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Die Gemeinde der Sünder

von Mechthild Böhm (55122 Mainz)

Predigtdatum : 01.07.2007
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 4. Sonntag nach Trinitatis
Textstelle : Johannes 8,3-11
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Wochenspruch:

Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. (Galater 6,2)
Psalm: 42,2-12 (EG 723)

Lesungen

Altes Testament:
1. Mose 50,15-21
Epistel:
Römer 14,10-13
Evangelium:
Lukas 6,36-42

Liedvorschläge

Eingangslied:
EG 445, 1+2+ 4+5
Gott des Himmels und der Erden
Wochenlied:
EG 389,1-5
Ein reines Herz, Herr, schaff in mir
Predigtlied:
EG 629,1-3
Liebe ist nicht nur ein Wort
Schlusslied:
EG 172
Sende dein Licht und deine Wahrheit

Hinführung:
Vor dem Hintergrund der großen Bekanntheit und Plausibilität des Jesuswortes ist es mir wichtig, eine neue Sensibilität für diese Erzählung zu wecken. Dazu dient das Stilmittel der neuen Überschrift: „Hier fehlt einer“.
Denn es geht hier nicht allein um die Sorgfalt (und Zurückhaltung) im Urteil über andere, mit dem ich mich am Ende selbst treffen könnte, wie es die „Alltagsnähe“ des Jesuswortes ja nahe legt. Es geht vielmehr darum, dass Menschen durch diesen lösenden und erlösenden Satz Jesu eingeladen sind in die Solidarität aller, die der Vergebung bedürfen und die sie miteinander auch erfahren. Damit geht es zugleich auch um den „Abschied vom heilen Selbstbild“ (Roman Roessler): auch Fehler und Verfehltes gehören zu jedem Menschen, sie dürfen bekannt und benannt werden.
Wichtig ist mir der Schlussdialog zwischen Jesus und der Frau: Zwar ist die Frau durch ihn entlastet, zugleich aber auch verpflichtet: die Vergebung in dieser Begegnung bedeutet Zuspruch und Anspruch zugleich.

3 Aber die Schriftgelehrten und Pharisäer brachten eine Frau zu ihm, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte 4 und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. 5 Mose aber hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du? 6 Das sagten sie aber, ihn zu versuchen, damit sie ihn verklagen könnten. Aber Jesus bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. 7 Als sie nun fortfuhren, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. 8 Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. 9 Als sie aber das hörten, gingen sie weg, einer nach dem andern, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand. 10 Jesus aber richtete sich auf und fragte sie: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt? 11 Sie antwortete: Niemand, Herr. Und Jesus sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

Liebe Gemeinde!
Die Geschichte von Jesus und der Ehebrecherin aus dem Johannesevangelium ist uns bekannt. Vor allem, weil sie eine so plausible Lösung erhält. Dieses Bibelzitat „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“ ist in unsere Alltagssprache übergegangen. Er ist bis heute nachvollziehbar und lässt sich auf so viele Situationen in unserem Leben übertragen. Es kann uns davor bewahren, andere vorschnell und überheblich abzuurteilen oder negativ zu bewerten. Denn wir werden daran erinnert, auch auf uns selbst zu sehen. Ich glaube, das Jesuszitat ist in dieser Hinsicht tatsächlich oft hilfreich, manchmal wie erlösend. Andererseits ist aber die Geschichte von Jesus und der Ehebrecherin fast zu bekannt. Wir hören und erwarten in ihr nichts Neues mehr.

