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Die große Krankenheilung

von Karsten Müller (39104 Magdeburg)

Predigtdatum : 11.09.2011
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 12. Sonntag nach Trinitatis
Textstelle : Jesaja 29,17-24
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Wochenspruch:Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.

(Jesaja 42, 3)

Psalm: 147, 3 - 6.11 – 14 a

Lesungen

Altes Testament: Jesaja 29, 17 - 24

Epistel: Apostelgeschichte 9, 1 - 9.(10 - 20)

Evangelium: Markus 7, 31 - 37

Liedvorschläge

Eingangslied: EG 72 O Jesu Christe, wahres Licht

Wochenlied: EG 289 Nun lob, mein Seel, den Herren

Predigtlied: EG 286 Singt, singt dem Herren neue Lieder

Schlusslied: EG 171 Bewahre uns, Gott

Liebe Gemeinde,

dass ein Tauber wieder hören kann und ein Blinder, der ein Verblendeter war, wieder sehen kann, haben wir heute schon gehört. Allerdings: So ganz stimmen diese Berichte nicht mit unseren Erfahrungen überein. Ganz selten hören wir von unverhofften Heilungserfolgen, obwohl Ärzte alle Chancen für erschöpft hielten. Mit der Anwendung von Speichel oder einer Handauflegung hat das dann aber noch seltener etwas zu tun.

Wir sind eben abgeklärt, vielleicht auch aufgeklärt und das Wohlan! des Propheten und seine Zukunftsvisionen führen uns zur Frage, was wir eigentlich erwarten. Das ist eine heikle Frage, auf die es keine schnellen Antworten gibt. Manche, vielleicht die meisten, sagen: Ich bin zufrieden, so wie es ist. Es scheint so, als ob sogar der Taubstumme aus dem Evangelium zu dieser Gruppe gehört. Er kommt ja nicht selbst zu Jesus, sondern wird von seinen Freunden gebracht, fast gedrängt. Auch Saulus will ja nicht, dass sich etwas verändert, er erwartet, dass es so sein wird, wie es früher war. Er folgt seiner Routine. Er weiß ganz genau, was der wahre Glaube ist und wer davon abweicht, vielleicht noch die römische Besatzungsmacht auf den Plan ruft, der wird verfolgt. So war es, so bleibt es. Ist das immer das Schlechteste, wenn es so bleibt, wie es ist?

Wenn Gott handelt, dann verändert sich etwas. Es bleibt nicht, wie es ist. Der Taubstumme kann wieder hören und sprechen und Saulus sieht die Dinge in einem neuen Zusammenhang – obwohl er erst einmal erblindet.

Unser Ausschnitt aus dem Jesajabuch scheint oberflächlich ein Text zu sein, in dem der Prophet und Gott selbst das Wort ergreifen. Die Worte sollen Hoffnungen wecken und die Hörer damals und uns heute aus Hoffnungslosigkeit und Tatenlosigkeit befreien.

Aber auch die über 25 Jahrhunderte zurückliegende gute alte Zeit des Jesaja war einmal eine schlechte neue. Sehen wir uns in der Bibel das Umfeld unseres Ausschnittes an, dann fällt ein Wort auf, dass sich durch die Texte zieht: Weh! Unmittelbar vor unserem Text findet auch so ein Weh-Ruf: : Weh denen, die mit ihrem Plan verborgen sein wollen vor dem HERRN und mit ihrem Tun im Finstern bleiben und sprechen: »Wer sieht uns, und wer kennt uns?« Wie kehrt ihr alles um! Als ob der Ton dem Töpfer gleich wäre, dass das Werk spräche von seinem Meister: Er hat mich nicht gemacht! und ein Bildwerk spräche von seinem Bildner: Er versteht nichts! (Jes. 29, 15 f) Weh! Die Verhältnisse stehen auf dem Kopf, selbst einfachste Dinge, wie zum Beispiel das Verhältnis von Ton und Töpfer, sind nicht mehr klar. O ja, in diese Klage kann man durch alle Zeiten hindurch einstimmen: Die Welt steht auf dem Kopf im so genannten Großen wir im so genannten Kleinen. Dass die Weltordnung nicht gerecht ist, wissen wir. Dass wir davon profitieren, verschweigen wir. Die Folgen der Umweltzerstörung sind nicht zu übersehen. Wir verschließen davor oft die Augen, verdrängen, was uns schlaflos machen könnte oder sollte. Die Welt wird immer kleiner, immer vernetzter, aber die Menschen werden nur wenig klüger. Dass der Glaube an einen Gott zur Lebensklugheit gehört, scheint schon lange vergessen zu sein. Wenn der Glaube wieder die Bühne der Weltgeschichte betritt, dann doch auch oft nur mit den negativen Erscheinungen des in allen Religionen vorkommenden Fundamentalismus. Da schüttelt mancher brave Atheist nur seinen Kopf und wir stehen ratlos dabei. Wir bemühen dann die gute alte Zeit und übersehen, dass sie auch einmal eine schlechte neue war und stimmen ausgiebig ein in die Klagelieder über den Zustand der Welt.

Aber nun, mitten in dieser Klage wird ein anderer Ton angestimmt: Ja, die Verhältnisse sind nicht gut, aber sie werden nicht so bleiben: Wohlan – noch eine kleine Weile, dann wird alles wieder vom Kopf auf die Beine gestellt sein. Man kann auch sagen: Ja, ja, die Welt ist schlecht und Wehe ihr! – aber ist es nicht auch so, dass sich die Verhältnisse immer wieder auch bessern? Wartet noch eine kleine Weile, dann .... dann soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden. (Jes. 29,17) – Dann haben wir auch begriffen, das ein Stück Fleisch seinen Preis haben muss, wenn es nicht dioxinverseucht sein soll, dann zahlen wir für den Kaffee mehr, damit der Bauer in Lateinamerika auch noch leben kann. Dann begreifen wir auch, dass zwischen unserem Handeln und Verbrauchen hier bei uns, durch uns, und dem Zustand der Welt ein Zusammenhang besteht.

