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Die Kirche des Geistes

von Hansjürgen Günther (64342 Seeheim-Jugenheim)

Predigtdatum : 19.05.2002
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : Pfingstsonntag
Textstelle : Römer 8,1-2.(3-9).10-11
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Wochenspruch:

Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth. (Sacharja 4,6)

Psalm: 118,24-29 (EG 747)

Lesungen

Altes Testament:
4. Mose 11,11-12.14-17.24-25
Epistel:
Apostelgeschichte 2,1-18
Evangelium:
Johannes 14,23-27

Liedvorschläge

Eingangslied:
EG 166,1-4
Tut mir auf die schöne Pforte
Wochenlied:
EG 125
(oder EG 136,1-4+7)
Komm, Heiliger Geist, Herre Gott
O komm, du Geist der Wahrheit
Predigtlied:
EG 268
Strahlen brechen viele
Schlusslied:
EG 168,4-6
Wenn wir jetzt weitergehen

1 So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.
2 Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.
[3 Denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch geschwächt war, das tat Gott: Er sandte seinen Sohn in der Gestalt des sündigen Fleisches und um der Sünde willen und verdammte die Sünde im Fleisch, 4 damit die Gerechtigkeit, vom Gesetz gefordert, in uns erfüllt würde, die wir nun nicht nach dem Fleisch leben, sondern nach dem Geist. 5 Denn die da fleischlich sind, die sind fleischlich gesinnt; die aber geistlich sind, die sind geistlich gesinnt. 6 Aber fleischlich gesinnt sein ist der Tod, und geistlich gesinnt sein ist Leben und Friede. 7 Denn fleischlich gesinnt sein ist Feindschaft gegen Gott, weil das Fleisch dem Gesetz Gottes nicht untertan ist; denn es vermag's auch nicht. 8 Die aber fleischlich sind, können Gott nicht gefallen. 9 Ihr aber seid nicht fleischlich, sondern geistlich, wenn denn Gottes Geist in euch wohnt. Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein.]
10 Wenn aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot um der Sünde willen, der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen. 11 Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.

