Menü

Die neue Geburt

von Paul-Ulrich Lenz (63679 Schotten-Einartshausen)

Predigtdatum : 03.04.2005
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : Ostermontag
Textstelle : Johannes 21,1-14
Wenn Sie diese Predigt als Word-Dokument erhalten möchten, tragen Sie bitte Ihre E-Mail-Adresse ein und klicken Sie auf "Abschicken"
Ihre E-Mail

Wochenspruch:

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten.
(1. Petrus 1,3)
Psalm: 116,1-9 (EG 746)

Lesungen

Altes Testament:
Jesaja 40,26-31
Epistel:
1. Petrus 1,3-9
Evangelium:
Johannes 20,19-29

Liedvorschläge

Eingangslied:
EG 111
Frühmorgens, da die Sonn aufgeht
Wochenlied:
EG 102
Jesus Christus, unser Heiland, der den Tod überwand
Predigtlied:
EG 389
In dir ist Freude
Schlusslied:
EG 116
Er ist erstanden, Halleluja

Liebe Schwestern und Brüder!
Mathematik, Rechnen hat zu den Fächern gehört, die ich gerne in der Schule hatte. Ich war nie so sehr gut, aber ich habe das Fach gemocht. Dabei hat sich eine Erfahrung für mich oft wiederholt. In der Schule haben wir irgendeine neue Aufgabenstellung kennen gelernt. Wenn der Lehrer es gut erklären konnte, dann sah ich, wie sich aus dem einen Schritt der andere Schritt ergab. Und irgendwann kam dann meistens der Moment: jetzt habe ich es verstanden! Jetzt kann ich es selbst rechnen.
Es wurde dann oft einer von uns an die Tafel geholt, und da klappte es dann auch. Dann war Schulschluss und wir saßen zu Hause. Und plötzlich war die Erklärung von morgens weit weg, und die Aufgabe war völlig unerklärlich schwer. Ich kam damit nicht zurecht. Was morgens noch alles klar und einsichtig war, das war nachmittags ein Buch mit sieben Siegeln.
Ich kann mir denken, dass wir alle in vieler Hinsicht ähnliche Erfahrungen auch schon gemacht haben - ob das die Schulaufgaben betrifft, ob das die Bedienung eines Gerätes ist, das bei der Vorführung kinderleicht geht und dann auf einmal zu Hause sich nicht mehr rührt, oder ob das der Umgang mit einem schwierigen Problem ist: Mit dem einmaligen Erklären, mit dem berühmten „Aha-Effekt“ ist es nicht getan. Es braucht immer neue Schritte, bis wir uns einen Sachverhalt, einen Gedankengang, eine Erfahrung wirklich angeeignet haben. Und es braucht den beständigen Umgang damit, damit das Wissen nicht veraltet und plötzlich wieder weg ist.
Was für das „normale“ Leben gilt, das gilt ganz häufig auch für den Glauben. Da sind die Gesetze, nach denen wir lernen nicht aufgehoben. Das zeigt uns die Geschichte, die wir hören.
1 Jesus offenbarte sich abermals den Jüngern am See Tiberias. Er offenbarte sich aber so: 2 Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger. 3 Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich will fischen gehen. Sie sprechen zu ihm: So wollen wir mit dir gehen. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts. 4 Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. 5 Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. 6 Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten's nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische. 7 Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte, dass es der Herr war, gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich ins Wasser. 8 Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen. 9 Als sie nun ans Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer und Fische darauf und Brot. 10 Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! 11 Simon Petrus stieg hinein und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht. 12 Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten, dass es der Herr war. 13 Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt's ihnen, desgleichen auch die Fische. 14 Das ist nun das dritte Mal, dass Jesus den Jüngern offenbart wurde, nachdem er von den Toten auferstanden war.
