Menü

Der Heiden Heiland

von Ernst Standhartinger (64331 Weiterstadt)

Predigtdatum : 22.01.2006
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 3. Sonntag nach Epiphanias
Textstelle : 2. Könige 5,(1-8).9-15.(16-18).19a
Wenn Sie diese Predigt als Word-Dokument erhalten möchten, tragen Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse ein und klicken Sie auf "Abschicken"
Ihre E-Mail

Wochenspruch:

Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes. (Lukas 13,29)

Psalm: 86,1-11.17

Lesungen

Altes Testament:
2. Könige 5, (1-8) 9-15 (16-18) 19a
Epistel:
Römer 1, (14-15) 16-17
Evangelium:
Matthäus 8,5-13

Liedvorschläge

Eingangslied:
EG EKHN
644,1-3
Nun ist vorbei die finstre Nacht
Wochenlied:
EG 293
Lobt Gott, den Herrn, ihr Heiden all
Predigtlied:
EG 286
Singt, singt dem Herren neue Lieder
Schlusslied:
EG 625
Wir strecken uns nach dir

[1 Naaman, der Feldhauptmann des Königs von Aram, war ein trefflicher Mann vor seinem Herrn und wert gehalten; denn durch ihn gab der HERR den Aramäern Sieg. Und er war ein gewaltiger Mann, jedoch aussätzig. 2 Aber die Kriegsleute der Aramäer waren ausgezogen und hatten ein junges Mädchen weggeführt aus dem Lande Israel; die war im Dienst der Frau Naamans. 3 Die sprach zu ihrer Herrin: Ach, dass mein Herr wäre bei dem Propheten in Samaria! Der könnte ihn von seinem Aussatz befreien. 4 Da ging Naaman hinein zu seinem Herrn und sagte es ihm an und sprach: So und so hat das Mädchen aus dem Lande Israel geredet. 5 Der König von Aram sprach: So zieh hin, ich will dem König von Israel einen Brief schreiben. Und er zog hin und nahm mit sich zehn Zentner Silber und sechstausend Goldgulden und zehn Feierkleider 6 und brachte den Brief dem König von Israel; der lautete: Wenn dieser Brief zu dir kommt, siehe, so wisse, ich habe meinen Knecht Naaman zu dir gesandt, damit du ihn von seinem Aussatz befreist. 7 Und als der König von Israel den Brief las, zerriss er seine Kleider und sprach: Bin ich denn Gott, dass ich töten und lebendig machen könnte, dass er zu mir schickt, ich solle den Mann von seinem Aussatz befreien? Merkt und seht, wie er Streit mit mir sucht!
8 Als Elisa, der Mann Gottes, hörte, dass der König von Israel seine Kleider zerrissen hatte, sandte er zu ihm und ließ ihm sagen: Warum hast du deine Kleider zerrissen? Lass ihn zu mir kommen, damit er innewerde, dass ein Prophet in Israel ist.]
9 Naaman kam mit Rossen und Wagen und hielt vor der Tür am Hause Elisas. 10 Da sandte Elisa einen Boten zu ihm und ließ ihm sagen: Geh hin und wasche dich siebenmal im Jordan, so wird dir dein Fleisch wieder heil und du wirst rein werden. 11 Da wurde Naaman zornig und zog weg und sprach: Ich meinte, er selbst sollte zu mir herauskommen und hertreten und den Namen des HERRN, seines Gottes, anrufen und seine Hand hin zum Heiligtum erheben und mich so von dem Aussatz befreien. 12 Sind nicht die Flüsse von Damaskus, Abana und Parpar, besser als alle Wasser in Israel, sodass ich mich in ihnen waschen und rein werden könnte? Und er wandte sich und zog weg im Zorn. 13 Da machten sich seine Diener an ihn heran, redeten mit ihm und sprachen: Lieber Vater, wenn dir der Prophet etwas Großes geboten hätte, hättest du es nicht getan? Wie viel mehr, wenn er zu dir sagt: Wasche dich, so wirst du rein!
14 Da stieg er ab und tauchte unter im Jordan siebenmal, wie der Mann Gottes geboten hatte. Und sein Fleisch wurde wieder heil wie das Fleisch eines jungen Knaben und er wurde rein. 15 Und er kehrte zurück zu dem Mann Gottes mit allen seinen Leuten. Und als er hinkam, trat er vor ihn und sprach: Siehe, nun weiß ich, dass kein Gott ist in allen Landen, außer in Israel; so nimm nun eine Segensgabe von deinem Knecht. [16 Elisa aber sprach: So wahr der HERR lebt, vor dem ich stehe: Ich nehme es nicht. Und er nötigte ihn, dass er es nehme; aber er wollte nicht. 17 Da sprach Naaman: Wenn nicht, so könnte doch deinem Knecht gegeben werden von dieser Erde eine Last, so viel zwei Maultiere tragen! Denn dein Knecht will nicht mehr andern Göttern opfern und Brandopfer darbringen, sondern allein dem HERRN. 18 Nur darin wolle der HERR deinem Knecht gnädig sein: Wenn mein König in den Tempel Rimmons geht, um dort anzubeten, und er sich auf meinen Arm lehnt und ich auch anbete im Tempel Rimmóns, dann möge der HERR deinem Knecht vergeben.]
19 Er sprach zu ihm: Zieh hin mit Frieden!

