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Die singende Gemeinde

von Richard Herold (91781 Weißenburg)

Predigtdatum : 18.05.2003
Lesereihe : ohne Zuordnung
Predigttag im Kirchenjahr : Kantate
Textstelle : Matthäus 11,25-30
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Wochenspruch:

Singet dem Herrn ein neues Lied; denn er tut Wunder. (Psalm 98,1)

Psalm: 98 (EG 739)

Lesungen

Altes Testament:
Jesaja 12,1-6
Epistel:
Kolosser 3,12-17
Evangelium:
Matthäus 11,25-30

Liedvorschläge

Eingangslied:
EG 324
Ich singe dir mit Herz und Mund
Wochenlied:
EG 243
oder EG 341
Lob Gott getrost mit Singen
Nun freut euch, lieben Christen g’mein
Predigtlied:
EG 317, 1-5
Lobe den Herren, den mächtigen König
Schlusslied:
EG 340
Ich will dem Herrn singen mein Leben lang

Hinführende Gedanken
Matthäus hat im Predigttext drei ursprünglich wohl selbständige Jesusworte zusammengestellt. Er macht damit theologische (Glaubens-) Aussagen. Diesen versuche ich in der Vorarbeit nachzuspüren.
Die beiden ersten Aussagen beziehen sich auf das Verhältnis Jesu zu Gott (V. 25, 26 und 27). Die dritte Aussage ist der bekannte „Heilandsruf“ (V. 28-30).
Ich setze mit der Predigt beim Vers 27 ein. Dort ist vom Kennen und vom Offenbaren gesprochen. Das übersetze ich mit „sich vertrauensvoll öffnen“. Das versuche ich, von zwischenmenschlichen Erfahrungen her verständlich zu machen.
Den „Heilandsruf“ verstehe ich im Zusammenhang als Einladung, in das Vertrauensverhältnis zwischen Jesus und seinem Vater einbezogen zu werden.
Von dem Vertrauen her wird das „Ja, Vater...“ angesichts negativer Erfahrungen nachvollziehbar.
Ich gehe also den Weg des Bibellesers von den „hellen“ (verständlichen) Stellen zu den zunächst „dunklen“ (verschlossenen). Dabei erlaube ich mir, die Reihenfolge zu ändern.

25 Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart. 26 Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. 27 Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.
28 Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. 29 Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. 30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.
Ja, Vater

