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Die Gaben der Schöpfung

von Martina Berlich (Eisenach)

Predigtdatum : 02.10.2011
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 15. Sonntag nach Trinitatis
Textstelle : Lukas 18,28-30
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Wochenspruch: Aller Augen warten auf dich, Herr, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit. (Psalm 145,15)

Psalm: 104, 10 - 15.27 - 30 (EG 743; Bayern/Thür. 779)

Lesungen

Altes Testament: Jesaja 58, 7 - 12

Epistel: 2. Korinther 9,6 - 15

Evangelium: Lukas 12, (13 - 14).15 - 21 oder Matthäus 6, 25 - 34

Liedvorschläge

Eingangslied: EG 508 Wir pflügen und wir streuen

Wochenlied: EG 324, 1 - 8 + 12 Ich singe dir mit Herz und Mund

Predigtlied: EG 645 Bay/Th.)

EG 621 (EKHN)

EG 413 Ins Wasser fällt ein Stein

Ein wahrer Glaube Gotts Zorn stillt

Schlusslied: 457, 1 + 4 - 9 Der Tag ist seiner Höhe nah

Liebe Gemeinde,

es war einmal eine kleine Kartoffelknolle, die hieß Linda. Während sie im dunklen Erdreich heranwuchs, träumte sie davon, nicht anonym in der Kartoffelmasse zu verschwinden vom Kartoffelförderband für den Supermarkt abgepackt. Nein - Linda träumte, wie schön es wäre, stattdessen als Gourmetkartoffel in einem 5-Sterne-Restau-rant zu landen ganz allein auf dem Teller, wunderschön dekoriert - oder wenigstens als leckere Backkartoffel beim Griechen. Während Linda so vor sich hinträumte, wurde sie von kräftigen Händen aus der Erde gehoben, sauber gerieben, mit anderen in einen Korb gepackt. Und dann kam sie, Linda konnte es kaum glauben, an diesen Ort, direkt am Altar. Stellvertretend für andere liegt sie nun da, wird bewundert und gesegnet, und wie eine kleine Heilige landet Linda im Kochtopf der (das Projekt nennen, für das die Erntegaben bestimmt sind, die Tafel o.ä.).

Wir träumen wie Linda. Jedenfalls möchten wir uns gern genauso fühlen, wie es der Prophet Jesaja vor über 2000 Jahren so verheißungsvoll beschreibt. Denn unser Licht bricht normalerweise nicht hervor wie die Morgenröte, sondern steht unter diversen Scheffeln. Unsere Wunden heilen oft nur langsam und manchmal überhaupt nicht. Wenn wir zu Gott rufen, antwortet er nicht immer. Wie oft sitzen wir im Dunkel, in der Dürre, orientierungslos, ungesättigt, ungestärkt wie ein vertrockneter Garten, wie eine verstopfte Quelle. Einiges liegt wüst in unserem Leben. Manche Risse und Schlaglöcher tun sich auf unserem Lebensweg auf.

Aber das hier (auf die Erntegaben zeigen) könnten wir sein! Dieser festliche Anblick der Erntegaben - da steckt viel von uns drin. Mit gemischten Gefühlen kommen wir hier her, wie ein Korn im Mähdrescher, wie eine Kartoffel auf dem Förderband, fühlen wir uns erst. Und dann werden wir in der Kirche aus der grauen anonymen Masse, aus dem Alltag herausgehoben. Festlich geschmückt, ins Licht getaucht, voller Schönheit und Fruchtbarkeit, werden wir wie die Kartoffeln um den Altar versammelt. Gestärkt und gestillt wie ein Segensstrom ziehen wir hinaus an die Kochtöpfe und die Familientafeln. So können wir sein. So kann es ein schöner und ein echter Gottesdienst sein. Wenn Korn und Kartoffeln und wir selbst nicht nach Kilo und Euro abgerechnet werden, sondern wenn alles Geschenk Gottes ist, das sich weiter verschenken will.

Beim Barte des Propheten Jesaja, so kannst du sein. Ein Mensch, der andere sein Herz finden lässt, strahlend wie die Morgenröte, mit rasch heilenden Wunden wie in einem von Gott geleiteten Festzug. Wenn du andere dein Herz finden lässt, wird dein Licht aufgehen in der Finsternis wie das Licht im Advent. Deine Dunkelheiten werden wie heller Mittag sein. Gott wird dich leiten und sättigen und stärken. Du wirst wie ein bewässerter Garten sein, wie eine Wasserquelle, die niemals versiegt. Dein Name wird sein: „Der die Lücken zumauert“ und „Der die Wege ausbessert“ oder „Die andere ihr Herz finden lässt“. So beantwortet der Prophet Jesaja die Frage, was uns Gott nahe sein lässt und was uns von Gott weg bringt.