Vom Text zur Predigt
Die erste Begegnung mit dem Text ist zwiespältig:
Auf der einen Seite: Eine wunderbare Geschichte, die zum Nacherzählen geradezu einlädt. Ein Stück weit spielt sie zwar im „Märchen-Niemandsland“, alle Personen außer Naaman und Elisa bleiben namenlos. Trotzdem ist der gedachte geschichtliche Hintergrund für die ursprünglichen LeserInnen eindeutig; er muss für heutige PredigthörerInnen in die Nacherzählung aufgenommen werden.
Auf der anderen Seite: Eine bloße Nacherzählung würde dazu verführen, die Wahrheitsfrage einfach auszublenden. Wir leben in der Zeit nach der Aufklärung, die naturwissenschaftlich-technischen Denkvoraussetzungen, die unseren Alltag bestimmen und auf deren Wahrheit wir uns verlassen, dürfen nicht am Sonntagvormittag einfach vergessen werden, wenn die Predigt tragfähige Hilfe für das Leben sein will. Dabei geht es nicht um die (ohnehin nicht überprüfbare) Frage, ob das Wunder denn damals so geschah, wie es dargestellt ist, sondern ganz konkret um unsere eigene Erwartung: Was heißt es für uns, an einen Gott zu glauben, von dem immer wieder, innerhalb und außerhalb der Bibel, wunderbare Heilungen berichtet werden?
Während ich mich mit dieser Frage beschäftigte, erhielt ich die Einladung zur diesjährigen Missions-Studientagung der EKHN. Sie stand unter dem Thema: „Heil und Heilung“. Ich habe bei den Veranstaltern nachgefragt und von ihnen wichtige Hinweise bekommen, wie viel unbefangener und hoffnungsvoller Christen außerhalb Europas mit dem Thema Krankenheilung durch den Glauben umgehen. Besonders Pfrn. Ulrike Schmidt-Hesse vom Zentrum Ökumene der EKHN und Pfr. Bernhard Dinkelacker vom Evangelischen Missionswerk in Südwestdeutschland haben mir dabei wertvolle Hinweise aus ihrer ökumenischen Erfahrung gegeben.
Als Übersetzung empfehle ich die beigefügte von Heinz-Werner Neudorfer, weil sie den jüdischen Gottesnamen Jahwe benutzt, der für das Verständnis der Geschichte unentbehrlich ist.
Beim Namen des Offiziers (Naeman bei Luther, Naaman in der hebräischen Bibel) sind die beiden Vokale getrennt, also Na-aman (bzw. Na-eman) zu sprechen.
Als Literatur habe ich benutzt:
Heinz-Werner Neudorfer, Das zweite Buch der Könige (Wuppertaler Studienbibel), Brockhaus Verlag Wuppertal, 1998
Brigitte Schroven, Predigmeditation zum 3. Sonntag nach Epiphanias in Calwer Predigthilfen, 1. Halbband Reihe IV/1
Harald M. Nehb und Martin Klumpp, Predigtmeditation zum 3. Sonntag nach Epiphanias in Predigtstudien, 1. Halbband, Perikopenreihe IV
Theo Sundermeier. Heil und Heilung. Die ökumenische Dimension des Heilungsauftrags der Kirche in Ökumenische Rundschau, Oktober 2004.
1. Naaman, ein Heerführer des Königs von Aram, war ein wichtiger Mann vor seinem Herrn und war geachtet, denn Jahwe hatte ihm Sieg gegeben zugunsten von Aram. Der Mann war ein fähiger Soldat, aber aussätzig.
2. Aber die Aramäer zogen auf Raub aus und brachten aus dem Land Israel ein junges Mädchen mit, das in den Dienst von Naamans Frau kam.
3. Sie sagte zu ihrer Herrin: »Wäre doch mein Herr bei dem Propheten, der in Samaria ist! Dann würde der ihn von seinem Aussatz heilen.«
4. Er aber ging und berichtete seinem Herrn davon: »Das und das hat das Mädchen gesagt, das aus dem Land Israel kommt.«
