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Die große Krankenheilung

von Stefan Hucke (64850 Schaafheim)

Predigtdatum : 10.08.2008
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : 10. Sonntag nach Trinitatis - Israelsonntag: Gedenktag der Zerstörung Jerusalem
Textstelle : 1. Korinther 3,9-15
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Wochenspruch:

Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.(Jesaja 42,3)

Psalm: 147,1-3.11-14a oder 113 (EG 745)

Lesungen

Altes Testament:
Jesaja 29,17-24
Epistel:
Apostelgeschichte 9,1-9 [10-20]
Evangelium:
Markus 7,31-37

Liedvorschläge

Eingangslied:
EG 454
Auf und macht die Herzen weit
Wochenlied:
EG 289
Nun lob, mein Seel, den Herren
Predigtlied:
EG 351
Ist Gott für mich, so trete
Schlusslied:
EG 172
Sende dein Licht und deine Wahrheit

Hinführung:
Die Stadt Korinth war ein Schmelztiegel des Römischen Reiches, die Brücke zwischen seinem westlichen und östlichen Teil. So hatte auch die junge christliche Gemeinde dort eine bunte soziologische Zusammensetzung, reich an Spannungen und zugleich reich an Aufbrüchen.
Der Apostel Paulus war mit der Gemeinde in Korinth auf besonders tiefe Weise verbunden, denn er hatte sie gegründet. Nach seinem Weggang suchte er durch Briefe und persönliche Besuche immer wieder eingehenden Kontakt. Mit der Zeit nahmen die Spannungen innerhalb der Gemeinde zu. Es kam zu einer schweren Krise zwischen ihr und Paulus, die letztlich in der Anfrage seiner dortigen Kritiker gipfelte, ob der Apostel noch in der Fülle der Autorität Jesu Christi sprechen könne.
Durch diese Kritik in die Enge getrieben, erreicht Paulus in seinem geistlichen Leben durch Gebet und bewussten Dialog mit den Korinthern eine rettende Plattform.
Diese besteht nicht in Erweisen eigener Kraft und Vollmacht, sondern in existentieller Offenheit für Gottes Kraft, die sich in paradoxer Weise gerade in der menschlichen Schwäche und Mühe der Arbeit des Apostels als wirksam erweist. Zunehmend lernt er, von sich abzusehen und auf Christus zu sehen, denn im Weg des Christus selbst, in der Botschaft vom Kreuz, bildet sich die in der Schwäche verborgene Stärke der Liebe Gottes ab: Zuspruch und Anspruch für seinen Weg, Zuspruch und Anspruch für den Weg der Gemeinde.
Zum Sonntag im Kirchenjahr: Der Sonntag steht unter dem Motto „Wahrnehmung in Gottes Augen“. Gott heilt Kranke, begnadigt Schuldige, bringt Irrende zurecht, indem Christus ihre Not sieht, ihnen sein Heil schenkt und sie in die Gemeinschaft der Gemeinde und damit der weltweiten Kirche ruft, um in ihr ihre Gaben durch Mitarbeit einzubringen.

