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Der erhöhte Christus

von Maike Schmauß (81479 München)

Predigtdatum : 29.05.2003
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : Rogate
Textstelle : Lukas 24,(44-49).50-53
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Wochenspruch:

Christus spricht: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen. (Johannes 12,32)

Psalm: 47,2-10 (EG 726)

Lesungen

Altes Testament:
1. Könige 8,22-24.26-28
Epistel:
Apostelgeschichte 1,3-4 (5-7) 8-11
Evangelium:
Lukas 24,(44-49).50-53

Liedvorschläge

Eingangslied:
EG 405
Halt im Gedächtnis Jesus Christ
Wochenlied:
EG 121
Wir danken dir, Herr Jesu Christ, dass du gen Himmel g’fahren bist
Predigtlied:
EG 123,1-4
Jesus Christus herrscht als König
Schlusslied:
EG 120
Christ fuhr gen Himmel

Hinführende Gedanken
Himmelfahrt – darüber zu predigen ist nicht einfach. Schon zu Ostern wurde etwas „anschaulich“ gemacht, was eigentlich „unanschaulich“ ist, wurde eine Botschaft weitergesagt, die eigentlich „unsagbar“ ist, haben Menschen etwas „gehört“, was eigentlich „unerhört“ ist, wird von uns verlangt, etwas zu glauben, was eigentlich unglaublich ist.
Aber alle Ereignisse um Ostern spielten sich wenigstens noch auf der Erde und unter den Menschen ab.
Nun kommt der Himmel hinzu, das unglaubliche Geschehen wird endgültig übersinnlich. Das macht es noch schwieriger.
Die Darstellungen der Himmelfahrt, die wir aus der Kunst kennen, erleichtern uns den Zugang keineswegs, im Gegenteil. Sie vermitteln ja tatsächlich die „geographische“ Vorstellung von Erde und Himmel, unten und oben, die ein sehr unzureichendes und sicher auch unzutreffendes Bild dessen geben, was in unserem Glaubensbekenntnis heißt „aufgefahren in den Himmel“.
Die Predigt kann diese Schwierigkeiten durchaus ansprechen, sie gewinnt dadurch an Ehrlichkeit. Es ist ja, als gehe man von Weihnachten an durch eine Glaubensschule, in der der „Stoff“ immer schwieriger wird.
Weihnachten – Geburt eines göttlichen Kindes, das ist leicht zu erzählen;
Epiphanias – damit ist kein unverständliches, schwieriges Geschehen verbunden, wenn es auch in manchen Stücken fast märchenhaft anmutet;
Passion und Karfreitag – bedrückend, dunkel, aber im Bereich dessen, was vorstellbar ist;
Ostern – ein Geschehen, das unser Vorstellungsvermögen überschreitet;
Himmelfahrt – ein Ereignis, das weit über menschliches Begreifen hinausgeht ins Übersinnliche.
Selbst wenn man in der Predigt Himmelfahrt nicht in den großen Zusammenhang dieser „Glaubensschule“ stellt, sollte man auf jeden Fall an Ostern anknüpfen. Die Erhöhung Jesu ist nicht zu trennen von seiner Auferstehung.
Diese Anknüpfung bildet den ersten Teil der nachfolgenden Predigt. Sie könnte aber genauso geschehen, indem man stattdessen Gedanken aus diesen Vorüberlegungen übernimmt.

[44 Jesus sprach zu seinen Jüngern: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose, in den Propheten und in den Psalmen.
45 Da öffnete er ihnen das Verständnis, sodass sie die Schrift verstanden, 46 und sprach zu ihnen: So steht's geschrieben, dass Christus leiden wird und auferstehen von den Toten am dritten Tage; 47 und dass gepredigt wird in seinem Namen Buße zur Vergebung der Sünden unter allen Völkern. Fangt an in Jerusalem 48 und seid dafür Zeugen.
49 Und siehe, ich will auf euch herabsenden, was mein Vater verheißen hat. Ihr aber sollt in der Stadt bleiben, bis ihr ausgerüstet werdet mit Kraft aus der Höhe. Und]
50 Jesus führte seine Jünger hinaus bis nach Betanien und hob die Hände auf und segnete sie. 51 Und es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel. 52 Sie aber beteten ihn an und kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude 53 und waren allezeit im Tempel und priesen Gott.
Himmel – jenseits von Raum und Zeit

