Menü

Die neue Geburt

von Theo Günther (36341 Lauterbach)

Predigtdatum : 11.04.1999
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : Ostermontag
Textstelle : Johannes 21,1-14
Wenn Sie diese Predigt als Word-Dokument erhalten möchten, tragen Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse ein und klicken Sie auf "Abschicken"
Ihre E-Mail

Wochenspruch:

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten. (1. Petrus 1,3)

Psalm: 116,1-9 (EG 746)

Lesungen

Altes Testament:
Jesaja 40,26-31
Epistel:
1. Petrus 1,3-9
Evangelium:
Johannes 20,19-29

Liedvorschläge

Eingangslied:
EG 162
Gott Lob, der Sonntag kommt herbei
Wochenlied:
EG 102
Jesus Christus, unser Heiland, der den Tod überwand
Predigtlied:
EG 114
oder EG 115
Wach auf, mein Herz
Jesus lebt, mit ihm auch ich
Schlußlied:
EG 108
Mit Freuden zart zu dieser Fahrt

1 Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See Tiberias. Er offenbarte sich aber so: 2 Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger. 3 Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich will fischen gehen. Sie sprechen zu ihm: So wollen wir mit dir gehen. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts. 4 Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wußten nicht, daß es Jesus war. 5 Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. 6 Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten's nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische. 7 Da spricht der Jünger, den Jesus liebhatte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte, daß es der Herr war, gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich ins Wasser. 8 Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen. 9 Als sie nun ans Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer und Fische darauf und Brot. 10 Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! 11 Simon Petrus stieg hinein und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriß doch das Netz nicht. 12 Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wußten, daß es der Herr war. 13 Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt's ihnen, desgleichen auch die Fische. 14 Das ist nun das dritte Mal, daß Jesus den Jüngern offenbart wurde, nachdem er von den Toten auferstanden war.

