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Der gute Hirte

von Michael Heymel (64291 Darmstadt)

Predigtdatum : 26.04.2009
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : Quasimodogeniti
Textstelle : Johannes 10,11-16.(27-30)
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Wochenspruch:

Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben. (Johannes 10, 11a. 27 – 28a)

Psalm: 23 (EG 711)

Lesungen

Altes Testament:
Hesekiel 34, 1 -2( 3 – 9) 10 – 16.31
Epistel:
1. Petrus 2, 21b – 25
Evangelium:
Johannes 10, 11 – 16 (27 – 30)

Liedvorschläge

Eingangslied:
EG 288
Nun jauchzt dem Herren alle Welt
Wochenlied:
EG 274
Der Herr ist mein getreuer Hirt
Predigtlied:
EG 370,11-12
Warum sollt ich mich denn grämen
Schlusslied:
EG 616
Auf der Spur des Hirten

Hinführung:
An diesem Sonntag hört die Gemeinde aus dem Evangelium, wer der Gute Hirte ist: Es ist derjenige, der sein Leben lässt für die Schafe. Die Predigt zeigt, dass der Gute Hirte die Schafe nicht klein und abhängig macht. Er will sie im Gegenteil stärken und hellhörig machen, damit sie dem richtigen Herrn folgen und füreinander Verantwortung übernehmen.
Die Zitate stammen aus folgenden Büchern: Reinhold Gestrich, Hirten füreinander sein. Seelsorge in der Gemeinde, Stuttgart 1990, S.20; Sigmund Freud, Die Zukunft einer Illusion, in: Studienausgabe, hrsg. von Alexander Mitscherlich u.a., Bd.9, Frankfurt/Main 1974, S.137-189, hier: S.182.
Die Predigt verweist auf die ältesten Darstellungen (2. Jh.) Jesu als des Guten Hirten. Sie befinden sich auf Fresken in den Priscilla- und den San Callisto-Katakomben von Rom; eine Statue des Guten Hirten aus dem 4. Jh. wird in den Vatikanischen Museen gezeigt.

Jesus Christus spricht:
11 Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. 12 Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verläßt die Schafe und flieht - und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie -, 13 denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe. 14 Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich, 15 wie mich mein Vater kennt, und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe.
16 Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muß ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden.
[27 Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; 28 und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen. 29 Mein Vater, der mir sie gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann sie aus des Vaters Hand reißen. 30 Ich und der Vater sind eins.]

