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Der Vorläufer des Herrn

von Stephan Arras (64743 Beerfelden)

Predigtdatum : 11.12.2005
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 3. Advent
Textstelle : Römer 15,4-13
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Wochenspruch:

Bereitet dem HERRN den Weg; denn siehe, der HERR kommt gewaltig. (Jesaja 40,3.10)
Psalm:
85,2-8

Lesungen

Altes Testament:
Jesaja 40,1-8 (9-11)
Epistel:
1. Korinther 4,1-5
Evangelium:
Matthäus 11,2-6 (7-10)

Liedvorschläge

Eingangslied:
EG 11
Wie soll ich dich empfangen
Wochenlied:
EG 10 oder
EG 15
Mit Ernst, o Menschenkinder
„Tröstet, tröstet“, spricht der Herr
Predigtlied:
EG 9
Nun jauchzet, all ihr Frommen
Schlusslied:
EG 7
O Heiland, reiß die Himmel auf

Zugänge zur Predigt:
1.) Der biblische Text Römer 15,4-13
In Römer 14,1 bis 15,13 geht es, thematisch gesehen, um die Bewältigung von Spannungen in der römischen Gemeinde aufgrund eines unterschiedlichen christlichen Lebensstils. Der Streit um das Einhalten oder Nichteinhalten von Speisevorschriften hat vermutlich seine Wurzel in der Zusammensetzung der Gemeinde aus Juden- und Heidenchristen. Judenchristen, welche die Speisevorschriften einhalten, werden als „schwach“ bezeichnet, weil ihr christlicher Glaube nicht stark genug erscheint, alte Verhaltensregeln zu überwinden. Umgekehrt neigten die Judenchristen dazu, vorschnell über die Heidenchristen zu richten.
Beide Parteien berufen sich zu Recht auf die Tradition: Die Judenchristen, weil Jesus ein Jude war, und die Heidenchristen, weil an vielen Stellen der Schrift, die Paulus zitiert, ausdrücklich die Heiden in die Verheißungen des Heils eingeschlossen sind. In unserem Predigtabschnitt beendet Paulus seine Abhandlung dieses Themas mit der Bitte, einander anzunehmen, wie Christus alle Menschen angenommen hat. Umrahmt wird diese Bitte von dem Wunsch, doch die Hoffnung nicht aufzugeben. „Hoffnung“ meint hier nicht die zum Wesen des Menschen gehörende Hoffnung, dass es „irgendwie“ weiter geht. Bei Paulus (und im gesamten Neuen Testament) ist der Begriff der Hoffnung vielmehr inhaltlich gefüllt mit der Hoffnung auf die Wiederkunft Christi, auf die Auferweckung der Toten. Diese Hoffnung ist das Ziel des Glaubens.
2.) Der dritte Advent
Ein auf den ersten Blick völlig anderes Thema als der Predigttext bietet der 3. Advent: Johannes der Täufer steht traditionell im Mittelpunkt dieses Sonntags. Das wird durch das Evangelium (Matthäus 11,2-10) unterstrichen. Johannes ist der „Vorläufer“ von Jesus Christus, er hat ihm den Weg bereitet.
3.) Worüber predigen?
Gerne möchte ich die Thematik des Sonntags als Fragestellung aufgreifen: Wie können wir – im Blick auf das nahende Weihnachtsfest, aber auch im Blick auf unser Leben und unsere Welt – dem Herrn Jesus Christus den Weg bereiten? Vom vordergründigen Vorbereiten auf das Weihnachtsfest wendet sich der Blick auf die zwei im Römerbrief angesprochenen Lebenshaltungen: Einander annehmen, wie Christus uns angenommen hat und Hoffnung auf das auch in unserer Zeit näherkommende Himmelreich. Die Gründe für den Streit in der Gemeinde von Rom, die Speisevorschriften, lasse ich bewusst im Hintergrund und unbeachtet.