5. Der König von Aram sagte: »Lauf, geh! Ich werde einen Brief an den König von Israel schicken.« Er aber ging und nahm zehn Talente Silber und 6000 Gold(-Stücke) und zehn Wechselkleider
6. und brachte den Brief zum König von Israel, in dem es hieß: »Und jetzt, da dieser Brief zu dir gekommen ist: Sieh, ich habe meinen Knecht Naaman zu dir geschickt, damit du ihn von seinem Aussatz heilen sollst.«
7. Als der König von Israel den Brief gelesen hatte, zerriss er seine Kleider und sagte: »Bin ich etwa Gott, dass ich töten und lebendig machen könnte? Ja, dieser hat zu mir geschickt, damit ich den Mann von seinem Aussatz heile. Ja, gewiss: Merkt doch und seht, dass er eine Gelegenheit an mir sucht!«
8. Als aber Elisa, der Mann Gottes, hörte, dass Israels König seine Kleider zerrissen hatte, da sandte er zum König und sagte: »Warum hast du deine Kleider zerrissen? Er möge doch zu mir kommen, dann wird er erfahren, dass es in Israel einen Propheten gibt!«
9. Naaman kam inmitten seiner Pferde in seinem Streitwagen und blieb an der Tür von Elisas Haus stehen.
10. Elisa aber schickte einen Boten zu ihm und ließ sagen: »Geh und wasch dich siebenmal im Jordan, dann wird dir dein Fleisch wieder (in den ursprünglichen Zustand) zurückkehren und du wirst rein sein.«
11. Da wurde Naaman zornig, wollte weggehen und sagte: »Siehe, ich habe bei mir gedacht: Er kommt gewiss heraus und stellt sich hin und ruft den Namen Jahwes, seines Gottes, an und schwingt seine Hand in Richtung auf den Ort und heilt (so) den Aussatz.
12. Sind Abana und Parpar, die Flüsse von Damaskus, etwa nicht besser als alle Gewässer Israels? Konnte ich mich etwa nicht in ihnen waschen und gereinigt werden?« Und er wandte sich um und wollte zornig fortziehen.
13. Da traten seine Untergebenen hinzu, redeten mit ihm und sagten: »Mein Vater, wenn der Prophet etwas Großes von dir verlangt hätte, hättest du es dann etwa nicht getan? Wie viel mehr, wenn er zu dir gesagt hat: ‚Wasch dich und werde rein!’«
14. Da stieg er hinab und tauchte gemäß dem Wort des Mannes Gottes siebenmal im Jordan unter. Da wurde sein Fleisch wieder wie das Fleisch eines Knaben und er wurde rein.
15. Und er kehrte zu dem Mann Gottes zurück, er und sein ganzes Gefolge. Er kam, stellte sich vor ihm hin und sagte: »Sieh doch: Ich habe erfahren, dass es auf der ganzen Erde keinen Gott gibt außer in Israel. Jetzt nimm doch ein Geschenk von deinem Knecht!«
16. Er sagte aber: »So wahr Jahwe lebt, vor dem ich stehe, werde ich nichts nehmen.« Er nötigte ihn aber zu nehmen, doch er weigerte sich.
17. Da sagte Naaman: »Könnte nicht doch deinem Diener eine Ladung mit Erde von einem Paar Maultieren gegeben werden? Denn dein Knecht will künftig nicht mehr anderen Göttern außer Jahwe Brandopfer und Schlachtopfer darbringen.
18. Nur in dieser Sache möge Jahwe deinem Knecht vergeben: Wenn mein Herr in den Tempel Rimmóns geht, um dort anzubeten, und er sich bei seinem Gebet auf meine Hand stützt im Tempel Rimmóns, dann möge doch Jahwe deinem Knecht in dieser Sache vergeben!«
19. Er aber sagte zu ihm: »Geh in Frieden!«
(Übersetzung von Heinz-Werner Neudörfer)

