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Die Einladung

von Christian Kurzke (Kraftsdorf)

Predigtdatum : 03.07.2011
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 2. Sonntag nach Trinitatis
Textstelle : Matthäus 22,1-14
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Wochenspruch: Christus spricht: Kommt her zu mir, alle, die ihr müh-selig und beladen seid; ich will euch erquicken.(Mattthäus 11,28)

Psalm: Psalm 36,6-11 (EG 719; Bayern/Thüringen EG 751)

Lesungen

Altes Testament: Jesaja 55, 1-3b.(3c-5)

Epistel: Epheser 2,17-22

Evangelium: Lukas 14, (15).16-24

Liedvorschläge

Eingangslied: EG 250 Gott ist gegenwärtig

Wochenlied: EG 363 Kommt her zu mir, spricht Gottes Sohn

Predigtlied: EG 351,1-3+13 Ist Gott für mich, so trete

Schlusslied: EG 171, 1-4 Bewahre uns, Gott

Liebe Gemeinde,

I. Kleider machen Leute (die Zwischenüberschriften dienen nur der Orientierung

„Kleider machen Leute.“ Am Blaumann ist der Arbeiter zu er-kennen. Auf der Bank hinterm Schalter gilt ein gehobener „Dresscode“, in den Chefetagen erst recht feiner Zwirn und Seide. Im Gesundheits- und Pflegewesen wird weiß getragen. Der Pfarrer hat seinen Talar. Ganze Berufsgruppen können anhand ihrer Kleidung identifiziert werden. „Grün ja grün sind alle meine Kleider“ - so lernen Kinder schon den Farbcode der Berufswelt.

Kleider machen Leute. Zwischen Freizeit und Berufsbekleidung wird unterschieden, zwischen Schlafanzug und Maßanzug. Für jeden Anlass gibt es eine ungeschriebene Kleiderordnung. Ob nun kurze oder lange Hosen getragen werden können, ob T-Shirt oder das Hemd mit Manschettenknöpfen, ob luftiges Minikleid oder Brautkleid ganz in weiß.

Kleider machen Leute. Wenn ich zu einem Fest eingeladen werde, wähle ich Kleidungsstücke nach dem Charakter dieses Festes aus. Zur Grillparty mit Freunden am Abend eher was legeres, zur Hochzeit jedoch den Anzug, aber ohne Krawatte, denn die mag ich nicht. Was, wann und wo angezogen wird, ist eine sensible Angelegenheit. Es ist peinlich „underdressed“ zu sein und damit optisch aus der Rolle zu fallen. Es ist auch pein-lich „overdressed“ zu sein, sich feiner als andere Gäste auf der Feier zu kleiden und gerade so aufzufallen.

Kleider machen Leute: Mit Kleidung kann eine Lebenseinstel-lung in die Gesellschaft transportiert werden. Ein Beispiel: Jedes Jahr findet zu Pfingsten in Leipzig das Wave-Gotik-Treffen statt. An diesen Tagen stößt man zwischen Pfingstspaziergängern mit Hund ständig auf Besucher mit extravagantem Kleidungsstil. Mit ihrem schrillen Aussehen ziehen sie die Blicke der Passanten auf sich. Zum Treffen mit Gleichgesinnten wird das nach Außen getragen, wovon man überzeugt ist, dass es stimmig ist fürs eigene Lebenskonzept. Manche Leipziger finden das geschmacklos und provokativ, andere interessant und anstößig im positiven Sinne. So ist zu sehen, wie die Kleidung des Anderen die Grenze eigener Toleranz auf die Probe stellt und wie mit einem bestimmten Kleidungsstil Überzeugungen und Lebenseinstellungen nach Außen transportiert werden. Bereits im 19. Jahrhundert sagte der Schriftsteller und Erzähler Johann Jakob Mohr (1824-86): „Die Mode übt ihren Einfluss nicht bloß auf Hüte und Röcke, sondern auch auf das, was darunter ist.“

II. Casual oder formal-dressed

Die Frage nach der Kleidung ist nicht erst seit Zeiten von Modekatalogen brisant. Seit alters her spielte sie eine nicht unwesentliche Rolle. So auch im heutigen Predigttext. Dort wird berichtet, dass ein König zum Hochzeitsfest seines Sohnes einlädt, aber keiner will kommen. Die eingeladenen Gäste haben alle ihre Ausreden. Die Tische waren gedeckt, alle Vorbereitungen abgeschlossen. Statt ausgelassener Festtagsstim-mung leere Stühle und Tische. So leicht lässt sich der Gastgeber aber nicht unterkriegen. Noch einmal lädt er die Gäste ein. Nun fühlen sie sich bedrängt und reagieren ziemlich un-verhältnismäßig, indem sie seine Boten umbringen. Es hätte doch alles so schön werden, so harmonisch verlaufen können, wenn die Einladung nur erwidert worden wäre. Aber das ganze Ge-genteil ist geschehen. Dem König platzt der Kragen. Sogar von Krieg ist die Rede. Aber das Hochzeitsfest soll unbedingt statt-finden, nun jedoch mit anderen Gästen. Ein drittes Mal spricht der König eine Einladung aus. Jetzt nimmt er einen anderen Personenkreis in Blick. Er lädt Menschen der Straße ein, Gute und Böse. Eine offene Einladung an alle, die ihn hören. Jetzt kommen viele. Tische und Bänke füllen sich mit denen, die gerade auf der Straße unterwegs waren.

