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Die Krone des Lebens

von Achim Schaad (Löhnberg – Niedershausen)

Predigtdatum : 13.11.2016
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres
Textstelle : Römer 8,18-23.(24-25)
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Wochenspruch:
„Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.“ (2. Korinther 5, 10)

Psalm: 50, 1.4 – 6.14 – 15.23

Lesungen
Altes Testament: Jeremia 8, 4 – 7

Epistel: Römer 8, 18 – 23 (24 – 25)

Evangelium: Matthäus 25, 31 – 46

Liedvorschläge
Eingangslied: EG 154, 1 - 4 Herr, mach uns stark im Mut
Wochenlied: EG 149, 1 - 4 Es ist gewisslich an der Zeit
Predigtlied: EG 374, 1 - 3 Ich steh in meines Herren Hand
Schlusslied: EG 562, 1 - 3 Segne und behüte uns


Predigttext Römer 8, 18 - 23
„Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll. Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden. Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit – ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat -, doch auf Hoffnung; denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet.“

Predigt

Liebe Gemeinde,

„die Welt um uns herum wird ja immer unübersichtlicher, immer verwirrender, immer komplizierter oder auch: immer verrückter.“ Das ist eine Aussage, die man immer mal wieder hören oder lesen kann. Oder sie schießt einem nicht selten auch beinahe unwillkürlich selbst durch den Kopf, wenn man die Nachrichten im Fernsehen verfolgt oder auch nur mal eine Zeitung aufschlägt: „Die Welt um uns herum wird ja immer unübersichtlicher, immer verwirrender, immer komplizierter oder auch: immer verrückter.“

Natürlich ist das sehr vereinfachend formuliert und so, wie dieser Satz daher kommt, sicherlich nicht wirklich richtig. Eine Verallgemeinerung wie diese klingt dann doch ein wenig nach Stammtischparole. Doch ein Körnchen Wahrheit steckt auf der anderen Seite doch auch darin. Denn: blickt man einmal auf „die Welt“, von der da die Rede ist, scheint diese in den letzten Jahren und Jahrzehnten ja zumindest doch nicht einfacher und klarer geworden zu sein, sondern eben da und dort tatsächlich unübersichtlicher, verwirrender, komplizierter, ja auch verrückter.

Vor 30 Jahren etwa, da war vieles irgendwie noch eindeutiger in unserer Welt – nicht besser, nicht sicherer, aber doch eindeutiger. Da gab es zwei große Machtblöcke, Ost und West. Auf jeder Seite war man sich sicher, dass die Bösen auf der anderen Seite saßen und man selbst natürlich zu den Guten zählte. Man hatte ein Gegenüber, sozusagen eine Negativfolie, anhand derer man sich immer wieder klar machen konnte: die eigene Welt ist doch die bessere. Dass das hüben wie drüben nicht wirklich der Realität entsprach, war dabei zunächst einmal egal – die Welt teilte sich eben in zwei Lager. Und das war wenn schon nicht sicher und wirklich gut, so doch übersichtlich, einfach und leicht zu begreifen.

Dann kam die Wende, Mauerfall, der Zerfall des Ostblocks, das Ende der Sowjetunion – und damit zunächst einmal eine gewisse Erleichterung. Die Bedrohung schien weg: kein kalter Krieg mehr, kein Wettrüsten, kein Ost gegen West, keine Gefahr eines Atomkrieges mehr. Doch diese Erleichterung währte nur kurz. Zwei Golfkriege, mit dem Kosovo-Konflikt Ende der 90er Jahre der erste „heiße“ Krieg in Europa seit einem halben Jahrhundert, dann der 11. September 2001 mit allem, was folgte, auch die Finanzkrise, in den letzten Jahren zunehmende Flüchtlingsströme und vieles andere mehr – all das sorgte schnell dafür, dass das Gefühl der Erleichterung einer zunehmenden Unsicherheit, Verwirrung und zuweilen sogar Angst wich. Die Welt um uns herum wurde eben immer unübersichtlicher, immer verwirrender, immer komplizierter, ja in oft beängstigender Weise eben immer verrückter.

Das gilt nun beileibe nicht nur für die große Weltgeschichte, das gilt in ganz ähnlicher Weise genauso für das Leben jedes einzelnen Menschen. Zum Beispiel im Blick auf die Art und Weise, wie wir miteinander über größere Distanzen hinweg kommunizieren. Früher, auch so vor 30 Jahren etwa, da hatte man dafür im Wesentlichen zwei Optionen. Entweder schrieb man einen Brief, vertraute ihn der Deutschen Bundespost an und konnte einige Tage später dann auf demselben Wege auf eine Antwort hoffen. Oder man griff zum Telefon. Das stand meist fest im Flur, hatte Hörer und Wählscheibe, die Nummer des Gesprächspartners musste man im Telefonbuch nachschlagen, und wenn er denn zu Hause war, konnte man auf diesem Wege auch mit ihm sprechen – allerdings nicht lange, denn je weiter weg er lebte, desto teurer wurde das Gespräch, nach 18 Uhr kostete es jedoch nur die Hälfte.

