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Der Heiland als Zeichen, dem widersprochen wird; für viele ist er Licht und Heil

von Gerhard Schäberle-Koenigs (Bad Wildbad-Aichelberg)

Predigtdatum : 02.01.2022
Lesereihe : IV
Predigttag im Kirchenjahr : 1. Sonntag nach dem Christfest
Textstelle : 1. Johannesbrief 1,1-4
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Wochenspruch: Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. (Johannes 1,14b)

Psalm: 71,1–3b.5.9.20a.21.23 (EG 732)

Lesungen

Reihe I: Matthäus 2,13-18(19-23)
Reihe II: Hiob 42,1-6
Reihe III: Lukas 2,(22-24)25-38(39-40)
Reihe IV: 1. Johannes 1,1-4
Reihe V: Jesaja 49,13-16
Reihe VI: Johannes 12,44-50

Liedvorschläge

Eingangslied: EG 54,1-4 Herbei, o ihr Gläub’gen
Wochenlied: EG 34,1-4 Freuet euch ihr Christen alle
Predigtlied: EG 13,1-3 Tochter Zion
Schlusslied: EG 51,1-5 Also liebt Gott die arge Welt

Predigttext: 1. Johannes 1,1-4

1 Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unsern Augen, was wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben, vom Wort des Lebens –
2 und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist –,
3 was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus.
4 Und dies schreiben wir, auf dass unsere Freude vollkommen sei.

Hinführung

Der 1. Johannesbrief steht in engem Zusammenhang mit dem Johannesevangelium. Es wird wohl mit Absicht geschehen sein, dass dieser Brief mit seinem Anfang gleich den Anfang des Johannesevangeliums in Erinnerung ruft: „Am Anfang war das Wort …“ (Johannes 1). Der Autor will all das, was im Johannesevangelium von der Menschwerdung des Wortes Gottes erzählt und vor Augen gestellt wird, wieder in lebendige Erinnerung bringen.

Es wird angenommen, dass der Brief eine Streitschrift ist und der Verfasser gegen Irrlehrer in den Gemeinden das ursprüngliche Zeugnis vom fleischgewordenen Wort Gottes stark macht. Allerdings wissen wir rein gar nichts von diesen Irrlehrern und dem, was sie lehrten. Es bleibt Spekulation. Ein klares Bild von den Gegnern lässt sich aus den Sätzen des 1. Johannesbriefs nicht erheben. Es lohnt sich darum auch nicht, in der Predigt diese falschen Lehrer an die Wand zu malen.

Der Text soll aus sich heraus sprechen und auch für sich gehört werden. Das ist nun rein sprachlich und grammatikalisch eine Herausforderung für die Predigenden. Was als Vers 1 – 3 gezählt wird, ist ein einziger Satz. Das bloße Gerüst dieses Satzes sieht so aus:

„Was von Anfang an war …
das verkündigen wir auch euch,
damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt.

Das, was von Anfang an war, wird durch eine viergliedrige Aufzählung anschaulich gemacht:
‚gehört – gesehen – betrachtet – betastet‘.

Dieser Reihe wird ein Einschub angefügt: eine Erläuterung des „Lebens“. Sie ist so ausführlich, dass danach noch einmal neu und die Aufzählung zusammenfassend angesetzt wird, bevor mit dem Relativsatz die Aussage zu ihrem Ziel kommt. Es ist Poesie, nicht Prosa. Allerdings durch den erklärenden Einschub gebrochene Poesie.

Also nicht vorlesen wie einen Zeitungsartikel, sondern der Gemeinde Wort für Wort, Zeile für Zeile zu Gehör bringen. Der 1. Sonntag nach Weihnachten ist dieses Jahr sozusagen der 3. Feiertag. Es muss nicht noch einmal alles gesagt werden, was an Weihnachten zu sagen ist. Es darf auch eine recht kurze Predigt sein. Evangelium dieses Sonntags ist die Fortsetzung der „Weihnachtsgeschichte“ – „Simeon und Hanna“ (Lukas 2, 22 – 40).

