie lieblich schön, Herr Zebaoth
Schlusslied: EG 265 oder EG 266 (nur abends) Nun singe Lob, du Christenheit Der Tag mein Gott, ist nun vergangen
Predigttext 1. Könige 8, 22 - 24.26 - 28
Gebet Salomos im Tempel

„Und Salomo trat vor den Altar des HERRN gegenüber der ganzen Gemeinde Israel und breitete seine Hände aus gen Himmel und sprach: HERR, Gott Israels, es ist kein Gott, weder droben im Himmel noch unten auf der Erden, dir gleich, der du hältst den Bund und die Barmherzigkeit deinen Knechten, die vor dir wandeln von ganzem Herzen; der du hast gehalten deinem Knecht, meinem Vater David, was du ihm geredet hast. Mit deinem Mund hast du es geredet, und mit deiner Hand hast du es erfüllt, wie es steht an diesem Tage. … Nun, Gott Israels, lass deine Worte wahr werden, die du deinem Knecht, meinem Vater David, geredet hast. Denn sollte in Wahrheit Gott auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen; wie sollte es denn dies Haus tun, das ich gebaut habe? Wende dich aber zum Gebet deines Knechtes und zu seinem Flehen, HERR, mein Gott, auf dass du hörest das Lob und Gebet, das dein Knecht heute vor dir tut.“

Liebe Gemeinde,

König Salomo hat ein Gotteshaus gebaut. Damit die Bundeslade, das Zeichen der Gegenwart Gottes in der Mitte seines Volkes, endlich ein Zuhause hat. Und als der Tempel in Jerusalem fertig ist, wird er eingeweiht. König Salomon spricht aus diesem Anlass ein langes Gebet. Das lesen wir im 1.Königebuch im 8. Kapitel. An einer Stelle betet Salomo so:

[Predigttext 1. Kön 8, 22 - 24.26 - 28 lesen]

Merkwürdig: Gerade ist das Gotteshaus fertig. Und gleich wird Gottes Gegenwart an diesem Ort wieder in Frage gestellt. Sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Die Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen.

Gut ist es, ein Gotteshaus zu haben. Und genauso gut und wichtig ist es zu wissen, Gott ist nicht dingfest zu machen an diesem Ort, er ist überall. Beides stimmt. Das ist die salomonische Weisheit, die erst in Jahrhunderten gereift ist: Es ist einerseits gut, einen Ort zu haben, wo wir gewiss sein können: Gott hört uns. Wir reden nicht ins Leere, wenn wir beten. Da bin ich verbunden mit vielen, die beten, auch wenn in mir manchmal mehr Zweifel als Vertrauen, mehr Fragen als Antworten sind.

Und andererseits: Gottes Ohr, Gottes Herz ist nicht nur im Tempel oder in der Kirche erreichbar. Er hört unser Bitten und Rufen, unser Loben und Klagen auch irgendwo anders in der Welt. Sein liebender Blick findet mich auch in der tiefsten Dunkelheit. Tempel und Kirchen können zerstört werden, aber die Zusage, dass Gott in der Welt ist, dass er sieht und hört, dass er unter allen Umständen mit uns zusammen sein will, diese Zusage kann nichts und niemand zerstören.

Heute feiern viele Gemeinden ihren Gottesdienst in freier Natur, am Waldrand, auf einem Hügel außerhalb des Ortes [eventuell hier konkretisieren entsprechend den lokalen Gegebenheiten].

Das ist einmal eine Gelegenheit darüber nachzudenken, was uns die Kirche als Ort für unser Beten bedeutet.

Eine Frau, die in einer Kleinstadt zu Hause ist und dort in der Kreisverwaltung arbeitet, hat einmal die Woche beruflich in der Landeshauptstadt zu tun. Wenn irgend möglich, fährt sie eine Stunde früher los. Dann macht sie einen Umweg in den Dom. Da sitzt sie dann für eine Viertelstunde. Die Geräusche der Stadt sind nur ganz von ferne zu hören. Das Licht ist sanft. Sie ist allein – und doch nicht allein. In dieser Viertelstunde lässt sie sich alles durch den Kopf und durchs Herz gehen, was sie beschäftigt: Die Tochter, die langsam erwachsen wird, aber noch nicht auf eigenen Füßen steht. Die Probleme der Kindergärten in ihrer Kleinstadt, für die sie verantwortlich ist. Das geduldige Gespräch mit den Nachbarn der neuen Flüchtlingsunterkunft und vieles andere. Zu Hause geht sie nicht in die Kirche. Sie ist noch Kirchenmitglied, doch zum Gottesdienst geht sie höchstens zu Weihnachten und zum Erntedankfest. Aber diese Viertelstunde im Dom einmal die Woche, die ist ihr ganz wichtig. Das ist ihre Kontaktzeit mit Gott. Gut, dass es diesen Ort gibt. Gut, dass der Dom immer offen steht. – Sollten nicht alle Gotteshäuser jeden Tag offen stehen?

