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Der rettende Ruf

von Peter Keller (60433 Frankfurt)

Predigtdatum : 15.07.2001
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 4. Sonntag nach Trinitatis
Textstelle : Lukas 14,25-33
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Wochenspruch:

Aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es. (Epheser 2,8)

Psalm: 73,14.23-26.28 (EG 733)

Lesungen

Altes Testament:
1. Mose 12,1-4a
Epistel:
1. Korinther 1,18-25
Evangelium:
Lukas 5,1-11

Liedvorschläge

Eingangslied:
EG 452,1-3
Er weckt mich alle Morgen
Wochenlied:
EG 245
oder EG 241
Preis, Lob und Dank sei Gott dem Herren
Wach auf, du Geist der ersten Zeugen
Predigtlied:
EG 395
Vertraut den neuen Wegen
Schlusslied:
EG 394,1-5
Nun aufwärts froh den Blick gewandt

25 Es ging eine große Menge mit Jesus; und er wandte sich um und sprach zu ihnen: 26 Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sich selbst, der kann nicht mein Jünger sein. 27 Und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein. 28 Denn wer ist unter euch, der einen Turm bauen will und setzt sich nicht zuvor hin und überschlägt die Kosten, ob er genug habe, um es auszuführen, - 29 damit nicht, wenn er den Grund gelegt hat und kann's nicht ausführen, alle, die es sehen, anfangen, über ihn zu spotten, 30 und sagen: Dieser Mensch hat angefangen zu bauen und kann's nicht ausführen? 31 Oder welcher König will sich auf einen Krieg einlassen gegen einen andern König und setzt sich nicht zuvor hin und hält Rat, ob er mit Zehntausend dem begegnen kann, der über ihn kommt mit Zwanzigtausend?
32 Wenn nicht, so schickt er eine Gesandtschaft, solange jener noch fern ist, und bittet um Frieden. 33 So auch jeder unter euch, der sich nicht lossagt von allem, was er hat, der kann nicht mein Jünger sein.

