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Die ewige Stadt

von Siegfried Kasparick (06886 Lutherstadt Wittenberg)

Predigtdatum : 22.11.2009
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : Letzter Sonntag des Kirchenjahres: Ewigkeitssonntag
Textstelle : Matthäus 25,1-13
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Wochenspruch:



Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen. (Lukas 12,35)



Psalm: 126 (EG 750)



Lesungen



Altes Testament:

Jesaja 65,17-19 (20-22) 23-25

Epistel:

Offenbarung 21,1-7

Evangelium:

Matthäus 25,1-13



Liedvorschläge



Eingangslied:

EG 365

Von gott will ich nicht lassen

Wochenlied:

EG 147

Wachet auf, ruft uns die Stimme

Predigtlied:

EG 152 , 1 - 2

Wir warten dein, o Gottes Sohn

Schlusslied:

EG 152, 3 - 4

Wir warten dein, O Gottes Sohn



Jesus sprach zu seinen Jüngern: Dann wird das Himmelreich gleichen zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und gingen hinaus, dem Bräutigam entgegen. Aber fünf von ihnen waren töricht, und fünf waren klug.

Die törichten nahmen ihre Lampen, aber sie nahmen kein Öl mit. Die klugen aber nahmen Öl mit in ihren Gefäßen, samt ihren Lampen. Als nun der Bräutigam lange ausblieb, wurden sie alle schläfrig und schliefen ein. Um Mitternacht aber erhob sich lautes Rufen: Siehe, der Bräutigam kommt! Geht hinaus, ihm entgegen! Da standen diese Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen fertig. Die törichten aber sprachen zu den klugen: Gebt uns von eurem Öl, denn unsre Lampen verlöschen. Da antworteten die klugen und sprachen: Nein, sonst würde es für uns und euch nicht genug sein; geht aber zum Kaufmann und kauft für euch selbst. Und als sie hingingen zu kaufen, kam der Bräutigam; und die bereit waren, gingen mit ihm hinein zur Hochzeit, und die Tür wurde verschlossen. Später kamen auch die andern Jungfrauen und sprachen: Herr, Herr, tu uns auf! Er antwortete aber und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Ich kenne euch nicht. Darum wachet! Denn ihr wisst weder Tag noch Stunde.



Liebe Schwestern und Brüder,

heute ist der Tag der Erinnerung und des Ausblicks.

Viele Menschen denken an ihre Verstorbenen, an die Zeit, als sie noch da waren. Sie gehen auf die Friedhöfe und die Erinnerungen sind ganz wach. Trauer mischt sich mit Dankbarkeit. Schmerzliche und frohe Erinnerungen liegen nebeneinander.



Und die Zukunft kommt heute in den Blick. Ewigkeitssonntag. Wie wird es werden mit uns und mit der Welt? Was kommt auf uns zu? Und wo gehen wir hin? Die Grenzen des eigenen Lebens, die Grenzen aller Zeit, die Begrenzung dieser unserer Welt, die Frage nach Gottes Ewigkeit ist im Blick.



Erinnerung und Ausblick. Gedenktag für die Verstorbenen und Ewigkeitssonntag. Und mittendrin wir, hier zusammen im Gottesdienst.



Wir haben einen Predigttext gehört, der eine der ganz bekannten Geschichten der Bibel erzählt, wie an jedem letzten Sonntag des Kirchenjahres, Stein und Bild geworden in vielen Kunstwerken. Immer wieder findet man sie an mittelalterlichen Kirchen, die törichten und die klugen Jungfrauen.



Was soll uns diese Geschichte am heutigen Tag der Erinnerung und des Ausblicks?

Drei Motive klingen an, wenn wir die Geschichte lesen.

Es ist das Motiv der Sehnsucht: Ich möchte endlich ankommen im Leben. Ich möchte den Bräutigam treffen. Ich möchte zum großen Fest.

Ich möchte, dass alles einfach nur gut ist. Ein gutes Fest. Eine gute Gemeinschaft.