Die Predigt nimmt Erfahrungen aus Familienzusammenhängen auf: „Oma, erzähl doch mal“. Ereignisse, die lange vor dem Erleben der Zuhörenden liegen, stiften und stärken Gemeinschaft zwischen den Nachgeborenen, wenn sie denn erzählt werden. Dabei ist zuweilen der eigenartige Effekt zu beobachten, dass die Nachgeborenen diese Geschichten weitererzählen, als wären sie selbst dabei gewesen. Längst Vergangenes wird immer wieder neu präsent.

Biblische Geschichten, wenn sie denn erzählt werden, oder gar inszeniert wie die Weihnachtsgeschichte, entfalten eine Präsenz, die dazu führt, dass die Hörenden bzw. Darstellenden selbst erleben, was erzählt wird. Es geschieht mehr als nur „Erinnerung“.

Die Predigt hebt aus dem Anfang des 1. Johannesbriefs vor allem das Gemeinschaftsstiftende, das Klärende und die er-wartete Freude heraus.

Gliederung

I. Anfänge sind spannend
II. „Oma, erzähl doch mal!“
III. Geschichten vom Anfang stiften Gemeinschaft
IV. Geschichten vom Anfang bringen Klarheit
V. Geschichten vom Anfang helfen einander zu verstehen
VI. Die vollkommene Freude

Predigt

I.

Liebe Gemeinde,
Anfänge sind spannend. Der erste Schultag. Der erste Tag in einem neuen Betrieb. Der erste Satz in einem Roman. Die ersten Blicke, aus denen die große Liebe entstand. Mit dem Anfang entscheidet sich oft schon alles. Im Anfang ist oft schon alles enthalten, was sich im Fortgang daraus entwickelt – im Guten wie im Bösen. Später, im Rückblick, verstehen wir erst ganz, was im Anfang bereits verborgen enthalten war. Und dann wird immer wieder erzählt, wie alles angefangen hat. Erzählen hilft dem Verstehen.

II.

„Oma, erzähl doch mal“, sagen die Enkel. Erzähl uns, wie du den Opa kennengelernt hast. Und wie ihr dann lange nichts mehr voneinander gehört habt. Und wie der Papa auf die Welt kam. Und erzähl uns, wie das war – damals, als ihr gar keine richtige Wohnung hattet. Nur ein Zimmer. Und kein Bad.

„Ach, das hab ich euch doch alles schon zehn Mal erzählt.“
„Erzähl’s noch mal. Bitte, Oma“.
Und Oma fängt dann doch wieder an. Ganz vorne. Und all die schönen und die schlimmen Geschichten werden wieder lebendig. Von der Vertreibung und dem Hunger und der Kälte erzählt sie. Von der Angst. Und vom Glück im Unglück. Und von dem alles überstrahlenden Augenblick der Liebe.

Und wenn sie mal stockt oder etwas durcheinanderbringt, dann helfen ihr die Enkel weiter. Sie haben’s ja schon zehn Mal gehört. Und trotzdem – sie wollen immer wieder den Anfang hören.

III.

Was ist so faszinierend an den Anfängen? Warum fragen wir danach, wie alles angefangen hat? Warum hören wir wieder jedes Jahr die Geschichte vom Kind in der Krippe? Und wie sie kein Dach über dem Kopf fanden. Und von den wunderlichen Leuten, die das Kind sehen wollten. Schäfer und Könige und Sterndeuter.

Die Geschichten vom Anfang verbinden. Sie stellen Gemeinschaft her über Zeiten und Generationen hinweg. Wenn die Oma ihren Enkeln die Geschichten davon erzählt, wie alles anfing, dann wird das, was längst vergangen ist, wieder lebendig. Man sieht’s in den Gesichtern der Enkel. Sie erleben mit, was die Oma erlebt hat. Sie fürchten sich vor dem, vor dem die Oma Angst hatte. Sie freuen sich mit ihr. Sie halten sich vor Schreck die Hände vor’s Gesicht, und sie strahlen bis hinter beide Ohren, wenn die Gefahr vorüber ist.