Unter diesen Gästen ist scheinbar einer, der nicht standesgemäß gekleidet ist. Vermutlich war er „underdressed“ - wie wir heute sagen würden. In jedem Fall hatte er den „Dresscode“ eines Hochzeitsfestes nicht eingehalten, eigentlich ja auch verständlich, denn wahrscheinlich hatte er gar keine Zeit gehabt, sich umzuziehen. Der König geht geradewegs auf diesen Gast zu und spricht ihn an. Plötzlich, unvorbereitet, soll er Rede und Antwort für seine Kleidung stehen, aber ihm fehlen die Worte.

Warum er schweigt, bleibt unbekannt. Möglicherweise aus Ehrfurcht vorm Gastgeber, weil ihm die Worte fehlen, weil er nichts Falsches sagen will, weil er niemanden verletzen will. Wieder platzt dem König der Kragen und er lässt den Gast wie einen Gefangenen in Handschellen abführen und von seinem Fest entfernen. Nach diesem Eklat war vermutlich den anderen Gästen die Feierlaune vergangen. Erst lädt der Gastgeber ein, dann empört er sich am Kleidungsstil eines Besuchers und wirft ihn schließlich hinaus. Aber irgendwie ist das Schweigen des Gastes ebenso seltsam. Er hätte sich ja erklären können, wenigstens kurz vorstellen, ja auch mal nachfragen können, wie er überhaupt zu der Ehre der Einladung kommt. Er aber bleibt stumm. Er bleibt dem Gastgeber eine Antwort schuldig. Auch alle anderen schweigen. Niemand ergreift das Wort für den angesprochenen Gast. Die Stummheit nur eines Gastes deckt die Stummheit der vielen anwesenden Gäste auf, Gäste, die anscheinend korrekt gekleidet waren, aber lieber still schweigen, weil sie sich nicht den Mund verbrennen, das eigene Gesicht verlieren wollen.

Im Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ von Hans-Christian Andersen wird diese Stummheit entblößt. Dort wird erzählt, wie ein Kaiser, sein Hofstaat und sogar sein ganzes Volk auf zwei Weber hereinfielen. Diese hatten dem Kaiser versprochen, ein Kleid zu nähen, dessen Pracht und Schönheit nur von demjenigen zu sehen ist, der klug sei und seines Amtes würdig. Niemand aber sah etwas. Weder die Minister noch das ganze Volk trauten sich, den Schwindel aufzudecken. Erst ein Kind sagte laut: Der Kaiser hat ja gar nichts an. Jetzt nahm die Wahrheit ihren Lauf von Mund zu Mund.

III Wenn der Himmel die Erde berührt - was soll ich da nur anziehen?

Es ist Sonntagmorgen. Ich stehe vorm Kleiderschrank. Was soll ich nachher in die Kirche nur anziehen? Weil es so herrlich sonnig ist und ich in Urlaubsstimmung bin, fällt mein erster Blick auf die Bermudashorts, ausgetretene Sandalen und das legere Safarihemd. Auf dem Bügel daneben sehe ich die dunkle Hose, helles Hemd und Sakko: die Sonntagskleider, fein gebügelt, auf Falte gelegt. Mit der ersten Wahl werde ich wohl auffallen. Aber warum nicht? Da zeige ich, wie es mir geht, wer ich bin. Doch habe ich keine Lust, die Blicke auf mich zu ziehen, dass am Sonntagmorgen im Gottesdienst nur geredet wird, wie der Pfarrer sich kleidet. Also doch lieber klassisch.

Was soll ich anziehen, wenn der Himmel die Erde berührt, wenn Gott uns zum Hochzeitsfest einlädt? Eine Antwort gibt der Kolosserbrief. Dort heißt es: „So zieht nun an als die Aus-erwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.“ (Kol 3,12-14).

Das will ich anziehen, nicht nur wenn’s Sonntag zum Gottes-dienst geht: Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld, Vergebung, allen voran aber Liebe. Eine nicht leicht zu bewältigende Kleidervielfalt ist das, die ich im Kleiderschrank meines Lebens finden kann. Manche von diesen Kleidungsstü-cken liegen dort schon seit Jahren unentdeckt, manche habe ich noch nie angehabt und sie sehen noch wie Neu aus. Andere Kleider liegen ganz vorn im Kleiderschrank. Die nehme ich oft. Sie gehören zu meinen Lieblingsstücken. Jedoch sind sie schon etwas ausgewaschen, weil sie so oft getragen werden.

Wenn Himmel und Erde sich in Gottes Fest berühren, dann möchte ich das tragen, was vor Gott zeitlos „in“ ist. Ich will das unter den Menschen anziehen, was Gott mir in den Kleiderschrank meines Lebens hineingelegt hat: die ganze Vielfalt, vor allem aber seine Liebe in der Konfektionsgröße XXL, die mir gut steht. Je größer umso besser. Dann gibt’s auch kein „over- oder underdressed“, kein Heulen oder Zähneklappern mehr.

Sicher brauchen Kleider im Alltag dann und wann eine Reini-gung. Sicher gibt’s Momente, wo ich mich warm anzuziehen habe, weil es mit dem Erbarmen nicht weit her ist. Vielleicht fehlt manchmal die Geduld, weil es schnell gehen muss, viel-leicht vergesse ich auch mal eines dieser vielen Kleidungsstücke, von denen der Kolosserbrief redet, aus dem Schrank zu nehmen. Aber wenn ich erkennbar bleibe als derjenige, der von Gott eingeladen wurde, dann wird das Band der Liebe zwischen Gott und mir nicht abbrechen.

Amen.

Verfasser: Pfarrer Christian Kurzke Rüdersdorf Nr. 30, 07586 Kraftsdorf

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