Menü

Die betende Kirche

von Felizitas Muntanjohl (65549 Limburg)

Predigtdatum : 09.05.1999
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : Rogate
Textstelle : Lukas 11,5-13
Wenn Sie diese Predigt als Word-Dokument erhalten möchten, tragen Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse ein und klicken Sie auf "Abschicken"
Ihre E-Mail

Wochenspruch:

Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet. (Psalm 66,20)

Psalm: 95,1-7b

Lesungen

Altes Testament:
2. Mose 32,7-14
Epistel:
1. Timotheus 2,1-6a
Evangelium:
Johannes 16,23b-28.(29-32).33

Liedvorschläge

Eingangslied:
EG 134
Komm, o komm, du Geist des Lebens
Wochenlied:
EG 133
oder EG 344
Zieh ein zu deinen Toren
Vater unser im Himmelreich
Predigtlied:
EG 381
oder EG 128
Ich steh vor dir mit leeren Händen
Heilger Geist, du Tröster mein
Schlußlied:
EG 328
Dir, dir, o Höchster, will ich singen

Hinführende Gedanken:
Das Thema des Sonntags ist das Gebet. Auch der Predigttext aus dem Lukas-Evangelium schließt an einen Abschnitt an, in dem die Jünger Jesus, nachdem er gebetet hat, bitten, sie beten zu lehren. Er lehrt sie das Vaterunser. Die Geschichte vom bittenden Freund schließt direkt daran an.
Die Schwierigkeit zu beten ist darum auch der Ansatzpunkt dieser Predigt. Was macht uns Menschen heute das Beten schwer?
Vor allem Erfahrungen des scheinbar sinnlosen Betens lassen Menschen sich zurückziehen: Gott hat nicht geantwortet. Jesus weist mit seiner Geschichte darauf hin, dass wir Gott nicht als schnellen Wunsch-Erfüller sehen können, sondern vielmehr als Freund, mit dem die Beziehung manchmal nicht einfach ist.

5 Und er sprach zu ihnen: Wenn jemand unter euch einen Freund hat und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; 6 denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, 7 und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen, und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. 8 Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, dann wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, soviel er bedarf.
9 Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. 10 Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. 11 Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn, wenn der ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange für den Fisch biete? 12 oder der ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion dafür biete? 13 Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wieviel mehr wird der Vater im Himmel den heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!

