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Die Gemeinde der Sünder

von Jürgen Sauer (36304 Alsfeld)

Predigtdatum : 08.07.2001
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 3. Sonntag nach Trinitatis
Textstelle : Johannes 8,3-11
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Wochenspruch:

Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. (Galater 6,2)

Psalm: 42,2-12 (EG 723)

Lesungen

Altes Testament:
1. Mose 50,15-21
Epistel:
Römer 14,10-13
Evangelium:
Lukas 6,36-42

Liedvorschläge

Eingangslied:
EG 450
Morgenglanz der Ewigkeit
Wochenlied:
EG 428
oder EG 495
Komm in unsre stolze Welt
O Gott, du frommer Gott
Predigtlied:
EG 353
Jesus nimmt die Sünder an
Schlusslied:
EG 157
Lass mich dein sein und bleiben

3 Die Schriftgelehrten und Pharisäer brachten eine Frau zu Jesus, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte 4 und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. 5 Mose aber hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du? 6 Das sagten sie aber, ihn zu versuchen, damit sie ihn verklagen könnten. Aber Jesus bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. 7 Als sie nun fortfuhren, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. 8 Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. 9 Als sie aber das hörten, gingen sie weg, einer nach dem andern, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand. 10 Jesus aber richtete sich auf und fragte sie: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt? 11 Sie antwortete: Niemand, Herr. Und Jesus sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.