Ein Bräutigam, der dafür sorgt, dass alle das Nötige bekommen. Sehnsucht nach einer Welt, die nicht durch Streit geprägt ist, in der nicht der Mangel regiert. Endlich keine Krankheit, kein Schmerz, keine Tränen. Endlich kein Tod. Sehnsucht nach unbetrübter Gemeinschaft unter den Menschen. Sehnsucht nach Gott. „Und er wird bei ihnen wohnen und sie werden sein Volk sein.“ So hören wir es in der Offenbarung des Johannes. Gerade in Zeiten, in der die Abschiede so im Blick sind wie heute, in denen verlorene Gemeinschaft auf der Seele liegt, gerade in diesen Zeiten ist solche Sehnsucht stark.



Und dann gibt es die Erfahrung, zu spät zu kommen. Wer könnte nicht davon erzählen. Manchmal ist es zu spät, noch etwas zu sagen, noch etwas klar zustellen. Manchmal ist es zu spät, noch etwas zu tun, für den anderen noch da zu sein.

Manchmal ist es zu spät, sich einfach zu verabschieden.



Solche und ähnliche Gedanken bewegen viele am heutigen Tag. Ganz egal, ob sie an diesem Tag eher an die Grenzen der Zeit denken, daran, wie begrenzt doch die Welt ist und das Leben und unsere Möglichkeiten, etwas zu tun.

Oder ob sie heute eher an die Verstorbenen denken, an die, die einmal dazugehörten zur Familie, zum Freundeskreis, zu den Kollegen oder Nachbarn. Immer wieder schleicht sich ein Gedanke ein:



Manchmal ist es einfach zu spät.

Zu spät im Blick auf uns, die wir Abschied nehmen mussten:

Aber ich wollte doch noch… - und jetzt geht es nicht mehr



Zu spät im Blick auf die, die gestorben sind: Aber er hatte doch noch so viel vor…aber sie wollte das doch noch unbedingt erleben. Manchmal ist es einfach zu spät im Blick auf die, die uns nahe waren und nahe sind. Aber auch für die scheinbar Fernen gilt es: Es ist zu spät, noch etwas für die Kinder zu tun, die in der letzten Woche verhungert sind oder für die Kriegsopfer oder die Menschen, die durch Naturkatastrophen umgekommen sind. Manchmal ist es einfach zu spät.



Und das hängt mit dem dritten Motiv zusammen, das da in der Geschichte aufklingt. Warum kommen sie zu spät? Das Öl hat nicht gereicht. Die Kraft war nicht ausreichend.

Die Umwege waren zu lang. Ich hatte nicht die Kraft, mehr zu tun. Ich konnte mich nicht noch mehr kümmern.

Ich habe es nicht geschafft. Immer wieder die Erfahrung, unsere Kräfte reichen nicht, um weiter voran zu kommen. Um rechtzeitig da zu sein, wo wir gebraucht werden.

Immer wieder die Erfahrung, ausgebrannt zu sein und es ist kein Öl da. Das gilt auch für die Glaubenskräfte. Auch sie sind in der Gefahr zu verlöschen, wenn nicht genug Öl da ist, wenn nicht aufgetankt werden kann, wenn nichts da ist, um nachzufüllen.



Und dann kommt das alltägliche Leben, dieser lange Weg. Dann kommen die dunklen Erfahrungen des Abschieds und der Trennung und dann erleben Menschen, dass das Gottvertrauen nicht reicht. Dass die Sehnsucht der Enttäuschung weicht.

Dass die Lampe des Glaubens am Erlöschen ist. Das Öl reicht eben nicht.



Liebe Schwestern und Brüder, mitten in der Sehnsucht nach einer besseren Welt, mitten in der schmerzlichen Erkenntnis,

zu spät zu kommen, mitten in der Erfahrung, dass die Kräfte nicht reichen, mitten in unserem Leben also, legt uns die alte Geschichte von den Jungfrauen ans Herz:



Vergesst das Öl nicht. Füllt eure Lampen, aber nehmt auch Gefäße für Öl mit, damit ihr nachfüllen könnt. Und macht das rechtzeitig. Solange es noch geht.