I.
Liebe Gemeinde!
Vermutlich kennen Sie den Satz eines Freundes:
„Jetzt kenne ich dich erst richtig! Bisher kannte ich zwar vieles aus deinem Leben, von deiner Tätigkeit, von deinen Aufgaben – aber jetzt kenne ich dich erst wirklich!“
Was ist geschehen?
Der andere hat nicht mehr nur von Äußerlichkeiten geredet, sondern von all dem, was ihn innerlich bewegt: von seinen Gefühlen, von den Freuden, aber auch von den Ängsten und Zweifeln, den Selbstzweifeln und Selbstvorwürfen, und eben von all den Stellen, an denen er sehr hilfsbedürftig und gefährdet, verletzlich und bedürftig für Verständnis ist. Er hat sein Herz aufgetan.
So lag auf einmal sein Leben und Wesen offen. - Immer ist es tief bewegend, wenn wir das an einem anderen Menschen erleben.
Vielleicht konnte der zuhörende Freund sagen: Jetzt kann auch ich mich öffnen. Meistens muss ich meine äußere Schale zeigen. Wer weiß, wie es ausgenützt wird, wenn ich zu viel von mir zeige... Aber jetzt kann ich dir offenbaren, wie es in mir steht, was in mir vorgeht.
Es ist beglückend, wenn man das erleben kann – wo immer es geschieht: zwischen Freunden, zwischen Ehepartnern, zwischen zwei Menschen – wenn solches gegenseitige Vertrauen wächst.
Mit diesen Erfahrungen bekommen wir eine Ahnung davon, was zwischen Gott und Jesus vorgeht, wenn Jesus sagt: Niemand kennt den Vater als nur der Sohn.
In dieser Verbindung kommt sicher anderes zur Sprache als bei Menschen. Aber dieses Kennen oder Erkennen ist eben nicht eine Frage des Verstandes, sondern des Vertrauens. Jeder öffnet dem andern sein Herz, jeder offenbart sich dem andern.
(In dieses vertraute Verhältnis zwischen Vater und Sohn werden wir mit hinein genommen. Wo wir dieses Vertrauen zum Vater selbst wahrnehmen – wahr nehmen –, können wir einstimmen in den Freudenruf Jesu.
Wo wir dieses Vertrauen selbst erleben, weil wir uns Gott ganz öffnen, da beten wir im vollen Sinn.
Singen und Musik können das vertiefen.)
Für unser Zusammenleben können wir mitnehmen:
Ein tiefes und beglückendes Gespräch, ein wirkliches Vertrauen kann dort entstehen, wo wir uns öffnen, einer dem andern.
Wirkliches Kennen, tiefe Beziehung ist möglich, wo wir einander Einblick geben in die Tiefen unserer Seele, wo wir uns zu erkennen geben.
So kann die Ahnung von dem Vorgang zwischen Jesus und Gott eine Anregung für unser eigenes Leben sein.
II.
Mit dem Ruf Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken lädt uns Jesus ein, in seiner Nähe zu leben und zu spüren, wie gut es uns tut.
Jörg Zink überträgt diesen Satz so: „Kommt her zu mir alle, die ihr müde seid und ermattet von übermäßiger Last, die ihr seufzt unter harten Geboten und unter der Last eurer Schuld, aufatmen sollt ihr und frei sein.“
Wir können auch kurz so sagen: Kommt her zu mir alle, die ihr euch mit eurem Leben und mit den Lasten eures Lebens abmüht, hier könnt ihr aufatmen und frei werden...
Wenn wir schon keinen Menschen haben, dem wir uns anvertrauen können, bei dem wir auch schwach und hilfsbedürftig sein können, bei dem wir keine Maske zu tragen brauchen und nicht den Starken spielen müssen – hier ist jemand, hier ist Gott selber, mit dem wir sprechen können.
Bei ihm können wir zugeben, dass wir nicht immer in Hochform sind und leistungsfähig in allen Bereichen. Wir müssen nicht ständig abwehren und sagen: es geht schon! Wir können einsehen und vor Gott zugeben, dass wir oft auch verzagt sind und schwach.
So dürfen wir Gott wirklich kennen und er uns, wenn wir mit ihm in diesem vertrauensvollen Gespräch sind. Wenn wir so beten.
Und auch das wird deutlich: Gottes Geschenk an uns Menschen, sein Heil, betrifft uns umfassend, in allen Bereichen unseres Lebens. Gott geht mit unsrer Schuld ebenso heilend um wie mit unserem schweren Schicksal, mit unserer Schwäche ebenso wie mit unserer Hartherzigkeit.
Deshalb gibt es auch so viele verschiedene Beschreibungen des Heils: Gott zerreißt den Schuldschein, er tilgt Schuld, er befreit von Mächten, er überwindet alles Trennende.
Und hier lädt Jesus ein, auszuruhen und aufzuatmen. Er spricht davon, dass wir vertrauen können, uns anvertrauen und öffnen können bis in alle Winkel des Herzens. Gottes Liebe ist immer für uns bereit. Sie hat viele verschiedene Gestalten und Formen. Wir dürfen sie alle in Anspruch nehmen. Wir dürfen uns Gott ausliefern, uns ihm anvertrauen, auf seine Liebe antworten. Wir dürfen beten mit unserm ganzen Leben.
III.
Das ist auch Grund zum Singen und „Preisen“ – wie Jesus das nennt. Was hat uns Gott nicht alles geschenkt! Was haben wir mit ihm nicht schon alles erlebt. Seine Güte ist unerschöpflich.
Am Anfang unseres Abschnittes steht noch ein anderer Lobpreis: Jesus dankt Gott sogar für den Misserfolg, der er erlebt.
Seine Botschaft von der Liebe Gottes haben sie nicht angenommen – die Großen und Starken, die Klugen und Selbstbewussten, die Mächtigen und Einflussreichen. Seine Jünger und Anhänger sind eher die kleinen Leute, sind eher der Durchschnitt. Trotzdem kann Jesus sagen: Ja, Vater – du hast es richtig gemacht.
Das ist Ausdruck des tiefsten Vertrauens.
Wir ahnen, dass auch Jesus das nicht ganz leicht gefallen ist. Wir wissen doch, wie schwer es sein kann zu sagen: Ja, Vater – mitten in den Tiefen des Lebens, wenn wir gerade so unsicher sind, wenn uns das Dunkel des Zweifels überfällt, wenn wir in selbstverschuldeten Schwierigkeiten stecken oder schwere Schicksalsschläge aushalten müssen.
Gott verlangt von uns nicht, dass wir mitten im Dunkel sagen: Ja, Vater!
Er will nur, dass wir nicht zu schnell sagen: Nein, Vater.
Wahrscheinlich kennt das jeder von uns: dass im Nachhinein, in der Erinnerung, die Erlebnisse ein anderes Gewicht bekommen.
Viele sagen, dass für sie rückblickend nicht die geruhsamen Zeiten die eindrucksvollsten waren, sondern oft gerade die harten und schweren. Nicht missen möchten sie diese Lebenserfahrungen. Sie hinterlassen den Eindruck: wo Gott uns fordert, ist er offensichtlich besonders nahe, ist er zu erleben.
So manche Familie berichtet, dass sie zutiefst bewegt und bereichert wurde, als sie einen Angehörigen in ihrer Mitte sterben sah. Die Familienmitglieder erlebten, dass sie zusammengeschweißt wurden, dass sie anders mit einander umgehen lernten.
Vielleicht wissen wir alle, dass wir verständnisvoller und auch barmherziger gegen andere werden, wenn wir Tiefen selbst erleben.
Durch solche Erfahrungen, durch solche Erinnerungen lernen wir zuzustimmen: Ja, Vater.
Und wenn es uns schwer fällt, dieses „Ja“, wenn wir mitten in dürren Glaubenszeiten leben, dann wollen wir uns vom Glauben der Gemeinde tragen lassen.
Dann lassen wir uns ermutigen von den Glaubenserfahrungen anderer. So wie sie zum Beispiel zum Ausdruck kommen in alten und neuen Liedern unseres Gesangbuchs.
Mitsingen – oder wenigstens für uns selbst sprechen – können wir:
Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist.
Oder:
Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt,
der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt.
Oder:
Wer nur den lieben Gott lässt walten und hoffet auf ihn allezeit,
den wird er wunderbar erhalten, in aller Not und Traurigkeit.
Das sind nur wenige Beispiele, an die uns der Sonntag Kantate erinnern kann. Vermutlich hat jeder, jede von uns ein eigenes Lieblingslied. Ein Lied, das vom Glauben singt und vom Vertrauen. Amen.

Verfasser: Dekan i.R. Richard Herold, An der Schafscheuer 38, 91781 Weißenburg

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