Heute dagegen ist es beinahe völlig egal, wo mein Gegenüber sich gerade befindet – per SMS, Facebook, WhatsApp und Co. erreiche ich ihn auch in Südamerika oder China, wenn es sein muss, kann Bilder schicken und empfangen, Sprachnachrichten versenden, ja per Bildschirm ganz direkt auch mit ihm reden und so weiter, und so fort. Kommunikation ist scheinbar völlig problemlos geworden, weltweit, grenzenlos – ein Segen für viele, sicherlich.

Nicht selten aber auch ein Fluch. Ständige Erreichbarkeit, etwa im Beruf, kann Menschen krank machen. Genauso der Zwang, selbst mehr und mehr zu kommunizieren, etwa immer wieder mal den momentanen Gemütszustand über soziale Netzwerke zu veröffentlichen, aktuelle Bilder ins Internet zu stellen und so weiter. Nachrichten, allgemein wie privat, werden immer kurzlebiger. Die Frage nach dem, was man wissen muss und was nicht, was wichtig ist und was weniger, ist immer schwieriger zu beantworten. Natürlich haben all die Kommunikationsmöglichkeiten, die uns heutzutage zur Verfügung stehen, bei allen Problemen sehr viele positive Seiten. Doch nicht wenige sind damit auch überfordert, kommen nicht mehr mit, ja werden daran krank. Für sie ist die Welt eben immer unübersichtlicher geworden, immer verwirrender, immer komplizierter, ja in vielerlei Hinsicht eben auch immer verrückter.

Das waren zwei Beispiele für die Verrücktheiten unserer Zeit. Zwei Beispiele für „dieser Zeit Leiden“ – um es mal mit einem biblischen Begriff auszudrücken. Wie damit nun umgehen? Wie lässt es sich leben in einer Welt, die so unübersichtlich, verwirrend und kompliziert geworden ist? Eine Antwort darauf lässt sich vielleicht im Blick auf den Predigttext entdecken, der für den heutigen vorletzten Sonntag des Kirchenjahres, für den Volkstrauertag vorgeschlagen ist. Denn auch er spricht von „dieser Zeit Leiden“. Zu finden sind die Zeilen im Brief des Apostels Paulus an die Römer, dort im 8. Kapitel die Verse 18 – 23. Dort schreibt der Apostel.

Lesung: Röm 8, 18 – 23

Wie so häufig bei Predigttexten, die aus Paulusbriefen stam-men: auch diese Zeilen sind – vor allem nach einmaligem Hören – sicherlich nicht ganz so einfach zu verstehen. Deshalb einmal ein etwas genauerer Blick auf das, was Paulus da schreibt. Hintergrund ist die bedrohte Situation der Christinnen und Christen, die so um das Jahr 50 herum in Rom lebten. Auch diese Menschen erlebten ihre Welt – wenn auch aus ganz anderen Gründen als wir heute – als einen Ort, der nicht selten unübersichtlich, verwirrend und kompliziert, ja beängstigend war. Ständige Verfolgungen, permanente Angst vor einem Umfeld, das sie jagte und vernichten wollte – obwohl sie als christliche Gemeinde doch nun wirklich niemandem etwas taten –, all dies waren die Leiden dieser Zeit. Und so stand auch in der römischen Gemeinde immer wieder die Frage im Raum, wie es sich angesichts all der Verrücktheiten, inmitten aller Unübersichtlichkeit und Verwirrtheit in dieser Welt überhaupt noch leben lässt.

Die Antwort des Paulus darauf: nehmt all das, was euch hier in dieser Welt bedrückt, nehmt „dieser Zeit Leiden“ nicht so schwer, sondern lasst euch tragen von der Hoffnung auf Er-lösung, die uns durch Christus versprochen ist. Denn alle Sorgen und Nöte, alle Verwirrungen, die einen Christen, eine Christin in diesem Leben umtreiben, werden verblassen, wenn die Herrlichkeit Gottes in Jesus Christus an uns erst einmal endgültig offenbar werden wird.