Was sie hören, ist mehr als Erinnerung an längst Vergangenes. Sie erleben Ereignisse mit, als wären sie dabei.

Oma, erzähl doch mal. Bitte, erzähl’s noch einmal, wie alles angefangen hat.

IV.

„Was von Anfang an war, das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt.“

So beginnt der Brief aus der Bibel, den wir den 1. Johannes-brief nennen. Vielleicht hat Johannes der Evangelist selbst diesen Brief geschrieben. Vielleicht war es einer seiner Schüler. Sei’s drum. Ihm war es wichtig, den verstreuten Gemeinden zu erzählen, wie alles mit dem Glauben angefangen hat. Ihm war es wichtig, das Verbindende herauszustellen. Gemeinschaft der Glaubenden. Miteinander – nicht gegeneinander.

Jedenfalls war er in Sorge um die verstreuten christlichen Gemeinden. Er sieht und hört von Auflösungserscheinungen hier und da. Er sieht und hört von enthusiastischen Glaubenslehren – „Halleluja, wir sind gerettet!“ – und von ernüchternder Lebenspraxis: „Was geht mich die Welt an? Ich bin doch schon im Himmel auf Erden.“ Hass unter Glaubensgeschwistern gibt’s. Gleichgültigkeit gegenüber Notleidenden in der Gemeinde. Er kann nicht mehr an sich halten:

„Was wir gehört haben,
was wir gesehen haben mit unseren Augen,
was wir betrachtet haben
und unsere Hände betastet haben,
vom Wort des Lebens,
was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir euch.“

Was von Anfang an war, das muss nicht immer wieder neu erfunden werden. Nur immer wieder erzählt und erlebt muss es werden.

Ganz am Anfang war das Wort des Lebens:
Es schuf das Licht und nicht die Finsternis.
Es kam in die Welt als Kind –
schutzlos, obdachlos, gefährdet und doch geliebt.
Es wurde gehört aus dem Mund Jesu.
Es wurde gesehen in seinen Taten.
Es wurde betrachtet in seinem Leiden.
Es wurde betastet in den Wunden des Auferstandenen.
Das Wort des Lebens ist erschienen
Und mit ihm das Leben selbst.

V.

Warum ist das für uns Christen so wichtig, immer wieder die Erzählungen vom Anfang zu hören?
„Damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt“, schreibt dieser Lehrer der Christenheit.

Es ist ja wirklich so, und viele haben es schon erlebt: die al-ten Geschichten, die Kinder oder Enkel von ihren Eltern und Großeltern her gemeinsam in Erinnerung haben, die sind ein ganz starkes Band der Gemeinschaft unter ihnen. Und sie haben, wenn sie zusammen sind, immer wieder neu Freude daran, sich einander an diese alten Geschichten vom Anfang, der weit vor ihnen lag, zu erinnern.

So ist es auch unter Glaubensgeschwistern. Ist das nicht wunderbar, dass wir Menschen aus unterschiedlichsten Traditionen treffen können und uns dann sehr schnell in den gemeinsamen Erzählungen vom Anfang zusammen finden können, egal ob in derselben Sprache oder in unterschiedlichen Sprachen.

Christen leben in unterschiedlichsten Kulturen und unter unterschiedlichsten Bedingungen: mal frei und geachtet, mal nur belächelt. Ganz oft bedrängt und bedroht. Darum ist es so wichtig, dass sie ihre unterschiedlichen Glaubensweisen und –traditionen in dem einen zusammenführen können: „es begab sich aber zu der Zeit … und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe …“.

Keimhaft ist ja gerade in dieser Anfangsgeschichte so vieles von dem enthalten, was Christen in der Welt erleben. Sei’s Gutes oder Böses.
Wenn Christen aus unterschiedlichen Traditionen und Kulturen aufeinander treffen, dann werden sie sicher wahrnehmen, wie sehr sie sich in ihrer Glaubenspraxis unterscheiden. Da gibt es sogar Unterschiede, die einen erst mal befremden. Aber wenn sie dieselben Erzählungen vom Anfang haben, dann sind die Unterschiede eben nicht trennend, sondern sie machen die Gemeinschaft erst richtig interessant. Die Freude aneinander kann groß werden. Das einander Verstehen kann wachsen.

