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Die neue Schöpfung

von Katja Albrecht (39108 Magdeburg)

Predigtdatum : 17.04.2016
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : Miserikordias Domini
Textstelle : 1. Johannesbrief 5,1-4
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Leitbild:
(Das Doppelgebot der Liebe und der Tat)
Wochenspruch:
"Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden." (2. Korinther 5, 17)

Psalm: 66, 1 - 9

Lesungen
Altes Testament: 1. Mose 1, 1 - 4 a .26 - 31 a. 2, 1 - 4 a

Epistel: 1. Johannes 5, 1 - 4

Evangelium: Johannes 15, 1 - 8

Liedvorschläge
Eingangslied: EG 165 Gott ist gegenwärtig
Wochenlied: EG 108 Mit Freuden zart
Predigtlied: EG 420 Brich mit dem Hungrigen dein Brot
Schlusslied: EG 170 Komm, Herr, segne uns


Predigttext 1. Johannes 5, 1 - 4
1 Wer glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist von Gott geboren; und wer den liebt, der ihn geboren hat, der liebt auch den, der von ihm geboren ist.
2 Daran erkennen wir, dass wir Gottes Kinder lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten.
3 Denn das ist die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer.
4 Denn alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt; und unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.

Hinführung
Die neutestamentlichen Briefe sprechen in eine ganz bestimmte Situation hinein. Manchmal geht es um handfeste Konflikte, auf die der Autor eingeht. Im Ersten Johannesbrief scheinen ebenfalls Konflikte durch. Aber es geht nicht um ganz konkrete Fragen. Eher geht es darum, wie sich die Gemeinde vergewissern kann, dass sie auf einem guten, auf dem „christlichen“ Weg bleibt.

Einige haben die junge Gemeinde nach anfänglicher Begeisterung wieder verlassen. Andere verstehen den Glauben als eine Angelegenheit, die mit den Widrigkeiten des Alltags nichts zu tun hat.

Hier wird festgehalten, dass die, die Christus nachfolgen, einem Menschen nachfolgen. Er hat das Leben aller Menschen geteilt. Dieser Mensch war Gottes Sohn. In seiner Nachfolge lebt die Gemeinde.

Dieses Leben ist ein geschwisterliches Leben im Glauben. Der Blick auf Christus schließt den Blick auf den Vater im Himmel ebenso ein wie den Blick auf die oder den Nächsten. Und diese beiden Blickrichtungen drängen hin zur Tat.Sie lassen sich, wie in der Predigt ausgeführt, gut im Doppelgebet der Liebe zusammenfassen.

Hiermit kann die Predigt in Auslegung des Textes zu einer Erweiterung des Glaubensverständnisses beitragen und aufmerksam machen, wenn in der protestantischen Tradition in der Nachfolge Martin Luthers manches Mal zu schnell über die Möglichkeit und Notwendigkeit von Taten aus dem Glauben heraus hinweggegangen wird.

Ebenso passt ein solcher Schwerpunkt gut zum Themenjahr der Reformationsdekade: Reformation und die Eine Welt.

Der Predigttext wird während der Predigt verlesen.

Predigt

Liebe Gemeinde,

„Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ Das steht auf einem schlichten schwarzen Grabstein. Der Grabstein steht auf dem alten Hammer Friedhof in Hamburg. „Hier ruht in Gott Dr. Johann Hinrich Wichern. Geboren den 21. April 1808, gestorben den 7. April 1881.“ Nicht erst nach seinem Tod begleitet dieses Bibelwort Johann Hinrich Wichern. Dieser Wahlspruch begleitete ihn bereits durch sein Leben.

Wichern ist Lehrer und Pfarrer im Hamburger Stadtteil St. Georg in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts. Er sieht das Elend, in dem seine Schüler leben, und es trifft ihn so, dass handelt: er gründet ein Haus für sie, das Rauhe Haus in Hamburg-Horn. Dort sollen sie, ganz ähnlich wie in den Franckeschen Stiftungen in Halle an der Saale, ein Zuhause bekommen, einen geregelten Tagesablauf kennen lernen, eine Ausbildung machen, um dann ihr Leben zu gestalten.

