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Der gute Hirte

von Ulf Häbel (35321 Laubach-Freienseen)

Predigtdatum : 22.04.2007
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : Miserikordias Domini
Textstelle : Johannes 21,15-19
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Wochenspruch:

Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben.
(Johannes 10, 11a. 27 – 28a)
Psalm:
23 (EG 711)

Lesungen

Altes Testament:
Hesekiel 34, 1 -2( 3 – 9) 10 – 16.31
Epistel:
1. Petrus 2, 21b – 25
Evangelium:
Johannes 10, 11 – 16 (27 – 30)

Liedvorschläge

Eingangslied:
EG 288
Nun jauchzt dem Herren alle Welt
Wochenlied:
EG 274
Der Herr ist mein getreuer Hirt
Predigtlied:
EG 616
Auf der Spur des Hirten
Schlusslied:
EG 209
Ich möchte, dass einer mit mir geht

Johannes 21, 15 – 19
15 Als sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieber, als mich diese haben? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer! 16 Spricht er zum zweiten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe! 17 Spricht er zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb?, und sprach zu ihm: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!
18 Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hin wolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hin willst. 19 Das sagte er aber, um anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott preisen würde. Und als er das gesagt hatte, spricht er zu ihm: Folge mir nach!

Liebe Gemeinde,
wer nur mit halbem Herzen bei der Sache ist, dem wird sie nicht gut gelingen. Diese Erfahrung, die viele Menschen von uns gemacht haben und sicherlich manche von Ihnen auch, ist geradezu sprichwörtlich geworden in dem Satz, den ich zitiert habe. Wer nur mit halbem Herzen bei der Sache ist, dem wird sie nicht gelingen – das gilt für das eigene, private Leben genauso wie für das berufliche oder öffentliche Dasein. Ich kenne einen Jungen, der es mit der Schule etwas schwer hatte. Er war wohl intelligent genug, um den Leistungsanforderungen der Schule zu genügen. Doch irgendwie war er nur mit halbem Herzen bei der Sache. Die innere Einstellung fehlte; die Haltung, es wirklich schaffen zu wollen, war nicht zu spüren. Es gab zwar Leute, die ihm beim Lernen geholfen, haben, Eltern, Geschwister und Nachhilfelehrer – doch all das hat nur wenig bewirkt. Er war irgendwie nicht ganz dran an der Sache, nur mit halbem Herzen dabei. Und so kam es dann – wie es kommen musste: die Schulkarriere ging vorzeitig und ohne brauchbaren Abschluss zu Ende.

In einem Dorf beklagte man, dass die Menschen sich nicht mehr begegnen. Früher trafen sich die Leute am Dorfbrunnen; doch den gibt es nicht mehr. Die Bauern begegneten sich an der Stelle, an der man die Milch abgegeben hat. Doch die Milchsammelstelle ist schon lange verschwunden. Es gab einmal Gaststätten mit Stammtischen, die Dorfschmiede und andere Treffpunkte. Alles vorbei: man müsste einen neuen Treffpunkt im Dorf finden, eine Begegnungsstätte für Menschen neu schaffen. Und dann planten die Initiatoren dieser Idee, einen Platz in der Dorfmitte zu gestalten, der die Dorfbewohner und auch Fremde vom Verweilen und zur Begegnung einladen sollte. Alle waren dafür, die Vereine des Dorfes auch. Man müsste es mal probieren. Aber die Initiative ergriff niemand wirklich. Es gab niemanden, der das wirklich wollte; keiner war mit dem Herzen ganz und gar dabei. Und dann kam es, wie es kommen musste; das Projekt scheiterte, bevor es richtig begonnen hat.
Wer nur mit halbem Herzen bei der Sache ist, dem wird sie nicht gelingen, und der wird diese auch kaum voranbringen.
Umgekehrt gilt aber auch: Wer mit ganzem Herzen dabei ist, dem wird sein Vorhaben glücken. Wenn jemand von der Sache, die er tut, überzeugt und innerlich ganz dabei ist, dann spürt man das und wird vielleicht sogar angesteckt und mitgerissen.