Vor dieser Geschichte liegen andere Begegnungen mit Jesus. Jedes Mal haben die Jünger es erfahren: Er ist auferstanden. Jesus ist nicht im Tod geblieben, Jesus hat dem Tod die Macht genommen. Es waren großartige, aufwühlende Erfahrungen, so wie wir sie wohl kaum nachvollziehen können. Es waren Erfahrungen, die mutlosen, verängstigten Leuten neue Hoffnung schenkten. Es waren Erfahrungen, die dem „es war ja doch alles umsonst, was wir erlebt haben“ entgegenstanden. Es waren Erfahrungen, die sie sagen ließen: Jesus ist der Sohn Gottes, der Sieger über Tod und Teufel.
Wenn ich nach Parallelen suchen, dann fällt mir die überschäumende Freude ein, die Menschen ergreifen kann, wenn sie zum Glauben durchgedrungen sind, wenn ihnen die Größe des Geschenkes der Gnade Gottes deutlich geworden ist. Da ist die Freude an Gott so stark, dass man die ganze Welt umarmen könnten. Da ist man wie ein überlaufendes Glas voll mit Freude. Da ist eine Begeisterung für Gott da, die sich kaum in Worte fassen lässt. Das hat mancher von uns schon erlebt: übervoll zu sein mit Begeisterung, tief bewegt nach einer beglückenden Freizeit oder einem Gottesdienst, bei dem es uns unter die Haut ging, bei der man spürte: So ist die Wahrheit Gottes! Alles ist klar, alles ist in Ordnung, alles ist von Gott und durch Gott erfüllt.
Und dann geht der Tag weiter, ein neuer Tag kommt, und mit dem neuen Tag kommen Begegnungen, die uns fordern, die uns gefangen nehmen mit unserer Zeit und unserer Kraft, mit unseren Gedanken und unseren Sinnen. Was wir erlebt hatten, das tritt in den Hintergrund. Es ist noch da, aber es füllt uns nicht mehr so randvoll an wie am Anfang. Wir wissen es noch genau: Das wollte ich mitnehmen in meinen Alttag hinein, diese strahlende Freude, aber sie kommt irgendwie nicht rüber.
So ähnlich war es wohl den Jüngern auch ergangen. Da waren die großen Erfahrungen mit Jesus, aber dann kam der Alltag zurück. Das Leben forderte seine Aufmerksamkeit wieder ein. „Ich will fischen gehen“ sagte Petrus - das Leben geht weiter. Und dann erlebt Petrus, was er auch schon früher erlebt hat: Den Frust der Arbeit. Er schuftet mit seinen Gefährten eine ganze Nacht, und sie fangen nichts. Er hat sich alle erdenkliche Mühe gegeben, aber am Ende steht er mit leeren Händen da.
Ganz nüchtern wird es gesagt: Sie fingen nichts! Aber was steckt alles dahinter an vergeblicher Mühe, an Ärger, an Enttäuschung, an Wut.
„Ich wollte es doch gut machen“ - sagt der Vater, der mit seiner Tochter nicht mehr klarkommt, weil sie einfach alle elterlichen Ratschläge abschüttelt und ihre eigenen Wege geht. Aber was er gut meinte, das kam bei ihr als Bevormundung an, wo er zur Besonnenheit raten wollte, das wurde ihr zur quälenden Enge einer spießbürgerliche Existenz. Und so steht er mit leeren Händen da und kann nichts mehr machen - umsonst scheinen die 20 Jahre Erziehung zu sein.
„Besser kann ich mein Angebot nicht machen“ sagt die Geschäftsfrau, die mit anderen Konkurrenten im Wettstreit um einen Auftrag liegt. „Ich habe hin und her gerechnet, aber bei aller Mühe - mehr geht nicht, sonst lege ich nur noch drauf.“ Und weil das nicht gut genug ist, ist die Arbeit von einigen Tagen für die Katz - der Auftrag ist weg.
„Am Ende ging alles über meine Kräfte.“ sagt die Schwester, die ihren Bruder durch Jahre hin gepflegt hat. „Erst haben wir noch gehofft, dann haben wir nur noch zusammen gelitten, und schließlich war ich so fertig, dass ich weder hoffen noch bangen konnte. Es ging alles nur noch mechanisch vorwärts, aber in mir war keine Liebe und keine Hoffnung mehr, alles leer.“
Wer kennt das nicht, dass ihn die Arbeit des Tages überfordert hat, dass ihn Aufgaben leergebrannt haben, dass er vor einer ganz großen Frustration steht: Alles umsonst, was ich an Mühe, Intelligenz, Einsatz aufgebracht habe.