Liebe Gemeinde!
Diese Erzählung vom Oberkommandierenden Naaman aus dem kleinen Königreich Aram und seiner Reise nach Israel führt uns zurück in die Zeit vor etwas mehr als 2.500 Jahren. Unter König David war Israel zu einer etwas bedeutenderen regionalen Macht geworden, inzwischen war es aufgespalten in das winzige Königreich Juda mit der Hauptstadt Jerusalem und das etwas größere Königreich Israel mit der Hauptstadt Samaria. Rundherum lagen andere ebenso kleine Königreiche, unter anderem eben das Königreich Aram.
Mit diesen nachbarlichen Kleinstaaten lebte man mehr oder weniger friedlich zusammen. Gelegentlich fühlte sich einer der Könige mächtig genug, fremdes Gebiet zu erobern – dann wurden die Menschen mit Krieg überzogen. Und dazwischen gab es immer wieder kleinere Raubüberfälle auf nachbarliches Hoheitsgebiet, bei denen nicht nur Waren, sondern auch Bürger oder Bürgerinnen des Nachbarlandes geraubt wurden, so wie das Mädchen aus Israel, das im Haus des Naaman als Sklavin dienen musste und das für unsere Geschichte eine so wichtige Rolle spielt, auch wenn es nur am Anfang der Geschichte kurz erwähnt wird.
Naaman war in seinem Land eine wichtige Persönlichkeit. Er war ein erfolgreicher Kriegsherr und hatte schon viele Siege errungen – Siege, die er allerdings nach Ansicht der Verfasser und Verfasserinnen der Königsbücher nicht der eigenen Tüchtigkeit verdankte, sondern der Gnade Jahwes, des Gottes Israels – ohne dass ihm selbst das bewusst gewesen wäre. Dieser Naaman von einer unheilbaren Krankheit, dem Aussatz, befallen. Eine Heilung ist nicht in Sicht, Naaman muss mit seinem baldigen Tod rechnen.
Da schaltet sich seine jüdische Sklavin ein. Sie sagt zu ihrer Herrin: „Wäre doch mein Herr bei dem Propheten, der in Samaria ist, dann würde der ihn von seinem Aussatz heilen!“ Gemeint damit ist der Prophet Elisa, von dem viele Wundergeschichten erzählt wurden.
Naaman schöpft neue Hoffnung, Es könnte doch sein... Es stört ihn nicht, dass in Israel ein anderer Gott verehrt wird als in Aram, und dass der Prophet in Samaria, wenn überhaupt, dann nur im Namen und mit Hilfe dieses fremden Gottes helfen kann. Es könnte doch sein ... Dieser Hoffnungsschimmer genügt.
Naaman geht zu seinem König und erbittet dessen Zustimmung und Unterstützung. Er erhält vom König sogar einen Empfehlungsbrief an den König von Israel. Ausgestattet mit diesem Schreiben und mit reichen Geschenken macht Naaman sich auf den Weg nach Samaria. Doch mit seinem Empfehlungsschreiben löst er beim König von Israel lediglich Angst und Entsetzen aus. Der vermutet nämlich, dass man den unheilbar Kranken nur deshalb zu ihm geschickt hat, weil man nach Rechtfertigung für einen neuen Krieg sucht. Es ist doch klar, dass er niemand vom Aussatz heilen kann. Denn er ist zwar König und politisch mächtig, aber weder Arzt noch Wunderheiler.
Doch der Prophet Elisa erfährt vom Anliegen Naamans und schaltet sich von sich aus in das Geschehen ein. Er schickt Boten zum König und fordert ihn auf, den Bittsteller doch zu ihm weiter zu senden. So macht sich die hochherrschaftliche Delegation auf den Weg zu Elisa, der nach der Überlieferung in einem kleinen Dorf in der Nähe Samarias wohnte.