Vor ungefähr 13 Jahren gab es in dem Dorf im Vogelsberg, in dem ich lebe, eine Initiative: Holt die Schule ins Dorf zurück. Wir hatten an unseren Kindern, die täglich 1 1/5 Stunden im überfüllten Bus zur Schule in die zentral gelegene Kleinstadt gekarrt wurden, gesehen, wie mühsam das für sie war. Eine meiner Töchter, die sich auch diesen täglichen Bildungsfahrten unterwerfen musste, hat dann die zutreffende Frage gestellt: „Papa, kannst Du mir sagen, warum´ s einem erst schlecht sein muss vom Bus fahren, bis man etwas lernen kann?“ Auf diese Frage wusste ich keine Antwort. Doch daraufhin haben 10 Menschen aus dem Dorf die Initiative ergriffen, die Schule ins Dorf zurückzuholen, wenn es gehen würde. Die Gruppe war ganz und gar bei dieser Sache, mit ganzem Herzen dabei. Und wir haben die Leute im Dorf und andere für unsere Idee begeistern können. Und es hat geklappt. Seit 8 Jahren gibt es die Dorfschule wieder; sie läuft in kirchlicher Trägerschaft und sie läuft gut.

Ich glaube, dass viele Menschen – im Schulamt, in der Kirchensynode, welche die Einrichtung der Schule beschlossen hat, in Behörden und Vereinen – beeindruckt, zur Unterstützung bewegt und von unserer Idee mitgerissen worden sind, weil sie gemerkt haben, dass wir mit ganzem Herzen bei der Sache waren, davon selber begeistert und erfüllt gewesen sind.

Diese Gedanken habe ich mir nicht einfach ausgedacht, liebe Gemeinde. Sie sind durch den Predigertext für diesen Sonntag Misericordias Domini, provoziert, herausgelockt worden.

Text Joh. 21, 15-19
Dieses Wort: Weide meine Lämmer wird in der Auslegung dieser Bibelstelle immer als der Auftrag zur Leitung der christlichen Gemeinde verstanden. Wer die Lämmer weidet, ist der gute Hirte. Dieses alte Bild, das aus der Lebenswelt der Nomaden stammt, ist uns allen vertraut. Und der Name dieses Sonntags: Misericordias Domini oder von guten Hirten hat es bis in unsere Zeit tradiert. Der Psalm dieses Sonntag, es ist der 23. der biblischen Sammlung von Psalmen: der Herr ist mein Hirte, ist vielen vertraut.
Bevor Jesus dem Petrus die Leitung der Gemeinde anvertraut: Weide die Herde, die Lämmer! Fragt er ihn (mehrfach): Hast Du mich lieb?

Bevor diese Aufgabe vergeben, der Auftrag erteilt wird, muss diese Frage gestellt sein: Bist Du mit Liebe, d.h. mit dem ganzen Herzen, mit deiner inneren Einstellung bei der Sache. Wie wichtig das ist, wird dadurch klar, dass Jesus diese Frage nach dem Herzen, der inneren Zuwendung und der Liebe dreimal stellt.
Für die Gemeindeleitung ist das Wichtigste offensichtlich diese innere Einstellung: Die Liebe zu Jesus und zu seiner Sache, und mit ganzem Herzen bei der Sache zu sein.

Für uns Pfarrer und Pfarrerinnen, denen ja diese Aufgabe der Leitung einer Gemeine übertragen ist, heißt das in der Tat: Bist Du mit ganzem Herzen bei der Sache. Und das spürt doch auch jede und jeder in der Gemeinde, ob ich meinen Beruf Pfarrer als Job verstehe und ausübe oder ich davon innerlich bewegt bin und mit ganzem Herzen bei der Sache bin. Der Pfarrberuf ist kein Job, sondern eine Berufung. Das gilt für die anderen gemeinde leitenden Rollen wie Kirchenvorsteher und Prädikanten, für Gruppenleitung und Kirchenmusik genauso. Wo wir mit ganzem Herzen bei der Sache sind, da spürt man es, da wird es uns auch gelingen, da begeistern wir Menschen.
Damit wird nicht die Vorbereitung und Ausbildung auf bestimmte Tätigkeiten geschmälert. Pfarrer brauchen eine gute theologische Ausbildung wie Kirchenmusiker und Prädikantinnen, wie Erzieherinnen und Oberkirchenräte. Doch die gute Ausbildung, unser Wissen und Können allein ist zu wenig; es bedarf der inneren Haltung, der Liebe zur Sache; man muss halt doch mit dem ganzen Herzen bei der Sache sein.