Sicher: Beten kann ich überall. In der freien Natur, auf einer Bank am Waldrand. Am Frühstückstisch, bevor ich in den Tag aufbreche. Und nicht nur da, wo es still und beschaulich ist. Auch unterwegs im Bus oder in der Bahn. Wenn die Mitreisenden sich nicht allzu laut unterhalten, kann ich mich mit Gott unterhalten. Wenn die anderen Stöpsel im Ohr haben und schon mit aller Welt vernetzt sind, kann ich mich mit IHM vernetzen. Erreichbar ist ER, wo ich auch bin. In der Kirche oder in der Küche. In der Einsamkeit eines Krankenhauszimmers oder in der Stille eines Klosters.

Beten zwischendurch, wo ich auch bin: Wie wäre das, wenn wir uns das zur alltäglichen Übung machen?! – Stehe ich länger an der Kasse im Supermarkt, dann kann ich Gott danken für alles, was mir umsonst und ohne Bezahlung zum Leben gegeben ist. Oder ich danke ihm für die Menschen in aller Welt und ihrer Hände Arbeit, die all das hergestellt haben, was ich jetzt im Warenkorb habe. Oder mein Blick fällt auf eine Schlagzeile am Zeitungsstand, und ich mache eine kurze Fürbitte daraus.

Geht die Ampel vor mir auf Rot, warum dann fluchen auf den Bummler vor mir?! „Wenn der ein bisschen schneller gefahren wäre, hätte ich’s auch noch geschafft!“ – Nein, sondern jetzt habe ich 40 Sekunden Zeit, einmal durchzuat-men, Danke zu sagen für diesen Tag und zu bitten: „Komm, Heiligen Geist, erfülle mich, belebe mich, leite mich an diesem Tag! Und den Bummler vor mir auch. Amen.“ – Und wenn dann die Ampel auf Grün geht, fahre ich ein bisschen entspannter weiter. Ich bin sicher, einige Unfälle könnten nebenbei auf diese Weise vermieden werden.

Ihnen fallen sicher noch viele andere Gelegenheiten ein für ein Stoßgebet im Alltag, einen kurzen Kontakt mit Gott, eine „Drei-Minuten-Audienz“ beim Höchsten.

Zu Himmelfahrt feiern wir nicht, dass Christus weg ist aus der Welt – was gäbe es da schon zu feiern? Vielmehr: Er ist da. Er ist erreichbar, er hört unser Rufen und Flüstern, unser Jubeln oder unser Seufzen, und zwar überall. Das ist Grund genug zum Feiern. Christus ist eingetaucht in den Himmel, in den Raum Gottes, eins mit Gott, und darum ist er überall gegenwärtig.

Und doch ist es gut und hilfreich, einen Ort für das Beten zu haben: den Frühstückstisch, wo das Herrnhuter Losungsbuch griffbereit steht. Oder meinen Lieblingsplatz in meiner Wohnung. Den Platz, an den die Bilder meiner Liebsten aufgehängt sind, für die ich bete. Oder einen Ort, an dem ich für ein paar Minuten auf Abstand komme zu den Pflichten des Tages. Ein bestimmter Ort hilft mir, mich zu sammeln. Auch eine gute Sitzhaltung kann mir helfen, mich niederzulassen. Mich loszulassen.

In einem Sammlungsgebet heißt es: „Mich loszulassen, Herr, bin ich hier: Aus meiner Verspannung, aus meiner Verstrickung, aus meiner Verkrampftheit, mit der ich mich festhalten will und Dich verliere. Mich niederzulassen, Herr, bin ich hier: In meiner Mitte, in meiner Tiefe, in meinem Grund. Dorthin, wo ich an Dich grenze, wo Dein Leben an mein Leben rührt.“

Auch sichtbare Zeichen, etwa eine brennende Kerze, ein Kreuz oder Kruzifix oder ein Bild von Christus als dem „Guten Hirten“ sind gute Helfer zum Beten. Sie zeigen mir an, worauf ich mich innerlich ausrichte. Sie können mir helfen, dass meine Gedanken nicht nur um mich selber kreisen. In dem eben zitierten Gebet heißt es weiter: „Neu zu werden, Herr, bin ich hier: Aus Deiner Kraft, aus Deiner Liebe, aus Deinem Geist, mit dem Du mich durchflutest und Leben in Fülle schenkst.“

Wie gesagt: Beten können wir überall, aber ein Platz, der vorbereitet ist für das Beten, kann mir helfen, auch mich vorzubereiten für das Beten.
Wozu aber dann noch Kirchen? Was hat eine Kirche, was ich zu Hause nicht habe? Warum brauchen wir diesen besonderen Ort für unser Beten?