Liebe Gemeinde, in einer Kirchengemeinde sollen verdiente Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geehrt werden. Abweichend vom normalen Brauch, dies erst am Ende einer langen Dienstzeit zu tun, schlägt die Gemeindeleitung dieses Mal ein anderes Verfahren vor: Alle Mitglieder der Gemeinde bekommen eine Stimmkarte. Auf ihr können sie die Namen derer notieren, die sich ihrer Meinung nach in den letzten zwölf Monaten um die Gemeinde am meisten verdient gemacht haben. Natürlich soll jede Person auf dem Stimmzettel nur ein Mal erscheinen. Beide, Ehrenamtliche und Hauptamtliche, dürfen in gleicher Weise genannt werden. Die drei Meistgenannten werden dann beim jährlichen Mitarbeiterfest besonders mit einer Ehrung bedacht.
Ich denke, Sie können sich in diese Aktion gut hinein versetzen. Nun bitte ich Sie in Gedanken noch um einen weiteren Schritt: Stellen Sie sich vor, diese Gemeinde wäre Ihre Gemeinde! Das Ganze wäre Ihnen gerade heute im Gottesdienst bekannt gemacht worden. Brennend würden mich Ihre ersten Reaktionen interessieren. Sollte sich Leistung wieder mehr lohnen, auch in unseren Gemeinden? Endlich nicht immer alle nur nach dem gleichen Schema zu betrachten! Würden Ihnen denn Namen einfallen, die auf den Stimmzettel gehören? Wäre der Name Ihrer Pfarrerin oder Ihres Pfarrers dabei? Würden Sie Ihren eigenen Namen auch gern auf den Zettel schreiben?
Ein interessantes gedankliches Experiment. Darf ich dazu eine Vermutung äußern? Irgendetwas zieht uns bei diesem Gedanken an und macht uns Lust, uns mit ihm zu befassen. Im Alltag der Gemeinde kommt das nämlich gar nicht so selten vor. Wenn man unter sich ist und unter Seinesgleichen, dann ist oft klar, wer die eigenen „Favoriten“ sind. Das geschieht jedoch nur mündlich, es wird nicht schriftlich festgehalten und dadurch öffentlich sichtbar. Dennoch mahnt uns auch etwas zur Vorsicht und sagt uns: lass dieses Experiment lieber bleiben! Es könnten Wunden geschlagen werden, die nicht so leicht heilen. Alle arbeiten doch in der Gemeinde freiwillig mit und bringen gewiss die eigenen Gaben nach ihren besten Möglichkeiten ein.

Wir spüren, wie sich trotzdem unser Puls beschleunigt, wenn es um Fragen von Anerkennung und Würdigung von Leistungen in der Gemeinde geht. Wenn wir jetzt das Predigtwort hören, geschrieben von Paulus an die Gemeinde in Korinth, können wir sicher sein, dass auch sein Puls beim Formulieren dieser Sätze deutlich beschleunigt war, vielleicht noch mehr als gerade eben bei uns.

9 Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau. 10 Ich habe nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist, den Grund gelegt als ein weiser Baumeister; ein anderer baut darauf. Ein jeder sehe aber zu, wie er darauf baut. 11 Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.
12 Wenn aber jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh, 13 so wird das Werk eines jeden offenbar werden. Der Tag des Gerichts wird’s klar machen; denn mit Feuer wird er sich offenbaren. Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen. 14 Wird jemandes Werk bleiben, das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn empfangen. 15 Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch.

