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Der erhöhte Christus

von Karsten Müller (Halle /Saale)

Predigtdatum : 29.05.2014
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : Christi Himmelfahrt
Textstelle : Epheser 1,20b-23
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Wochenspruch:
Christus spricht: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen. (Johannes 12, 32)
Psalm: Psalm 47, 2 - 10

Lesungen
Altes Testament: 1.Könige 8, 22 - 24.26 - 28
Epistel: Apostelgeschichte 1, 3 - 4.(5 - 7).8 - 11
Evangelium: Lukas 24, (44 - 49).50 - 53

Liedvorschläge
Eingangslied: EG 122 Auf Christi Himmelfahrt allein
Wochenlied: EG 121 Wir danken dir, Herr Jesu Christ, dass du gen Himmel g’fahren bist
Predigtlied: EG 123, 1 + 2 + 5 und EG 251 Jesus Christus herrscht als König Herz und Herz vereint zusammen
Schlusslied: EG 120 Christ fuhr gen Himmel

Hinführung:
Der hier gemachte Predigtvorschlag mit der Idee, einmal zwei Predigtlieder zu singen, beruht auf einer Predigtmeditation zum Himmelfahrtstag 2002 von Pfarrerin Dr. Annette Noller (Göttinger Predigtmeditationen 2002/2, S. 244 - 251)
Zunächst wird an die himmlische Herrschaft von Christus er-innert, die am Himmelfahrtstag einen inhaltlichen Schwerpunkt setzt und mit der der kurze Abschnitt aus dem Epheserbrief anfängt.

In einem zweiten Gedankengang wird die Tatsache vertieft, dass die Kirche als Leib Christi schon in dieser Welt Anteil an dieser Herrschaft hat. Das bedeutet aber nicht, dass die Kirche in der Welt herrscht, sondern dass an ihrem „Anderssein“ etwas von der himmlischen „Herrschaft“ deutlich wird.
In der Predigt ist von Paulus als dem Autor des Epheserbriefes nicht die Rede, da es sich als von der neutestamentlichen Forschung her als gesichert gelten kann, dass der Epheserbrief nicht von Paulus persönlich stammt.

Predigt
Der Predigttext wird während der Predigt verlesen.

Liebe Gemeinde,
40 Tage nach den Auferstehungsereignissen verlässt der auferstandene Jesus die Erde und wird in den Himmel emporgehoben. Das geschieht durch die gleiche Kraft, die ihm neues Leben geschenkt hat. Es erklärt, warum der Auferstandene nicht mehr so bei uns ist, wie er es unmittelbar nach der Auferstehung war.

In manchen Kirchen (unserer Kirche?) wird am Himmelfahrtstag eine Christusfigur nach oben durch ein Loch in der Kirchendecke gezogen, um das Geschehen zu verdeutlichen. Aber Vorsicht ist geboten. Das Bild kann leicht einen falschen Eindruck hinterlassen. Der Sinn des Bilderverbotes des Alten Testamentes erschließt sich vielleicht am heutigen Tag am besten. Bilder, vom göttlichen Geschehen allzumal, können leicht etwas vermitteln, was gar nicht der Inhalt des Geschehens ist.

Am Himmelfahrtstag sieht es vordergründig so aus, als sei Jesus nicht mehr da. Er ist im Himmel und sitzt, wie wir es im Glaubensbekenntnis aussprechen, zur Rechten Gottes. Jesus hat Anteil an der himmlischen Herrschaft. Sein Wesen als Sohn Gottes tritt deutlich zu Tage.

Diese Tatsache scheint auch unser Predigttext zu unterstreichen, ein kurzer Abschnitt aus dem Epheserbrief im 1. Kapitel:
Verlesung des Predigttextes

Der Verfasser des Epheserbriefes zeichnet uns ein Bild des Jesus, der unseren Blicken nun entzogen ist. Wie sieht es hinter den Wolken aus, wo die Freiheit grenzenlos ein soll?
Der Blick hinter die Wolken offenbart eine andere Welt, als die, die uns geläufig ist. Wir neigen ja leicht dazu, unsere Welt als Nabel des Universums zu sehen. Nicht selten fühlen wir selbst uns in der Welt als der Nabel der Welt. Jedenfalls verhalten wir uns manchmal so.