So wie auch August Herrmann Francke macht Wichern seine christlichen Schwestern und Brüder darauf aufmerksam, dass die Nächsten unsere Hilfe brauchen. Und er glaubt und lebt, dass der Glaube eine Kraft ist, die die ganz handfesten Nöte der Zeit überwinden hilft. Nicht nur der Blick in die Missionsgebiete auf anderen Kontinenten sollte die christliche Gemeinde erbauen, sondern auch der Blick in die trostlosen Herzen der Armen ihrer Zeit in den eigenen Städten. Und nicht zuletzt der ehrliche Blick in das eigene unruhige Herz. Trauten sie dem Glauben denn überhaupt noch zu, dass er eine verändernde Kraft hat? – Wichern war überzeugt, dass die Mission im Innern Deutschlands stattfinden müsse: den Zeitgenossen das Evangelium neu weitersagen, vor allem aber, sie durch praktische pädagogische und soziale Arbeit in ihren Nöte erreichen. Die „Innere Mission“ nannte man das damals.

„Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ Seit 1905 steht dieser Satz auch auf dem Portal des riesigen, trutzigen Berliner Doms. Unter Kaiser Wilhelm II. bekam diese imposante Kathedrale ihre jetzigen Gestalt. Und diese prägte Wilhelm II. aktiv mit. Zu der Zeit, als er als säbelrasselnder Kaiser nicht nur Staatsoberhaupt in Deutschland war, sondern auch afrikanische Kolonien sein eigen nannte. Zu einer Zeit, in der Deutschland einen Leitanspruch in der Welt formulierte. Und sich an nur wenige äußerliche Regeln halten musste. Der Glaube, welche Funktion mag der letzte deutsche Kaiser in ihm gesehen haben. Trost für das Herz? Bestätigung eines Vormachtanspruchs des deutschen Volkes wegen der Anhängerschaft zur Religion der Arbeit? So unzweifelhaft wichtig und selbstbewusst kann dieser Vers auch klingen. Da bekommt das Wort „unser Glaube“ einen fast drohenden Klang. „… die Welt überwunden“ das klingt wie „… die Welt uns untertan gemacht“.

[Lesung des Predigttextes]

„Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ Der Pfarrer und der Kaiser, beide ließen sich von diesem biblischen Vers ansprechen, auf ganz unterschiedliche Weise.

Angesprochen wurden von diesem Satz aber ganz zuerst Menschen aus einer ganz frühen Gemeinde. Menschen, die gar nicht so sicher und siegesgewiss waren. Die Jesus nachfolgen wollten und dabei Orientierung brauchten. Zu viele Auffassungen davon, worum es in der Nachfolge Jesu geht und wie sich diese leben lässt, waren damals in der Welt. Woran sollte sich die Gemeinde, an die der 1. Johannesbrief gerichtet ist, also festhalten?

Der Predigttext fasst dies zusammen. Zur Gemeinde gehört, wer Gott lieb hat – das macht den Glauben aus. Und wer Gott liebt, liebt auch seine Geschwister. Gott und die Geschwister zu lieben, das geht über Gefühle hinaus. Die Gebote weisen uns den Weg, wie wir die Liebe zu unseren Geschwistern leben können. In dem wir die Gebote befolgen. Und dies ist auch zugleich das Zeichen für die Liebe zu Gott: Die Gebote Gottes, die ein gelingendes Zusammenleben ermöglichen, halten. Schon im Alten Testament gehören diese beiden Seiten untrennbar zusammen. So heißt es im Dritten Buch Mose: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der HERR.

Und Jesus fasst dies im Doppelgebot der Liebe so zusammen: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt (5. Mose 6, 5). Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3. Mose 19, 18). In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.

Die Gemeinde ist das lebendige Haus und die lebendige Tat Gottes – so hält es der erste Johannesbrief fest. Und in dieser Zusammenfassung schwingen die anderen biblischen Worte und die Gebote mit, die das Fundament für dieses lebendige Haus bilden und die Richtschnur sind für die Taten. Zu jeder Zeit hat die Gemeinde, haben die Kinder Gottes ihre je eigenen Bauten zu errichten, um die notwendigen Liebestaten zu tun. Manche haben eine besondere Begabung dazu.