Die Sache der Gemeindeleitung wird Petrus übertragen. Wer war denn dieser Petrus? Er war derjenige, der Jesus verleugnet hat, der ihn in einem entscheidenden Moment seines Lebens verlassen hat, der ihn enttäuschte und die freundschaftliche Treue zerbrach. Und dieser fehlerhafte Mensch wird nun zur Leitung der Gemeinde berufen – trotz seiner Fehler, trotz seiner Schuld, trotz des Versagens – und das, weil er Jesus und damit seine Gemeinde liebt.
Eine Voraussetzung für diese Aufgabe, in der Gemeinde tätig zu sein und zu leiten, ist gerade nicht die moralisch einwandfreie Lebensführung, der Perfektionismus in Ausbildung und Lebensführung. Die Liebe, die innere Zuwendung – eben mit ganzem Herzen bei der Sache zu sein – ist eine Kraft, die sogar Fehler, moralisches Versagen, Schuld, überwinden lässt.
Menschen, die nicht allen Anforderungen entsprechen – Petrus hatte versagt, er hat freundschaftliche Beziehung und Treue verleugnet und verraten – Menschen, die nicht die geforderte Leistung erbringen und der verordneten Moral entsprechen, werden die looser genannt. Für Jugendliche ist das beinahe ein Schimpfwort. Man will keine looser, man schätzt keine Versager. Im Text der Bibel, der unser Predigttext für heute ist, wird eine Kraft benannt, die stärker ist, als die übliche Moral oder die Einstellung der Leistungsgesellschaft: Die Liebe ist stärker, tragfähiger als die Moral (der Mächtigen). Die Liebe hat vergebende Kraft; wer mit ganzem Herzen bei der Sache ist und sich den Menschen innerlich zuwendet, der kann Versagen, Fehler und Schuld überwinden.

Wenn jemand eine Gemeinde leiten und die Menschen wie ein guter Hirte führen will, dann prüfe nicht nur seine Zeugnisse, sondern frage auch nach seiner inneren Haltung, nach seiner Herzenseinstellung. Denn man sieht nur mit dem Herzen gut, wie es St. Exupery im „Kleinen Prinzen“ so schön formuliert hat.
„Weide meine Lämmer“ sagte Jesus zu Petrus. Und das heißt: Sei mit ganzem Herzen dabei; gib der Liebe mehr Raum als der Perfektion und der Richtigkeit; lass Gnade und Vergebung walten wo Fehler und Schuld belasten. Dieser Sonntag heißt Misericordias Domini. Wörtlich übersetzt: Gott, der Herr, hat ein Herz für die Elenden, die Armen, die Miserablen. Die Liebe zu den Elenden und die Vergebung sind die stärksten Kräfte im Leben – jedes Einzelnen und in der christlichen Gemeinde.

Vor vielen Jahren, als ich studierte, hatte ich einen Freund, der schon während des Studiums heiraten wollte. Das war damals selten. Mit seiner künftigen Frau und auch mit uns, seinen Freunden, hat er manchmal darüber gesprochen, was er tun könnte oder auch lassen, damit das Vorhaben der Ehe gelingt.
Und dann haben die beiden, seine Braut und er, eine lange Liste von Aufgaben und Verpflichtungen in der Ehe aufgestellt. Da war fast alles bis in den Alltag geregelt – wer wann die Schuhe putzt, dass der Haushalt abwechselnd bewältigt wird, dass jeder mal einkauft und sich um den Beruf des anderen kümmert. Wenn Kinder da wären, würden sie von beiden, abwechselnd getragen, gewickelt, versorgt und getröstet.
Die beiden haben dann geheiratet: und das was schön. Doch schon bald nach der Hochzeit konnten wir bemerken, dass sie nicht ganz glücklich und froh waren. Sie erschienen uns gelegentlich etwas nachdenklich und traurig. Auf unsere Bemerkung, dass sie gar nicht so richtig fröhlich wären, sagten sie: Wenn wir unseren langen Pflichten- und Aufgabenkatalog für die Ehe ansehen, entsprechen wir dem nicht ganz. Wir verletzten manchmal die Pflichten. Vielleicht sind wir doch nicht die idealen Partner für eine ideale Ehe. Als das der Großvater der Braut einmal hörte, sagte er: „Ach, Kind, glaube nicht, dass die Ehe einen perfekte Pflichterfüllungsgemeinschaft ist, sie ist eine Vergebungsgemeinschaft“ Und dann hat der alte Mann den jungen Leuten erzählt, dass er die innere Zuwendung von Menschen zueinander höher einschätzt, als das äußere Funktionieren, dass er der Vergebungsbereitschaft mehr zutraut als der vorgeschriebenen Pflichterfüllung, dass Liebe mehr trägt als Moral.

„Weide meine Lämmer“ das heißt: sei mit ganzem Herzen bei der Sache (Jesu) und bei den Menschen (in der Gemeinde). Das ist gut. Amen

Pfarrer Ulf Häbel, Wintergasse 10, 35321 Laubach-Freienseen

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