Liebe Gemeinde!
Beten ist gar nicht so leicht.
Wenn Konfirmanden ihre Erfahrungen mit Beten beschreiben sollen, dann fällt manchen ein: Als wir klein waren, betete unsere Mutter mit uns: “Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein.” Aber überzeugt hat uns das nicht. Oder ein anderes Abendgebet wie “Müde bin ich, geh’ zur Ruh...”
Aber irgendwie wirkte das meist etwas künstlich. Ein Tischgebet haben die wenigsten praktiziert – und ein eigenes Gebet für den Vorstellungsgottesdienst zu entwerfen, ist für viele die schwierigste Aufgabe der Konfirmandenzeit.
Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Beten gemacht? Vielleicht gibt es auch bei Ihnen solche Kindheitserfahrungen, wo am Abend mit Mutter oder Großmutter gebetet wurde. Ich kann mich auch daran erinnern und mochte es recht gern; vielleicht vor allem, weil zu dieser Zeit meine Mutter ganz für mich allein da war. Später ist über längere Phasen das Beten schwächer geworden. Einerseits fand eine ganz natürliche Entwicklung statt: Diese Kindergebete treffen nicht mehr die großen Fragen des eigenen Lebens. Sie sagen nichts über Liebeskummer und Streit im Haus, über Leistungsdruck und Einsamkeit, über Todesangst und Lebenssehnsucht.
Aber wer hat schon gelernt, mit eigenen Worten zu beten? Es besteht eine große Scheu vor der direkten Rede. Kann man denn mit Gott reden wie mit einem andern Menschen? Gehört dazu nicht auch eine Antwort? Und wo bleibt die?
Gut, manchmal wünsche ich mir auch einen Menschen, der einfach nur mal zuhört, nichts sagt, keinen Ratschlag gibt, nur einfach mal Zeit hat zum Zuhören. Aber manchmal brauche ich auch jemand, der mir zeigt, wie er mit mir leidet, mit mir erschrickt und ratlos ist, aber dann auch sagt: Ich habe etwas Ähnliches erlebt und mir hat dies und jenes geholfen. Und dann klären sich meine Gedanken, beruhigt sich meine Aufregung und ich sehe wieder ein Stückchen weiter. Und das fehlt halt beim Gebet.
Und so fallen mir manche Situationen ein, wo ich wirklich von Herzen gebetet habe, aber es geschah nichts. (Bitte fügen Sie hier ein eigenes Beispiel ein oder benutzen sie meines:) Eine Frau erzählte, wie sie als Schülerin für ihre Freundin betete, die Drogen nahm und immer mehr den Boden unter den Füßen verlor. Sie betete so sehr, sie möge wieder Kraft finden zum Aussteigen, denn sie war ein feiner, empfindsamer Mensch. Aber sie hat es nicht geschafft. Sie starb an einer Überdosis Heroin.
Warum hat Gott da nicht geholfen? Wozu dann beten?
Und doch hat das Beten eine Art “Zauberkraft”, die immer wieder erstaunt. Mit einem Menschen, der traurig ist, zu beten, seinen Kummer in Gebetsworte zu fassen, das wirkt fast immer, als würde ein Stein von seinem Herzen gelöst, eine Klammer zerrissen wie beim eisernen Heinrich. Als hätte der Mensch allein gefürchtet, mit seinem kleinen Leben den großen Gott doch nur zu belästigen. Und endlich hat das Kreisen um die unlösbar scheinenden Probleme einen Ausgang gefunden. Der Mensch ist nicht mehr allein, sondern konnte Ballast abwerfen auf einen Größeren.
Was ist das Beten für ein sonderbares Phänomen! Manchmal scheint es uns, als würden wir Worte hinausblasen in den endlosen Raum, ohne Echo, ohne Antwort, ohne Gewinn. Und dann wieder gibt es Momente, wo gerade dies das Unmittelbarste und Selbstverständlichste ist: denken Sie nur an Stoßgebete bei einem drohenden Unheil. Nichts anderes erscheint uns dann noch möglich und Hilfe versprechend als nur dies: der Ruf zu Gott. Und dann doch auch, gerade im Rückblick, so manche Situation, wo wir sagen können: Gott hat geholfen, er hat das Gebet erhört. Vielleicht ein wenig anders als wir es uns vorstellten, aber doch: erstaunlich und wunderbar!
Es ist schwer, zu beten. Das fanden auch die Jünger, die an Jesus erlebten, wie leidenschaftlich er betete. “Lehre uns beten!” baten sie, denn sie spürten, daß Jesus daraus eine Kraft gewann, die ihnen fehlte. “Lehre uns beten!” Und er lehrte sie daraufhin das Gebet, das wir alle von ihm gelernt haben: das Vaterunser. Jesus spürte wohl, daß dieses Gebet durchaus eine gute Stütze ist, um unsere Gedanken um das Wesentliche zu sammeln und unserer Sprachlosigkeit Worte zu verleihen. Aber dieser Wunsch der Jünger, beten zu können, bedeutete ja noch mehr: der Wunsch, so glauben, so vertrauen zu können wie Jesus; solch eine lebendige Beziehung zu Gott entwickeln zu können, als sei er gerade so gegenüber wie ein Freund.
Jesus versteht ihren Wunsch. Und er weiß auch, was sie hindert: sie möchten Gott erfahren als den, der antwortet, als den, der reagiert. Sie möchten, wenn sie beten, gleich merken, dass es angekommen ist. Und es macht sie ungeduldig und enttäuscht, wenn das nicht passiert.
Darum erzählt Jesus die Geschichte von dem Freund. Dem Freund, der mitten in der Nacht nicht bereit ist, zu helfen, sondern seine Ruhe will. So kommt uns Gott auch manchmal vor: als würde er dann, wenn wir ihn besonders brauchen, uns im Stich lassen. Vielleicht haben wir für lange Zeit keine Wünsche an ihn gehabt. Nur jetzt, jetzt in dieser großen Not, haben wir eine Bitte. Und es bleibt alles still. Und nichts passiert, nichts wendet sich zum Guten. Die Krankheit bleibt, die Ehe scheitert, unsere Pläne sind zerstört. Gott tut nichts.