„In dieser Nacht fingen sie nichts.“ In solchen Nächten, zu solchen Zeiten - da verblassen die großen Erinnerungen an andere Zeiten. Da verblassen auch die Erinnerungen der Freude des Glaubens. Es scheinen leere Worte zu sein, die von der Hilfe Gottes reden, es scheinen leere Worte zu sein, die von der Nähe Gottes reden, es scheinen leere Worte zu sein, die von der Gegenwart des Auferstandenen reden. Ja, am Sonntag vielleicht, an Ostern vielleicht - aber hier, in meinem Alltag, in meinem Frust?
Und da kommt der Satz in unserer Geschichte, den ich sehr liebe: „Als es schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war.“
In die lähmende Erschöpfung der Jünger hinein kommt Jesus. In die große Müdigkeit, in die abgrundtiefe Frustration hinein kommt Jesus. Er kommt ungerufen, unerwartet, unerkannt. Er ist da, auch wenn er für die Jünger nur wie ein Schemen zu erkennen ist. Er kommt da hinein, wo sie gar nicht mehr mit ihm rechnen - in die Sorge um das tägliche Brot, in die Sorge um die kleine, ganz gewöhnliche Existenz, in die Sorge um den Weg in die Zukunft. Er kommt zu den Jüngern und der Tag bricht buchstäblich neu für sie an.
Und er kommt zu ihnen und nimmt ihre ganze Mühe in seinem Kommen auf. Als die Jünger ans Ufer treten, da sehen sie in seinen Händen, worum sie sich gemüht haben: Brot und Fisch. Er nimmt das in seinem Kommen auf, was uns Kummer macht. Er geht nicht gleichgültig an unseren Lebenssituationen und Lebensnöten vorbei. Er stellt sich in diese Situationen hinein und gibt seine Gegenwart eben in sie hinein. Zu den Jüngern kam er in die Trostlosigkeit einer vergeblichen Arbeitsnacht.
Zu uns will er genauso kommen: in die Trostlosigkeit unserer Trauer, in die Müdigkeit nach Jahren der Erziehungskämpfe, in die Ängste vor schweren Krankheitswegen, in die Konflikte einer Ehe, die nicht mehr heilbar zu sein scheint. Ach, ich weiß es nicht alles aufzuzählen, was wir an Nöten wohl mit uns tragen, großen und kleinen Nöten. Aber für jede Not gilt dieser Satz, dass ER am Ufer steht und zu uns kommen will in unsere Lebensmühe.
Da steht am Ende ein winziger Satz: Das ist das dritte Mal, das Jesus sich den Jüngern offenbarte. Er weiß, dass es nicht mit einem einmaligen Aha-Erlebnis getan ist. Jesus weiß, dass seine Jünger immer neu in den Lernprozess „Auferstehung“ hineinfinden müssen. Er weiß, dass wir immer wieder in unserem Alltag zu versinken drohen. Dass er auferstanden ist und für uns da ist - das haben wir nicht ein für allemal verstanden und können es abhaken. Das braucht erneute Erinnerung, und das braucht es auch, dass ich mich mit meinem Leben immer neu daran festmache.
Bei „ProChrist“, der großen Evangelisation, ist der Bischof von Görlitz, Joachim Rogge, nach vorne gegangen. Als man ihn fragte, warum, hat er gesagt: Es ist doch auch für einen Bischof keine Schande, einen neuen Anfang mit Jesus zu machen. Er will doch auch jeden Tag neu einen Anfang mit mir machen.
Das ist die Verheißung unserer Geschichte: Jesus will einen neuen Anfang mit Dir und mir machen - so wie mit den Jüngern. Er will jeden Morgen neu in unser Leben eintreten und seine Mühe und sein Glück mit uns teilen, damit wir dann auch mit ihm die Freude der Auferstehung teilen. Amen.

Verfasser: Pfr. Paul-Ulrich Lenz, Leonhardstr. 20, 61169 Friedberg

Herausgegeben vom

Logo Zentrum Verkündigung

Referat Ehrenamtliche Verkündigung
Markgrafenstraße 14, 60487 Frankfurt/Main,
Telefon: 069.71379-140
Telefax: 069.71379-131
E-Mail: predigtvorschlaege@zentrum-verkuendigung.de

in Kooperation mit dem

Logo Gemeindedienst der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland
Gemeindedienst der
Evangelischen Kirche
in Mitteldeutschland

Pfarrer Dr. Matthias Rost
Zinzendorfplatz 3 (Alte Apotheke), 99192 Neudietendorf
Telefon: 036202.7717-97

Logo MÖD – Missionarisch Ökumenischer Dienst
Pfarrer Thomas Borchers
Missionarisch-Ökumenischer Dienst
Westbahnstraße 4
76829 Landau
Telefon: 06341.928912
E-Mail: info@moed-pfalz.de