Seit Beginn der Kirchengeschichte denken unsere Vorfahren darüber nach, was denn mit dem Öl gemeint sein könnte. Einer der Kirchenväter, (Johann Chrysostomus) sagt, das Öl ist die Nächstenliebe. Sie muss in unserem Inneren immer wieder nachgefüllt werden, damit wir in unserem Leben leuchten können. Damit wir da sein können für die anderen.



Ein anderer (Origenes) meint, das Öl sei das Wort der christlichen Lehre, also das Evangelium von Jesus Christus, das immer wieder das Licht in uns am Brennen hält.

Der Glaube wächst aus dem Hören – aus dem immer wieder hören, so betont es der Apostel Paulus.



Was ist das Öl für mich, was hält die Flamme meines Glaubens am Leben, was erhält mir die Kräfte, für andere rechtzeitig da zu sein. Was lässt meine Sehnsucht leuchten? Was erweckt immer von neuem meine Hoffnung? Diese Fragen muss jeder von uns für sich beantworten.



Und das nicht nur am Ewigkeitssonntag:

Was muss ich tun, damit die Lampe des Glaubens am Brennen bleibt, damit das Gottvertrauen nicht erlischt, damit ich die dunklen Strecken des Lebens gut durchlaufen kann?

Was brauchen wir heute mitten in unserer Sehnsucht und in der Gefahr, dass die Kräfte nicht reichen und wir zu spät sind? Was brauchen wir angesichts der schweren Fragen nach unserer eigenen Zukunft und nach der Zukunft unserer Kinder und unserer Welt?



Wir brauchen Orte und Zeiten, um neu aufzutanken, neu Kräfte zu sammeln, Hoffnung zu gewinnen. Wir brauchen Orte und Zeiten zu beten und zu singen und zu hören. Wir brauchen die Gemeinschaft derer, die mit auf dem Weg sind, die mit uns beten und singen. Wir brauchen die Menschen, die auch für uns beten und singen, wenn uns der Gesang im Hals stecken bleibt und wir keine Worte mehr finden.



Liebe Gemeinde,

wir können unseren Glauben nicht auf andere übertragen. Wir können nicht für unsere Kinder glauben und für unsere Partner. Leider auch nicht für die, die trauern oder krank geworden sind oder vom Leben Abschied nehmen – wenn wir es auch gern möchten. Jeder muss sehen, wie sein eigener Glaube gestärkt wird, das eigene Vertrauen wächst, die eigene Hoffnung neue Nahrung bekommt. Es reicht nicht, wenn einer aus der Familie für die anderen in den Gottesdienst geht und den Kontakt mit der Gemeinde hält. Das Öl ist nicht einfach übertragbar. Insofern sind wir ganz in der Geschichte von den Jungfrauen.



Was wir aber machen können: Wir können füreinander beten. Wir können einander helfen, damit der eigene Glaube wieder wächst. Wir können füreinander da sein, wenn die eigenen Kräfte nicht ausreichen, wenn in der Not die Hoffnung zu verlöschen droht. Wir können einander helfen, Öl für die Lebenslampen zu finden.



Doch dazu brauchen wir die Nähe Gottes. Wir brauchen sein Wort. Wir brauchen seine Zusage, dass er uns nahe ist, dass seine Kraft in uns Schwachen mächtig ist, auch wenn wir schuldig werden und versagen. Wir brauchen die Gewissheit, dass wir uns auf ihn verlassen können im Leben und im Sterben. All das, liebe Schwestern und Brüder, ist Öl, das wir brauchen, damit unsere Lampen nicht ausgehen.



Wozu dann aber dieser Schluss unserer Geschichte? Warum dieses starke „zu spät“ – ich kenne euch nicht - ihr seid draußen. Warum diese Geschichte gerade heute mitten in der Erinnerung, in der Trauer, mitten in unseren Fragen nach der Zukunft unseres Lebens und der Welt? Damit wir noch mehr Angst bekommen als wir ohnehin schon haben? Oder damit wir – wie es auch immer wieder geschieht – mit dem Finger auf andere zeigen: Seht mal, die glauben nicht richtig, die haben nicht genug Öl. Seht diese törichten Menschen, Gott wird sie nicht aufnehmen.



Nein liebe Schwestern und Brüder, das ist sicher nicht der Sinn.