Jesus hat in langen Nächten Erfahrungen mit dem Gebet gesammelt. Er weiß um diese Not. Er sagt darum auch nicht: Wenn du nur richtig glauben würdest, müsste es klappen. Keineswegs. Er sagt – und das klingt fast schon gotteslästerlich – : Manchmal ist Gott wie ein Freund, der seine Ruhe haben will. Dann laß dich dadurch nicht abwimmeln. Bleibe hartnäckig, gehe ihm auf die Nerven, störe seine Ruhe, so lange, bis er dir die Tür aufmacht und dir hilft.
Das paßt vielleicht nicht zu dem Gottesbild, das wir in uns tragen von unserer philosophischen Tradition her: der allmächtige, allwissende, absolut ideal gute Gott. O nein, sagt Jesus, Gott ist jemand, mit dem wir in Beziehung stehen, so oder so. Über den wir uns freuen oder ärgern, den wir erleben oder der für uns wie Luft ist, aber niemals statisch feststehend. Und der auch selber wie ein großartiger Freund ist oder ein genervter Richter, ein freundlicher Vater oder ein wütender Rächer. Und darum ist Beten auch eine Begegnung, in der es keine perfekte Form gibt, sondern immer nur den persönlichen Ausdruck: danken und bitten, wütend und enttäuscht sein, aber auch vertrauensvoll und hilfsbereit sich hineinzubegeben.
Beten ist Beziehung auf allen Ebenen und in verschiedenen Phasen. Vielleicht schweigt man sich manchmal über Jahre nur an. Vielleicht bleibt es manche Jahre ganz konventionell geregelt: zu diesem und jenem Fest machen wir was miteinander, aber sonst nicht. Ob es aber eine gelingende, eine tragende Freundschaft wird, das hängt von der Intensität, der Hartnäckigkeit unserer Kontaktaufnahme ab. Wer nach einer ersten misslungenen Kontaktaufnahme sofort aufgibt, wird nicht die bereichernden Erfahrungen dieser Beziehung machen. Wenn ich nach dem ersten Streit und Missverständnis von meinem Partner weglaufe, werde ich nie die Freude einer durch Höhen und Tiefen gefestigten Ehe erleben.
Manchmal müssen wir Gott wachrütteln wie die Jünger den schlafenden Jesus im Sturm. Manchmal müssen wir Gott hartnäckig an sein Versprechen erinnern, alle Tage bei uns zu sein bis an der Welt Ende. Manchmal vielleicht werden wir in Trauer und Wut unsere Enttäuschung ihm entgegenschleudern – egal wie. Aber nur über dieses unbeirrbare Festhalten an dieser sonderbaren Freundschaft mit Gott werden wir zur Erfüllung in dieser Beziehung finden. Und darüber werden wir auch im Beten ein neues Verhältnis zu Gott und zu unserem Schicksal gewinnen.
Als Jesus im Garten Gethsemane beten ging, da betete er dreimal und hoffte, dadurch von dem grausamen Sterben errettet zu werden. Es geschah nicht. Aber nach dem dritten Mal hatte er die Kraft, seinen Peinigern tapfer entgegenzugehen. Darum verspricht Jesus auch nicht: Wenn ihr genug betet, wird Gott eure Wünsche so erfüllen, wie ihr euch das wünscht. Sondern er sagt: Gott wird euch seinen Geist geben. Das heißt: Ihr werdet mit Gott zusammenstimmen in dem gemeinsamen Weg. Ihr werdet die Kraft und die Einsicht finden, die ihr braucht.
Denn was wir selbst uns wünschen und für richtig halten, ist das wirklich unbedingt das Beste? Wieviel Einsicht in unser Leben oder gar das Leben anderer haben wir denn, dass wir sagen könnten: dies ist jetzt das Richtige? Ein Stuttgarter Pfarrer sagte einmal: “Meine Freunde, wenn ich sicher wüßte, daß alle meine Wünsche und alle meine Bitten von Gott prompt erfüllt würden, ich würde von Stund an nimmer beten. Es wäre mir himmelangst, was daraus würde. Gott weiß tausendmal besser als ich, was für mich gut ist.” [Rudolf Daur, Die Zeit ist erfüllt, S. 145]
Beten bedeutet, ein Stück weit sein Leben und das der Geliebten in die Hände Gottes zu legen und zu vertrauen, dass er das Gute tut. Manchmal ist auch bittere Medizin das Gute oder eine Zeit der Einsamkeit oder eine Ent-Täuschung. Beten heißt, auch auf rätselhaften Wegen nicht allein zu sein. Beten heißt erfahren, daß Gott seine eigenen Vorstellungen für unser Leben hat. Manchmal gefallen sie uns nicht, aber sie stellen sich als sinnvoll heraus.
Und manchmal ist das Beten wie ein Einhüllen in eine weiche, warme Decke: Aller Druck und alle Spannung lösen sich auf, und ich bekomme wieder Mut und Kraft für den nächsten Schritt. Ich spüre eine Kraft und eine Geduld in mir wachsen, die ich gar nicht mehr für möglich gehalten hätte.
Manchmal ist Beten schwer. Aber es ist auch die große Chance für erstaunliche Erfahrungen – und für ein Leben, in dem wir uns von einem Freund begleitet wissen. Amen.

Verfasserin: Pfrin. Felizitas Muntanjohl, Theodor-Bogner-Str. 20, 65549 Limburg

Herausgegeben vom

Logo Zentrum Verkündigung

Referat Ehrenamtliche Verkündigung
Markgrafenstraße 14, 60487 Frankfurt/Main,
Telefon: 069.71379-140
Telefax: 069.71379-131
E-Mail: predigtvorschlaege@zentrum-verkuendigung.de

in Kooperation mit dem

Logo Gemeindedienst der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland
Gemeindedienst der
Evangelischen Kirche
in Mitteldeutschland

Pfarrer Dr. Matthias Rost
Zinzendorfplatz 3 (Alte Apotheke), 99192 Neudietendorf
Telefon: 036202.7717-97

Logo MÖD – Missionarisch Ökumenischer Dienst
Pfarrer Thomas Borchers
Missionarisch-Ökumenischer Dienst
Westbahnstraße 4
76829 Landau
Telefon: 06341.928912
E-Mail: info@moed-pfalz.de