Ich möchte dieser Geschichte daher heute eine neue Überschrift geben. „Hier fehlt einer!“ ist die Überschrift, die ich gewählt habe. Sie kann unsere Wahrnehmung dieser Szene verändern. Und uns neu hören lassen.
Ja, hier fehlt einer. In der Schilderung dieser Szene zerren Männer eine Frau vor Jesus, die sie gerade beim Ehebruch ertappt zu haben glauben. Aber dort, wo die Frau aufgegriffen wurde, war sie doch wohl nicht allein! Wo ist der Mann, mit dem sie zusammen war? Hier fehlt einer in der Szene zwischen Schriftgelehrten, Pharisäern, Jesus und der Ehebrecherin: der Ehebrecher! Warum lässt er die Frau im Stich? Warum lässt er es zu, dass sie allein von fremden Männern hinweggezerrt wird? Warum setzt er sie dieser demütigenden, entwürdigenden Situation aus, wo er mit ihr doch gerade eine – vielleicht auch schöne – intime Begegnung hatte? Ist es die Angst vor der Strafe, zu der die Männer ja die Frau verurteilen wollen: Steinigung, also Todesstrafe?! Oder ist es Gleichgültigkeit, nachdem er bekommen hat, was er wollte? Oder ist es die festverankerte Meinung und leider auch Erfahrung, dass Frauen nun mal die Folgen alleine tragen? Schließlich tragen sie ja auch die Folgen einer ungewollten Schwangerschaft bis heute oft allein. Hier fehlt einer, das sage ich vor allem dem Mann, mit dem die Frau gerade zusammen war – und ich meine es als Vorwurf: es ist empörend, dass du sie alleine lässt.
Hier fehlt einer, das sage ich aber auch den anderen Männern, Schriftgelehrten und Pharisäern, die die Frau wegzerren. Sie pochen auf ihre Thora und wollen Jesus damit in die Enge treiben. Wenn Jesus sie nicht verurteilt, ist er nicht gesetzestreu, so behaupten sie. Haben sie ihre Thora denn nicht richtig gelesen?! Im 3. Buch Mose 20,10 heißt es: „Wenn jemand die Ehe bricht mit der Frau seines Nächsten, so sollen beide des Todes sterben, Ehebrecher und Ehebrecherin.“ Diesen Männern geht es nicht um den Schutz der Ehe, sonst würden sie eine Frau nicht derartig würdelos behandeln. Es geht ihnen aber auch nicht um den Buchstaben des Gesetzes, sonst würden sie beide Beteiligten vor Jesus bringen, nicht nur die Frau allein. Hier fehlt einer, das möchte ich auch den Männern sagen, die mit Jesus über den Ehebruch streiten wollen. Es kann nicht sein, dass Ehebruch oder auch Eheprobleme nur einen Menschen allein betreffen, dass nur eine Person dafür verantwortlich gemacht wird. Zum Ehebruch gehören immer zwei. Und der Ehebruch, die Treulosigkeit, betrifft doch wohl auch die Menschen, mit denen die Betroffenen in einer Ehe leben. Genauso wenig können Eheprobleme einseitig, mit nur einer Person bearbeitet oder geklärt werden. Das kann nur gelingen, wenn beide Partner beteiligt sind, aktiv und mit innerer Bereitschaft.
Im Sommer 2006 (als diese Predigt entsteht) ist in Toronto gerade die 16. Weltaidskonferenz zu Ende gegangen. Frauen haben hier für ihren selbstbestimmten Schutz vor Aids plädiert und Forschung in diese Richtung gefordert, weil Männer ihnen diesen Schutz häufig nicht gewähren oder sogar verweigern. Wie in der Geschichte mit der Ehebrecherin tragen Frauen die Folgen häufig allein und Männer entziehen sich der Solidarität mit ihnen. Dabei könnte diese Solidarität auch für sie selbst ein Gewinn sein.

Hier fehlt einer, das möchte ich nämlich nun noch einmal – und zwar in völlig anderer Betonung! - zu dem Mann sagen, der die Frau allein gehen ließ. In der Begegnung mit Jesus fehlst du, da entgeht dir etwas ganz Zentrales. Du verpasst etwas. Du hast eine lebenswendende Begegnung mit Jesus versäumt. Hättest du Jesus erlebt, du hättest etwas erfahren können, was dein Leben verändert hätte. Du hättest nicht verharren müssen in Gleichgültigkeit oder in Schuldgefühlen gegenüber der Frau, mit der du zusammen warst.
So weißt du immer noch nicht, auf wessen Seite du eigentlich stehst. Auf der Seite der Frau oder auf der Seite der anderen Männer? Stehst du zu der Frau, zu der es dich doch offensichtlich sehr hingezogen hat? Oder willst du alles abstreiten? Triffst du eine Entscheidung für sie und zu deiner eigenen Verantwortung?! Oder versuchst du alles schnell zu vergessen und weißt doch genau, dass es dir nicht gelingen wird, dass die Schuldgefühle kommen? Schade, dass du deine Freundin nicht zu Jesus begleitet hast. Du hättest Segen erfahren können.

Hier fehlt einer! Das möchte ich an dieser Stelle auch Jesus sagen. Der, der hier fehlt, hätte dein Wort und deinen Segen auch benötigt.
Für die anderen, die Jesus in dieser Szene erleben und sein Wort hören, ist es ein Segen. Für die Männer und für die Frau. Sie alle sind in einer ausweglosen Situation. Einerseits die Frau: sie hat ihren Mann betrogen: nun wird es öffentlich. Neben der Scham und den Schuldgefühlen steht auch die Frage: wie kann es mit ihrem Mann nun weitergehen? Wird er sich von ihr trennen? Kann er verzeihen? Andererseits die Männer: sie stellen sich selbst und Jesus vor die grausame Alternative, entweder eine Todesstrafe auszusprechen oder als Gesetzesbrecher dazustehen. Wird das der Partnerschaft von zwei Menschen gerecht? Können sie so ihre eigene Ehe schützen und bewahren?! Wohl kaum!