Liebe Gemeinde,
drei Lebenswelten prallen in dieser brillanten Erzählung aufeinander. So heftig stürzen sie an einem Ort zusammen, dass man den Atem anhält, die Augen schließt, den Kopf einzieht, weil die Explosion unausweichlich erscheint. Einen ewigen Moment lang herrscht gespannte Stille. Dann ist die Gefahr vorüber. Ein kluges Wort Jesu hat die Lage entschärft.
Drei Lebenswelten prallen in unserer Predigtgeschichte aufeinander. Schauen wir sie uns etwas genauer an!
Als erstes begegnen wir der Welt einer auf frischer Tat ertappten Ehebrecherin. Himmel und Hölle liegen in dieser Welt dicht beieinander. Eine Sekunde nur trennt die Glückseligkeit vom Absturz. Nach dieser schicksalhaften Sekunde ist für die ertappte Frau alles unendlich peinlich geworden, ja mehr als das: Das nackte Leben steht in Gefahr. Es ist die Welt der Angst und der Scham, in der diese Frau sich plötzlich wiederfindet und in der sie unterzugehen droht.
Fremd und doch zugleich bekannt erscheint uns diese Situation. Denn auch wenn die Lage so dramatisch im eigenen Leben noch nie gewesen ist, das Gefühl der Scham kennen wir alle. Jeder und jede kann es ohne Schwierigkeiten nachempfinden:
Es bricht in uns aus wie ein gewaltiges Feuer. Blut schießt in den Kopf. Die Wangen erröten. Die Augenlider klappen herunter. Das Herz erbebt. Nach außen hin versuchen wir, gelassen zu wirken, innerlich aber durchjagt eine unangenehme Hitze unseren Körper. Sie soll verschwinden. Wir möchten in den Erdboden versinken, unsichtbar werden, rückgängig machen, was geschehen ist. Doch das geht nicht. Die Scham haftet an uns fest wie die Haut am eigenen Körper. Wir werden sie nicht so schnell wieder los. Auch wenn der peinliche Augenblick längst vorüber ist, wenn das wallende Blut sich wieder beruhigt und das Gesicht zur normalen Farbe zurückkehrt, lodert die Flamme der Scham verborgen in uns weiter: Wir versuchen uns abzulenken, zu vergessen, das Thema zu wechseln, doch das brennende Gefühl hat sich festgesetzt und klingt nur langsam ab. Noch nach Jahren kann es plötzlich wieder aufflammen.
Mit ungeahnter Wucht wirbelt die Scham das Wohlbefinden durcheinander. Und sie braucht dazu oft nur einen geringen Anlass: Da trifft eine Jugendliche ihre Freundinnen, und die machen sich über sie lustig wegen eines dicken Pickels auf der Stirn. Da beginnt ein Vereinsvorsitzender seine auswendig gelernte Rede, gerät ins Stocken, weiß nicht mehr weiter und bricht ab. Da verpasst ein Pfarrer den Termin der Trauung und erscheint nicht zur verabredeten Zeit in der Kirche.
Man mag das harmlos finden als Außenstehender, aber wen es betrifft, den wurmt es. In dem bohrt die Scham vermutlich genauso stark wie in einem Menschen, der ein falsches Ehrenwort öffentlich abgegeben hat und es unter der Last der Beweise widerrufen muss; oder wie die Kündigung des Arbeitsplatzes, von der niemand erfahren darf und die einen Menschen dazu bringt, jeden Tag mit der Aktentasche in die Stadt zu gehen, damit Frau und Nachbarn nichts merken; oder wie der Schlag des gewalttätigen Ehemannes ins Gesicht, der die Frau beim Einkauf im Supermarkt eine große dunkle Sonnenbrille tragen lässt, um die Verletzungen an Stirn und Auge zu verdecken. Die Welt der Scham kann sich überall öffnen. Niemand, der sie nicht irgendwann betritt, niemand, der ihre Fesseln nicht schon gefühlt hat.
So unangenehm das Schamgefühl ist, es hat auch seine positiven Seiten. Die Scham schützt die Seele vor Verletzungen. Man lernt aus peinlichen Situationen und versucht, sie in Zukunft zu vermeiden. Schließlich möchte man nicht noch mal in die gleiche Lage kommen. So erfüllt die Scham, dieses heftige, strenge, innere Gefühl eine wichtige Aufgabe für das Zusammenleben mit anderen. Eine Gesellschaft völlig schamloser Menschen könnte nie und nimmer funktionieren. Wir bedürfen der Scham als Regulativ für unser Verhalten.
Der Frau aus unserer Geschichte helfen solche Gedanken über die Bedeutung der Scham freilich nicht weiter. Sie hat es bitter erwischt. Qualvoll erlebt sie die Lage, in die sie da geraten ist. Ertappt und ergriffen im intimsten Akt der Zweisamkeit, wird sie der Öffentlichkeit vorgeführt, der gaffenden und sensationsgierigen Menge preisgegeben. Dieser beschämten Frau gilt unwillkürlich unser Mitgefühl. Ein erbarmungswürdiges Geschöpf! Erbarmungswürdig trotz ihres Fehltritts. Ja, wir können uns in sie hineinfühlen und uns vorstellen, wie sie sehnsüchtig Ausschau hält nach jemandem, der ihr hilft und beisteht.
Die zweite Lebenswelt unserer Geschichte wird verkörpert von den Schriftgelehrten und Pharisäern. Es ist die Welt der geschriebenen und ungeschriebenen Regeln, der Gesetze und Verordnungen, der Vorschriften und Erlasse. Es ist die Welt der Selbstverständlichkeiten, die niemand mehr in Frage stellt. Sicher hat auch diese Welt ihr Gutes. Wir brauchen Regeln für das Miteinander. Wir brauchen Gesetze, auf die man sich berufen und verlassen kann, wir sind angewiesen auf Vorschriften in vielen Bereichen des Alltags. Man stelle sich nur vor, wie der Straßenverkehr abliefe, gäbe es keine Straßenverkehrsordnung und keine Strafandrohung für Verkehrssünder!
Ein geordnetes Zusammenleben in einer Gesellschaft bleibt auf Dauer nur möglich, wenn Gesetze eingehalten, Regeln beachtet und Verstöße geahndet werden.