Wer nur an sich und das eigene Einkommen und Auskommen denkt, der wird wie der reiche Kornbauer sein. Er wird immer größere materielle Vorräte anlegen, ohne sich um die Bedürfnisse seiner Seele zu kümmern. Sein Herz wird wie ein kalter Stein sein.

Der Maßstab für unseren Glauben sind die, denen es schlecht geht. Das schwächste Glied in der Kette zeigt, wie stark eine Gemeinschaft wirklich ist. Wenn du an die denkst, denen es nicht so gut geht, wird deine Seele Kontakt zu Gott haben. Wenn du für andere schreist, die leiden, wirst du Gottes Nähe spüren. Dir wird Gott antworten: „Siehe, hier bin ich.“

Morgen ist der 3. Oktober, der Tag der Wiedervereinigung. In unserem Land wird eine wirkliche Wiedervereinigung gebraucht, eine große Koalition der Risse-Vermauerer. Wir müssen in unserem Land und weltweit zu einer ethischen und sozialen Wiedervereinigung kommen. Statt der Spaßgeneration und der reichen Geldbauern, die immer größere Scheunen für ihre Boni und Dividenden bauen, brauchen wir eine Generation der Wiedervereiniger, die weit auseinander klaffende Risse, Spalten und Lücken zumauert. Wir brauchen wenigstens eine Generation, die ihr Herz finden lässt.

So hat es die heilige Elisabeth von Thüringen mit den sieben Werke der Barmherzigkeit vorgelebt:

„Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir zu essen gegeben.

Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir zu trinken gegeben.

Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen.

Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich gekleidet.

Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht.

Ich bin im Gefängnis gewesen, und ihr seid zu mir gekommen“. Matthäus 25,35f.

Elisabeths Werke der Barmherzigkeit hat Jesus direkt vom Propheten Jesaja übernommen, Elisabeth startete damit Aktionen, die sogar dem Zeitalter der Globalisierung standhalten können. Bei Tisch fragte sie zum Ärger und Entsetzen des Hofes nach der Herkunft der aufgetragenen Speisen. Von erpressten Eintreibungen wollte sie nicht leben. Lieber hungerte sie. Darum fragte sie stets: „Woher kommt das Brot? Wer lieferte den Wein?“ War etwas erpresst, sagte sie zu ihren Mägden: „Heute können wir nur trinken!“ Oder: „Heute können wir nur essen!“ Kam aber alles vom eigenen Besitz auf den Tisch, rief sie: „Wohl uns, heute können wir essen und trinken!“

Wir können aus unserer Landwirtschaft keine Idylle, keine Landlust mehr machen. Selbst wenn wir der Kartoffel Linda und den glücklichen Hühnern noch so viele unserer Träume unterschieben. Die allermeisten Kartoffeln werden nicht von Hand geerntet. Die allermeisten Hühner müssen in riesigen Hallen ihr Dasein fristen. Aber wir können da manches in Bewegung bringen. Wenn wir nicht länger gedankenlos einkaufen und essen und trinken und genießen, ohne zu fragen, woher unsere Lebensmittel kommen, wie diejenigen leben, die sie herstellen und wohin unsere Abfälle gehen. Wo alles herkommt und was nach uns sein wird, allein darüber nachzudenken, kann kleine heilige Erntedankgaben aus uns machen.

Das macht unseren Gottesdienst heute schön und echt, dass die Kartoffeln nicht bloß Deko sind, sondern Segensgaben. Wir feiern, was wir nicht uns selbst verdanken und reichen den Reichtum weiter. Aus dem Erntedankgottesdienst strömt er in die Welt wie ein wärmender Golfstrom in die kalten, dunklen Herbstecken. Verwandelt kehren wir in den Alltag zurück. Als Leute, die ihr Licht, unter den Scheffeln der Resignation hervorholen, deren Seelen wie blühende Gärten sind, die Risse zumauern und Wege ausbessern, weil sie Gott im Nächsten ihr Herz finden lassen. Das werde wahr. Amen.

Verfasserin: Superintendentin Martina Berlich

Obere Predigergasse 1, 99817 Eisenach


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