Liebe Gemeinde,
“Alles umsonst” – so geht es den Jüngern nach Karfreitag. “Umsonst geglaubt, umsonst gehofft, umsonst gebetet! Jetzt ist er tot. Gekreuzigt. Hingerichtet. Alles aus und vorbei!” Sie sind wohl enttäuscht, resigniert und ratlos in dieser Zeit nach Karfreitag. Und auch Ostern mit der Nachricht der Frauen vom leeren Grab und von der Auferstehung Jesu kann sie nicht aus ihrem Zweifel und ihrer Skepsis reißen. Direkt vor unserem heutigen Predigtabschnitt wird die Geschichte vom Zweifel des Thomas erzählt. Diese Erfahrung der Frauen, daß der tote Jesus wirklich lebendig sein soll, ist für ihn unglaublich.
Für uns heute ist der Karfreitag schnell vorbei. Inzwischen ist für viele Menschen um uns her nicht einmal mehr das kurze Innehalten von Gründonnerstag bis Ostern ein Thema. Natürlich haben die Diskotheken und Kinos, die Spielhallen und Konsumtempel geöffnet. “Business as usual” ist angesagt: Die Geschäfte gehen ganz normal weiter. Für viele Ältere ist das unverständlich. “Früher”, so erzählen sie, “früher, da gab es zwischen Gründonnerstag und Ostersonntag keinerlei Vergnügungen. Wenn da in einer Wirtschaft Musik gespielt wurde, mußte der Wirt damit rechnen, daß er eine gehörige Strafe zu zahlen hatte.”
Für uns heute ist der Karfreitag schnell vorbei. Ein Tag wie jeder andere - nur eben frei und damit für viele ein geschenkter Tag zur Verlängerung des Osterurlaubs. Das Kreuz, das Leiden und Sterben Jesu, das Leid auch unserer Welt spielt nur noch für wenige eine Rolle. Das Bewußtsein für die Osterfreude als Überwindung des erfahrenen Leids geht vielen verloren.
Anders ist das bei den Jüngern. Sie sitzen nach Karfreitag ratlos und hilflos zusammen. Eine Welt ist für sie zusammengebrochen - so wie es vielen geht, wenn sie um einen lieben Verstorbenen trauern und noch gar nicht recht begreifen können, was da jetzt geschehen ist. Die Osterbotschaft, die Botschaft von der Auferstehung ist nicht sofort vollkommen in ihr Leben integriert. Sie können nicht so tun, als würde ihnen Jesus nicht fehlen. Sie können nicht so weitermachen wie bisher. Daß all das wahr ist, was Jesus früher gesagt hatte, daß all das Bestand hat, was er von der Menschenliebe Gottes gesagt hatte und in Zeichen immer wieder deutlich zu machen versuchte – das können sie nicht sofort und innerhalb von wenigen Tagen begreifen.
In der Erzählung von der Begegnung mit dem Auferstandenen am See Tiberias spiegelt sich diese Enttäuschung wider: Sie gehen fischen. In der Nacht. Gute Fangzeit. Es sind Fachmänner am Werk. An ihnen liegt es nicht - aber trotzdem: sie fangen nichts. Die Netze bleiben leer. Sie müssen wohl enttäuscht sein, auch wenn das so nicht direkt erzählt wird. Enttäuscht, wie nach Jesu Tod. Vergebliche Mühe.
“Habt ihr nichts zu essen?”, fragt Jesus in diese Situation hinein. Sie erkennen ihn nicht. Seine Identität ist ihnen noch verborgen. In ihrem Schmerz und ihrer Trauer können sie ihn wohl noch nicht erkennen. Und verborgen klingt hier wohl auch noch eine andere Dimension von “Essen” mit: Essen ist mehr als feste und flüssige Nahrung zu sich zu nehmen. “Der Mensch lebt nicht vom Brot allein”, heißt ein schöner Satz der Bibel. Die Jünger, so scheint es mir, haben nichts zu essen für die Seele. Ihre “Seelennahrung” ist mit Jesus gestorben.
Auch heute gibt es reichlich Menschen, die diese Erfahrung machen: in einer Ehe, die scheitert, weil nur einer darum kämpft und meint, daß es zwecklos ist; ein Arbeitsplatzsuchender, der auch auf die 53. Bewerbung eine Absage erhält; ein Ehepaar, das im Alter bitter wird, weil es erkennt, daß es nicht bei den Kindern wird wohnen können, daß die Kinder die anstehende Pflege und Unterstützung nicht übernehmen werden. – Vergebliche Mühen. Enttäuschung. Leere. Seelenhunger.
“Habt ihr nichts zu essen?” – Der Mensch braucht mehr im Leben, als Brot allein. Wir brauchen auch Nahrung für die Seele. Wir brauchen Gewißheit, Zuversicht, Hoffnung, Vertrauen. All das ist den Jüngern am Karfreitag verlorengegangen, und all das geht uns heute immer wieder verloren, wenn wir mit Erfahrungen der Enttäuschung und der vergeblichen Mühe konfrontiert werden.
Immer noch unerkannt ermutigt Jesus sie zu einem neuem Versuch. Jetzt kommt der überwältigende Erfolg. Die Netze sind voll. Und jetzt, im Erfolg, gehen den Jüngern nach und nach die Augen auf. Einer nach dem anderen erkennt: “Es ist der Herr!”
Die Begegnung des Auferstandenen mit den Jüngern am See Tiberias ist nicht sofort aufgeschrieben worden, sondern erst viele Jahre später. Sie wurde im letzten Kapitel dem Johannes-Evangelium angehängt, weil sie noch einmal gut die Situation der Gemeinden beschreibt und ihnen Hoffnung, Zuversicht und Vertrauen gibt.