Wer mit dem Flugzeug fliegt, kann eine Ahnung von der Relativität dieser Sicht bekommen. „Und dann Würde was uns groß und wichtig erscheint Plötzlich nichtig und klein“, singt Reinhard Mey in seinem Lied „Über den Wolken“. Noch viel eindrücklicher ist dieser Effekt wohl bei den Menschen, die schon einmal in den Kosmos geflogen sind und die Erdkugel im Ganzen gesehen haben.

Ein Inhalt des Himmelfahrtstages ist also gar nicht so sehr, dass etwas verschwindet oder dass erklärt werden soll, wo denn der auferstandene Jesus nun ist. Vielmehr werden die Verhältnisse verdeutlicht, die Relativitäten unseres Daseins beschrieben. So wie sie sind und nicht so, wie wir sie gern hätten. Oder wie wir sie dem Augenschein nach wahrnehmen.
Das Bild, das uns der Epheserbrief zeichnet, stimmt ja nicht unbedingt mit dem überein, was wir sehen, wahrnehmen oder auch erleben oder erleiden. Die Reiche, Gewalten, Mächte oder Herrschaften dieser Welt sind sehr real und es sieht nicht unbedingt danach aus, als gäbe es noch eine Herrschaft über ihnen.

Im Übrigen ist es auch unheimlich, wenn sich die irdischen Mächte, aus welchen Gründen auch immer, auf eine Instanz über ihnen beziehen. Das ist unheimlich, nicht selten tritt das Böse so auf: Wir handeln im Namen Gottes – und da scheint jedes Mittel recht und jede Untat erlaubt.

Wer jetzt an islamistische Gewalttäter denkt, der sei daran erinnert, dass wir vor hundert Jahren in Deutschland noch einen Kaiser hatten, der „von Gottes Gnaden“ regierte. Das Koppelschloss des deutschen Soldaten bis 1945 hatte die Aufschrift „Gott mit uns“.

Wozu soll also die Erinnerung an eine Welt, eine Sphäre über uns dienen? Ist sie so eine Art „Aufsichtsinstanz“, damit es in unserer Welt einigermaßen vernünftig zugeht und die schlimmsten Exzesse menschlicher Hybris nicht zum Alltag werden? „Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein...“ – soll da wenigstens noch der Gedanke stehen „... ohne Sonnenschein und Gott geht die ganze Welt bankrott“?

Was im Epheserbrief bisweilen auch etwas befremdlich wie ein Herrschaftsanspruch klingt – alles liegt unter den Füßen von Christus – ist eigentlich im Kern eine Erlösungsverheißung. Diese Herrschaft im Himmel ist eine ganz andere, als die, die wir von der Erde kennen. Ihr Herrschaftsinstrument ist nicht Zwang sondern Gnade, nicht Gewalt, sondern Liebe.

Die Herrschaft des Himmels ist die wahre Herrschaft. Herrschaften aus Gewalt, Zwang manchmal sogar Hass vergehen, früher oder später. Wenn die Herrschaft des Himmels die wahre Herrschaft ist, dann müssen wir uns vor den Herrschaften dieser Welt nicht fürchten. Das gilt auch für die letzte Herrschaft, die Macht über uns alle zu haben scheint: den Tod.

Ehe wir uns einem zweiten Schwerpunkt unseres Textes zuwenden, wollen wir das bis hierher bedachten besingen mit dem Lied:
Jesus Christus herrscht als König (EG 123, 1 + 2 + 5)

Also wird die Erlösung doch vertagt, in den Himmel verlagert. Der Gedanke liegt ja nahe am Himmelfahrtstag.

Aber der Autor des Epheserbriefes fügt an den Satz, dass alles unter die Füße von Christus getan ist, einen zweiten Gedanken an: Gott hat Christus gesetzt der Gemeinde zum Haupt über alles, welche sein Leib ist, nämlich die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt (Vers 22b und 23).