Liebe Gemeinde,
wie werden die nächsten Tage bei Ihnen aussehen? Oh, so stöhnt bei dieser Frage fast jeder weihnachtliche Mensch: Es ist noch so viel zu tun vor Weihnachten, so viele Vorbereitungen sind zu treffen: Geschenke sind zu besorgen, Einladungen auszusprechen, Briefe zu schreiben, das Weihnachtszimmer herrichten und vieles mehr. Dazu kommen die Weihnachtsfeiern und die Lieder, die in jedem Geschäft auf das Weihnachtsfest einstimmen wollen. So viel Stress!, so seufzen viele - und dabei geht es doch nur um eines: Dem Christkind den Weg bereiten, dass die Botschaft von der Liebe Gottes am Weihnachtsfest besonders hell strahlt!
Außer Puste geraten, erreichen wir das Weihnachtsfest. Da beschleicht einen schnell das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt. Da ist einerseits unsere bunte Weihnachtswelt, und andererseits die ärmliche Krippe und das Jesuskind. Wie passt das zusammen?
Und dann begegnete uns eben in der Schriftlesung einer, der auf eine ganz eigenwillige Weise Vorbereitungen für das Kommen von Jesus getroffen hat: Johannes der Täufer; der knorrige Wegbereiter Johannes, der damals in der Wüste gelebt hat, ein halbes Jahr vor Jesus geboren wurde und diesen getauft hat, als beide junge Männer waren.
Wie können wir dem Herrn, dem „Christkind“, angemessen den Weg bereiten, dass es zu uns findet, zu uns in unsere Welt, unsere Zeit, unsere Herzen? Der Weihnachtsrummel ist es nicht, aber so wie Johannes werden können wir natürlich auch nicht.
Der Apostel Paulus hat aber noch eine ganz andere Möglichkeit entdeckt, die er der Gemeinde in Rom geschrieben hat. Eigentlich geht es bei diesen Worten um die Schlichtung von Streit, die es in der Gemeinde von Rom zwischen den Gemeindemitgliedern gab, die ja ganz unterschiedlicher Herkunft waren. Aber die Worte des Paulus kann man auch gut im Blick auf unsere Fragestellung nach der angemessenen Wegbereitung für das kommende Christkind verstehen:
4 Was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben. 5 Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, Christus Jesus gemäß, 6 damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus. 7 Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob. 8 Denn ich sage: Christus ist ein Diener der Juden geworden um der Wahrhaftigkeit Gottes willen, um die Verheißungen zu bestätigen, die den Vätern gegeben sind; 9 die Heiden aber sollen Gott loben um der Barmherzigkeit willen, wie geschrieben steht (Psalm 18,50): »Darum will ich dich loben unter den Heiden und deinem Namen singen.« 10 Und wiederum heißt es (5.Mose 32,43): »Freut euch, ihr Heiden, mit seinem Volk!« 11 Und wiederum (Psalm 117,1): »Lobet den Herrn, alle Heiden, und preist ihn, alle Völker!« 12 Und wiederum spricht Jesaja (Jesaja 11,10): »Es wird kommen der Spross aus der Wurzel Isais und wird aufstehen, um zu herrschen über die Heiden; auf den werden die Heiden hoffen.«
13 Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.
Ich höre aus diesen Worten zwei Gedanken heraus, die auch noch heute von Bedeutung sind, gerade im Blick auf Weihnachten: Das ist erstens der Satz: Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat. Und zweitens der Begriff Hoffnung, der dem Textabschnitt seinen Rahmen gibt.
Erstens: Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat:
Im Jahr 1993 war dies das Motto des Deutschen Evangelischen Kirchentages in München: „Nehmt einander an!“ Damals schwamm man in Deutschland noch so richtig auf der Multi-Kulti-Welle: Alle sollen willkommen sein in unserem Land, und alle sollen möglichst leben können, wie sie wollen: Türken, Marokkaner, Inder, Serben, Russen, Moslems und Hindus, Christen und Kommunisten, Drogenabhängige und Ultrareiche – alle waren willkommen. Ich war 1993 beim Kirchentag, und der war beeindruckend durch seine Vielfalt auch an Religionen, die sich da präsentierten. Allerdings hat sich mittlerweile die Erkenntnis durchgesetzt, dass diese Art des Einander-Annehmens gescheitert ist. Die Tatsache, dass Deutschland zur Basis islamischer Terroristen wurde und schließlich der Mord an dem Holländer van Gogh im Jahr 2004 haben den Menschen in Europa die Augen geöffnet. Aber worin besteht das Scheitern?
