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Der rettende Ruf

von Ernst Standhartinger (64331 Weiterstadt)

Predigtdatum : 20.07.2003
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 5. Sonntag nach Trinitatis
Textstelle : Lukas 5,1-11
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Wochenspruch:

Aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es.
(Epheser 2,8)

Psalm: 73,14.23-26.28 (EG 733)

Lesungen

Altes Testament:
1. Mose 12,1-4a
Epistel:
1. Korinther 1,18-25
Evangelium:
Lukas 5,1-11

Liedvorschläge

Eingangslied:
EG 440
All Morgen ist ganz frisch und neu
Wochenlied:
EG 245
oder EG 241
Preis, Lob und Dank sei Gott dem Herren
Wach auf, du Geist der ersten Zeugen
Predigtlied:
EG 346
Such, wer da will, ein ander Ziel
Schlusslied:
EG 168,4-6
Wenn wir jetzt weitergehen

1 Es begab sich aber, als sich die Menge zu Jesus drängte, um das Wort Gottes zu hören, da stand er am See Genezareth 2 und sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. 3 Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus. 4 Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! 5 Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen. 6 Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen. 7 Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und mit ihnen ziehen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken. 8 Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. 9 Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, 10 ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. 11 Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

Liebe Gemeinde!
Vor einigen Jahren kam ein kleines Büchlein auf den Markt mit dem Titel: „Menschenfischer und Seelenverkäufer“. Es berichtete vom Wirken nordamerikanischer evangelikaler Sekten, die sich - oft in enger Zusammenarbeit mit dem US-Geheimdienst CIA - darum bemühen, in den katholischen Basisgemeinden Lateinamerikas zu missionieren. Das Ziel dieser Missionsarbeit ist es, die Menschen davon zu überzeugen, dass es beim christlichen Glauben allein um das eigene Seelenheil, um die persönliche Errettung aus Sünde und Schuld geht und dass deshalb der Einsatz für gerechtere gesellschaftliche Verhältnisse nicht nur falsch, sondern eine Sünde gegen Gott und sein erlösendes Evangelium ist.
An dieses Buch wurde ich erinnert, als ich gegen Schluss des heutigen Predigttextes die Aufforderung Jesu an Simon, den Fischer vom See Genezareth, las: „Von nun an wirst du Menschen fangen.“
Wir kennen sie ja durchaus auch aus unseren Breiten, diese fragwürdigen Menschenfischer, die „Gott“ sagen und „Geld“ meinen; seien es nun die Moonies, die Scientologen, die Transzendentale Meditation oder eine der anderen, rund 600 Sekten und Psychogruppen, die allein bei uns in der Bundesrepublik am Wirken sind. Auf den ersten Blick könnte man durchaus meinen, dass das, was im Neuen Testament über Jesus berichtet wird, gar nicht so fern von diesem Sektierertum ist. Schließlich ist auch er unterwegs als Prediger, der von keiner zuständigen Behörde legitimiert ist. Und schließlich ruft auch Jesus Menschen heraus aus allen familiären Bindungen und Verpflichtungen. „Wer seinen Vater oder seine Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert“, so wird Jesus im Matthäusevangelium zitiert. Auch in unserem heutigen Predigttext geht es ganz klar darum, dass junge, tüchtige Fischer ihre Arbeit und damit ihre Tätigkeit für ihre Familien einfach liegen und stehen lassen, um mit Jesus durchs Land zu ziehen und ihm beim „Menschen fangen“ zu helfen.