Auch viele evangelische Kirchen sind mittlerweile wieder in der Woche offen. Auch da gibt es vielfach einen Platz, an dem man sich für eine Weile hinsetzen kann, eine Kerze anzünden kann oder Gebetsanliegen in ein Buch schreiben kann.

Kirchenbesucher werden ein wenig dazu verführt, an diesem besonderen Ort etwas zu tun, was sie zu Hause oder unterwegs vielleicht nicht tun würden. Schön, wenn es an diesem Ort in der Kirche auch eine kleine schriftliche Anleitung gibt, auch zum Mitnehmen, eine Anleitung, wie einer wieder ins Gespräch kommen kann mit Gott. Kirchen als Orte fürs Betenlernen – für den, der das Beten nie gelernt oder vergessen oder einfach nur vernachlässigt hat.

Aber der Kirchenraum kann noch mehr für mich tun. Da werde ich mit meiner persönlichen Glaubens- und Lebens-geschichte hineingestellt in die Gottesgeschichte.

Der Raum mit den vielen Plätzen sagt dir: Du bist Teil einer großen Geschichte. Du gehörst zu einer großen Gemeinschaft. Und hier haben von Generationen vor dir die Menschen ihre Sorgen und ihre Hoffnungen, ihren Kummer und ihre Freuden zu Gott getragen.

Der Taufstein kann dich erinnern: Gott hat seine Liebesgeschichte mit dir angefangen lange bevor du ihn kanntest. Und er ist dir treu geblieben, auch wenn du ihn fast vergessen hattest.

Am Altar bist du wieder und wieder zurückgekehrt in den Freundschaftsbund mit Gott, den Jesus im Abendmahl gestiftet hat.

Und das Kreuz oder Kruzifix vorn auf dem Altar sagt mir: So hat Gott sich mit unserer Welt verbunden, dass er alles, was voller Schuld und Leid ist, was dem Tode verfallen ist, zum Leben hin verwandeln will.
[gegebenenfalls kann hier auf ein Bild oder Kunstwerk im Kirchenraum eingegangen werden, das zu den Betenden im Kirchenraum in besonderer Weise spricht: ein „Segnender Christus“, ein „Guter Hirte“…]

Im Liederbuch für den Kirchentag, der gerade in Berlin und an sechs Orten in Mitteldeutschland stattfindet, gibt es eine „Andacht unterwegs“: Eine kleine Anleitung für eine kleine Zeit der Stille - in einem Kirchenraum, auf einer Parkbank oder wo auch immer.

Das könnte ein guter Anfang sein, um wieder mit Gott ins Gespräch zu kommen.

„Nimm dir 7 Minuten Zeit“, heißt es da. „Nimm langsam, im Rhythmus Deines Atems, die folgenden Impulse in Dein Inneres:

Ich bin hier.
Ich habe Zeit.
Ich spüre den Boden unter mir.
Ich bin getragen.
Du, Gott, trägst mich.
Danke!
Von allen Seiten umgibst du mich.

Ich atme. Ich atme ein und atme aus.
Mein Atem kommt. Mein Atem geht.
Und kommt von Neuem.
Ich bin lebendig.
Du, Gott, bist mein Leben.
Danke!
Du hast mich wunderbar gemacht.

Ich denke an das, was ich erlebt habe
in den vergangenen Stunden:
was mich erfreut hat oder geärgert hat …
was mich berührt oder provoziert hat …
Danke für alles!
Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz.

Ich denke an die Menschen,
denen ich begegnet bin: …
Du warst dabei!
Du verstehst meine Gedanken von ferne.

Ich denke an das,
was vor mir liegt: …
Geh mit mir!
Du, Gott, siehst alle meine Wege.

Amen.


Verfasser: Pfarrer Dr. Matthias Rost
Zinzendorfplatz 3, 99192 Neudietendorf

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