Wir können uns vorstellen, welches Aufsehen Naaman und sein Gefolge dort erregten – aber Elisa geht noch nicht einmal aus dem Haus, sondern lässt dem Herrn General nur durch einen Boten sagen, er solle siebenmal im Jordanfluss untertauchen – dadurch würde er geheilt.
Wir verstehen, dass ein so angesehener und mächtiger Mann wie Naaman das Verhalten Elisas als beleidigende Kränkung empfunden hat, genauso, dass er voll Zorn das vergebliche Unternehmen abbrechen und nach Hause zurückkehren will. In Aram, auf dem Gebiet des heutigen Staates Syrien, gab es wahrhaftig Flüsse mit klarerem Wasser als den oft schmutzigen Jordan.
Aber Naamans Mägde und Knechte bereden ihn, wenigstens einen Versuch zu unternehmen. So macht er sich doch auf zum Jordan, taucht siebenmal unter und ist geheilt.
Die mitgebrachten Geschenke nimmt Elisa, der ja nicht selbst geheilt, sondern nur die Heilung durch Gott vermittelt hat, nicht an. Aber die zwei anschließenden Bitten Naamans erfüllt er. Naaman darf Erde aus Israel mit nach Aram nehmen, damit er dort auf sozusagen heiligem Boden einen Altar für Jahwe errichten kann. Und Elisa sichert dem ausländischen General zu, dass er auch in Zukunft zu Hause seine staatlichen religiösen Pflichten erfüllen darf, obwohl er doch jetzt daran glaubt, dass es keinen anderen wirklichen Gott gibt außer Jahwe, dem Gott Israels.
Auf den ersten Blick mag es so erscheinen, als ginge es bei dieser Erzählung von Naaman um etwas, was ganz weit von unserem Leben und unserem Fragen heute entfernt ist. Was interessiert uns schon das Schicksal irgendeines Heerführers aus einem längst untergegangenen Zwergstaat im Nahen Osten? Was hilft es uns, dass er angeblich durch siebenmaliges Untertauchen im Jordan von einer unheilbaren Krankheit geheilt wurde? Und ob man an Gott glauben und trotzdem im Tempel Rimmóns anbeten kann, scheint auch nicht unser Problem zu sein.
Doch bei näherem Hinblicken bemerken wir, dass sich unsere heutigen Fragen und Probleme durchaus mit den damaligen vergleichen lassen.
Da steht z. B. in einer Meditation zu unserem Predigttext: „Bei einem meiner letzten Besuche an ihrem Krankenbett schob sie mir einen Zeitungsausschnitt hin: ‚Ob das vielleicht etwas für mich ist?’, fragte sie mich erwartungsvoll und schaute mich dabei eindringlich an. ‚Durch ein Wunder gerettet! Geistheiler befreite Manager vom Krebs!’, las ich. Für Heilung würde sie alles tun, jeden Preis zahlen. Ich wusste es, und wer wollte es ihr auch verdenken, ihr und anderen vom Tode gezeichneten Kranken.“
Jeder und jede von uns kennt doch Menschen, denen es so geht. Eigentlich ist ja alles geregelt in unserer modernen Welt mit ihren Apparaten und Computern und den SpezialistInnen für alles und jedes. Und im Allgemeinen fahren wir damit ja auch nicht schlecht. Es gibt aber Probleme, die sich auf diesem naturwissenschaftlich-technischen Weg nicht lösen lassen. Plötzlich bricht dann unsere ganze in sich so wohl geordnete rationale Welt zusammen. Viele Menschen greifen dann nach jedem Strohhalm und sind bereit, den blühendsten Blödsinn zu glauben. Andere aber beginnen an ihrer bisherigen Religion, einer vermeintlich aufgeklärten Gottlosigkeit zu zweifeln und neu nach dem Grund und dem Sinn alles Lebens zu fragen.