Bei näherem Hinsehen zeigen sich freilich wichtige Unterschiede. Das gilt schon gleich für den Anfang unseres Abschnittes. Die Menschen, so heißt es da, stehen am See Genezareth, in der Hoffnung, von Jesus das „Wort Gottes“ zu hören. Das Wort Gottes, gemeint ist das Wort, das im Namen und Auftrag Gottes Menschen aufrichtet; das ihnen Mut macht, sich nicht einfach mit allem Unrecht abzufinden. Das Wort Gottes, also das Wort, das von Sündenvergebung nicht nur spricht, sondern sie vollzieht und so die Angst aus dem Herzen treibt und den aufrechten Gang ermöglicht. Das Wort Gottes, das auch die Kraft schenkt, sich nicht sinnlos gegen Unabänderliches aufzulehnen, sondern zu sehen, wo auch in schwierigen Lagen Lebenschancen offen geblieben sind.
Und Jesus sagt ihnen dieses Wort Gottes. Damit ihn alle sehen und hören können, bittet er einen der Fischer, die da ihre Boote am Ufer liegen haben, ihn mit seinem Boot ein Stück auf den See hinaus zu fahren. Von dieser Stelle aus hält er seine Ansprache.
Aber obwohl Jesus bei seiner Predigt sicher ganz bei der Sache ist, hat er doch offene Augen für das Geschehen um ihn her. Es entgeht ihm nicht, dass die Fischer, die da ihre Netze waschen, keine Fische gefangen haben. Er weiß, dass das für sie und ihre Familien einen schweren wirtschaftlichen Schaden bedeutet. Und er beschließt, dagegen etwas zu unternehmen.
Nachdem er mit seiner Predigt fertig ist, fordert er den Fischer Simon auf, nochmals auf den See hinauszufahren und erneut die Ringnetze auszuwerfen. Eine unsinnige Aufforderung in den Augen des Fachmanns Simon, denn schließlich ist nur nachts damit zu rechnen, dass genügend Fische in den oberen Wasserschichten des Sees sind und gefangen werden können.
Aber wenn einer so überzeugend durch bloße Reden Menschen neu, stark und mutig machen kann, dann will Simon ihm auch bei dieser Aufforderung folgen. „Meister“, so sagt er zu Jesus, „wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen.“ Wie muss das Wort Gottes aus dem Munde Jesu diesen Fischer überzeugt haben!
Dass dem glaubenden Vertrauen ein so gewaltiger Erfolg beschert wird, gehört zur Eigenart solcher Geschichten. Ich verstehe es aber auch ein Stück weit als Gleichnis: Simon soll durch diesen reichen Fischfang ermutigt werde, sich auch sonst auf das Wort und den Auftrag dieses Jesus einzulassen. Wenn der sagt: „Wirf deine Netze aus“, dann ist das sinnvoll, auch wenn alle Lebenserfahrung dagegen zu sprechen scheint. Und wenn der sagt, ich will, dass du, der unbekannte und scheinbar unwichtige Fischer Simon, mein Menschenfischer wirst, dann muss auch das eine sinnvolle, erfolgversprechende Aufgabe sein. Simon Petrus hat das ja später auch erlebt, als er sich nach Kreuzigung und Auferstehung Jesu auf den Weg machte, um Menschen aus vielen Ländern, mit unterschiedlich Sprachen, Kulturen und religiösen Vorerfahrungen, für die Sache Jesu zu gewinnen und sie zu Mitarbeitern an der kommenden guten Herrschaft Gottes zu machen.
Zunächst freilich ist Simon ganz einfach erschrocken. Ihm ist klar: Der da vor ihm steht, der lässt Gott in dieser Welt gegenwärtig sein. Darauf ist er nicht vorbereitet! „Herr“, so sagt er darum zu Jesus und verwendet dabei - bewusst oder unbewusst - genau die Anrede, mit der er auch Gott im Gebet angesprochen hätte, „Herr, geh weg von mir, ich bin ein sündiger Mensch.“
Wäre Jesus nun ein Menschenfischer der anfangs beschriebenen Art, dann hätte er jetzt alles erreicht, was er wollte: Ein junger, eigentlich starker Mensch, der verfügbar geworden ist, knetbar wie Wachs in der Hand seines Gurus. Ganz anders der wirkliche Jesus. Er sagt: „Fürchte dich nicht!“ Die Gegenwart Gottes braucht dich nicht zu erschrecken. Gott will dich nicht klein machen, sondern groß. Und er will dich in seinen Dienst nehmen, damit auch andere Menschen die gute Botschaft hören, dass Gott die Kleinen groß machen will; dass er daran ist, seine Welt zu erlösen, die Unterdrücker vom Thron zu stürzen und die Niedrigen zu erhöhen.