Die ersten Gemeinden erwarten, daß das Reich Gottes noch zu ihren Lebzeiten anfängt. Nach Jesu Tod und den Berichten von seiner Auferstehung sind die Jesus-Gläubigen noch lange keine “Kirche”, keine feste und geordnete Gemeinschaft. Es sind versprengte Haufen, einer jüdischen Sekte gleich, die auf das baldige Ende der Welt warten. Ostern, die Auferstehung Jesu, ist so etwas wie ein Lichtstrahl, der in das Dunkel des tiefen Lochs scheint. Doch die Welt verändert sich kaum. Ein Ende der Welt ist nicht in Sicht. Die Jünger, die ersten christlichen Gemeinden müssen neu Glauben lernen!
Das braucht Zeit, das braucht Geduld, das braucht Vertrauen, das braucht Ausdauer, das braucht Ermutigung. Nach einiger Zeit - und das heißt, nach 20, 40, 60 Jahren merken die Christen: Es geht weiter. Der Glaube an Jesus geht nicht unter. Der Glaube an Jesus ist nicht am Kreuz gestorben – die Hoffnung, die Jesus gab, ist lebendig unter uns! Diese Erfahrung gilt es festzuhalten. Und sie wird festgehalten und anschaulich gemacht in den Ostererzählungen und den nachösterlichen Folgegeschichten. Durch sie erst wird der neue Glaube, der Glaube über den Tod hinaus, zum ewigen Glauben, zum alltäglichen Glauben, zur Lebenspraxis der Christen.
Die christliche Gemeinde, für die das Johannes-Evangelium geschrieben ist, ist immer wieder bedroht: Es schleicht sich Angst ein: Ist es wahr, was wir glauben? Glauben wir richtig? War Jesus wirklich lebendiger Mensch und wirklich Gottes Sohn? Die Christen brauchen die Vergewisserung, daß es weitergeht, auch wenn es zur Zeit noch mehr nach Mißerfolg als nach Erfolg aussieht. Texte wie der von der Begegnung des unerkannten Jesus am See Tiberias können ihnen diese Vergewisserung geben.
Ich denke, daß ist heute noch immer so: Christen werden noch immer von Fragen und Zweifeln geplagt: Die Warum-Fragen sind nicht zu umgehen. Wir erleben Krisen, Krankheiten, Trauer und Enttäuschungen. Gott ist dann oft unverständlich. Wie die Jünger am Ende der Nacht nach erfolgloser Fahrt - wie die Gemeinde des ersten Jahrhunderts nach dem vergeblichen Warten auf das Ende der Welt - so kommen sich auch heute viele Menschen vor, als ob sie in einem tiefen, dunklen Loch sitzen und keinen Ausweg sehen.
Geschichten wie die in unserem Predigttext können da ein Stück Licht von oben her in das Loch werfen. Sie können Mut machen: “Irgendwo gibt es Licht in all der Dunkelheit!” – Sie können Zuversicht geben: “Es bleibt nicht ewig dunkel”. – Sie können ermutigen: “Los, ich glaub’s, ich fang noch mal an, ich kletter’ hoch, ich mach’ mich auf den Weg – denn: Gott läßt mich nicht allein. Gott läßt mich nicht im Stich. Er läßt mich nicht seelisch verhungern. – Siehe er ist mitten unter uns! – Und so fangen sie an, neu zu glauben, neu zu vertrauen, neu zu hoffen:
==> die Ehefrau, die um ihren Mann kämpft und einen Termin bei der Eheberatung ausmacht;
==> der Arbeitsuchende, der sich hinsetzt und die 54. Bewerbung schreibt;
==> das alte Ehepaar, das sich mit 73 Jahren Seniorenwohnheime und ambulante Dienste ansieht und offen prüft: was ist möglich, was können wir, was wollen wir, was erwarten wir noch für unser Alter, wenn wir einmal nicht mehr können - und es fängt an, mit den Kindern offen und deutlich darüber zu reden.
Sie alle werden ermutigt, weil sie von Jesus hören, der den enttäuschten und entmutigten Jüngern sagt: “Werft das Netz aus zur Rechten, so werdet ihr finden.” – Sie werden ermutigt, weil sie hören: “Versucht’s noch einmal! Gebt nicht auf! Habt Ausdauer und Geduld!”
Und sie werden ermutigt, weil sie wie die Jünger erkennen: “Es ist der Herr.” – weil sie wie die Christen des 1. Jahrhunderts die Erfahrung machen: Er ist lebendig unter uns, er läßt mich in meiner Enttäuschung nicht allein - es gibt Lösungen, es gibt Ernte, es gibt einen Fang, wenn ich mich neu darauf einlasse und es wieder versuche, wenn ich es noch einmal versuche!
Jesus erscheint den Jüngern hier zum dritten Mal. Ich denke, das kann uns heute noch Mut machen, uns auf Jesus einzulassen und geduldig einen neuen Versuch zu starten. Es kann uns Kraft zur Geduld und Ausdauer geben, dem Glauben mehr zu trauen und mehr zuzutrauen als dem Augenschein.
Die Geschichten nach Ostern geben den Menschen Seelennahrung – und zur Vergewisserung feiern sie zusammen ein Mahl der Gemeinschaft: Jesus und seine Jünger – damals – und im Abendmahl auch heute noch.
Amen.

Verfasser: Pfr. Theo Günther, Sielweg 4, 36304 Alsfeld

Herausgegeben vom

Logo Zentrum Verkündigung

Referat Ehrenamtliche Verkündigung
Markgrafenstraße 14, 60487 Frankfurt/Main,
Telefon: 069.71379-140
Telefax: 069.71379-131
E-Mail: predigtvorschlaege@zentrum-verkuendigung.de

in Kooperation mit dem

Logo Gemeindedienst der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland
Gemeindedienst der
Evangelischen Kirche
in Mitteldeutschland

Pfarrer Dr. Matthias Rost
Zinzendorfplatz 3 (Alte Apotheke), 99192 Neudietendorf
Telefon: 036202.7717-97

Logo MÖD – Missionarisch Ökumenischer Dienst
Pfarrer Thomas Borchers
Missionarisch-Ökumenischer Dienst
Westbahnstraße 4
76829 Landau
Telefon: 06341.928912
E-Mail: info@moed-pfalz.de