Naaman gehört eher zur zweiten dieser Gruppen. Dass es einen Gott oder mehrere Götter gibt, stand für ihn zwar außer Frage. Aber es stand eben auch fest: Götter helfen nur denen, die zu ihnen gehören. Es gab für ihn als Aramäer keinen Grund, Heilung ausgerechnet vom Gott Israels zu erwarten. Und schon allemal gab es keinen Grund, auf den Rat einer Person zu hören, die als Frau, Ausländerin und Sklavin doch nach seinen Vorstellungen absolut unter ihm stand.
Aber Naaman will nicht sterben. Und deshalb wagt er den Aufbruch aus allen vermeintlichen Selbstverständlichkeiten. Er macht sich auf einen weiten Weg – erst zum König von Israel, dann zum Propheten Elisa, dann zum Jordan und zuletzt zu einem neuen Leben, im Glauben und Vertrauen auf den Gott, der ihm geholfen hat, obwohl er nichts von ihm wusste und nicht an ihn glaubte.
Das Ganze geschieht nicht ohne das Handeln von Menschen. Da ist die Sklavin in seinem Haus, die trotz ihres schweren Schicksals den Glauben an ihren Gott nicht verloren hat und die sicher ist, dass dieser auch Naaman helfen will.
Da ist Elisa, der im Namen seines Gottes Hilfe anbietet, der aber nicht bereit ist, sich durch irgendwelchen Hokuspokus selbst als Wunderheiler aufzuspielen. Er verlangt von Naaman nur, an die Möglichkeit seiner Heilung durch Jahwe zu glauben und dies durch das vermeintlich sinnlose siebenmalige Untertauchen in einem schmutzigen Fluss zu beweisen.
Da sind Naamans Mägde und Knechte, die ihn ermutigen, zumindest den Versuch zu unternehmen, auf Elisa zu hören und so zu erfahren, ob Gott ihm helfen will. Und da ist zuletzt noch einmal Elisa, der Naaman ermutigt, mit seinen neuen Glauben an Israels Gott in seinen Alltag nach Hause zurückzukehren und diesen Glauben nicht für unvereinbar mit den politischen Notwendigkeiten seines Berufs zu sehen.
Und wieder liegen die Parallelen zu heute auf der Hand. Glaube an Gott fällt nicht vom Himmel. Er wird vermittelt von denen, die bereits zu diesem Glauben gefunden haben. Dabei sind oft vor allem die einfachen Menschen wichtig, so wie Naamans israelitische Sklavin oder seine Mägde und Knechte. Aber natürlich auch alle anderen, an denen sich erleben lässt, wie der Glaube an Gott Kraft, Mut und Hoffnung gibt, auch in scheinbar aussichtlosen Situationen. Und die so Heilung vermitteln, wo niemand sie mehr erwarten konnte.
Aber stoßen wir nicht genau hier an eine fast unüberwindliche Grenze zwischen unserem heutigen Lebensgefühl als moderne Menschen und den Vorstellungen, die für die damalige Welt selbstverständlich waren? Kraft, Mut und Hoffnung aus dem Glauben an Gott heraus, auch in scheinbar aussichtlosen Situationen – das mag ja sein. Aber nicht in der Erwartung, dass Gott für uns zaubert.
Für uns steht doch fest, dass alles seine natürlichen Ursachen hat – auch wenn wir die Ursache nicht immer durchschauen. Wunderheilungen gehören für uns eher in das Gebiet des Aberglaubens als des Glaubens; sie zu erwarten empfinden wir als einen Rückfall in ein nicht aufgeklärtes Denken.
Doch eben da liegt unser Problem. Natürlich ist Gott kein Zauberer. Aber die Welt ist eben auch keine Maschine. Ihre Abläufe erfolgen nicht mechanisch, sie lassen sich beeinflussen durch unseren Glauben. Und dazu gehört auch die Hoffnung auf Heilung durch Gott, dort, wo menschliche Kunst nicht mehr helfen kann.