Wie auch bei Geschwistern, die sich lange aus den Augen verloren haben. Sie schwelgen dann ja nicht nur in den alten Geschichten, sondern fragen auch einander: Und wie lebst Du? Mit wem bist du zusammen? Was machst du so? Und sie erzählen sich auch davon und freuen sich aneinander – wegen beidem: wegen dem, was sie gemeinsam haben, und wegen dem, was sie unterschiedliches voneinander erfahren.

VI.

Der Lehrer des 1. Johannesbriefs fügt am Ende an:
„Das alles schreiben wir, damit unsere Freude vollkommen sei“.

Vollkommene Freude ist noch mehr als Weihnachtsfreude. Die Freude an Gottes Liebe.

Klein und verletzlich hat sie angefangen. Nur im Abseits fand sie Raum. Nur in einer Krippe konnte sie sich einnisten. Wie vielfältig aber und zahlreich sind die Menschen, die von ihr ergriffen wurden und noch werden.

Damit sie einander als Geschwister in all ihrer Vielfalt erkennen, erzählen sie einander, was von Anfang an war.
Amen

Eingangsgebet

Eingangsgebet
Gott, unser Vater,
als Jesus geboren wurde,
haben Menschen
ein Licht gesehen in ihrer dunklen Welt.
Nun hilf uns
sehen,
glauben,
singen,
damit der Ton des Jubels
wieder laut werde
in unserer beunruhigten Welt,
in die dein Sohn kam
als unser Bruder im Heiligen Geist.
Amen

(Michael Meyer, Nachdenkliche Gebete im Gottesdienst, Seite 20)

Fürbittengebet

Gott, unser Vater,
du bist in Jesus, deinem Sohn, unserem Bruder,
zu uns gekommen und bleibst unter uns.
Bevor wir mit unseren Sorgen zu dir gehen,
bist du uns schon nahe.
Bevor wir unsere Bitten aussprechen,
hast du uns schon verstanden.
Wir bitten für alle, die glauben, dass du unter uns bist,
und die überzeugt sind, dass sie dir auf Schritt und
Tritt mitten in der Welt begegnen können.

(Stille)

Herr, erhöre unser Gebet.
Gemeinde: Herr, erbarme dich.
Wir bitten für alle, die beauftragt sind zu verkünden,
dass du bei uns bist.
Wir bitten für alle, die einander annehmen, helfen und ermutigen und so bezeugen, dass du unter uns bist.

(Stille)

Herr, erhöre unser Gebet.
Gemeinde: Herr, erbarme dich.
Wir bitten für alle, denen ihre Einsamkeit, oder Hunger, Not und Unfriede, Krankheit, Leid und Tod
die Gewissheit nehmen, dass du unter uns bist.

(Stille)

Herr, erhöre unser Gebet.
Gemeinde: Herr, erbarme dich.
Wir bitten für alle, die nach dir suchen und fragen
und nicht erkennen, dass du unter uns bist.
Wir bitten auch für alle, die dir gegenüber gleichgültig sind und sich nicht darum kümmern,
dass du unter uns bist.

(Stille)

Herr, erhöre unser Gebet.
Gemeinde: Herr, erbarme dich.
Wir bitten für uns selbst,
dass wir erfahren, glauben und bezeugen, dass du unter uns bist.

(Stille)

Herr, erhöre unser Gebet.
Gemeinde: Herr, erbarme dich.
Vater des Erbarmens,
wir vertrauen die Welt, in der wir leben und die Kirche, zu der wir gehören, und uns selbst dir an und beten, wie Jesus uns gelehrt hat:
(Nach Werner Groß.
»Gott schenkt uns seinen Sohn«, 1978, Seite 36 - 37)

Verfasser: Pfarrer Dr. Gerhard Schäberle-Koenigs, Bad Wildbad-Aichelberg

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Anmerkung:
Ursprünglich erschienen für 27.12.2015


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