Da lädt eine Gemeinde zum Flüchtlingscafe ein. Einmal in der Woche sind die willkommen, die gerade erst in Deutschland angekommen sind. Sie bekommen zu essen und zu trinken – und sie können die gerade erworbenen Deutschkenntnisse ausprobieren. Sie können von sich erzählen. Von ihren Wünschen und Träumen. Von ihren Lieben, um die sie sich Sorgen machen. Danke sagen sie, wenn sie gehen. Danke, hier fühle ich mich Zuhause!

Da schenkt eine Gemeinde ein Grundstück, das ihr gehört, der neu entstandenen jüdischen Gemeinde in der Stadt. So kann die Gemeinde ein Gotteshaus bauen. Die letzte Synagoge hat die Nazizeit nicht überstanden. Und die Gemeinde stiftet den Torahschrein für die Synagoge. Und sie drückt so aus: Das Leben mit Gottes Wort, das verbindet uns. Das macht uns zu Geschwistern, auch wenn wir in unterschiedlichen Glaubenshäusern sind.

Da bringt jemand die Geistlichen der christlichen, der jüdischen und der muslimischen Gemeinden in der Stadt zusammen. Gemeinsam beraten sie, wie das schlechte Klima der Jugendlichen untereinander verändert werden kann. Wie Gewalt und Schlägereien ein Ende haben können. Sie merken: Wir brauchen noch mehr Menschen, die hier gemeinsam überlegen. Sie laden die ein, die die Jugendlichen aus all den unterschiedlichen Ländern, Kulturen und Religionen respektieren. Und sie entwerfen einen Plan, wer wen alarmiert, wenn Streit in der Luft liegt. So bessert sich das Klima allmählich. Und auch die Jugendlichen merken, dass sich etwas verändert hat. Der Wille zu einem guten Miteinander ist mit Händen zu greifen – und damit ist ein Anfang gemacht.

Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat. Amen


Fürbittengebet
Gott voll Geheimnis und Güte, wir danken dir.
Wir freuen uns an dem, was wir noch kaum verstehen,
dass aus dem Ende ein neuer Anfang wurde,
aus der Niederlage ein Sieg.
Wir erleben, was wir kaum begreifen,
du nimmst uns hinein in dein Leben.

Wir bitten dich für die Menschen in unserer Nähe,
die noch verschlossen sind, die sich nicht freuen können,
die nicht glauben können, die verbittert sind.
Für die, die Angst haben zu versagen,
die alles festhalten, um nicht zu verlieren,
die sich bedroht fühlen, die in allen Feinde sehen.
Für die Kranken bitten wir, für die am Lebensende,
für die Schwermütigen,
für die in Schuld Verstrickten.
Wecke in allen die Liebe zum Leben.
Wir rufen zu dir: Herr, erbarme dich.

Für die, die dein Wort reden, bitten wir dich,
für die, in deren Händen große Verantwortung
für das Leben anderer liegt:
für die Ärztin am OP-Tisch, den Busfahrer, die Lehrerin - und auch für die Politikerin und den Unternehmenschef.
Wecke in allen die Liebe zum Leben.
Wir rufen zu dir: Herr, erbarme dich.

Für die im Todesschatten bitten wir dich,
für die, denen das Leben verdunkelt ist:
für die Kinder, die schockiert sind von Terror und Krieg,
für die Frauen, die gebrochen sind durch Gewalt
und Demütigung,
für die Männer, die besessen sind
von lebensfeindlichen Idealen.
Wecke in allen die Liebe zum Leben.
Wir rufen zu dir: Herr, erbarme dich.


Nimm die Härte aus unseren Herzen,
nimm den Schatten von unserer Seele,
nimm die Lasten von unserem Rücken,
nimm den Stein von unserem Grab.
Gib uns zum Leben Geleit - heute und allezeit.
Amen


Verfasserin: Pfarrerin Katja Albrecht
Dompropstei 2, 06217 Merseburg


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