Offenbar bewertet Jesus diese Szene weitaus nicht so dramatisch wie die anderen Beteiligten. Er malt in den Sand. Dieses scheinbar teilnahmslose Verhalten hat immer wieder befremdet. Ich sehe darin aber keine Gleichgültigkeit, sondern eine große Gelassenheit, die sich auch auf die anderen übertragen soll. Mit seinem ruhigen Verhalten sagt Jesus doch nichts anderes als: „So dramatisch wie ihr denkt, ist diese Szene nicht. Sie ist so menschlich und so alltäglich. Für euch alle!“
Und dann dieser Satz „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“
Mit diesem Satz verändert sich alles. Die ganze Szene verliert ihre Dramatik. Die Konfrontation zwischen den Männern einerseits und der Frau andererseits ist aufgelöst durch diesen Satz. Ohne dass Jesus irgendeinen Menschen verurteilt oder der Sünde überführt hat, sind aus den Anklägern selbst Angeklagte geworden. Die, welche die Frau betrafen wollten, sehen sich ohne ein anklagendes Wort auf ihre Seite gestellt. Durch das Wort Jesu können sie den Segen der Solidarität erfahren. Ja, sie können mit der Frau, die sie so übel bloßgestellt haben, eigentlich nur noch solidarisch sein. Und sie sind es auch, Sie verlassen still die Szene. Sie sind durch das Wort Jesu herausgerissen aus der Konfrontation, eingeladen zur Solidarität aller, die Gottes Vergebung brauchen und sie auch erfahren dürfen. Die Männer erfahren mit der Frau gemeinsam den Segen der Solidarität und der Vergebung, der bedingungslosen Annahme. Und wieder: Hier fehlt einer, der diesen Segen, die Vergebung, diese Solidarität auch gebraucht hätte, gerade mit der Frau, die er so bitter im Stich gelassen hat.

Ich komme noch einmal auf die Frau zurück. Es gibt ja viele Bilder von ihrer Geschichte, und oft ist sie nackt dargestellt. Als hätte die voyeuristische Gier der Männer dieser Szene auch späteren Malern noch den Pinsel geführt. Ich möchte der Frau danken für ihren Mut. Sie kommt mit den Männern mit, wenn auch sicherlich widerstrebend, sie läuft nicht weg, auch nicht als diese von ihr ablassen. Sie bleibt als einzige bis zum Schluss in der Mitte stehen. Konnte sie ahnen, dass Jesus sie nicht richten würde? Wollte sie darauf vertrauen, dass Jesus sie in dieser entwürdigenden Situation nicht preisgibt?
Auch als alle Männer gegangen sind und damit ihr entlastendes Urteil über die Frau wortlos gesprochen haben, bleibt sie noch bei Jesus stehen. Offenbar ist ihr das Urteil der Männer jetzt überhaupt nicht mehr wichtig. Auf das Wort Jesu kommt es ihr an.
Auf diesen kurzen Dialog am Schluss will ich sehen. Sie nennt ihn Herr: nach allen Erfahrungen mit Männern ein Mann, den sie achten kann, weil er sie achtet. Ein Mensch zu dem sie aufblicken kann, obwohl er am Boden kniet, und weil er am Boden kniet. Einer, den sie Herr nennen kann, weil er die Männer nicht mit anderem Maß misst als eine Frau, als sie. Einer, der sie trotz ihrer Verfehlung nicht anklagt: Herr.
Und seine Antwort: „So verdamme ich dich auch nicht. Geh hin und sündige hinfort nicht mehr!“
In der Solidarität aller, die Gottes Vergebung brauchen, hört die Frau auch stellvertretend für uns alle diesen Satz.
Ich höre ihn so, als würde Jesus zu ihr – und zu uns allen - sagen: „Was immer du getan hast, ich verurteile dich nicht. Geh auf deinem Weg mit dem Rückenwind der Vergebung. Denn mit dem Rückenwind der Vergebung kannst du Manches in deinem Leben besser machen. Was misslungen ist, musst du nicht wiederholen. „So verdamme ich dich auch nicht. Geh hin und sündige hinfort nicht mehr!“ Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.


Verfasserin: Pfarrerin Mechthild Böhm, An der Bruchspitze 51, 55122 Mainz

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