Und die Art, wie Jesus Menschenfischer ist, ist auch das Vorbild dafür, wie Simon und Jakobus und Johannes und auch wir Heutigen zu Menschenfischern in seinem Namen und Auftrag werden sollen. Wie sich dieses Menschenfischen ganz grundlegend von der anfangs beschrieben Art der Seelenfängerei unterscheidet, möchte ich abschließend an einer Geschichte verdeutlichen, die der große russische Dichter Nicolai Tolstoj geschrieben hat.
Er erzählt von einem armen Schuster, dem das Leben übel mitgespielt hat. Mehrere Kinder waren ihm gestorben, danach seine Frau, und zuletzt starb ihm auch der einzige übrig gebliebene Sohn, gerade als er ins Jugendalter gekommen wäre. Da begann der Schuster Martin an der Liebe Gottes, ja am Dasein Gottes zu zweifeln. Ein alter Bauer gab ihm den Rat, er solle lernen, für Gott zu leben, um seine Zweifel zu überwinden. Doch wie sollte er das anstellen?
Er kaufte sich ein Neues Testament und ihm wurde bewusst: Für Gott lebt man, wenn man sich der Nöte seiner Mitmenschen erbarmt. Was er machte, war in keiner Weise spektakulär. Er sah nur etwas genauer hin, was sich da so vor seinem Kellerfenster an menschlicher Not bewegte. So sah er einen alten Soldaten, der sich trotz Schwäche und hohen Alters sein Brot mit Schneeräumen verdienen musste. Er rief ihn zu sich in die warme Schusterstube, unterhielt sich mit ihm ein wenig und trank ein Gläschen Tee mit ihm. Später sah er eine junge Frau, die im eisigen Wind in viel zu dünner Kleidung mit einem weinenden Baby auf dem Arm unterwegs war. Mit ihr teilte er sein einfaches Mittagessen und schenkte ihr ein paar alte Kleidungsstücke aus dem Nachlass seiner Frau. Zuletzt beobachtete er vor seinem Fenster einen Streit zwischen einer Bauersfrau, die vom Markt nach Hause ging, und einem Buben, der ihr einen Apfel gestohlen hatte. Es gelang Martin, den Streit zu schlichten - ja, zuletzt erhielt der Junge den Apfel geschenkt und trug seinerseits freiwillig der alten Frau die Last nach Hause.
In all diesen Fällen hatte sich der Schuster Martin, ohne dass dies seine Absicht gewesen wäre, als Menschenfischer betätigt. Er hatte Menschen die Liebe Gottes glaubwürdig gemacht und dabei selbst ein neues Ziel fürs Leben gefunden. Er hatte erfahren, was es heißt, Jesus nachzufolgen - und das, obwohl er doch auch in Zukunft in seiner im Keller gelegenen Schusterstube saß, um sich sein Geld mit der Reparatur von Schuhen zu verdienen.
Auch Simon, Jakobus und Johannes finden wir nach der Kreuzigung Jesu zunächst ganz selbstverständlich wieder als Fischer am See Genezareth - solange, bis ihnen durch die Begegnung mit dem Auferstandenen wieder eine Sonderaufgabe aufgetragen wird.
Und so ist es bis heute: Das „Menschen fangen“ im Namen Jesu, das Weitersagen und Weitertragen seiner guten Botschaft von der Liebe Gottes ereignet sich meist ganz unspektakulär dort, wo sich unser Leben auch sonst abspielt. Manchmal gibt es auch Sonderaufgaben, durch die neue, wichtige Zeichen gesetzt werden - wie bei den Fischern, die für eine Zeit ihr Handwerk ruhen lassen, um mit Jesus durchs Land zu ziehen.
Ob man sich aber auf das Menschenfischen Jesu oder auf fragwürdige Seelenverkäuferei einlässt, das erkennt man nicht daran, ob einem gewöhnliche oder weniger gewöhnliche Wege zugemutet werden, sondern an den Früchten. Denn dort, wo der Geist Jesu weht, wird keiner entmündigt. Da heißt es: „Fürchte dich nicht. Steh auf, mach dich ans Werk! Denn auch du bist berufen, Gottes Liebe weiterzutragen.“ Amen.

Verfasser: Pfr. Ernst Standhartinger (1997)

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