Die Rede von der Gemeinde bezieht sich hier nicht nur auf unsere lokale Kirchengemeinde oder uns als Gottesdienstgemeinde hier und heute. Nein, hier ist an die Kirche in der Welt gedacht, an alle Christinnen und Christen, so fremd sie sich auch manchmal sein mögen.

Die Kirche soll „anders“ sein, wird manchmal gesagt, anders als die anderen Institutionen dieser Welt. Oft wird dieser Gedanke mit der Vorstellung verbunden, die Glieder der Kirche, vor allem ihre Mitarbeiter müssten ganz besondere Menschen sein, gute Menschen vor allem, freundlich zu jeder und jedem, immer hilfsbereit und liebevoll.

Dahinter bleiben wir in der Regel mehr oder weniger weit zurück, obwohl es natürlich immer wieder schmerzt, wenn in der Institution „Kirche“ nicht einmal die Regeln bürgerlichen Anstandes gewahrt werden.

Der Epheserbrief schließt sich dieser Vorstellung nicht an. Die Kirche ist ein besonderer Raum, sie ist auch „anders“ aber eben nicht in der eben beschriebenen Weise. Sie ist anders, weil sie als Leib Christi auf der Erde gleichzeitig schon ein Stück vom Himmel ist. Der auferstandene Christus sitzt ja zur Rechten Gottes.

Ehe wir noch ein wenig bei dieser schönen Tatsache, dass wir als Kirche schon mit einem Fuß im Himmel stehen, verweilen, müssen wir der Gefahr eines Missverständnisses deutlich ins Auge sehen:

Dass wir einen Fuß im Himmel haben bedeutet nicht, dass dieser oder jener Teil der Welt als Herrschaft unter die Füße der Kirche gelegt ist. Die Vorstellung von der Herrschaft des Papstes über den Kaiser gehört ins Mittelalter.

Wenn die Kirche in den Himmel ragt, wie es mancher Kirchturm symbolisiert, dann soll auf der Erde schon etwas vom Himmel erlebbar sein. Kirche ist kein Herrschaftsinstrument, sondern Lebensraum.

Die orthodoxe Kirche versucht mit der Liturgie, nicht den Himmel auf die Erde zu holen, aber etwas von der himmlischen Welt erlebbar zu machen. Der Himmel ist nicht etwas, was hinter der Kirchendecke verborgen ist, sondern er ist schon jetzt, in der Kirche erlebbar. Der in den Himmel gefahrene Christus ist nicht weit weg, sondern gegenwärtig in der Kirche.

Diese Gegenwart hat eine interessante Eigenschaft: Sie verschwindet sofort, wenn wir die vor uns hertragen: Seht her, wir sind der Leib Christi, die besseren Menschen eben. Wenn wir so auftreten, dann ist es kein Wunder, wenn sich andere Menschen wundern: „... und das wollen Christen sein.“

Sofort sichtbar wird sie aber, wenn es Menschen gibt, die keine Angst haben. Sie haben keine Angst, dass es nicht reichen könnte, darum sind sie großzügig. Sie haben keine Angst, dass ihr Profil verschwinden könnte, deshalb können sie lieben. Sie haben keine Angst vor dem Tod, deshalb können sie gelassen leben.

Wenn wir so einem Menschen begegnen, dann hört man: Der ist irgendwie anders – ja eben. Vielleicht ist ihm oder ihr mehr bewusst als anderen, dass wir schon einen Fuß im Himmel haben. Einen Fuß über den Wolken, wo die Freiheit grenzenlos sein soll.

In dem Lied „Herz und Herz vereint zusammen“ hat Nikolaus von Zinzendorf die Gemeinschaft des Herrn mit der Gemeinde und die der Gemeinde mit ihm in einer innigen Weise beschrieben. Manche seiner Gedanken sind uns heute eher fremd, andere wieder nah. Deshalb wollen wir am Ende des Nachdenkens über die Schrift für heute gemeinsam singen:

Herz und Herz vereint zusammen (251, 1 + 2 + 6 + 7)
Amen.

Verfasser: Pfarrer Karsten Müller
An der Johanneskirche 1, 06110 Halle

Herausgegeben vom

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