I.
Liebe Gemeinde,
in wenigen Sätzen erleben wir hier die letzte Szene eines Dramas, das einmalig ist in der gesamten Geschichte der Menschheit – das es nie vorher gegeben hat und das es nie nachher wieder geben wird.
Das Drama könnte heißen „Der Blick hinter den Vorhang.“
Jesus, der „Erstling der Auferstandenen“ genannt wird, hat sich nach seinem Tod denen offenbart, die ihm nahestanden, und hat sie so einen Blick tun lassen hinter den Vorhang des Todes.
Und wenn wir die Frage stellen „Was kommt nach dem Tod?“ werden wir nur im Zeugnis dieser Menschen eine Antwort erhalten können. Freilich eine Antwort in Bildern, in menschlichen Worten.
Das, was sie wirklich erlebten, war eine Offenbarung von Leben, die sie nicht in Worte menschlicher Sprache fassen konnten, weil sie jenseits von allem Vorstellbaren war.
So gibt das, was sie über ihre Begegnungen mit dem Auferstandenen erzählen, wohl nur sehr bruchstückhaft und nur in mühseligen Annäherungsversuchen das wieder, was sie nicht mit ihren leiblichen Sinnesorganen sahen und hörten, sondern mit inneren Augen und innerem Ohr. Und doch geben ihre Erzählungen Antwort auf manche Frage, wie es denn aussehe hinter dem undurchdringlichen, dunklen Vorhang des Todes.
Jesus behielt seine Identität. War er auch gewissermaßen in neuer Gestalt, so dass Maria Magdalena ihn zunächst nicht erkannte, so war er doch unverwechselbar in seinem Wesen.
Jesus war außerhalb von Zeit und Raum. Diese Grenzen zählten nicht mehr. Sie sind ausgelöscht durch die uns unvorstellbaren Dimensionen von Ewigkeit und Unendlichkeit.
Jesus löste sich schließlich völlig aus jeder Erdverbundenheit.
Damit sind wir bei dem heutigen Tag, dem Fest der Himmelfahrt Christi, und bei dem heutigen Text, der von dieser „Himmelfahrt“ in ganz knappen Worten berichtet.
II.
Gerade dann, wenn nur wenige Worte gemacht werden, ist jedes von Bedeutung – in einem so dichten Text ist nichts zufällig oder nebensächlich.
Ich lade Sie deshalb ein, gemeinsam mit mir Satz für Satz, Wort für Wort durch diesen Text zu gehen.
Er führte sie hinaus bis nach Betanien.
Jesu Beziehung zu seinen Jüngern hat sich verändert.
Sie haben ihn zwar häufig mit Herr und Meister angesprochen, doch war er in ihrer Weggemeinschaft immer einer von ihnen.
Sie zogen weiter, heißt es, oder sie kamen in eine Stadt oder oft auch nur er ging weiter und er kam in die Stadt - gemeint ist dabei fast immer: begleitet von seinen Jüngern.
In allen Evangelien gibt es nur eine einzige weitere Stelle, in der in Zusammenhang mit Jesus das Wort führen verwendet wird. Es ist eine Geschichte, die viele gemeinsame Züge mit unserem Text hat: die Verklärung Jesu.
In beiden Erzählungen führt Jesus Menschen, die er ausgewählt hat, auf einen Berg – Betanien liegt ja auf dem Ölberg – und in beiden Erzählungen öffnet sich über ihm der Himmel und die enge Verbindung zwischen Jesus und seinem Vater wird erkennbar.
Jesus führte sie bis nach Betanien hinaus heißt:
Jesus geht nicht mehr Seite an Seite mit ihnen, er geht ihnen voraus, wie er bis zum heutigen Tage jedem von uns vorausgegangen ist.
Und es heißt: Er übernimmt nun die Führung seiner Jünger, die Führung seiner entstehenden Gemeinde, seiner Kirche. Er tut es, indem er zunächst eine räumliche Distanz schafft, weg von den anderen Menschen, weg von der Stadt Jerusalem, weg auch vom Tempel.
Auf dem Ölberg, dort, wo alles seinen Anfang genommen hat, will er endgültig Abschied nehmen von den Jüngern, um end-gültig bei ihnen zu bleiben.