Auch die vielen alltäglichen Selbstverständlichkeiten, die niemand mehr hinterfragt, helfen das Leben zu bestehen. Denn es entlastet ungemein, wenn nicht in allen Fragen und Entscheidungen die Antwort stets neu gefunden werden muss, man sich vielmehr auf das Selbstverständliche zurückziehen kann.
Doch, liebe Gemeinde, wo Gesetze, Vorschriften und Selbstverständlichkeiten die Würde eines Menschen verletzen, wo sie, statt zum guten Leben zu helfen, zu töten beginnen, da muss Einhalt geboten werden.
Ich will dazu ein Beispiel aus unseren Tagen erzählen: Eine junge Frau verliert mit 23 Jahren ihren Ehemann durch einen Autounfall. Nach dem großen Schock, der Starre, dem Schweigen, dem Weinen, nach den ersten Monaten der Trauer beginnt sie sich langsam wieder zum Leben hin zu orientieren. Sie sucht das Gespräch mit alten Freundinnen und Bekannten, möchte wieder am Leben im Dorf teilhaben. Doch die Dorfgemeinschaft, allen voran die Schwiegereltern, setzen sie unter großen Druck, daheim zu bleiben. Sie fühlt sich beinahe wie eine Ausgestoßene: Wenn sie zum Fußballplatz geht, heißt es im Dorf: sie sucht schon wieder einen Neuen. Wenn sie andere Leute besucht, geben ihr die Frauen zu verstehen, dass sie Angst haben, die junge Witwe könnte den Mann oder Freund ausspannen. Sie solle lieber daheim bleiben und trauern. Daheim bleiben und trauern, so lautet das ungeschriebene Gesetz, das den ohnehin schon gedämpften Lebenswillen der jungen Frau weiter stranguliert, die Einsamkeit und die Verzweiflung des Herzens verstärkt. Die Welt der Ordnung, der Gesetze und Selbstverständlichkeiten hilft nicht nur zu einem guten Leben, sie kann es auch behindern und zerstören.
Für die Frau aus unserer Predigtgeschichte geht es sogar um Leben und Tod. Die Vertreter der Ordnungsmacht fordern die Steinigung. So sieht es das Gesetz des Mose tatsächlich an einigen Stellen vor. Angewandt wurde die entsprechende Strafbestimmung vermutlich allerdings schon lange nicht mehr. Mit dem Hinweis auf Recht und Gesetz treten nun die fanatischen Gesetzeshüter an Jesus heran. Er soll die Richtigkeit des Urteils bestätigen. Sie setzen ihn unter Druck, um sein Verhältnis zum Mose-Gesetz, zur gesellschaftlich anerkannten Ordnung auf die Probe zu stellen. Die beiden Lebenswelten der Scham und der gesetzlichen Ordnung treffen so auf eine dritte, der Frau und den Schriftgelehrten noch unbekannte Lebenswelt: die des Evangeliums!
Dabei geschieht etwas Überraschendes: Die hochgespannte Lage entlädt sich nicht mit einem heftigen Knall. Die Frau wird nicht gesteinigt. Jesus nicht als Gesetzesbrecher gebrandmarkt. Es gibt keinen Tumult am Tempelplatz.
Wie war das möglich?
Schauen wir auf Jesus! Er bückt sich zur Erde und malt mit dem Finger in den Sand. Die Ausleger früherer Zeiten haben sich oft gefragt, was Jesus da wohl in den Sand geschrieben hat. Als ob es darauf ankäme! Nein, liebe Gemeinde, was die Situation in eine andere, ein gute Richtung lenkt, sind nicht die unbekannten Worte im Sand. Es ist vielmehr die ruhige Nachdenklichkeit Jesu. Jesus lässt sich nicht zu einem schnellen Urteil verleiten. Er denkt nach. Er überlegt. Er lässt sich Zeit. Er unterbricht die Aufgeregtheit der Scham und die Handlungswut der Ordnungshüter. Er verzögert und verlangsamt das Leben. Und gibt gerade so der Vernunft und der Liebe neuen Raum.
Das Wort, das die nachdenkliche Liebe Jesu hervorbringt, das großartige Wort des Evangeliums tröstet die Frau in ihrer Scham und entlastet die Gesetzesfanatiker vom Handlungsdruck. Dieses eine Wort entschärft die Lage: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“
Ruhig und gelassen kann Jesus die Wirkung dieses Wortes abwarten: Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.
Als sie aber das hörten, gingen sie weg, einer nach dem andern, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand.
Jesus aber richtete sich auf und fragte sie: „Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt?“
Sie antwortete: „Niemand, Herr.“ Und Jesus sprach: „So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.“
Drei Lebenswelten prallen aufeinander in unserer Predigtgeschichte. Drei Welten, die uns fremd und doch auch nah erscheinen. Wir finden uns wieder in der Scham der Frau, wir erleben, wie Ordnungs- und Gesetzeswut, wie unhinterfragte Selbstverständlichkeiten Leben zerstören, und wir sehen, wie Nachdenklichkeit, Liebe und ein kluges Wort alles zum Guten zu wenden vermögen. Heilsam und tröstlich, dass die Welt des Evangeliums auch die Welt unserer Scham, auch die Welt unserer aufgeregten Urteile erreichen will. Der Gott, dessen Liebe Jesus in Anspruch nahm damals auf dem Tempelplatz, als er ruhig dasaß, in den Sand schrieb und nachdachte, als er seine befreienden und vergebenden Worte sprach, dieser Gott Jesu Christi schenkt uns auch heute noch seinen tröstlichen Beistand, wenn wir beschämt dastehen. Und dieser Gott ruft uns in den Aufgeregtheiten unseres Lebens auch heute noch zur Besonnenheit, zur Nachdenklichkeit und zur Liebe.
Wo wir ihm vertrauen, ihm Raum geben im Miteinander, können wir innerlich über die Scham hinauswachsen, können lebenszerstörende Aktionen sein lassen und zu neuen Ufern des Lebens aufbrechen. Amen.

Verfasser: Pfr. Dr. Jürgen Sauer, Bantzerweg 1, 36304 Alsfeld

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