Zweierlei sollten wir aber nicht vergessen:

Einmal: Die Sache mit dem Öl ist ernst. Dieser Ernst wird in der Geschichte von den törichten Jungfrauen ganz deutlich. Es ist nicht egal, ob wir uns Zeit nehmen für das Gebet oder nicht. Es ist nicht egal, ob wir Orte und Zeiten haben, Gottes Wort zu hören oder nicht. Es ist nicht egal, ob wir in der Gemeinschaft der Christen bleiben oder nicht. Es ist nicht egal, ob wir auf dem Weg der Nachfolge bleiben, ob wir uns von Gottes Zukunft bestimmen lassen oder nicht.



Es ist deswegen nicht egal, weil wir Gott nicht egal sind. Gott will nicht, dass wir kaputt gehen. Er will nicht, dass wir im Dunkeln stecken bleiben und aus unserem Schmerz und unserer Trauer und unserer Schuld nicht mehr herausfinden.

Gott will nicht, dass wir dieser seiner Welt keine Zukunft mehr geben, dass wir nur noch die Achseln zucken und uns und die Welt aufgeben.



Darum ist die Sache mit dem Öl so wichtig. Darum wird die Geschichte so ernst erzählt. Gerade weil wir so gefährdet sind, unsere Kräfte zu verlieren. Gerade weil wir immer wieder die Erfahrung machen, zu spät zu kommen, da wo wir gebraucht werden, gerade darum brauchen wir das Öl des Glaubens, das Öl neuer Zuversicht, das Öl neuer Lebenskraft. Darum brauchen wir die Stärkung unseres Gottvertrauens.



Schließlich dürfen wir aber auch nicht vergessen, wer diese Geschichte erzählt. Ja es gibt für uns ein zu spät, es gibt die Erfahrung, dass die Kräfte nicht reichen, es gibt die Erfahrung, dass wir die Zukunft aus den Augen verlieren.

Das gilt aber nicht für den, der uns hier anspricht.

Nicht für Jesus selbst.

Für ihn bedeutet versagen nicht: Es ist zu spät.

Für ihn bedeutet Sünde nicht: Es ist zu spät.

Für ihn bedeutet der Tod nicht: Es ist zu spät.



Der, der diese Geschichte hier erzählt, der war gerade für die da, die mit ihren Kräften nicht zurecht kamen. Er war gerade für die zu spät gekommenen da wie in der Geschichte von den Arbeitern im Weinberg. Er war da für die Sünder, von denen alle sagten: na, da ist ja alles zu spät.



Er ist da für die, die den Ansprüchen eben nicht genügen und die immer wieder scheitern, weil sie das, was sie eigentlich tun müssten, eben nicht schaffen oder einfach nicht tun.

Er ist da für die, die mit der Macht des Todes nicht zurecht kommen. Er ist für uns da, die wir uns herumschlagen mit dem Tod und mit der Schuld. Er ist da für uns, für die es heißt:

„Kommt her, alle die ihr mühselig und beladen seid.“ Und: „Das zerknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen.“

.

All das, liebe Gemeinde, nimmt die Ernsthaftigkeit des Textes nicht weg. Es gibt ein zu spät, Verantwortung zu übernehmen,

anderen rechtzeitig das zu geben, was sie brauchen.

Es gibt ein zu spät, weil unsere Kräfte nicht ausreichen.



Aber es gibt auch einen, der durchbricht diese Grenze.

Christus selbst will für uns da sein und uns geben,

was wir brauchen zwischen Erinnerung und Ausblick,

mitten in der Trauer und in der Schuld und in unseren tastenden Fragen nach der Zukunft.



Der Bräutigam selbst kommt uns entgegen. Christus selbst durchbricht die Geschichte.

Genau das kann uns frei machen, frei machen, uns dankbar zu erinnern, frei machen, Verantwortung zu übernehmen, wo wir gebraucht werden, frei machen, um neu Kraft zu schöpfen und das unsere zu tun. Das kann uns frei machen für Gottes Zukunft. Denn es ist nie zu spät.

Amen.



Propst Siegfried T. Kasparick, Wilhelm–Weber–Straße 1a, 06886 Lutherstadt Wittenberg

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