Eine solche Hoffnung ist durchaus offen. Sie kann sich erfüllen, sie muss es aber nicht. Auf keinen Fall darf sie zur heimlichen Bedingung für den Glauben werden. Selbstverständlich gehören auch Krankheit und Sterben zu unserem Menschsein, ohne dass dadurch unsere Verbindung zu Gott zerstört wird. Heilung von Menschen kann auch darin bestehen, Kranken bei der Annahme ihres Krankseins zu helfen und aus dem Glauben heraus Trauernde zu trösten.
Aber der Gott der Bibel ist kein vertröstender, sondern ein heilender Gott. Ihm geht es nicht nur um unser Seelenheil, er will, dass es uns als ganzen Menschen gut geht. Und deshalb gehört es zum christlichen Glauben, nicht nur unser Heil, sondern auch ganz konkret Heilung von Krankheit von Gott zu erhoffen. Das haben Menschen außerhalb des europäischen Denkens oft viel besser verstanden als wir.
In China beispielsweise gibt es zurzeit ein großes Wachstum der christlichen Gemeinden, weil da dieser Zusammenhang gesehen und praktiziert wird. Dort kommen anders glaubende Menschen in den christlichen Gottesdienst, nicht zuerst wegen der Predigt, sondern wegen der heilmachenden Atmosphäre, die sie dort vorfinden. Ähnliches gilt für Afrika, wo es beispielsweise im südafrikanischen Zululand in evangelisch-lutherischen Gottesdiensten üblich ist, dass Menschen, die sich krank fühlen, aufgefordert werden, zum Altar zu kommen, damit die Gemeinde für sie betet.
In diesem anderen Denken von Christen in anderen Kulturkreisen spiegelt sich wohl auch etwas, was dem Ende der Geschichte von Naaman entspricht. Denn Naaman findet durch seine Heilung zwar zum Glauben an den Gott Israels, aber er wird dadurch kein Israeli. Er kehrt zurück in das kulturelle Umfeld, aus dem er gekommen ist. Er ist durch seine Heilung und Bekehrung ein anderer geworden, als der, der sich auf die Reise gemacht hatte. Aber er hört deshalb nicht auf, Aramäer zu sein.
Die christliche Mission hat lange den Fehler gemacht, christlichen Glauben und europäisches Denken gleichzusetzen. Sie hat damit oft vieles von dem zerstört oder beschädigt, was Europäer von anderen Kulturkreisen hätten lernen können und sollen, z. B. im Blick auf den Zusammenhang zwischen Glauben und Gesundheit. Die Geschichte von der Heilung des Naaman und alle die anderen biblischen Geschichten von wunderbaren Heilungen durch den Glauben können uns helfen, neu zu fragen, wie andere Kulturen diesen Zusammenhang sehen und erleben. Und sie kann so dazu beitragen, dass wir Gott wieder mehr zuzutrauen, als es unser von rationalistischen Denkverboten geprägter Kleinglaube oft erlauben will. Amen.

Pfarrer i. R. Ernst Standhartinger, Grüner Weg 18A, 64331 Weiterstadt

Herausgegeben vom

Logo Zentrum Verkündigung

Referat Ehrenamtliche Verkündigung
Markgrafenstraße 14, 60487 Frankfurt/Main,
Telefon: 069.71379-140
Telefax: 069.71379-131
E-Mail: predigtvorschlaege@zentrum-verkuendigung.de

in Kooperation mit dem

Logo Gemeindedienst der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland
Gemeindedienst der
Evangelischen Kirche
in Mitteldeutschland

Pfarrer Dr. Matthias Rost
Zinzendorfplatz 3 (Alte Apotheke), 99192 Neudietendorf
Telefon: 036202.7717-97

Logo MÖD – Missionarisch Ökumenischer Dienst
Pfarrer Thomas Borchers
Missionarisch-Ökumenischer Dienst
Westbahnstraße 4
76829 Landau
Telefon: 06341.928912
E-Mail: info@moed-pfalz.de