Das klingt natürlich zunächst einmal stark nach der Aufforderung zur Leugnung der Realität und zur Flucht in eine Hoffnung auf das Jenseits. Doch meint Paulus hier wirklich, man solle das Leiden dieser Zeit einfach nur geduldig ertragen, weil es ja schon werden wird – in Zukunft, nach diesem Leben? Redet er hier wirklich einer Weltflucht das Wort, die allein auf Erlösung nach dem Tod hofft? Wohl kaum. Denn wäre das so, dann wären die Christinnen und Christen im Rom des ersten Jahrhunderts schon bald wieder in der Versenkung verschwunden und hätten ihren Glauben gleich mitgenommen. Wäre das so, gäbe es heute wahrscheinlich kein Christentum mehr, sondern es wäre eine kurze Episode der Geschichte geblieben.

Nein, Paulus meint hier vielmehr gerade das Gegenteil von Rückzug aus der Welt. Nicht dies nämlich ist die Konsequenz aus der Gewissheit der kommenden Erlösung durch Jesus Christus, vielmehr geht es um Befreiung – Befreiung von allen Ängsten, Nöten und Verwirrungen. Denn der, der auf Christus hofft, braucht nicht mehr an diese Welt zu leiden, als gäbe es keine Hoffnung für sie. Er leidet mit ihr, weil er frei von Ängsten ist. Und solche Freiheit, sie macht aktiv. Ohne Angst lässt sie einen der Welt entgegentreten, wie verrückt diese auch sein mag. Ohne Angst lässt sie einen im Sinne Gottes leben und wirken, so sehr es um einen herum auch lärmt und tobt.

Mit anderen Worten: wozu Paulus die Christinnen und Christen in Rom auffordert, ist: zu leben, in dieser Welt – ohne Angst, ohne Verzweiflung, sondern immer getragen von der befreienden Gewissheit, bereits erlöst zu sein und als Kinder Gottes auf die endgültige Nähe zu Christus hoffen zu dürfen.

Und dazu fordert er nicht nur unsere Brüder und Schwestern vor 2.000 Jahren auf, dieser Ruf nach befreitem Leben gilt genauso auch uns. Auch wir dürfen gewiss sein, dass Gott uns nahe ist, dass wir erlöst sind und auf die endgültige Gemeinschaft mit Christus hoffen dürfen. Und diese Gewissheit soll auch uns befreien – zu einem Leben inmitten „dieser Zeit Leiden“, zu einem Leben, das nicht von Angst und Verwirrung regiert wird, sondern vielmehr vom Mut dessen, der sich getragen und behütet weiß von der gütigen Hand Gottes. Als solcherart Befreite nun können und dürfen wir in dieser Welt wirken, zur Ehre Gottes, und immer wieder neu auch für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung eintreten.

Sicher: all das wird den Lauf der Welt nicht zurückdrehen in die Zeiten des Ost-West-Gegensatzes und der Wählscheibentelefone – wer will das auch schon. Aber wo immer wir uns von Gott in unserem Leben getragen wissen, sind wir frei, inmitten aller Unübersichtlichkeit, Kompliziertheit und Verwirrung, die unser Hier und Heute prägen mögen, zu leben und immer wieder neu eben auch dafür einzutreten, dass zumindest ein kleines Stück der Nähe Gottes, auf die wir hoffen, bereits in dieser Welt sichtbar und fühlbar wird. In der Gewissheit und Hoffnung auf Erlösung dürfen wir die Verwirrung, die uns so leicht ergreifen kann, abschütteln und schon in diesem Leben am Reich Gottes mitarbeiten – immer wieder neu.

Gerade heute, am Volkstrauertag, so denke ich, ist dies eine wichtige Botschaft. Wir gedenken heute insbesondere der Leiden unserer jüngeren Vergangenheit, all der Verwirrungen und Verzweiflungen, die sich vor mehr als sieben Jahrzehnten über unser Land, ja über die ganze Welt gelegt hatten.

Als befreite Christinnen und Christen in der Gewissheit der kommenden Erlösung sollten wir gerade dieses Gedenken immer wieder und immer wieder neu als Ausgangspunkt dazu nehmen, dafür einzutreten, dass so etwas niemals mehr geschieht – bei uns nicht und auch sonst auf der Welt nicht. Als befreite Christinnen und Christen in der Gewissheit der kommenden Erlösung sollten wir gerade dieses Gedenken unseren Antrieb dazu sein lassen, immer wieder und immer wieder neu im Sinne Gottes einzutreten für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung – um der Welt willen, um des Lebens willen, um unsertwillen.
Amen



Verfasser: Pfarrer Achim Schaad
Theodor-Fliedner-Straße 2, 35792 Löhnberg

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