Paulus formuliert seine Sätze in einer kritischen Situation. Wie kam diese zustande? Er war der Gemeindegründer von Korinth. Auf seine Initiative hin hatte sich dort eine lebendige Gemeinde gebildet. Sie traf sich als Hausgemeinde und lebte engagiert ihren Glauben mitten in einer der quirligsten Städte der Antike. Diese Stadt war ein Schmelztiegel der Kulturen, Völker und Religionen, ein wichtiger Brückenkopf zwischen dem Westen und dem Osten. Von einem Moment auf den anderen konnte man hier sehr hoch steigen, aber auch sehr tief fallen.
Aus allen Himmelsrichtungen strömten Menschen aller Schichten dorthin, von den Ärmsten bis zu den Reichsten. Sie suchten ihre Chance, wollten ihren Anteil am Erfolg der Handelsmetropole. Die aufstrebende Stadt hatte etwas Magnetisches. Wie auf einem Feld mit Sonnenblumen streckten alle ihre Köpfe zum Licht. Doch nicht jedem war es gegeben, einen Strahl auf seinem Gesicht zu erhaschen. Die ständige Konkurrenz stachelte die Menschen an, ihr Bestes zu geben, brachte enorme Leistungen hervor, war aber auch der Hintergrund für den tiefen Fall Einzelner und ganzer Gruppen. Es gab eine Unruhe in ihrem Inneren, die die Einwohner schnell überkommen konnte, während in ihrem Leben scheinbar alles noch gut lief.
Auf dem Hintergrund solcher Erfahrungen können wir uns vorstellen, wie die Person des Paulus mit der kraftvollen neuen Botschaft des Evangeliums innerhalb der aufblühenden Gemeinde weit nach oben befördert wurde. In einer Welt voller „Stars“ und „verglühender Kometen“ war er ein „Star“, ein Stern. Denn die Menschen waren geprägt von diesen beiden Möglichkeiten: „hop“ oder „top“.
In starkem Gegensatz dazu stand allerdings der Inhalt der Botschaft, die Paulus den Menschen in Korinth nahe brachte. Er predigte ihnen Jesus, den Messias, den Christus, „gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden“. Das war eine Botschaft, die sich in das den Korinthern gewohnte Schema von „Sternen“ und „verglühenden Kometen“ nicht so richtig einordnen ließ. Es war darin im gleichen Atemzug von Stärke und Schwäche die Rede. Die in der Schwäche verborgene Stärke Gottes bildete sich im Weg des Christus selbst ab, in der Botschaft vom Kreuz. Diese Predigt des Paulus war mit den sonstigen Maßstäben der antiken Metropole Korinth nicht kompatibel, weder mit ihren wirtschaftlichen Leitsätzen noch mit ihren religiösen und philosophischen Prägungen. Wie man es drehte und wendete: es knirschte im Gebälk und das sehr heftig. Das spürten alle.
Und der Überbringer der Botschaft selbst? Ein Mann ohne weiße Weste. Einer, dessen Vorleben beschämende Fakten aufwies, weil er früher die christliche Gemeinde verfolgt hatte. Noch dazu einer, dem es an glänzender rednerischer Begabung mangelte, dessen Predigt kaum mit machtvollen Zeichen durchsetzt war und der die Gemeinde kaum in Enthusiasmus versetzte. Eine Art „Scheinriese“, der kleiner wurde, wenn man ihm näher kam und der damit Kritikern und Gegnern eine große Angriffsfläche bot. Paulus selbst war also ein Modell von „Stern“ und „verglühendem Komet“ in einer Person, das war der kritische Punkt, und dieser Punkt war ihm selbst überdeutlich bewusst.
Er wollte und konnte weder der „Star“ eines von ihm begeisterten Fanclubs in Korinth sein, noch ein „verglühender Komet“, wie es der Sicht seiner Kritiker entsprach. Diese Kritiker bissen ihm vielleicht sogar desto heftiger in die Wade, je größere persönliche Fans sie vorher einmal gewesen waren, während sie nun, möglicherweise nur für eine kurze Zeit, mit treuem Augenaufschlag zu einem neuen Favoriten aufsahen. Paulus litt unter der entstandenen Situation. Er war sich sicher, dass er diese züngelnde Flamme nicht an die Gemeinde herangetragen hatte. Zugleich fühlte er sich mit diesem Problem in guter Gesellschaft, eben in der Nähe und Nachfolge Jesu. Das half ihm, die Situation nicht nur still zu ertragen, sondern konstruktiv nach Worten zu suchen, um mit der Gemeinde zu neuen geistlichen Horizonten aufzubrechen. Das war einer der wesentlichen Beweggründe seiner Zeilen. Er wollte die Gemeinde zum Nachdenken und zu einer Kurskorrektur durch Umdenken einladen.
Beinahe 2000 Jahre später haben wir keine Mühe, uns in die Prägung der antiken Metropole Korinth hineinzuversetzen. Auch wir leben in einer Gesellschaft, in der starke Konkurrenz untereinander selbstverständlich ist und einen großen Sog entfaltet. Von klein auf hören wir die Botschaft, dass wir uns durchsetzen und offensiv die uns gebotenen Chancen nutzen müssten. Wir leben in Konkurrenz um Arbeitsplätze und materielle Chancen, um Liebe und Partnerschaft, um Schönheit. Noch sind in unserer Gesellschaft dabei materielle und soziale Netze gespannt, die reißfester sind als die der Antike in Korinth. Aber wenn einmal der Anspruch auf Arbeitslosengeld erschöpft und das Ersparte zugunsten des Rechts auf staatliche Unterstützung aufgezehrt ist, wenn die körperliche Gesundheit plötzlich verloren gegangen ist, dann kann es auch mitten unter uns um den Einzelnen sehr still und einsam werden, egal, was vorher war, und dann ist auch bei uns guter Rat teuer.