III.
Er hob die Hände auf und segnete sie.
Auch hier begegnen wir einem Jesus, dessen Beziehung zu den Menschen sich verändert hat. Er, der immer die körperliche Berührung gesucht hatte – kaum eine Heilung ohne Berührung -, er, der den Kindern die Hände auflegte, um sie zu segnen, er, der noch als Auferstandener dem Thomas erlaubte, seine Wundmale zu berühren, berührt nun, beim letzten Abschied, seine Jünger nicht mehr: Er hob die Hände auf und segnete sie.
Es ist, als entziehe er sich ihnen äußerlich, um innerlich bei ihnen zu bleiben. Er legt ihnen die Hände nicht auf – aber er hält die Hände über sie, um sie zu segnen, so wie er die Hände auch heute noch über jeden von uns halten will, um ihn zu segnen.
Und es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen.
Wie einfühlsam hat Jesus diesen Abschied vorgenommen! Ganz behutsam, ganz liebevoll hat er sich gelöst von denen, die ihn liebten – im Hinausführen, im Vorausgehen, im segnenden Aufheben der Hände. Sacht, ohne schmerzlichen Riss, gleichsam selbstverständlich geht es über in diesen Abschied.
Manche Menschen durften Vergleichbares erleben, wenn sie Abschied nehmen mussten von einem geliebten Menschen, und die Dankbarkeit für ein solches Scheiden war größer als ihr Schmerz.
Und er fuhr auf gen Himmel.
Himmel – Wo ist das? Was ist das?
Im Zen-Buddhismus pflegt man die Kunst des Koan. Ein Koan ist ein Wort, das einen unauflöslichen Widerspruch in sich hat. Es hat den Sinn, den Meditierenden an die Grenzen seines geistigen Vermögens zu führen, es erfordert den Sprung auf eine andere Ebene der Wahrnehmung.
Viele Glaubensfragen kann man nur mit einem Koan beantworten, auch die Frage, was Himmel oder Himmelreich ist.
Himmel ist ganz außerhalb unserer Welt, denn es bedeutet Ewigkeit und Unendlichkeit, nicht Zeit und Raum.
Und Himmel ist gleichzeitig ganz tief in uns drinnen.
Jesus fuhr auf gen Himmel heißt:
Jesus ist außerhalb der für uns geltenden Grenzen, und Jesus ist in unserem Inneren. Das Himmelreich ist inwendig in uns.
IV.
Nach dem Erlebnis der Himmelfahrt Jesu schließt sich der Kreis.
Die frohe Botschaft ist abgeschlossen. Ihre letzten Worte führen uns dahin zurück, wo sie begonnen hat:
Sie beteten ihn an – das erinnert an den Beginn des Wegs Jesu.
Es erinnert an die Anbetung des Kindes durch die Hirten und durch die Weisen. Und es erinnert an Jesu Versuchung durch den Teufel.
Ihm hat Jesus die Anbetung verwehrt mit den Worten des Vaters: Du sollst Gott, deinen Herrn, anbeten und ihm allein dienen.
Nun ist eine ganz neue Anbetung möglich geworden, die zu dem Gebot Gottes nicht in Widerspruch steht, sondern es vielmehr erfüllt: die Anbetung Gottes in seinem Sohn.
Sie kehrten zurück...mit großer Freude...und priesen Gott.
Auch diese Worte erinnern an die Geschichte von der Geburt Jesu, an die Hirten, jene ersten Zeugen und Verkündiger der frohen Botschaft. Die Hirten aber kehrten zurück, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten.
Sie sind in ihren Alltag zurückgegangen, zu ihren Herden...
Die Jünger gehen zurück zum Tempel in Jerusalem. Denn jetzt beginnt der Weg der Kirche, deren Amt es bis heute ist, Jesus anzubeten, mit großer Freude Gott zu preisen, weil Jesus uns als Erstling der Auferstandenen vorausgegangen ist und segnend seine Hände über uns hält. Amen.

Verfasserin: Prädikantin Maike Schmauß, Makartstr. 11, 81479 München

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