Liebe Gemeinde!
Jetzt, wo schon viele von uns in den Urlaub gefahren sind, jetzt, wo in der allgemeinen Ferienzeit auch viele hier zu Hause etwas langsamer treten können, da wünschen wir uns doch in der Kirche eine etwas leichtere und auch etwas heiterere Kost. Und dann – dann dieser Text, der eher einer Schocktherapie gleicht, als dass er auch nur annähernd einem einladenden Imagegewinn für Kirche, Gott oder Christus dienlich sein kann, ein Imagegewinn, aufgrund dessen sich irgend jemand zur Nachfolge Christi entschließen könnte; denn darum geht es doch offensichtlich hier, das ist doch zugleich auch das Thema dieses Sonntags.
Liegt es da nicht nahe zu fragen: hat dieser Jesus den richtigen PR-Berater? Wenn er einladen will, wenn er zur Nachfolge aufrufen will, warum dann solch eine abweisende, schockierende Rede? Wir müssen uns das einmal so richtig vorstellen: eben noch, so wird unmittelbar vor unserem Text berichtet, eben noch hat dieser Jesus eine große Pleite erlebt, denn bei seiner Einladung zum großen Abendmahl hatte man ihn ganz schön hängen lassen, und mit scheinbar guten Gründen hatten alle Geladenen kurzfristig abgesagt.
Jesus aber hatte sich’s nicht verdrießen lassen, sondern hatte von den Hecken und Zäunen alles, was greifbar war, hereingeholt und mit ihnen gefeiert. Ja – das Fest fand statt, wenn auch nicht mit der geplanten Besetzung. Aber gut, können wir vielleicht noch sagen, auch das liegt ja noch ganz in seiner Linie, wenn da die Armen, die Verkrüppelten, die Lahmen und Blinden ihr Fest hatten.
Nun aber zieht Jesus weiter, und eine große Menge mit ihm, so setzt unser Text ein. Eigentlich doch eine erfreuliche Wende, die ihn hoffen lassen könnte. Aber was tut dieser Jesus? Einladend kann man seine Reaktion ja wahrhaftig nicht gerade nennen. Er dreht sich zur Menge um, und was nun folgt, ist alles andere, nur nicht eine Einladung. Eher könnte man von einer Zurückweisung schlechthin sprechen, eine Ausladung oder gar eine Vertreibung derer, die ihm folgen wollen und sich darin selbst vielleicht noch gar nicht so recht schlüssig sind: Hass gegen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern, Hass auch gegen sich selbst, das ist gefordert. Wer das nicht will, kann nicht mein Jünger sein, so hier Jesus. Und weiter: Das Kreuz tragen, d. h. im Letzten auch Todesbereitschaft zeigen. Wem das nicht passt, der kann nicht mein Jünger sein, so Jesus.
Und wer jetzt noch weiter mithält, dem wird von Jesus die Rechnung aufgemacht, und er wird zu nüchterner Selbstprüfung aufgefordert, jeder in seinem Stand: der kleine Mann, der vielleicht einen Weinberg besitzt, er kann sich leicht vorstellen, wie es ist, wenn er in seinem Weinberg z. B. einen Wachturm bauen will. Da muss er zunächst einmal die Kosten überschlagen, damit er sich mit diesem Vorhaben nicht übernimmt. Es darf ja der ganze Bau nach hochgezogenem Fundament und ersten Maueransätzen nicht wegen fehlender Mittel zum Stillstand kommen. Da würde dann eine Bauruine stehen bleiben, die ihn der allgemeinen Lächerlichkeit preisgeben würde.
Oder etwa auch ein König, der mit dem Säbel rasselt und spontan in den Krieg zieht, dann plötzlich wegen der zahlenmäßigen Überlegenheit der Feinde die Waffen strecken muss und sich selbst als Bettler in den Friedensverhandlungen lächerlich macht. Nein, die Kosten sind vorher zu überschlagen, dann kannst du mit deinem Vorhaben beginnen.
Jeder vernünftige Mensch tut das, und natürlich gilt das auch für die Nachfolge Jesu. In diese Nachfolge, in dieses Christsein, da schlittert man nicht hinein, da trottet man auch nicht mit anderen in der Masse so einfach mit. Da wirst du aber auch nicht mit irgendeiner Form von Bauernfängerei getäuscht und einfach mitgezogen, so dass du zuletzt gar nicht weißt, worauf du dich da eigentlich eingelassen hast.
Manchmal möchten wir als Kirche diesem Jesus schon ein wenig nachhelfen und ins Handwerk pfuschen, aber diese Mitgliederwerbung ist „echt“ mit Jesus nicht zu machen. „Bedenke, es kostet dein ganzes Leben“, sagt ein altkirchlicher Taufspruch. Bedenke die Kosten. Jesus ist da in seiner Schroffheit nicht zu überbieten.