Aber heißt es nicht zu Recht: „Konkurrenz belebt das Geschäft!“ Sind Kinder im Elternhaus nicht auch immer Konkurrenten um die Zuwendung der Eltern und werden oft erst später, als Erwachsene, zu Freunden? Macht es nicht einen großen Unterschied, ob jemand in der Geschwisterreihe an Platz eins, zwei oder drei stand? Trainiert nicht jede Sportlerin und jeder Sportler auf das Ziel hin, einmal besser zu sein als die anderen? Und liefen nicht alle Ansätze einer irgendwie gearteten Vollversorgung eines jeden Menschen auf eine ungute Gleichmacherei hinaus, brachten herbe Verluste an Mündigkeit und Freiheit mit sich? Ein fairer Blick auf die Leistungen von Menschen müsste doch zumindest dem Anspruch gerecht werden, nicht zu überfordern, aber eben auch nicht zu unterfordern!
Hören wir auf dem Hintergrund dieser zentralen Fragen noch einmal auf Paulus:
„Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau. Ich habe nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist, den Grund gelegt als ein weiser Baumeister; ein anderer baut darauf. Ein jeder sehe aber zu, wie er darauf baut.“
Aus der antiken Erfahrungswelt wählt Paulus mit Bedacht zwei Beispiele aus, in Praxisfeldern, die ganz und gar von der Notwendigkeit zur Kooperation geprägt sind, Ackerbau und Hausbau. Dass ein Einzelner allein den Acker bestellen könnte oder das Haus bauen, war in der Epoche der Handarbeit undenkbar. Teamarbeit war alltäglich; sie war lebensnotwendig; sie war Trumpf! Dabei galt natürlich: Ohne gute Planung keine guten Ergebnisse! Aber dass ein Einzelner aus einem Team, jubelnd über seine tolle Geschwindigkeit, schon beim nächsten Acker angelangt war, während andere sich noch in den Niederungen abmühten, kam selten vor. Ebenso, dass einer schon das Dachgeschoß ausbaute, während andere unter ihm gerade im 1.Stock die Außenmauern vollendeten.