Paulus sagt nicht nur: „Nehmt einander an“. Der Satz geht ja noch weiter: „wie Christus euch angenommen hat“. Es stimmt, dass Jesus viele Menschen angenommen und akzeptiert hat, wie sie waren, auch wenn sie aus der Gesellschaft ausgeschlossen waren. Er ging auf Zöllner zu, die verachtet waren, weil sie die Reisenden ausnahmen. Er rief Aussätzige zu sich, die wegen ihrer Krankheit als Sünder galten. Er schützte eine Ehebrecherin vor dem Tod durch die Steinigung mit dem Satz an die Männer: „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“. Er wandte sich Kranken zu, aber auch solchen wie dem reichen Jüngling.
Aber Jesus hat nicht alles gut geheißen. So sagte er zu der Ehebrecherin, sie sollen nun nicht mehr weiter Schuld auf sich laden, geheilte Aussätzige hat er zu den Priestern geschickt und die reichen Zöllner zum Teilen aufgefordert. Jesus hat zwischen den Menschen einerseits und ihren Taten andererseits unterschieden.
„Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat“ – für uns heißt das, dass man andere Menschen in ihrem Anderssein annehmen und ernstnehmen kann, aber es heißt zugleich auch, dass man ihre
Taten ansieht. Tatenlos zuschauen, wie islamische Parallelgesellschaften entstehen, die demokratische Werte bekämpfen, hat sicher nichts mit Annehmen zu tun, sondern eher mit Gleichgültigkeit anderen gegenüber. Annehmen ist aber etwas Aktives. Einander annehmen im Sinne Jesu heißt, sich dem anderen Menschen auch wirklich zuwenden und die Auseinandersetzung suchen – mit nötigem Interesse und Respekt vor dem Anderen.
An Weihnachten begegnen sich wieder viele Menschen in den Wohnzimmern und auf Weihnachtsfeiern und sicher auch in der Kirche. Oft ist es kein Fest des Friedens, sondern des gespielten Friedens. Dem Christkind bereiten wir aber dann den Weg, wenn es gelingt, sich den Menschen, mit denen man da feiert, wirklich zuzuwenden. Dann entsteht gelebte Gemeinschaft, die im Sinne Jesu ist, und dann ist er auch mitten zwischen uns dabei, wenn wir Weihnachten feiern.
Zweitens: Die Botschaft der Hoffnung
Der zweite Gedanke, der in dem Briefabschnitt von Paulus auffällig ist, ist der Gedanke der Hoffnung. Viermal wird die Hoffnung in diesen wenigen Zeilen genannt: Es wird Bezug genommen auf die Verheißung des Jesaja, dass der Spross, der Nachkomme des Isai kommen wird. Diese Hoffnung ist mit Jesus in Erfüllung gegangen. Aber die Hoffnung geht weiter, sie gründet sich darauf, dass Gott ein lebendiger Gott ist, der uns begleitet und der eine Geschichte mit der Menschheit hat.
Hoffnung heißt bei Paulus, im Glauben nach vorne zu schauen und die Gegenwart im Licht des Reiches Gottes zu sehen. Wer diese Hoffnung in sich trägt, der hat Gedanken des Friedens und der Freude in sich. Weihnachten ist nicht nur ein Gedenken an eine längst geschehene Geburt. Dann wäre es ein düsteres Fest. Weihnachten lebt von der Hoffnung, dass dieser Gott, um den es geht, lebendig ist! Mit jedem Adventssonntag zünden wir ein Licht mehr an. So bereiten wir der Hoffnung symbolisch den Weg, lassen sie anwachsen. Mit der Hoffnung im Herzen bereiten wir dem Herrn den Weg!
In unserem Briefabschnitt ist der Gedanke der Hoffnung wie eine Klammer um den anderen Gedanken, den des Einander-Annehmens. Die Hoffnung auf das Reich Gottes rahmt alle menschlichen Versuche, den anderen Menschen anzunehmen, zu respektieren, sich ihm zuzuwenden, sich mit ihm auseinander zu setzen.
So kann uns die Vorbereitung auf Weihnachten bei allem Stress nun doch gelingen: Nämlich indem wir der Hoffnung auf Gottes Reich in uns Raum geben. Diese Hoffnung macht es möglich, offen zu sein für den anderen Menschen. Diese Hoffnung macht es möglich, aufmerksam den anderen anzunehmen. Auch den anderen Menschen im Weihnachtszimmer, den verlorenen Sohn etwa oder die anstrengende Schwiegermutter. Dann ist es in unserem Weihnachtszimmer wie an der Krippe in Bethlehem, an der sich ja auch die unterschiedlichsten Menschen einträchtig versammelt haben: Maria und Josef als Gäste in Bethlehem wegen der Volkszählung, arme Hirten und fremde Weise aus dem Morgenland.
Wo wir einander begegnen und in unserem Anderssein akzeptieren, ohne einander gleichgültig zu werden, da bereiten wir Jesus den Weg!
Wo wir Hoffnung ausstrahlen, das Licht Gottes in der Dunkelheit leuchten lassen, da bereiten wir Jesus den Weg!
Ja, so kann es wieder Weihnachten werden!
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, sei mit uns allen, Amen.

Dekan Stephan Arras, Marktplatz 10, 64743 Beerfelden

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