Liebe Gemeinde!
„Ich bin doch kein Schaf!“, empört sich eine Konfirmandin, nachdem sie den 23. Psalm gelesen hat. Dieser Psalm fängt bekanntlich an mit den Worten: Der Herr ist mein Hirte ... Gegen diese in ihren Augen kindliche Vorstellung wehrt sich die Konfirmandin. Sie wehrt sich dagegen, als klein und abhängig behandelt zu werden.
Damit hat sie natürlich Recht. Sie ist ja wirklich kein kleines Kind mehr. Aber woher kommt dieses Gefühl: da will mich jemand bevormunden? Vom Bild des guten Hirten geht keinerlei Zwang aus. Es macht uns nicht unmündig. Es zieht niemanden in eine Abhängigkeit hinein. Jesus zeichnet in seiner Rede ein Bild für Erwachsene. Daher ist es wichtig, dass wir verstehen, was dieses Bild vom guten Hirten in uns auslöst.
„Wie kommt es, dass gerade dieses Bild uns so eigentümlich berührt? Hängt es mit einer Urbedürftigkeit nach Schutz zusammen, die wir Menschen mit den Tieren teilen? Einerseits fühlen wir uns selbständig, stark, frei und mächtig, andererseits haben wir es nötig, genährt, beschützt, geführt und begleitet zu werden. Die menschliche Sehnsucht nach Fürsorge und Pflege, die irdisch nur ungenügend gestillt werden kann, findet in der Figur des Hirten ein Seelenbild, in welchem alles verkörpert ist, was wir uns von Gott her an Beistand wünschen“ (Reinhold Gestrich).
Bei Gott als dem Hirten in Zeiten der Not Zuflucht zu nehmen, das entspricht wohl dieser ‚menschlichen Sehnsucht nach Fürsorge und Pflege’. Wie berechtigt und heilsam dieses Verlangen ist, zeigen viele Beispiele aus der Seelsorge. Sie weisen auf die tiefe Wirkung des 23. Psalms an Kranken- und Sterbebetten hin.
Allerdings gilt auch das Andere: Wer seine Sehnsucht nach Schutz und Geborgenheit auf Gott projiziert, wer in Ihm den guten Hirten sucht, gerät leicht in den Verdacht, sich vor dem Erwachsenwerden zu drücken. Der berühmte Psychologe Sigmund Freud hat einmal erklärt: „Der Mensch kann nicht ewig Kind bleiben, er muss endlich hinaus ins ‚feindliche Leben’.“ Demnach muss jeder aufpassen, dass er nicht etwa nur deshalb einen guten Hirten sucht, um für sein Leben keine Verantwortung übernehmen und sich selber nicht der Gefahr stellen zu müssen.
Wer der gute Hirte ist, haben wir aus dem heutigen Evangelium gehört. Es ist derselbe Jesus Christus, der an Karfreitag gekreuzigt wurde und der in der Osternacht auferstanden ist. Er begegnet uns nicht nur als starker guter Hirte, sondern auch als ohnmächtiges, wehrloses Lamm. Er kommt nicht nur unseren menschlichen Schutzbedürfnissen entgegen, er setzt auch Kräfte frei für christliches, verantwortliches Handeln.
Der gute Hirte ist also nicht so sehr ein Bild für liebe Kinder, das ihnen zeigt: „Jesus passt auf euch auf“. Es ist vielmehr ein Bild für Erwachsene, das ihnen vor Augen hält, was es kostet und fordert, zu Jesus zu gehören.
Dieses Bild zeigt: der wahre Hirte ist der, der selber zum Opferlamm geworden ist, der sein Leben lässt für die Schafe. Gerade dadurch sorgt er für Heil und Leben der Seinen, so dass sie nun nicht mehr für ihr eigenes Seelenheil sorgen müssen. Der wahre Hirte setzt bei den Schafen Kräfte frei, damit sie zu Mit-Hirten, zu Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen Gottes werden und für Kirche und Welt Verantwortung übernehmen können.
Zugespitzt gesagt: Der gute Hirte ist nicht gekommen, damit die Schafe es sich bei ihm gemütlich machen und zu allem Mäh und Amen sagen. Er ist dazu gekommen, dass die Schafe hellhörig und kritisch werden, dass sie ihrem richtigen Herrn folgen und füreinander Verantwortung übernehmen.
Das sagt uns Jesus selbst in seiner Hirtenrede. Aber es gibt auch eine eindrückliche Bestätigung dafür.
Die ersten Christen in Rom haben nämlich vor mehr als 1800 Jahren die ersten Jesusbilder gemalt. Und zwar in den Katakomben, den unterirdischen Friedhöfen, wo sie ihre Toten begraben mussten. Diese kleine Herde von Christen wusste, was es heißt, wie Schafe unter den Wölfen zu leben. Sie wussten: das konnte sehr ungemütlich werden. Und diese römischen Christen malten zuerst nicht etwa Jesus am Kreuz, sondern Jesus als guten Hirten, der auf seinen Schultern ein Lamm trägt.
Der gute Hirte, das ist also derjenige, der sich der Kleinsten aus seiner Herde annimmt (die Großen können gewöhnlich selber laufen). Er setzt sich mit seiner Kraft dafür ein, das einzelne Schäfchen immer wieder zur Herde zurückzubringen.
Damit die Schafe das aber auch kapieren, müssen sie schaf-sinnig – scharfsinnig nach Art der Schafe – werden. Der gute Hirte befähigt sie, zu unterscheiden. Ja, daran erkennt man ihn sogar: dass er fähig zur Unterscheidung macht. Ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, sagt er. Und: Meine Schafe hören meine Stimme.
Der gute Hirte unterscheidet sich von einem beliebigen Lohnarbeiter, dem die Schafe nicht gehören. Der wird für seine Arbeit zwar bezahlt, aber er fühlt sich nicht für die Schafe verantwortlich. Und deswegen lässt er sie im Stich, sobald eine Gefahr auftaucht.