Wir kennen solche Worte auch sonst von ihm: Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme, sagt Jesus zu seinen Jüngern, nachdem er dem reichen Jüngling zugemutet hatte: Verkaufe alles, was du hast und komm und folge mir nach, - bei diesem ohne Erfolg, anders etwa als bei Franz von Assisi, der auf Grund dieses Wortes seine Lebenswende erfuhr. Oder wir kennen Worte wie: Wenn dich dein Auge verführt, reiße es aus, oder deine Hand, dann hau sie ab, besser verkrüppelt ins Leben eingehen als ins ewige Feuer. Die Jünger fragen nach solchen Worten: Ja, wer kann denn da selig werden? Und Jesu Antwort: Bei den Menschen ist’s unmöglich, bei Gott aber sind alle Dinge möglich.
Hier setzt unser Widerstand ein, denn so weit möchten wir es nun doch nicht kommen lassen, dass wir allein auf Gottes Hilfe angewiesen sind. Deshalb schieben wir alle diese Worte, mit denen Jesus uns wachrütteln und zur Radikalität verpflichten will, gern damit weit von uns, dass wir sagen: so wörtlich kann das doch Jesus nicht meinen. Und in der Tat wird ja hier nicht dem Hass oder der Selbstverstümmelung das Wort geredet, aber es heißt nicht von ungefähr am Schluss dieses Abschnitts: Wer Ohren hat zu hören, der höre!
Und da ist klar, wer das tut, wer wirklich hört, der behält den Stachel dieser Worte Jesu in sich, bei dem bleiben die Widerhaken im Herzen, mit denen Jesus uns nicht zur Ruhe kommen lässt. Diesen Widerhaken darf ich mir nicht nehmen und den darf ich Euch nicht nehmen, gibt es doch Menschen, die so diese Nachfolge gelebt haben und die uns damit zeigen, dass Nachfolge Christi in unserer Welt sehr wohl möglich ist, ja nicht nur dies, sondern, dass sie unserem Leben Erfüllung bringt und Segen schenkt.
Abraham etwa folgt dem Befehl Gottes, so in der heutigen alttestamentlichen Lesung. Er bricht auf aus seiner Freundschaft und Verwandtschaft und folgt der Weisung Gottes an ihn und wird nach Gottes Verheißung zu einem großen Volk.
Aus unserer Zeit können wir hinweisen auf den Theologen und Märtyrer Dietrich Bonhoeffer, der aus den Erfahrungen des Kirchenkampfes heraus 1937 das Buch „Nachfolge“ geschrieben hat, ohne zu wissen, wie sein Lebensweg selbst enden würde; er schreibt im Vorwort zu diesem Buch: „Wohin wird der Ruf in die Nachfolge diejenigen führen, die ihm folgen? Welche Entscheidungen und Scheidungen wird er mit sich bringen? Wir müssen mit diesen Fragen zu dem gehen, der allein die Antwort weiß. Jesus Christus, der Nachfolge gebietet, weiß allein, wo der Weg hingeht. Wir aber wissen, dass es ganz gewiss ein über alle Maßen barmherziger Weg sein wird. Nachfolge ist Freude.“
Bonhoeffer hat bis zum Ende seines Lebens, bis zu seiner Ermordung im April 1945 nichts davon, auch die letzten Sätze nicht, zurückgenommen. Will da etwa jemand sagen, dass er ein unglücklicher Mensch gewesen ist und nicht gerade umgekehrt von tiefem Glück und großer Geborgenheit sehr, sehr viel wusste? Ich erinnere nur an die bekannten Worte, die er Silvester 1944 aus dem Gefängnis schrieb: „Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag“. Ja, welche Kraft, welches Glück und welche Freude erwächst aus dieser Nachfolge!
Vielleicht erahnen wir jetzt etwas davon, dass sich in Jesu Schroffheit und Radikalität, mit der er sagt: ganz oder gar nicht! - Barmherzigkeit verbirgt. Wie ernst werden wir genommen, nicht irgendwie getäuscht, nicht irgendwie überrumpelt, aber auch nicht in irgendwelche Halbheiten hinein entlassen, die unser Leben dem traurigen Einerseits-Andererseits aussetzen; da wird Leben nie gelingen können, Glück und Erfüllung nie sich einstellen, weil ein solches Leben Klarheit, Entschiedenheit und Eindeutigkeit vermissen lassen würde.
Bei Jesus werden wir ganz in die Verantwortung für unser Leben mit einer weitreichenden Entscheidung gestellt. Das tut doch nur einer, der uns als Person achtet und uns unendlich zugeneigt ist - um unserer selbst willen, nicht um uns als Mittel zum Zweck für sich zu gewinnen, sondern um uns die Fülle des Lebens zu schenken.
So ist sein Ruf in die Nachfolge ein ganz persönlicher Ruf in eine persönliche Beziehung zu ihm, in der er allein Anfang und Ende, Sinn und Ziel, Glück und Erfüllung garantiert.
Manchmal muss wohl so grob mit uns geredet werden, damit wir endlich aufwachen und etwas erahnen von der Größe Gottes im Gegenüber zu uns, von der Würde, die Gott uns in dieser Beziehung zu ihm schenkt, und von der Freude und Erfüllung, die die gelungene persönliche Beziehung zu unserem Gott uns in unserem Leben schenkt. Um nichts anderes geht es diesem Jesus, dem Christus. Gott schenke uns allen diese persönliche Erfahrung seiner Nähe, in der Nachfolge Freude ist! Wer Ohren hat zuhören, der höre! Amen.

Verfasser: Pfr. Peter Keller, Neumannstr. 18, 60433 Frankfurt

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