Paulus im Klartext: Bei den Aufgaben der Gemeinde geht es nicht um die Profilierung des Einzelnen auf Kosten anderer, sondern um die Arbeit an einer gemeinsamen Sache. Die Einzelnen sind dabei herausgefordert, ihr Bestes zu geben. Doch das Beste gebend kann daraus wirklich Gutes nur durch intensive Zusammenarbeit entstehen. Dazu kommt eine schlichte Erkenntnis, die in ihrer Schlichtheit und Wahrheit tief greifende Auswirkungen hat: wer sät und pflanzt, geduldig auf Regen und Sonne zur rechten Zeit wartet, jätet und erntet, hat seine Produktionsmittel nicht selbst geschaffen, sondern nutzt, was der Schöpfer ihm (oder ihr) anvertraut hat. Wer beim Hausbau Erde und Steine zu einem tragfähigen Fundament verdichtet und Lehm zu Ziegeln brennt, benutzt, was der Schöpfer gab. Auch wer in der Gemeinde mitarbeitet und mitbaut, bringt wohl sein Leistungsvermögen ein, nutzt aber darin die ihm von Gott anvertrauten und von ihm aus Gnade verliehenen Produktionsmittel.
Kooperation, Zusammenarbeit, steht also für Paulus im Vordergrund, und zwar in dreifacher Weise:
1. Kooperation als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Schöpfers. Gott hat sich in seinem unerklärlichen Willen dafür entschieden, die Dinge der Gemeinde nicht alle selbst zu gestalten, sondern sie in die befähigten, aber auch fehlbaren Hände von Menschen zu legen, mit Unterstützung des Heiligen Geistes, damals wie heute.
2. Kooperation als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Jesu Christi, die seine Wege auf dieser Erde in der Nachfolge treu und ausdauernd mitgehen. Dabei können wir froh sein, dass wir uns die letzte Begründung unserer geistlichen Existenz, unser Heil, nicht selbst geben und es nicht selbst herstellen müssen. Am Kreuz und am Ostermorgen hat er dafür das Fundament bereits gelegt und es fest gemacht.
3. Kooperation als gemeinsam getragene Aufgabe vieler Menschen im Reich Gottes, von Frauen und Männern, Jüngeren und Älteren, Reichen und Armen, Menschen aus allen Völkern der Erde. Über alle menschlichen Trennungen und Unterschiede hinweg kann diese Zusammenarbeit in versöhnter Verschiedenheit Gestalt gewinnen, damals wie heute.
Gibt es Maßstäbe im Blick auf diese großen Vision des Paulus? Können wir an irgendetwas ablesen, ob wir uns jeweils näher am Ziel befinden oder weiter von ihm entfernt sind? Hören wir ihn wieder selbst:
„Wenn aber jemand auf den Grund baut Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh, so wird das Werk eines jeden offenbar werden. Der Tag des Gerichts wird’s klar machen; denn mit Feuer wird er sich offenbaren. Und von welcher Art eines jeden Werk ist, wird das Feuer erweisen.
Wird jemandes Werk bleiben, das er darauf gebaut hat, so wird er Lohn empfangen. Wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch.“
Wer in großer menschlicher Konkurrenz zu anderen steht, muss sich immer wieder mit ihnen vergleichen, sich stets neu umdrehen, um zu schauen, dass sie einen nicht überholen. Die Maßstäbe dafür mögen in starker Weise von unserer Gesellschaft geprägt sein, letztlich bekommen sie ihre Wucht gegen andere aber nur dadurch, dass wir als Einzelne dabei intensiv mitwirken und andere immer wieder durch die Brille „hop“ oder „top“, „Star“ oder „verglühender Komet“ betrachten. Die Macht dieser Leitfrage richtet sich im Zweifel auch gegen uns selbst, z.B. in punkto Schönheit, wenn wir uns im eigenen Spiegel betrachten.
Wenn Paulus hier die endgültige Entscheidung über den bleibenden Wert unserer Leistungen ausschließlich an Gott festmacht, nimmt er sie aus dem Urteil eines Menschen über den anderen heraus. Das heißt: die Brille, mit der ein anderer Mensch mich sieht, hat keine letzte Gültigkeit! Die Brille, mit der ich einen anderen sehe: äußerst vorläufig! Sogar die Brille, mit der ich mich selbst betrachte: von vergänglicher Natur! Nur „Gottes Brille“ hat bleibenden Durchblick und bleibende Wahrheit. Wie bei einem Juwelier wird Gottes Gerichtstag im besten Fall Gold und Silber durchs Feuer von allen Schlacken und Sandkörnern reinigen und die im Leben für Gott erbrachten Leistungen läuternd auf ihren wahren Kern zurückführen.
Da höre ich aber aus unserer Mitte einen gewichtigen Einwand: Wäre dann nicht letzten Endes der Ratgeber im Leben eines guten Christenmenschen „die Angst vor dem Gerichtstag Gottes“? Wo Angst doch ein so schlechter Ratgeber ist! Ist sie da nicht wieder, die Angstreligion „Christentum“, die das Leben unserer Vorfahren reglementierte und unfrei machte? Dann wäre „Angstmache vor dem Jüngsten Gericht“ der letzte Joker in der Argumentationskette eines von Kritikern bedrängten Apostels Paulus?
Ich stimme ganz und gar nicht zu. Im großen Koordinatenkreuz des christlichen Glaubens ist nicht „Angst“ der letzte Referenzpunkt, sondern „Verantwortung“. Verantwortliches Handeln gewinnt Gestalt
- im Hören auf Gottes Wort,
- im Hören auf die Stimme des Gewissens,
- im Hören auf hilfreiche Menschen.
„Verantwortung“ speist sich aus der gegenteiligen Quelle wie „Angst“. Sie speist sich aus der Zuversicht, meine kleine Kraft im Namen des Gekreuzigten einzubringen, mitten im Alltag der Welt. Ich muss es am Ende nicht selbst zu etwas bringen, sondern werde von ihm zu etwas gebracht, was nicht nur „gut gemeint“, sondern aus seiner Gnade heraus auch wirklich „gut“ ist. Dem entspricht eine innere Haltung:
ein demütiger Mut, eine mutige Demut, im Leben der einzelnen Christin und des einzelnen Christen ebenso wie im Leben der ganzen Gemeinde.
Amen.

Verfasser: Pfr. Stefan Hucke, Lutherstr. 3, 64850 Schaafheim

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