Dieser Unterschied ist grundlegend: während der gute Hirte sein Leben einsetzt für die Schafe, handelt der Lohnarbeiter nur aus Eigennutz. Er erledigt seinen Job, aber sein Leben riskiert er dafür nicht.
Liebe Freunde, Sie wissen es, der Hirte / die Hirtin dieser Gemeinde weiß es, und seine / ihre Mit-Hirten im Kirchenvorstand wissen es ebenso: Es gibt in jedem Beruf Leute, die für andere nur gerade das Nötigste tun – das, wofür man sie bezahlt –, denen bei Feierabend pünktlich auf die Minute der Griffel aus der Hand fällt. Ihre ganze Klugheit setzen sie lediglich dafür ein, ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen.
Es gibt auch unter Pfarrern solche Leute. Es gibt sie auch unter kirchlichen Mitarbeitern, bei uns in der evangelischen Kirche und in der römisch-katholischen Kirche. Ja, es gibt sogar hier und da einen Wolf im Schafspelz, der sich nach außen als leutseliger Hirte gebärdet, aber in Wirklichkeit nur danach strebt, jedes Schaf einzuwickeln und aufzufressen.
Aber der gute Hirte lehrt uns, was es heißt, Hirte zu sein: es bedeutet, sein Leben einsetzen, um die Herde gegen den Wolf zu verteidigen. Der gute Hirte hält die Herde zusammen. Er ist nicht darauf aus, sich Schafe einzuverleiben, sondern sein ganzes Leben geht darin auf, sie zusammenzuführen und zusammen zu halten.
Und deshalb erkennen die Schafe an seiner Stimme, mit wem sie’s zu tun haben. Sie hören genau, wer sie ruft. Sie wissen, wer sie wirklich kennt. Dieses ‚Kennen’ ist kein gleichgültig-achselzuckendes Bescheidwissen. Jesus kennt die Seinen so, wie mich mein Vater kennt, und ich kenne den Vater. Das ist ein liebevolles Kennen, ein Aufmerksamsein auf jeden Einzelnen, ein Sich-kümmern um den anderen und Wahrnehmen, was der andere braucht.
Auf diese Weise kennt uns Jesus, und wir haben den richtigen Schafs-Sinn – den Scharfsinn kluger Schafe – wenn wir sofort hören, wo wir es mit ihm zu tun haben. Nein, sei bloß kein Schaf, das jedem folgt! Wer beim guten Hirten auf die feinen Töne zu achten gelernt hat, der merkt natürlich gleich, ob so ein bezahlter Pseudohirte zu ihm spricht, der vor dem Wolf Reißaus nimmt, sobald es ernst wird.
Den falschen und schlechten Hirten werden die Schafe nicht folgen, sie wären ja dumm, wenn sie’s täten. Dem guten Hirten dagegen folgen sie, denn sie wissen, dass er sie nicht im Stich lässt. Wir haben einen solchen Hirten, bei dem jedes Schaf hellhörig und kritisch wird – vorausgesetzt, es hört seine Stimme.
Und wenn es diese Stimme hört, die liebevoll und besorgt zu ihm spricht, dann weiß es: „Der ist der wahre Hirte, dem liegt so viel an mir, dass er mich gegen den bösen Wolf verteidigt, diesen gierigen Fresser und Räuber. Auf meinen Hirten kann ich mich verlassen, denn er hält mich fest und trägt mich zurück, wenn ich mich verirrt habe.“ Und wenn ein Schaf das einmal erkannt hat, dann sagt es auch fröhlich und ungezwungen Mäh und Amen.
Dann muss sich so ein Schaf nicht mehr darum sorgen, was aus ihm wird. Es wird derart kräftig und mutig, dass es auch auf die anderen Schafe achtet und laut um Hilfe blökt, falls einem aus der Herde etwas Schlimmes passiert.
In einer christlichen Gemeinde können es die Schafe, die genau hinhören und zuhören, zu Mit-Hirten bringen, die sich beteiligen an der Fürsorge des guten Hirten. Sie übernehmen Verantwortung für andere in der Herde. Daran erkennt man, ob sie ihren Hirten in Wahrheit kennen: man erkennt es daran, dass sie an seinem Hirtendienst teilnehmen und seine Aufmerksamkeit für jedes noch so kleine Schäfchen teilen.
Aber das Andere muss auch gesagt werden: Die Mit-Hirten bleiben dennoch weiterhin Schafe, weil sie der Fürsorge des guten Hirten bedürfen. Sie bleiben Schafe, will heißen: sie bleiben angewiesen auf die Gemeinschaft der anderen und in diese Gemeinschaft der Herde hineingestellt.
Ein Pfarrer, selbst wenn er seinen Hirtendienst noch so gewissenhaft ausübt, bleibt doch immer ein Schaf, so wie Sie, liebe Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher, nicht nur mit den übrigen Schafen verbunden sind, sondern auch Mit-Hirten, die Verantwortung für andere tragen!
Für Leute, die mit Jesus nichts im Sinn haben, ist es eine Beleidigung, wenn man zu ihnen sagt: „Du Schaf!“ Aber für den, der den Beruf eines Hirten hat, ist es sehr tröstlich zu wissen: Mein Herr und wahrer Hirte sagt mir: „Du bist und bleibst doch (m)ein Schaf!“
So manches Schaf, das es in der Kirche zum Oberhirten gebracht hat, braucht vielleicht nichts dringender, als immer mal wieder daran erinnert zu werden: „Nun spiel dich nicht so auf, du bist doch immer noch ein Schaf aus unserer Herde!“
Wer als Hirte und Mit-Hirte in der Kirche arbeitet, läuft nämlich Gefahr, dass er seine erste Zugehörigkeit zur Herde manchmal vergisst. Dann bildet er oder sie sich ein, es gäbe noch was Besseres, als schaf-sinnig zu sein und auf die Stimme des guten Hirten zu hören.
Dabei ist doch das Beste den Schafen versprochen, die bereitwillig folgen: ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen.
Amen.

Verfasser: Pfarrer Dr. Michael Heymel, Schulzengasse 9, 64291 Darmstadt

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