Liebe Gemeinde,
Pfingsten - das ist das Fest einer großen Begeisterung, einer Ermutigung, der zugleich eine Ernüchterung folgt. Also nicht Begeisterung, die im Übermut endet, sondern diese Welt mit anderen Augen sehen lässt. Wer sich von Gott begeistern lässt, der wird zu nüchterner Geistesgegenwart ermutigt und befähigt. Geistesgegenwart heißt, dass man ganz da ist, so dass man im richtigen Augenblick das treffende Wort findet und das Notwendige tut. -
Das 2. Vatikanische Konzil hatte vor 30 Jahren viele gläubige Katholiken beunruhigt. Einer wandte sich damals direkt an den Papst und fragte: „Heiliger Vater, die Kirche besitzt doch den Schlüssel zum Himmelreich. Warum braucht es dann noch Reformen, wenn wir die geheiligten Traditionen haben?“ Johannes XXIII. lächelte und erwiderte: „Ganz einfach: Die Protestanten haben inzwischen das Türschloss geändert!“ - Eine geistesgegenwärtige Antwort! -
In einer Straßenbahn pöbeln zwei Jugendliche einen afrikanischen Studenten an. Eine ältere Dame mischt sich mit lauter Stimme ein und macht ihrem Zorn Luft. Andere Fahrgäste stimmen ihr zu und bestehen darauf, dass die jungen Leute sich entschuldigen. Die verlassen bei der nächsten Haltestelle kleinlaut die Bahn. -
Geistesgegenwärtig handeln. Nicht wegsehen, nicht geistesabwesend vor sich hinträumen, nicht „weggetreten“ sein, womöglich sich irgendwohin träumen, wo es schöner ist. Nein ganz da sein, bereit, im richtigen Augenblick das Passende, das Hilfreiche sagen und tun! Dazu befähigt der Heilige Geist. -
Ich fürchte, liebe Gemeinde, solche Geistesgegenwart ist eher die Ausnahme. Geistesabwesenheit eher die Regel. Denn Gottes Geist ist nicht einfach in uns drin von Natur aus. Er wird uns geschenkt. Er muss uns anrühren. In der Pfingstgeschichte senkt er sich von oben auf die Jünger herab. Er bringt sie dann in Bewegung. Gibt ihnen Mut. Schenkt Aufbruch ins Ungesicherte. Fegt verstaubte Traditionen weg. Befähigt Menschen, sich über Sprachbarrieren und Kulturgrenzen hinweg zu verstehen. Er schafft Gemeinschaft, auch hier bei uns. Er hält uns zusammen, indem er uns Gegensätzliches ertragen lässt.
Gottes Geist macht lebendig, schreibt Paulus an die Gemeinde in Rom. Er bleibt bezogen auf Jesus Christus. Der Auferstandene hat ihn als unseren Beistand zurückgelassen. Mit seiner Hilfe werden wir das Leben bestehen im Sinne und im Namen Jesu.
Pfingstgeist starrt nicht zum Himmel. Er weist uns zur Erde, zu ihren Freuden und Nöten. Menschen, die vom Geist Jesu angerührt sind, schauen nicht weg angesichts des Leids und der Not dieser Welt. Sie heben nicht begeistert ab mit irgendeiner Fluchtbewegung. Im Gegenteil: Angerührt vom Heiligen Geist halten sie aus, etwa bei einem Schwerkranken oder Verzweifelten. Wo das geschieht, werden sie spüren, dass heilender Geist sie beide trägt.
Gewiss, Leid und Unglück, Angst und Hass, Krankheit und Tod gehören zu dieser Welt. Seit Pfingsten aber auch der Geist, der Jesus von den Toten auferweckt hat. Wo Menschen verzweifeln, können Christen immer noch hoffen; wo andere sich verschließen und abschotten, spricht der Heilige Geist eine Sprache, die von allen verstanden wird; wo andere sich bekämpfen oder miesmachen, macht es der Geist von Pfingsten möglich, dass sich unterschiedlichste Menschen lieben und verstehen. Wenn der Geist des Auferstandenen das Wort ergreift, dann hören wir keine komplizierte Theologie, da wird es einem einfach warm ums Herz. –
Der Heilige Geist schafft Ernüchterung, wie gesagt. Was die Außenstehenden für berauschte Schwärmerei oder für „Opium fürs Volk“ halten, ist in Wahrheit heilsame Ernüchterung. Der Geist Gottes hilft allen, die „geistig weggetreten“ oder „ausgeflippt“ sind, wieder „ganz da“ zu sein, für sich selbst und für die anderen und damit für Gott. Auf dem Boden der Realitäten und Aufgaben unseres Lebens ermuntert er uns zu nüchterner Geistesgegenwart „Er ist der beste Freund des gesunden Menschenverstands“ (E. Jüngel).
„Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird derselbe, der Jesus Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.“ (V. 11)
Damit ist auch die Auferstehung nach dem Tod gemeint. Gewiss! Seit Ostern hat der Tod verspielt. Er ist entmachtet. Weil das so ist, gilt der Text aber vor allem den Lebenden, die als Geistesabwesende wie tot sind. Wenn der Tod für uns seine Macht verloren hat, dann muss man uns das abspüren können!
Christliche Gemeinde ist immer „Pfingstgemeinde“, geistesgegenwärtig, d. h. wach und aufmerksam für die Fragen und Aufgaben der Gegenwart.
Wo andere sagen: „Zwecklos, das war immer so“, da hoffen wir immer noch auf eine Wende zum Besseren. -
Wo andere sagen: „So viel Leid auf einmal halte ich nicht aus!“, da sind wir gerufen, auszuhalten und mitzutragen.
Wo andere sagen: „Mit denen da kann man nicht Frieden halten“, da haben wir die Freiheit, unseren Anteil an der Friedlosigkeit selbstkritisch zu beleuchten. -
Ganz undogmatisch, einfach menschlich hat Jesus Christus seinen befreienden Geist in diese Welt verströmt. Probleme, Hilfsbedürftige, ja sogar Feinde sind dank dem Wehen seines Geistes für uns nicht mehr Endpunkte unsrer Möglichkeiten, sie werden zu Treffpunkten mit Gott, zu „Stationen auf dem Weg der Freiheit“ (Dietrich Bonhoeffer).
Gott hat den gekreuzigten Jesus vom Tode auferweckt, um unsere Todesängste ernstzunehmen und um uns ein Tor zum Leben aufzutun, das niemand mehr zumachen kann. Dass wir dahin finden, dazu brauchen wir seinen Heiligen Geist. - Deshalb wollen wir mit Martin Luther um ihn bitten, heute und jeden Tag neu: (EG 125,3)
„Du heilige Glut, süßer Trost, nun hilf uns, fröhlich und getrost in deim Dienst beständig bleiben, die Trübsal uns nicht wegtreiben. O Herr, durch dein Kraft uns bereit und wehr des Fleisches Ängstlichkeit, dass wir hier ritterlich ringen, durch Tod und Leben zu dir dringen.“ Amen.

Verfasser: Pfr. Dr. Hansjürgen Günther, Villastr. 8, 64342 Seeheim-Jugenheim

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