Noch eine kleine Weile, dann werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen; (Jes. 29,18) Nein, die Kirchen werden wohl nicht wieder voll sein, wie wir glauben, dass sie es früher waren. Aber es wird immer wieder neu Menschen geben, denen die Ohren aufgehen und die Augen, wenn sie von Gott und seinem Wort angesprochen werden. Sicher geschieht das nicht unbedingt so, wie wir uns das als Gemeinde oder Kirche wünschen, vielleicht wird es ganz andere Formen geben, bei denen Menschen sehend und hörend werden. Aber dass es passiert, erscheint mir ganz sicher. Die Frage ist ja auch, inwieweit wir selbst zu den Blinden und Sprachlosen gehören. Im Prophetenbuch lesen wir heute: Die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels. (Jes. 29,19) Sind wir dahin auf dem Weg? Ist unser Dialog mit Gott (wenn er denn stattfindet) so gestaltet, dass Menschen daran Freude haben, dass Fröhlichkeit durch die Begegnung mit Gott und seinem Wort in einen tristen Alltag kommen kann. Hoffen wir auf so etwas oder halten wir die Vorstellung selbst für abwegig? Es handelt sich ja bei unserem alten Text um Zukunftsmusik. Trotzdem können wir ja schon einmal jetzt die Überlegung anstellen, wie es zum Beispiel in zweieinhalb Monaten sein wird, wenn Advent und Weihnachten kommt. Kann Menschen an unserer Art, mit der Botschaft umzugehen, Freude gemacht werden? Werden Menschen fröhlich, wenn sie durch uns die Frohe Botschaft hören?

Es scheint ja so zu sein, dass die Musik heute ganz woanders spielt und die Kirche und der Glaube in der Gesellschaft eher mehr oder weniger folkloristische Randerscheinungen sind. Für den Propheten aber steht fest: Wenn Gott die Menschen anspricht, wenn die Armen Freude haben werden und die Elenden fröhlich sein werden, dann hat das auch Rückwirkungen auf die Gesellschaft: Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten, welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen. (Jes 29, 20.21)

Vielleicht haben schon damals die Hörer des Propheten gedacht: Ach, so soll es einmal kommen? Womöglich sollen wir selbst auch noch den Stein ins Rollen bringen, wir mit unserer kleinen Kraft? Darum ergreift Gott selbst das Wort: Darum spricht der HERR, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen. Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände - seine Kinder - in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten. Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen. (Jes. 29,22-24)

Das ist eine tröstliche Vorstellung: Dass Menschen dazu kommen, Gott anzusprechen (seinen Namen zu heiligen), mit ihm im Leben zu rechnen, hat seinen Grund schon oder nur darin, dass es in dieser Welt sichtbar Kinder Gottes, Menschen, die mit Gott leben, gibt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Was diese Menschen in ihrem Glauben, ihrer Nachfolge „leisten“, ist zunächst zweitrangig oder sogar nebensächlich. Im Prophetenbuch ist es das Haus Jakob, sind es die Israeliten, heute sind es Menschen, die sagen: Ich glaube an Gott, die Gott ansprechen mit der Anrede „Unser Vater“.

Gott sagt nichts über deren Qualität aus. Er sagt auch nicht: Das und das müssten sie tun, er sagt nur: Sie sind das Werk meiner Hände – das reicht. Wir sind nicht zum Handeln gezwungen, wir sind von Gott zur Nachfolge befreit. Hier im Prophetenbuch wird die Befreiung in einen Satz gekleidet: Das Haus Jakob ist das Werk meiner Hände. Die Geschichte hat aber immer wieder gezeigt, dass wir Menschen für Worte nur bedingt empfänglich sind.

Darum begegnet und Gott auf unserer Ebene, in unserer Erlebniswelt, er kommt zu uns auf Augenhöhe – als Mensch. Wir feiern das bald wieder am Ende dieses Jahres.

Bis dahin ist es noch ein bisschen Zeit, gibt es noch Stationen im Nachdenken und Hören auf Gott uns seine Botschaft: Es kommt Erntedank und die Freude über die ganz elementaren Geschenke Gottes, es kommt das Nachdenken über den Frieden unter den Völkern, die Opfer der Kriege und die Betrachtung der Endlichkeit unseres Lebens am Ende des Kirchenjahres.

Und dann, wenn das Jahr am dunkelsten ist, feiern wir, wie in dem Menschen Jesus Gott selbst in unsere Mitte kommt.

Dieses Bild fasst unsere Überlegungen zu den Worten des Propheten, zu den Worten Gottes und zu den Erfahrungen vieler Menschen mit ihm gut zusammen: Wenn es am finstersten ist, lässt Gott überraschend und unscheinbar ein Licht aufgehen, öffnet er uns die Augen, macht er Taube hörend und Blinde sehend bis in unsere Tage hinein. Und vielleicht geschieht das auch mit uns, die wie gewohnt sind, auf die alten Worte zu hören: Vielleicht hören wir manches ganz neu, sehen wir Altbekanntes in ganz neuem Licht.

Verfasser: Provinzialpfarrer Karsten Müller

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